MES-Lösung

Sturm erprobt

Das Strategische Unternehmens-Ressourcen-Management - kurz "Sturm" genannt - steht für die Integration aller Unternehmensdaten entlang der Wertschöpfungskette. Mit der Standardsoftware X-Time werden alle Bereiche, z. B. Zeit-Managment, komplett abgedeckt. Über das "unentbehrliche Werkzeug" MES sprach SCOPE-Chefredakteur Hajo Stotz mit Burkhard Röhrig, Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter der Gfos mbH, Essen.

SCOPE: Obwohl MES-Lösungen zur Verkürzung der Durchlaufzeiten, der Produktivitätserhöhung und der Prozesstransparenz beitragen können, kam das Thema, so mein Eindruck, lange nicht beim Anwender richtig an, erst seit zwei, drei Jahren kommt Fahrt in die Thematik. Können Sie dies bestätigen? Woran liegt dies?

Röhrig: Ja, diese Erfahrung haben wir auch gemacht. Aus meiner Sicht ist ein wichtiger Grund hierfür, dass jeder Anbieter etwas anderes unter dem Begriff MES offeriert hat. Jeder Anbieter sprach von einem MES System, auch wenn er nur Komponenten eines solchen Systems im Programm hatte. Der Anwender war verwirrt, da der Begriff nicht einheitlich und durchgängig verwendet wurde. Erst in den letzten Jahren hat es Bestrebungen einer Vereinheitlichung gegeben. So bin ich selbst beispielsweise aktiv Mitglied im Normierungsausschuss unter Mitwirkung des VDMA. Im ersten Schritt hat dieser Ausschuss MES-relevante Kennzahlen in der Form sogenannter Einheitsblätter des VDMA für eine baldige Normierung vorgeschlagen. Darüber hinaus betrifft MES die komplette Durchsetzungsebene industrieller Fertigungsbetriebe. Das heißt, das Thema bezieht den Großteil der Belegschaft mit ein. MES kann man nicht einfach kaufen, die Software ist nur ein Werkzeug, ein MES-System muss werksspezifisch erarbeitet und konfiguriert werden. Hiervor haben viele Angst zu scheitern.

Anzeige

SCOPE: Recherchiert man zum Thema MES und Gfos tauchen immer zwei Produkt- oder Strategiebezeichnungen auf: X-Time und Sturm. Können Sie die beiden Produkte oder Strategien erläutern?

Röhrig: X-Time ist der Name für unsere erfolgreiche SW-Familie. Immerhin betreiben diese Software durch Nutzung unterschiedlicher SW-Module mehr als 1.000 Kunden auf mehr als 3.000 Server-Installationen in 18 Ländern und 13 Sprachen. Sturm ist unser strategischer Ansatz. Wenn der Kunde alle X-Time Module im Einsatz hat, dann geht quasi eine Art Sturm durch sein Unternehmen / System und versetzt ihn in die Lage, wirtschaftlicher, effizienter zu produzieren. Die einzelnen Module sind so aufeinander abgestimmt, dass sie sich optimal ergänzen. Mit dem Ansatz des "Strategischen Unternehmens-Ressourcen-Management" (Sturm) haben wir in der modernen Softwarefamilie X-Time die Basis gelegt, alle Ressourcen eines Unternehmens online zu erfassen, zu visualisieren, bedarfsorientiert zu kontrollieren und ereignisorientiert zu steuern. Es geht dabei auch darum, alle gewonnenen Informationen zum Material, zum Personal, zum Werkzeug, zur Maschine (zum Beispiel bezüglich Fahrdaten u./o. Maschinen-Einstellungen), zum Produktionsprozess, zur Instandhaltung, planmäßig als auch für spontane Instandhaltungsmaßnahmen, in selbstlernenden Profilen - andere sagen Wissensmanagement - zu sammeln und sie bedarfsorientiert auswertbar zu machen bzw. für neue Prozesse bereitzustellen.

SCOPE: Was kann ein MES-System, was ein ERP-System nicht kann?

Röhrig: Während ERP-Systeme Auftrags- und Kundendaten nach dem sogenannten Material Resource Planing grob verarbeiten, lassen sich mit einem MES System auch die maschinen- und prozessnahen Bereiche planen und steuern. Dies ist die Aufgabe der Fertigungssteuerung, die weit mehr als nur eine Feinplanung ist. Eine exakte Fertigungssteuerung berücksichtigt u.a. das aktuelle Betriebsgeschehen und ermöglicht kurzfristig flexible Reaktionen. Sie greifen als Realtime-Anwendungen direkt in die ausführenden Prozesse ein und steuern sämtliche Ressourcen in einem eigenen Regelkreis für eine optimale Belegung tatsächlich vorhandener Maschinenkapazitäten. MES kann also weitergehende Aufgaben übernehmen als ein ERP. Es ist exakter und gibt einen Überblick über das unmittelbare Fertigungsgeschehen. Aussagen über exakte Fertigungsendtermine etc. sind mithin auch prospektivisch möglich.

SCOPE: MES geht über die reine Datenerfassung wie BDE hinaus. Was zeichnet eine gute MES Lösung aus?

Röhrig: Ein gutes MES kann eben mehr als nur Daten erfassen. Das Entscheidende bei einem MES System ist, dass die Daten weiter verarbeitet und ausgewertet werden. Gute MES Systeme sind in der Lage, gewaltige Datenaufkommen, die vor allem bei der Erfassung von Prozess- und/oder Maschinendaten nahezu im Sekundentakt generiert werden, realtime zu verarbeiten. Moderne MES Systeme, wie X-Time-MES der Gfos, gehen zudem über die reine Belegungsoptimierung hinaus. Wir planen alternative Arbeitsgänge und -pläne, berücksichtigen Transport- und Liegezeiten, planen ganze Auftragsnetzwerke und verfügen über umfassende Simulationsmöglichkeiten. Per Drag and Drop lassen sich zahlreiche Szenarien kurzfristig ändern und auch simulieren. Die zuständige AV entscheidet sich für die jeweils beste Möglichkeit. Ein gutes MES ist zudem ganzheitlich ausgelegt. Für uns bedeutet dies, dass wir auch die Personaleinsatzplanung in unserem MES integriert haben. Die Ressource Mensch ist vor allem in Deutschland wichtig und zugleich sehr kostenintensiv, ein zielgerichteter Umgang mithin unabdingbar.

SCOPE: Ist ein MES-System nicht immer nur so gut wie das übergeordnete ERP-System?

Röhrig: Nein. Das MES arbeitet auf einer anderen Ebene. Es bekommt die zu verarbeitenden Daten aus dem ERP-System und verarbeitet diese weiter. Die Qualität der Ergebnisse des MES-Systems hängt von den dessen Leistungsfähigkeit ab, und nicht von der des ERP-Systems. Als Beispiel hierfür kann gelten, dass wir bei kleineren Milch verarbeitenden Betrieben zum Teil gar kein ERP-System antreffen. Allerdings ist es wichtig, irgendwann einmal verlässliche Sollvorgabewerte oder Planungsdaten zu haben. Häufig treffen wir Situationen an, bei denen hier eine unternehmensweite Schwachstelle besteht. Aber auch hier kann X-TIME-MES helfen. Mit der bereits erwähnten Technik selbstlernender Profile sind wir in der Lage, aus empirisch ermittelten IST-Daten unter Einhaltung kundenseitig einstellbarer Regeln Vorgabewerte abzuleiten.

SCOPE: Die Anwender denken bei Prozessoptimierung zunächst an ERP, dann eventuell in einem späteren Schritt an MES. Kann es auch sinnvoll sein, zuerst ein MES-System einzuführen oder auch stand-alone zu betreiben? Oder kann ein MES ohne ERP-Daten nicht arbeiten?

Röhrig: Wie bereits erwähnt: Es gibt Kunden, die auf Grund der Betriebsgröße, Historie o. ä. kein ERP-System betreiben. In diesem Fall kann ein MES-System sogar ERP-substituierende Funktionen durch eine einfache Auftragsanlage mit Kopierfunktion übernehmen. Auch wenn noch keine sicheren Plandaten oder Sollwerte zur Verfügung stehen, können diese durch Inbetriebnahme eines einfachen aber plausibilitätsprüfenden BDE-Systems empirisch abgeleitet werden, um quasi systemgestützt über einen repräsentativen Zeitraum mit automatischer Unterdrückung von Ausreißern gesicherte Sollwerte abzuleiten. Dies gilt für Qualifikationen genauso wie für Maschinenfähigkeiten als auch für Vorgabezeiten und Störungsbeseitigungen.

SCOPE: Lassen sich mit einer MES-Lösung verschiedene Was-wäre-wenn-Situationen simulieren?

Röhrig: Das kommt ganz auf die Werkzeuge an, die in einem solchen MES-Tool zur Verfügung stehen. Mit X-Time kann z. Bsp. im Bereich PEP für eine komplette Belegschaft oder auch kleinere Gruppen oder sogar einzelne Personen eine Zusatzschicht, Mehrarbeit oder auch der Wegfall einer Schicht bis hin zu einer Art "Epidemie" simuliert werden. Das Gleiche gilt für den Entfall sonstiger Ressourcen wie Maschinen, Werkzeuge und Vorrichtungen. Auch ein Störfall / Ausfall von Ressourcen kann selbstverständlich simuliert werden. Simulationen sind eigentlich immer dann wichtig, wenn man Optimierungen durchführen will und dabei verschiedene Wege "ausprobieren" muss. Simulationen haben auch etwas mit Fertigungssteuerung zu tun, nämlich im Sinne einer Prävention.

SCOPE: Mit welchen ERP-Lösungen arbeitet Gfos?

Röhrig: Gfos kann mit allen gängigen ERP Anbietern arbeiten. In der Hauptsache wird bei unseren Kunden jedoch mit SAP, Navision/Microsoft und auch noch mit BaaN gearbeitet. In der Spitze hatten wir einmal 33 verschiedene ERP-Systeme mit X-Time integriert. Nach den ersten 3-4 war der Rest nur noch eine Fleißarbeit. Das Thema wird zu häufig überbewertet.

SCOPE: Kann man eine MES-Lösung - wie ein ERP auch - sukzessive einführen?

Röhrig: Ja. Wir sind sogar der Meinung, dass man dies tun sollte. Ein umfassendes MES ist ein mächtiges Tool. Eine vollständige Einführung bindet im Unternehmen je nach Organisationsgrad durchaus wichtige Ressourcen, Mensch und Kapital. Je nach Mitarbeiterkapazitäten kann dies auch schon mal eine sehr starke Belastung bedeuten. Aus diesem Grund empfehlen wir, eine sukzessive Einführung. Unsere Software X-Time ist modular gestaltet und kann Schritt für Schritt, je nach Bedarf eingeführt werden. Dabei gehen wir in der Regel so vor, zusammen mit dem Kunden an Hand einer sogenannten Prozessanalyse seine "Kittelbrennfaktoren" werksspezifisch zu ermitteln. In Schritt 2 erstellen wir dann gemeinsam mit dem Kunden ein Umsetzungskonzept, das die schrittweise Einführung von X-Time-Software beinhaltet. Nach dem Prinzip "weniger kann manchmal mehr bedeuten", erlaubt dieses Vorgehen eine größtmögliche Schonung unternehmenseigener Ressourcen und gleichzeitig schnellstmögliche Ergebnisse bzw. Verbesserungen. Dies bedeutet aber auch, dass unsere Mitarbeiter bereit sein müssen, unsere Einführungs- und Umsetzungswege flexibel zu halten und nicht einen Kunden in ein Schema "F" pressen zu wollen.

SCOPE: Halten Sie MES-Werkzeuge für unentbehrlich?

Röhrig: Unbedingt, denn es verbindet Fertigungsdisziplinen, Qualitäten und Personalkapazitäten ideal miteinander. MES liefert aktuelle Kennzahlen aus einer gemeinsamen Datenbasis, die die Produktionssituation verbessert und zur Effizienzsteigerung wie auch zur Kostenminimierung genutzt werden können. Gerade bei dem Thema Effizienzsteigerung ist MES ein wichtiges Mittel für die westeuropäische Industrie, um im internationalen Wettbewerb weiter bestehen zu können. Das entscheidende hierbei ist aber die einheitliche Datenbasis, die jederzeit - also online - die Transparenz des aktuellen Betriebsgeschehens bedarfsgerecht bereitstellt, um rechtzeitig korrigierend und steuernd in den Produktionsprozess eingreifen zu können.

SCOPE: Auf welche Branchen und Unternehmensgrößen haben Sie sich spezialisiert?

Röhrig: Gfos ist branchenübergreifend tätig. Einer unserer Schwerpunkte liegt im Bereich Prozess- und Nahrungsmittelindustrie ein anderer im Bereich Automotive. Hier sind wir mit speziell zugeschnittenen MES-Lösungen am Markt unterwegs. In der Regel beschäftigen unsere Kunden in den betroffenen Werken mehr als 150 Mitarbeiter. Dies kann jedoch so pauschal gar nicht stehen bleiben. Unser neues BDE Basis System ist beispielsweise für den kleineren Mittelstand, durchaus ab 50 Mitarbeitern aufwärts aus gerichtet. Es lässt sich Plug-and-Play ohne großen Aufwand beim Kunden implementieren.

SCOPE: Können auch kleinere Unternehmen mit zwischen 50 und 250 Mitarbeitern - eine MES-Lösung sinnvoll und nutzbringend einsetzen?

Röhrig: Ja. Unsere BDE-Basis-Lösung setzt genau hier an. Es ist quasi ein abgespecktes MES mit genau den Funktionen, die Unternehmen dieser Größe brauchen. Sowohl das Investitionsvolumen als auch die erforderlichen personellen Ressourcen sind überschaubar und auf die Unternehmensgröße zugeschnitten.

SCOPE: Spielt Ihnen die Wirtschaftslage im Moment zu? Überlegen sich die Firmen eher, ihre Produktionsreserven auszuschöpfen?

Röhrig: Die Theorie der antizyklischen Investitionen ist leider nicht gelebte Praxis. Es ist aber auch verständlich, wenn Betriebe bis zu 60 Prozent Auftragsrückgang verkraften müssen, dass diese sich zunächst vollends darauf konzentrieren, diesen Umstand zu ändern, um danach erst zu überlegen, welche Verbesserungspotentiale in der Produktion noch zu heben sind. Auch sind die Unternehmen nicht selten sehr verunsichert. Sie wissen nicht, wie es in diesem und im nächsten Jahr, bzw. danach weiter gehen wird. Die Lage wird durch sich überschlagende Prognoseszenarien unübersichtlich. Die negative Berichterstattung in den Medien tut ein Übriges. Aus meiner Sicht entscheidend ist jedoch, dass die Politik es in den vergangenen Jahren nicht geschafft hat, für stabile Rahmenbedingungen zu sorgen. Es wurden immer wieder kurzfristige Entscheidungen getroffen, die Wählerstimmen bringen. Investitionsentscheidungen haben jedoch Auswirkungen auf längere Sicht. Wenn ich heute nicht weiß, wie die Rahmenbedingungen in 3-5 Jahren sein werden, muss ich doch vorsichtig agieren, oder?

SCOPE: 2008 ist Gfos um rund 15 Prozent gewachsen - welche Erwartungen haben Sie an 2009?

Röhrig: Unsere Erwartungen sind verhalten. Wie gesagt, halten sich viele Unternehmen mit Investitionen zurück, verschieben diese. Aufgrund unseres Geschäftsmodells und unseres Namens am Markt als auch bisheriger Umsätze rechnen wir mit einem Wachstum von maximal minus zehn Prozent bis plus sieben Prozent. Genauer lässt sich die Situation heute noch nicht bestimmen.

SCOPE: Welche Rolle spielt für Gfos der internationale Markt?

Röhrig: Ins Ausland gehen wir in der Regel gemeinsam mit unseren Kunden. Unsere Kunden rollen X-Time an ihren internationalen Standorten aus. Wenn uns der dortige Markt interessant genug erscheint, suchen wir uns einen lokalen Partner, der für uns dort die realisierten Projekte betreut und vertrieblich aktiv wird, um landesinterne Neukunden zu gewinnen. Dieser Partner übernimmt dann selbstständig Beratungsaufgaben bei der Implementierung von X-Time in seinen Projekten. Er spricht die Sprache des Marktes. So sind wir einfach näher dran.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige

Felss setzt auf Predictive Analytics mit X-INTEGRATE

Kunden des Maschinenbauers betreiben ihre Anlagen effizienter mit einer Lösung des IBM Premium-Partners und BI-Spezialisten. Klassische Prüfintervalle werden durch einen Scoring-Prozess mithilfe eines Vorhersagemodells auf Basis IBM SPSS ersetzt.

mehr...
Anzeige

MES

Die richtigen Daten in die Cloud

Das neue trendige „SaaS-Konzept“ (Software as a Service) ist ein kundenorientiertes Prinzip. Die Software liegt bei einem externen Dienstleister und der Kunde bezieht lediglich den Service der Dienstleistung, ohne sich um Hardware Gedanken machen zu...

mehr...
Anzeige

Highlight der Woche

Messgerät zur Überwachung der Ölfeuchte

Der EE360 von E+E Elektronik bestimmt den Feuchtegehalt von Industrie-Ölen und ermöglicht damit die vorausschauende Instandhaltung von Maschinen und Anlagen.

Zum Highlight der Woche...
Anzeige
Anzeige

Highlight der Woche

„Gravierende“ Vorteile mit Laser  

Der Laser e-SolarMark FL von Bluhm Systeme eignet sich für das Beschriften u.a. von Edelstahl oder Kunststoffe (ABS). Die Miele GmbH markiert mit diesem Laser Motorenteile.

Zum Highlight der Woche...