PLM-Lösungen

Kurs auf neue Wachstumsfelder

Beim PLM-Anbieter PTC übernimmt ab 1. Oktober Jim Heppelmann das Steuer. Der begeisterte Hobbyflieger erläutert SCOPE-Chefredakteur Hajo Stotz, wo er das Unternehmen hinsteuern will und neben PLM weitere Wachstumsfelder sieht.

SCOPE: Dick Harrison übernahm PTC in einer kritischen Phase und hat das Unternehmen zu einem 1-Milliarde-Dollar Unternehmen aufgebaut. Wo legen Sie die Schwerpunkte bei der weiteren PTC-Entwicklung?

Heppelmann: Mitte der 90er Jahren war PTC einer der stärksten CAD/CAM-Anbieter der Welt - aber der gesamte Erfolg basierte auf einem einzigen Produkt, Pro Engineer. Ein sehr gutes, aber kein strategisches Produkt für die Fertigungsindustrie. Und ab Ende der 90er boten die Wettbewerber mehr oder weniger ähnliche Produkte an, und bei PTC kriselte es. Das war der Zeitpunkt, als Dick Harrison das Ruder übernahm. Heute adressieren wir nach wie vor die Fertigungsindustrie - aber mit einem viel breiteren Angebot, das für den Kunden auch eine strategische Komponente in seinen Unternehmensprozessen darstellt.

SCOPE: Was meinen Sie mit strategischer Komponente?

Heppelmann: CAD-Werkzeuge spielen in den Betrieben zwar eine wichtige Rolle. Aber gewinnen wird ein Unternehmen im Markt nur, wenn es seine übergeordneten Prozesse im Griff hat. Unser Angebot umfasst daher nicht nur wichtige Software-Werkzeuge, sondern deckt vor allem das gesamte Zusammenspiel in den verschiedenen Prozessen ab. Von mechanischer und elektrischer Konstruktion über das Engineering, die Fertigung, die After-Sales-Services bis zur Supply Chain mit Lieferanten und Kunden unterstützen wir alle Bereiche. Ein Unternehmen, das all diese Prozesse im Griff hat, das ist wirklich wettbewerbsfähig. Das ist auch für uns als Anbieter ein ganz anderer Ansatz. Daher wir sind heute wesentlich strategischer orientiert und viel breiter aufgestellt als Ende der 90er Jahre. Und diese Entwicklung werde ich als neuer Vorstandsvorsitzender weiter vorantreiben.

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SCOPE: In welchen Geschäftsbereichen sehen Sie besonders große Wachstumschancen?

Heppelmann: Mit dem CAD-Geschäft sind wir groß geworden. Heute ist der PLM-Bereich das größte Wachstumsfeld. Derzeit wachsen wir mit PLM um mehr als 30 Prozent. In naher Zukunft wird sich Arbortext, unsere Software für technische Dokumentation und On-Demand Service-Informationen, zu einem weiteren Wachstumstreiber entwickeln. Zudem investieren wir stark in die Komplementär-Lösungen, die auf die Share-Point-Technologie von Microsoft aufsetzen. Hier sehen wir ebenfalls gute Entwicklungsmöglichkeiten. Des Weiteren haben wir ein vielversprechendes Programm für Embedded Software aufgelegt, in dem die Entwicklung von Echtzeit-Lösungen an PLM und den Produktentwicklungsprozess angebunden wird. Und schließlich sehen wir ein interessantes Wachstumsfeld rund um "grüne" Produktentwicklung. Daher sehe ich uns in einer sehr, sehr starken Position, die keiner unser Mitbewerber besitzt.

SCOPE: Was verstehen Sie denn unter "grüner" Produktentwicklung?

Heppelmann: Das Thema Umweltverträglichkeit wird für die produzierende Industrie immer wichtiger. Zum einen gibt es immer mehr Gesetze und Vorschriften in dieser Richtung, wie etwa die existierende europäische Reach-Verordnung, die regelt, welche Substanzen in welcher Menge in einem Produkt enthalten sein dürfen. Und es wird mit Sicherheit in naher Zukunft Verordnungen hinsichtlich der CO2-Emission geben. Zum anderen kommen Kostengründe hinzu. Wer seinen CO2-Ausstoss senkt, reduziert auch seine Energiekosten. Und schließlich wird Marketing und Imagebildung das Thema antreiben. Viele Kunden honorieren es, wenn Firmen Umweltbewusstsein zeigen. Das sind also gute Gründe, sich mit "grüner" Produktentwicklung zu befassen. Und sie erhalten mit jedem Tag mehr Gewicht.

SCOPE: Und wie können Sie die Industrie bei umweltverträglicher Produktentwicklung unterstützten?

Heppelmann: 80 Prozent der CO2-Emission eines Betriebes resultieren aus den Prozessen zur Produktion und Logistik rund um die Produkte. Umweltverträgliche Produkte sind daher das Ergebnis der entsprechenden Engineering-Prozesse. Und je besser und je früher man im Prozess über entsprechende Informationen verfügt, umso einfacher kann man teure Fehler vermeiden. Ideal ist dazu ein Tool, das die Stückliste auf unterschiedlichste Anforderungen analysiert. Unsere Software-Suite In-Sight entwickeln wir dahingehend, dass sie die Stückliste auf Umweltverträglichkeit, Kosten und Zuverlässigkeit über den gesamten Produkt-Lebenszyklus untersuchen kann.

SCOPE: Kosten, Zuverlässigkeit und Umweltverträglichkeit können aber doch völlig entgegengesetzte Ziele sein?

Heppelmann: Das ist ja genau das Problem. Deshalb ist es enorm hilfreich, Kosten, Umweltverträglichkeit, Zuverlässigkeit und andere Parameter, wie vielleicht Gewicht, angezeigt zu bekommen. Die Entscheidung liegt natürlich beim Kunden, aber unser Tool hilft enorm, die Auswirkungen auf die verschiedenen Faktoren abzustimmen. Um diese Strategie umzusetzen, haben wir in letzter Zeit drei Unternehmen übernommen: Synapsis für Compliance-Fragen . Der Teil von Planet Metrics deckt den CO2-Bereich ab. Und mit Relex haben wir nun eine Lösung zur Einschätzung der Zuverlässigkeit. Toyota hat übrigens etliche Relex-Lösungen kürzlich gekauft. Aber ob bei Toyota oder anderen Herstellern: Das Thema Qualität wird bei immer komplexer werdenden Systemen eine immer größere Rolle spielen und der Markt entsprechende Lösungen suchen.

SCOPE: Embedded Software kennt man aus der Elektronik-Entwicklung. Welche Marktchancen rechnet sich PTC in diesem Feld aus?

Heppelmann: Mittelfristig sehr große. Bisher ist unsere Software so entwickelt, dass sie für sich gekauft wird und auf unabhängig davon entwickelten und erworbenen PCs oder Servern läuft. Embedded Software ist dagegen ein fester Teil des Kundenproduktes und wird von ihm geschrieben. Der Vorteil der Embedded Software ist, dass sie die große Flexibilität von Software mit der Leistungsfähigkeit des Produktes kombiniert. Immer mehr Kunden fragen nach entsprechenden Lösungen, etwa in der Automobil- oder Telekommunikationsindustrie. Noch in diesem Jahr werden wir daher einen Baukasten mit Softwarewerkzeugen präsentieren, mit denen Kunden die produktspezifischen Programme im Kontext ihrer PLM-Umgebung selbst schreiben können. Damit sind wir die Ersten im Markt.

SCOPE: Als weiteren Wachstumsmotor bezeichnen Sie den Bereich der Handbücher. Welche Chancen sehen Sie hier?

Heppelmann: Bei komplexen Konstruktionen gibt es unterschiedliche Handbücher, etwa für den Bediener und für den Instandhalter. Die gibt es zudem noch in einer Vielzahl unterschiedlicher Sprachen. Bei einer Änderung vor der Produktauslieferung müssen bisher all diese Handbücher komplett neu erstellt werden. Unser erster Verbesserungsschritt ist es, das Handbuch als eine Einheit aus Einzelkomponenten behandeln. Bei Updates während der Produktentwicklung muss dann nur noch eine Komponente geändert werden, nicht mehr das gesamte Handbuch. Das ist im Grunde ein dynamisches Publishing-System. Doch unser nächster Schritt geht viel weiter. Wir gehen von Push-Books zu Pull-Informations.

SCOPE: Was verstehen Sie darunter?

Heppelmann: Wesentlich hilfreicher als ein unübersichtliches Handbuch ist es, genau die erforderlichen Informationen, etwa für den Ölwechsel an der Maschine, aktuell zur Verfügung zu haben. Dazu prüft unsere Lösung anhand des On-Board-Diagnose-Systems, um welches Teil es sich handelt, schaut sich die Produktkonfiguration des Teiles an, den Serviceplan, und publiziert dann seine Anweisungen. Wir benötigen keine dicken Handbücher mehr, die Instruktionen sind sehr kurz und ganz genau auf das betreffende Problem zugeschnitten.

SCOPE: Hört sich nützlich an, aber wo sehen Sie da den großen Markt?

Heppelmann: Als wir dieses Konzept dem Baumaschinenhersteller Caterpillar gezeigt haben, sagte der: Das ist genau das, was wir brauchen. Caterpillar hat 400 Mitarbeiter, die Handbücher schreiben. Aber 80.000 Monteure arbeiten weltweit mit diesen Büchern. Mit unserer heutigen Lösung machen wir die Arbeit der 400 effizienter. Mit unserem neuen Ansatz machen wir auch die Arbeit der 80.000 wesentlich effizienter. Caterpillar als Pilotkunde sagt, das ist von unschätzbarem Wert, ein echter Durchbruch.

SCOPE: Heute wächst Ihr PLM-Bereich sehr stark, im Gegensatz zu manchem Wettbewerber. Was macht PTC zum Beispiel anders als SAP?

Heppelmann: SAP bewegt sich seit 14 Jahren im PLM-Markt, hat damit aber in der Fertigungsindustrie bis heute nicht Fuß gefasst. Denn PLM ist nicht nur ein angehängtes Modul eines ERP-Systems. Viele unserer Kunden sagen, sie haben zwei strategische Lösungen im Haus: PLM und ERP. Und etliche von ihnen haben heute mehr PLM-User als ERP-Anwender. SAP hat mit seinem PLM vielleicht in der Prozessindustrie Erfolg. Aber wir verstehen Ingenieur-getriebene Unternehmen, wir machen seit unserer Gründung nichts anderes.

SCOPE: Mit Cocreate und Pro / Engineer haben Sie ein Direkt Modelling und ein parametrisches CAD-System im Angebot. Sie sagten einmal, diese zwei Ansätze zu vereinen, sei wie die Kombination aus Renn- und Geländewagen. Aber inzwischen arbeiten Sie an dem SUV für die Formel 1?

Heppelmann: Es kommt immer auf die Anforderungen des Anwenders an, welche Lösung für ihn die Beste ist. 2D, Direct Modelling oder parametrisches 3D - es gibt keine allgemeingültige Antwort. Und das nicht nur von Unternehmen zu Unternehmen, sondern auch innerhalb des Betriebes von Person zu Person. Von daher haben wir aus den Kundenwünschen gelernt. Denn jeder kann ein 2D-System nutzen. Und viele wissen zwar, dass sie mit 3D bessere Ergebnisse erzielen könnten, haben aber das Gefühl, mit parametrischem Modellieren überfordert zu sein. Wir arbeiten daher an einer Lösung, die die einfache Handhabung einer Cocreate-Lösung mit den konstruktiven Möglichkeiten eines ProE verbindet. Die beiden Produkte so zu verheiraten, dass der User selbst entscheiden kann, wie er arbeiten will, ob in 2D, Direct Modelling oder parametrisch, das ist unser Entwicklungsziel.

SCOPE: Am 1. Oktober übernehmen Sie das Ruder bei PTC. Wie wird das laufende Geschäftsjahr unter Ihrer Führung abschließen?

Heppelmann: Sehr positiv. Die ersten beiden Quartale liegen wir bereits über Plan und haben deshalb die Prognose für das Gewinnwachstum für 2010 von 20 auf 25 Prozent erhöht. Bei den Lizenzen gehen wir von einem Wachstum von 35 bis 40 Prozent aus, beim Umsatz haben wir uns für das Geschäftsjahr 2010 das Ziel von 1,015 Milliarden US Dollar gesetzt. Trotz des starken Dollars sind wir zuversichtlich, diese Ziele zu erreichen.

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