Druckluftwerkzeuge, Elektrowerkzeuge

Überall vertreten

Die „gelbe Gefahr“ wird Atlas Copco Tools zuweilen von seinen Mitbewerbern genannt. Darüber kann Volker Wiens, Geschäfts- führer Central Europe in Essen, gut schmunzeln. Im Gespräch mit SCOPE-Chefredakteur Hajo Stotz erläutert er die strate- gischen Ziele des Unternehmens.

SCOPE: Herr Wiens, die deutsche Atlas Copco hatte 2009 mit Werkzeugen, Kompressoren und Baumaschinen rund 670 Millionen Euro umgesetzt, das war ein Minus von 12 Prozent zu 2008. Wie lief das Jahr 2010 für die Industriewerkzeuge?

Wiens: Zunächst muss man sagen, dass dieses Minus von 12 Prozent ja der Gesamtwert für alle zwölf Gesellschaften unter dem Dach der deutschen Holding war. Während einige Schwestern sehr glimpflich davongekommen waren oder sogar wegen sehr lange laufender Projekte noch zulegen konnten, hatten andere Gesellschaften deutlich schlimmere Einbußen zu verzeichnen. Wir lagen mit den Produktverkäufen unserer Werkzeugen bei denen, die es härter getroffen hatte. Dagegen war das Servicegeschäft für uns - ähnlich wie im allgemeinen Maschinenbau - eher ein Stabilisator. 2010 begann schleppend und verlief lange Zeit mühsam, letztlich aber positiv. Das variierte sehr stark je nach Endkundenbranche.

SCOPE: Wie hoch ist der Anteil der Werkzeuge am Deutschlandgeschäft? Und wie teilen sich die Werkzeuge beim Umsatz in Fahrzeuge und Industrie auf?

Wiens: Wir geben traditionell keine Zahlen für die einzelnen Gesellschaften an. Konzernweit haben wir 2009 mit den Gesellschaften des Konzernbereichs Industrietechnik, zu dem wir zählen, 8 % zum Umsatz beigetragen. In Deutschland und Europa liegen wir aber deutlich darüber - unter anderem, weil die für uns wichtige Automobilindustrie und auch viele Maschinenbauer hier zentrale Werke haben. Die Automobilindustrie ist die bei weitem wichtigste Einzelbranche, wenn Sie das aufgliedern wollen. Wir sind aber praktisch in jeder Industriebranche vertreten.

SCOPE: Haben sich mit der Krise die Anforderungen der Kunden geändert? Flexibilität, Ergonomie, Effizienz, ROI oder Gesamtkosten des Fertigungsprozesses - wo liegen heute die Schwerpunkte der Kundenanforderungen?

Wiens: Die Flexibilität steht bei sehr vielen Kunden ganz vorne an. Kaum ein Montageplaner kann ja heute sagen, für welche Produkte oder Varianten "seine" Linie morgen ausgelegt sein muss. Viele Anwender, die auf einen One-Piece-Flow setzen, wappnen sich mit unseren sehr flexibel einsetzbaren Werkzeugen für möglichst viele Eventualitäten. Auch die Kosten über den Lebenszyklus, inklusive der Energiekosten, spielen eine immer wichtigere Rolle. Da können wir mit sehr effizienten Werkzeugen, ausgereifter Technik und vorbeugender Instandhaltung gute Gesamtpakete anbieten. Außerdem versuchen wir - und das wird auch inzwischen häufiger nachgefragt ¿ nicht einfach nur Produkte zu verkaufen, sondern die (Montage-)Prozesse unserer Kunden ganzheitlich zu betrachten und zu optimieren. Daraus ergeben sich für viele sehr schnell überraschend hohe Kostenvorteile.

SCOPE: Wenn man sich die Entwicklung bei einem Marktbegleiter anschaut, macht der inzwischen den größten Umsatzanteil mit Akku-Schraubern. Martin Doelfs von Bosch Power Tools sieht den Markt für Druckluftwerkzeuge in Europa ausgereizt. Wie sehen Sie das?

Wiens: Wir entwickeln und werden auch in Zukunft weiterhin neue Druckluftwerkzeuge entwickeln. Zwar ist der Trend zu Elektrowerkzeugen nicht umkehrbar, denn es gibt viele Argumente für sie, von der Effizienz über die potenziell größere Prozesssicherheit bis hin zur Flexibilität. Deshalb erzielen auch wir längst weit mehr Umsatz mit Elektrowerkzeugen als mit Druckluftwerkzeugen. Trotzdem wird es auch zukünftig immer genügend Argumente für Druckluft geben, die uns als Marktführer mit sehr breitem Produktprogramm nicht auf die Idee bringen, diese Sparte zu vernachlässigen. So werden einige Branchen aus Sicherheitsgründen niemals Elektrowerkzeuge einsetzen können. Außerdem werden sehr viele Kunden noch sehr lange wegen des geringen Gewichts bei einer gegebenen Leistung und der damit verbundenen guten Ergonomie auf Druckluftmaschinen setzen. Mit Elektrowerkzeugen wird man nie so kleine Baugrößen erreichen können wie mit Druckluftwerkzeugen. Auch die einfache Wartung und Instandhaltung dieser Werkzeuge kommt vielen entgegen. Und: Druckluftwerkzeuge "verschwinden" viel seltener aus einer Fabrik als ein Akkuschrauber. Kurz gesagt: Der Markt ist da, und deshalb werden wir uns weiterhin bemühen, regelmäßig neue Werkzeuge auf den Markt zu bringen - und die werden immer ein bisschen effizienter und ergonomischer sein als ihre Vorgänger. Das fordert der Konzern von unseren Konstrukteuren bei jeder Neu- oder Weiterentwicklung. So verbraucht unsere jüngste Serie der der LTV-9er-Druckluft-Winkelschrauber bei gleicher Leistung etwa 30 bis 40 Prozent weniger Druckluft als ihre Vorgänger.

SCOPE: Zur Motek hat Atlas Copco Tools den Pulsor C, einen elektronisch gesteuerten Druckluftschrauber vorgestellt. Liegt der Entwicklungsschwerpunkt bei Atlas Copco Tools auf mechatronischen Lösungen?

Wiens: Die nehmen sicher zukünftig einen größeren Teil ein. Beim Pulsor C wurde ja, so kann man es vielleicht sagen, ein klassischer Druckluftschrauber mit mehr Elektronik gekreuzt. Da sitzt eine markierte Scheibe im Werkzeug zwischen Impulszelle und Druckluftmotor, die mit ihrer Drehbewegung beim Verschrauben eine Sinuskurve erzeugt. Zwei versetzt angebrachte Sensorpaare greifen die Kurvendaten ab und übermitteln diese an die Steuerung des Werkzeugs. Und die errechnet dann aus den Beschleunigungs- und Verzögerungswerten pro Impuls das Drehmoment und den entsprechenden Drehwinkel. Nötige Korrekturen des Luftdrucks werden an eine sogenannte Tool-Control-Box übermittelt, die dann zum richtigen Zeitpunkt den Luftdruck abschaltet. Kenngrößen wie Drehmoment, Drehwinkel, Impulszahl sowie Schraubenanzahl und Verschraubungszeit sind als Überwachungsoptionen wählbar. Wenn man auf solche Lösungen setzt, werden Druckluftschrauber intelligenter und noch flexibler einsetzbar - und können zum Teil sogar gesteuerte Elektroschrauber ersetzen.

SCOPE: Können solche "intelligenten" Druckluftwerkzeuge dem Kunden auch unter den Gesichtspunkten Flexibilität und Energieeffizienz Vorteile bieten gegenüber Elektrowerkzeugen?

Wiens: Klar. Denn der Pulsor C verfügt über 99 Programme und kann also zig andere Werkzeuge ersetzen. Statt fünf, zehn oder noch mehr Schraubern pro Station genügt nun ein einziger. Flexibler werden unsere Kunden auch dadurch, dass sie den Impulsschrauber an weiteren Arbeitsplätzen einsetzen können; zum Beispiel, wenn sie zusätzliche Varianten oder ganz andere Produkte mit anderen Drehmomenten und Drehwinkeln montieren müssen. Und weil die Kraft per Impulszelle übertragen wird, gibt es praktisch auch keine belastenden Reaktionskräfte mehr, die auf Hände und Arme der Mitarbeiter wirken würden.

SCOPE: Fertigt und entwickelt Atlas Copco Tools die Werkzeuge ausschließlich in Schweden? Oder finden auch hierzulande kundenspezifische Entwicklungen statt?

Wiens: Kundenspezifische Entwicklungen finden auf der ganzen Welt statt, das ergibt sich schon daraus, dass wir weltweit mit vielen Kunden sehr eng zusammenarbeiten. In Essen haben wir ein Application-Center, wo wir sehr individuelle Systeme fertigen, zum Beispiel einen 26-fach-Schrauber für die Motorenmontage bei Deutz.

SCOPE: Wie interessant ist, etwa für Low-Budget-Modelle, China als Fertigungsstandort für Atlas Copco Tools?

Wiens: Wir fordern von allen Lieferanten weltweit hohe Qualität, Lieferfähigkeit und wettbewerbsfähige Preise. Das Hauptwerk für die Industriewerkzeuge sitzt, wie Sie wissen, im schwedischen Tierp. Einige Produktreihen des Konzerns, etwa unsere Werkzeuge der PRO-Serie, werden von uns selbst entwickelt, aber zum Teil in Fernost gefertigt.

SCOPE: Welche Branchen sind für Atlas Copco Tools derzeit besonders interessant? Windenergie, Flugzeugindustrie?

Wiens: Wir sind so breit aufgestellt, dass wir keine einzige Branche vernachlässigen können, müssen oder wollen. Natürlich setzen wir auch Schwerpunkte. Die Windenergie hat in den letzten Jahren sehr viele Arbeitsplätze geschaffen und durchaus einen hohen Bedarf an prozesssicheren Montagewerkzeugen oder auch belastbaren Schleifmaschinen. Einige Branchen zeichnen sich durch ihre dynamische Entwicklung aus, so dass wir sie in den Fokus nehmen. Darauf wollen wir aber natürlich unseren Wettbewerb nicht so direkt aufmerksam machen. Die Autoindustrie bleibt weiterhin weltweit der wichtigste Markt für Atlas Copco.

SCOPE: Wachstum in Deutschland und Europa ist doch eigentlich nur noch gegen Wettbewerb möglich - oder über Akquisitionen. Haben Sie entsprechende geplant?

Wiens: Zur Strategie von Atlas Copco gehört Wachstum, durch Zukäufe genauso wie aus eigenen Entwicklungen, beides gilt auch für unsere Sparte. Wir halten immer Ausschau nach passenden Ergänzungen.

SCOPE: Herr Wiens, Sie haben Ende 2007 von Yngve Revander gemeinsam mit Ihren Kollegen Erik Felle und heute Olaf Sommer die Geschäftsführung von Atlas Copco Tools Deutschland übernommen. Hat sich diese Aufgabenteilung in den vergangenen drei Jahren bewährt - oder verderben nicht doch zu viele Köche den Brei?

Wiens: Nein, da wir uns intensiv abstimmen, hat sich das Konzept bewährt; jeder Einzelne hat durch Fokussierung zielgerichtet seinen Bereich entwickelt: Erik Felle treibt die Geschäfte mit der Automobilindustrie voran, Olaf Sommer den Service, und ich bin für die übrigen Industriebranchen zuständig. Wir erzielen dadurch auch Synergien, entwickeln uns gemeinsam weiter und profitieren voneinander.

SCOPE: Traditionell ist die Atlas-Copco-Farbe Blau - Tools hat aber die Hausfarbe Gelb. Gibt es dafür einen Grund?

Wiens: Gute Frage. Diese Farbe ist aber nicht nur bei uns, sondern auch im Konzernbereich Bau und Bergbau die Leitfarbe; auch die fahrbaren Atlas-Copco-Kompressoren sind gelb, es ist also kein Alleinstellungsmerkmal von Tools. Ich finde: Gelb passt zu uns, ist sonnig, freundlich - und als gelbe Engel fühlen wir uns gut! Einige Mitbewerber nennen uns ja "die gelbe Gefahr", aber das ehrt uns eher!

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