Automatisierung

Ungeahnte Produktivitätspotenziale

Der Automatisierungsanbieter Siemens A&D hat für 3,5 Mrd. US-Dollar den PLM-Anbieter UGS übernommen. Vorstandsvorsitzender Helmut Gierse erläutert Chefredakteur Hajo Stotz die Hintergründe und gibt Einblicke in die weitere Marktstrategie.

SCOPE: Herr Gierse, vor Jahren verneinten Sie die Frage, ob sich Siemens über den MES-Bereich weiter in die ERP- oder PLM-Branche hineinbewegen wird. Nun haben Sie für 2,6 Mrd. Euro den PLM -Anbieter UGS gekauft. Woher dieser Gesinnungswandel?

Gierse: Manchmal ist die Zeit noch nicht reif für bestimmte, weit tragende Entscheidungen. Wir haben uns intensiv mit der Zukunft der Automatisierung auseinandergesetzt. Dies geschieht bei Siemens im Rahmen eines ausgefeilten und intensiven Prozesses – der so genannten „Pictures of the Future“ –, in dem wir weit vorausblickend zukünftige Technologien und deren Geschäftspotentiale für uns abschätzen. Die Vereinbarung zur Übernahme der UGS Corporation, die wir im Januar dieses Jahres abgeschlossen haben, ist dabei ein Baustein, um unsere positive Geschäftsentwicklung auch für die Zukunft abzusichern. Wir sind uns sicher, dass die Beherrschung von stabilen und durchgängigen Prozessen in naher Zukunft einer der wichtigsten Hebel sein wird, um die Produktivität unserer Kunden spürbar zu erhöhen.

SCOPE: Und welchen Vorteil hat der klein- oder mittelständische Kunde, für den Digitale Fabrik ein eher theoretischer Begriff ist, davon?

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Gierse: Durchgängige Datenhaltung und -behandlung ermöglicht allen Unternehmen einen Produktivitätsfortschritt. Mittelständische Unternehmen haben aus verschiedenen Gründen mehr Probleme mit der Bewältigung der Schnittstellenproblematik. Mit den Dienstleistungen und Produkten rund um die Simulation von Produktions- und Werkzeugmaschinen haben gerade mittelständische Firmen ihre Prototypenkosten und die Time-to-market sowie Aufwendungen für Schulungen erheblich reduzieren können. Durch die Integration der CAx-Anwendungen erhält der mittelständische Anwender den nächsten Schritt in der Produktivitätskette. Zum anderen sind viele Schnittstellen heute nur top-down designed. Ein Reverse Engineering, also vom optimierten Prototyp zurück zum Design-Ursprung ist nicht möglich. Auch hier eröffnen sich neue ungeahnte Produktivitätspotenziale.

SCOPE: Siemens Automation and Drives ist von 8,8 Mrd. in 2004 auf einen Umsatz von über 12,8 Mrd. Euro in 2006 gewachsen und damit der schnellstwachsende Automatisierungsanbieter weltweit. Welche Bereiche konnten besonders zu dem Wachstum beitragen?

Gierse: Auch 2006 haben wir unser Ziel, den Vorsprung vor unseren Wettbewerbern weiter auszubauen, erfolgreich umgesetzt. In den Fertigungsindustrien führen wir den Weltmarkt unangefochten an, in der Prozessautomatisierung konnten wir die technologischen Ergänzungen aus den Zukäufen von Flender und Robicon in starkes Wachstum ummünzen und uns auf Rang 3 vorarbeiten. In der Gebäude-Elektroausrüstung, wo wir uns von der zweiten Position dem Marktführer annähern, haben wir gerade einen Vertrag zur Übernahme der Mehrheitsanteile an der Firma OEZ, Tschechische Republik, unterzeichnet. Mit 1.300 Mitarbeitern ist OEZ Marktführer für Niederspannungsschalt- und Elektroinstallationstechnik in Tschechien und der Slowakei.

SCOPE: Wie sieht die Entwicklung im CNC-Bereich aus? Die Siemens-Steuerungen werden gerne bei kundenindividuellen, hochpreisigen High-Performance-Maschinen eingesetzt. Ist der niederpreisige Standard-CNC-Bereich für Siemens ein weniger attraktiver Markt?

Gierse: Wir haben beide Marktsegmente im Blick und bieten Lösungen an. Für einfachere Werkzeugmaschinen haben wir zuletzt vor gut einem Jahr die Reihe Sinumerik 801 in China eingeführt. Sowohl die 801 als auch die Sinumerik 802D haben uns in der Stückzahlentwicklung sehr positiv überrascht. Hier zahlt sich die Strategie aus, in Asien für die Bedürfnisse des asiatischen Marktes zu entwickeln und zu produzieren. Im High-End-Bereich ist ein Trend zu beobachten: Die Performance der Steuerungen gleichen sich mehr und mehr an und erreichen physikalische Grenzen, die durch die mechanische Konstruktion der Maschinen gegeben sind. Eine Produktivitätssteigerung ist nicht mehr alleine von der Leistungsfähigkeit der Steuerung abhängig, sondern kann nur unter Einbeziehen des Gesamtsystems der Maschine, also auch der Mechanik und der kompletten elektrischen Ausrüstung, sowie des gesamten Fertigungsprozesses erreicht werden. Dabei bieten wir über den kompletten Lebenszyklus der Werkzeugmaschine die optimalen Dienstleistungs-, Maintenance- und Servicekonzepte.

SCOPE: Thema Energieeinsparung. 70 Prozent der Energie in der Industrie wird durch Systeme verbraucht, die mit Elektromotoren angetrieben werden. Doch bisher spielt der Wirkungsgrad eines Motors bei der Kaufentscheidung meist nur eine geringe Rolle. Läßt sich durch hocheffiziente Elektromotoren der Mehrpreis wieder einsparen?

Gierse: Bei unserer neuen Reihe von IEC-Niederspannungsmotoren haben wir die Wirkungsgrade bei verringertem Bauvolumen erheblich gesteigert. Die hocheffizienten EFF1-Motoren der Reihe sind mit Kupferläufern ausgestattet und erzielen so ihre hohen Wirkungsgradwerte. Das spart bis zu 40 Prozent der Verlustleistung gegenüber einem herkömmlichen Motor ein. Für den Anwender amortisieren sich die höheren Anschaffungskosten meist binnen eines Zweijahreszeitraumes oder noch früher. Wichtig ist, dass die Betrachtung der TCO in die Kalkulation aufgenommen wird. Sowohl Konzepte zur Rückspeisung von Energie, der Einsatz von drehzahlgeregelten Antrieben und Energiesparmotoren müssen im Zusammenhag gesehen werden mit Energiemanagement und Verbrauchsanalyse. Für alle Teilaspekte und für den Gesamtkomplex energieeffiziente Automatisierungslösungen haben wir von A&D das richtige Portfolio.

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