CNC-Steuerung

Wer will schon zum Mond fliegen?

Im mittleren CNC-Bereich hatte Siemens bisher nichts zu bieten. Mit der neuen Sinumerik 828D soll sich das ändern. Uwe Häberer, Leiter Geschäftsfeld Werkzeugmaschinen bei Siemens in Erlangen, erläutert Chefredakteur Hajo Stotz, warum die Steuerung gerade zur richtigen Zeit kommt.

SCOPE: Herr Häberer, die Werkzeugmaschinen-Industrie beklagt massive Umsatzeinbrüche - wie wirkt sich das auf Ihr Geschäftsfeld aus?

Häberer: Das wirkt sich so aus, dass Siemens und damit auch wir hier in Erlangen mit auftragsbezogener Kurzarbeit reagiert haben. Seit Februar haben wir in der Produktion Kurzarbeit, und seit kurzem auch im Bürobereich.

SCOPE: Überrascht Sie das Ausmaß der Krise?

Häberer: Wir kennen ja das zyklische Geschäft im Maschinenbau über die letzten 20 Jahre sehr gut, und es war jedem klar, dass der Boom irgendwann mal wieder ein Ende findet. Dass die Krise sich aber in dieser Geschwindigkeit entwickelt, konnte keiner vorhersehen. Es ist extrem schwierig, in derselben Geschwindigkeit mit neuen Produkten auf diese Entwicklung zu reagieren. Zum Glück haben wir uns bereits vor drei, vier Jahren entschieden, einige Neuentwicklungen anzugehen, die nun genau zur richtigen Zeit vorliegen.

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SCOPE: Das heißt, Siemens kann zur EMO endlich mal wieder einige wirkliche Neuheiten vorstellen?

Häberer: Was heißt endlich wieder - sie kommen genau zur richtigen Zeit. Die letzten beiden Jahre war doch für unsere Kunden die Hauptsache, wir als Automatisierungspartner können liefern - und sollten bitte bloß keine Änderungen an Produkten vornehmen. Für Innovationen wäre die letzten Jahre gar nicht der richtige Zeitpunkt gewesen.

SCOPE: Und welche Innovationen erwarten uns dann auf der EMO?

Häberer: Wir haben das Thema Milling neu definiert.

SCOPE: Das klingt sehr selbstbewusst. Im Bereich Fräsen ist ja Heidenhain sehr stark. Haben Sie da aufgeholt?

Häberer: Es gibt Wettbewerber, die das über die letzten Jahre sicher sehr gut gemacht haben und auch noch tun. Aber wir haben uns sehr angestrengt, unseren Kunden noch mehr zu bieten. Das ist uns gelungen.

SCOPE: Werden Sie doch ein wenig konkreter!

Häberer: Zum Beispiel wird die Oberfläche, die wir dann bearbeiten können, wesentlich glatter sein als das, was bislang möglich war. Zudem haben wir auch ganz erheblich bei der Performance zugelegt. Und das werden wir auch auf der EMO mit Maschinen, die das schon implementiert haben, zeigen. Zudem werden wir eine neue Bedienoberfläche zur EMO vorstellen. Bisher bedienen wir Programmierarten wie DIN/ISO, zukünftig werden wir mehr mit Zyklen arbeiten.

SCOPE: Der Trend geht doch zunehmend zur Komplettbearbeitung, so dass also auf einer Maschine möglichst fertig bearbeitet wird. Siemens bietet bisher aber die einzelnen Pakete Shop Mill (Fräsen) oder Shop Turn (Drehen).

Häberer: Das ändert sich. Die beiden Pakete verschmelzen in einem ¿Rundum-Sorglos-Paket¿, so dass, wenn der Anwender von Fräsen auf Drehen wechselt oder umgekehrt, sich im Aufbau nichts ändert. Die Bedienung ist durchgängig und einfach. Das wird etwas ganz Neues, was wir da zur EMO präsentieren.

SCOPE: Ganz neu, so ist zu hören, wird vor allem eine neue CNC-Steuerungsgeneration sein, die Siemens zur EMO zeigen wird?

Häberer: Das ist richtig. Wir haben ja heute die 840D und die 802D. Dazwischen gibt es ein breites Feld, das wir bisher noch nicht bedient haben. Zukünftig werden wir in diesem Bereich eine Midrange-Steuerung anbieten, die Sinumerik 828D. Sie wird ebenfalls über die neue Bedienoberfläche, die ich gerade angesprochen habe, verfügen, aber im Vergleich zur 840D in einigen Punkten etwas vereinfacht sein. Mit der 840D kann man sozusagen zum Mond fliegen. Aber die Frage ist - wieviele Kunden wollen zum Mond fliegen?

SCOPE: Vor allem kleinere Firmen fühlten sich mit der 840D oft überfordert.

Häberer: Es gibt viele Anwender, die es gerne aufgrund ihrer Applikationen ein wenig einfacher hätten. Das haben wir über Jahre gehört - und bieten diesen Kunden jetzt die optimale Lösung. Wir haben um es bildhaftauszudrücken die 100 Prozent eingeschmolzen in 30 Prozent. Aber genau die 30, die in diesem Marktsegment benötigt werden.

SCOPE: Für diese Erkenntnis haben Sie aber ganz schön lange gebraucht?

Häberer: Seit über vier Jahren sind wir an dem Thema dran, seit einem Jahr sind wir bereits im Test mit Pilotkunden. Das ist auch eine Neuerung, wir können uns inzwischen auf ein Netzwerk eigener Technology and Applcation Center abstützen und darin mit Kunden testen und entwickeln. Wir kommen mit einer fertigen Steuerung zur Messe. Unser Ziel war sozusagen die gelbe Banane. Und das haben wir geschafft.

SCOPE: Was sind das für Maschinen und Pilotkunden, mit denen Sie die neue CNC testen?

Häberer: Wir testen mit zehn Maschinen und zehn Kunden weltweit. Typische, kleine Werkzeug- und Formenbauer. Einer sitzt in Europa, die anderen in USA, Kanada, Südamerika, Indien, China, Korea und Taiwan. Und die Maschinen sind typische Maschinen, wie sie jeweils über Händlernetze vertrieben werden.

SCOPE: Vor zehn Jahren war die CNC für die Werkzeugmaschine wettbewerbsentscheidend. Heute scheint sie nur noch eine von vielen Maschinenkomponenten zu sein?

Häberer: Heute ist vor allem die Optimierung des Gesamtpaketes das Ziel. Also wie ist etwa das mechatronische Verhalten. Zum Beispiel gibt es inzwischen viel mehr Linear- und Torquemotoren, und die sind integrativer Bestandteil des Systems. Und das gilt es dann als Gesamtes zu optimieren. Wenn der Kunde früher eine neue Maschine gebaut hat, hat er das zwangsläufig mit Try and Error gemacht: Einen Prototyp gebaut, getestet, bemerkt da funktioniert etwas nicht, einen zweiten Prototyp nachgeschoben, dann vielleicht noch einen dritten. Heute kann man sich das nicht mehr erlauben, heute sind time-to-market und Kosteneffizienz entscheidend. Deshalb haben wir bei uns eine Truppe von zehn Leuten, die sagt dem Kunden: Gib uns die CAD-Daten, wir machen eine Finite-Elemente-Untersuchung inklusive der dynamischen Komponenten Motoren und Antriebe. Wir zeigen bereits in der Simulation auf, wo die Maschine ein Problem hat, wo es Schwingungen und Durchhänge gibt. Damit hat der Kunde die Chance, das schon vor dem Bau des ersten Prototyps in Ordnung zu bringen. Auf diese Weise können wir das Gesamtsystem optimieren. Deshalb sagen wir allen Maschinenbauern: Wenn ihr eine Idee für eine Maschine habt, nehmt uns von Anfang an mit ins Boot. Wir bieten Know-how und Lösungen von der Konstruktion bis zum After-Sales-Service. Das kann sonst keiner! Andere liefern Komponenten. Das können wir zwar auch, aber wenn wir von Anfang an dabei sind, dann garantieren wir dem Kunden, dass er sozusagen den ersten Prototyp nehmen und verkaufen kann. Dieses Angebot wollen wir zukünftig noch ausbauen.

SCOPE: Hängt dieses Angebot auch mit dem vor zwei Jahren erfolgten Kauf des CAD/CAM-Herstellers UGS zusammen? Können Sie hier nun erste Synergie-Effekte nutzen?

Häberer: Natürlich. So sind zum Beispiel "Virtuelle Maschinen" ein heißes Thema. Und zwar können wir aus der Kombination der Daten aus dem CAD/CAM-System und unserem virtuellen NC-Kern (VNCK) die ideale virtuelle Maschine bauen.

SCOPE: Wer ist "wir"?

Häberer: Das ist ein dreigeteiltes Thema. Zum einen ist das Siemens PL, dann wir als Motion Control Anbieter und der Maschinenbauer selbst. In diesem Dreigestirn kann man so eine virtuelle Maschine realisieren.

SCOPE: Und haben Sie das bereits mit Kunden erfolgreich umgesetzt?

Häberer: Aber sicher. Ein Hersteller, der das realisiert hat, ist Index. Der hat jede Maschine komplett virtuell umgesetzt. Bevor die Maschine ausgeliefert wird, wird von ihr ein so genannter Fingerabdruck gemacht. Das sind ja äußerst komplexe Maschinen, und wenn der Endkunde ein Problem bei der Herstellung eines Werkstückes hat, dann kann der Maschinenhersteller seinem Kunden sagen "Kein Problem, senden Sie uns das Teil als digitale Datei, wir simulieren das auf der virtuellen Maschine, arbeiten die Lösung aus und senden Ihnen das NC-Programm". Diese Möglichkeiten haben unsere Kunden heute bereits. Das geht so weit, dass einige unserer Anwender die Bearbeitung eines Teils vor der Aufspannung komplett simulieren, um die teuren Maschinenstunden weitestgehend zu reduzieren. Wenn der Kunde also CAD, CAM und CNC durchgängig von Siemens hat, hat er eine optimale Lösung.

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