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Wie arbeiten Ingenieure?

Können Ingenieure ihr Potenzial überhaupt optimal entfalten? Oder sind sie über Gebühr mit Reibungsverlusten, Bürokratie und Routinetätigkeiten beschäftigt, für die es auch andere Lösungen gäbe? Diesen Fragen will die Studie ‚Kollaborative Produktentwicklung und digitale Werkzeuge‘ nachgehen, die das Fraunhofer-IPK mit Unterstützung von Contact Software und dem VDI aktuell durchführt. Der CAD-CAM REPORT sprach mit Patrick Müller vom IPK über Inhalte und Ziele der Studie.
Dipl.-Ing. Patrick Müller aus dem Fraunhofer-IPK-Geschäftsfeld Virtuelle Produktentstehung begleitet die Studie. (Bild: Fraunhofer-IPK/Konstantin Heß)

CCR: Herr Müller, welche Ziele haben Sie sich mit der Studie gesetzt?

Müller: Wir wollen genauer verstehen, wie der Ingenieur und Entwickler im kollaborativen Entwicklungsprozess arbeitet, welche Werkzeuge und Systeme dabei eingesetzt werden, und – ganz wichtig – wie er seine eigene Arbeitssituation bewertet. Auch soll die Studie die Frage beantworten, wie die Systeme und Werkzeuge beschaffen sein sollten, um ihn bei seiner Arbeit noch besser zu unterstützen. Es geht also darum, die Defizite auf der einen und die Potenziale auf der anderen Seite in der Produktentwicklung zu identifizieren, die immer mehr durch die Zusammenarbeit im Unternehmen und zwischen den Unternehmen gekennzeichnet ist.


CCR: Wie viele Unternehmen werden Sie dazu befragen?

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Müller: Wir haben im Rahmen einer Vorstudie Telefoninterviews mit acht Unternehmen geführt, um die Ausrichtung unserer Fragen abzusichern. Für die eigentliche Studie wird über den VDI ein Online-Fragebogen an rund 15.000 Entwickler, Projektleiter, Teamleiter und Verantwortliche für die Engineering-IT verschickt. Wichtig ist uns, dass wir die Teilnehmer nicht als Unternehmensvertreter befragen, sondern in ihrer Rolle als Mitarbeiter und Anwender.


CCR: Hat bereits die Vorstudie überraschende Erkenntnisse geliefert?

Müller: Überrascht hat uns, dass die Konstrukteure offensichtlich stärker als früher in Prozessen denken und dass mit der Komplexität der Produktentwicklung ihre Akzeptanz für ein transparentes Änderungs-Management gestiegen ist.


CCR: Welche Fragen stellen Sie den Ingenieuren?

Müller: Wir fragen nach dem Verhältnis zwischen kreativem und formellem Arbeitsanteil und hinterfragen anhand eines selbst erstellten Bewertungsmodells die Kollaborationsfähigkeit der Unternehmen beziehungsweise bestimmter Prozesse. Ein weiterer Block adressiert die Probleme und Verbesserungspotenziale bei der Kollaboration und am Ende stellen wir den Bezug zu den Werkzeugen her: Was kann hier verbessert werden? In diesem Kontext berücksichtigen wir auch den Einfluss der neuen Medien und sozialen Netzwerke.


CCR: Gehen Sie in der Studie darauf ein, was Ingenieure mit einem PDM-System genau machen beziehungsweise wie es mit der Prozessunterstützung aussieht?

Müller: Wir fragen nicht nach einzelnen Features in den PDM-Systemen. Wir werden aber nach der Bedeutung von Standardprozessen und eines prozessbasierten Projekt-Managements fragen, nachdem wir im Rahmen der Vorstudie gesehen haben, dass das prozessbasierte Denken in den Unternehmen verstärkt angenommen wird.


CCR: Gibt es nach der Vorstudie eine Hypothese, wo Ingenieure der Schuh drückt?

Müller: Wir gehen davon aus, dass die Ingenieure viele IT-Systeme bedienen, ohne den Nutzen für ihre eigene Arbeit zu sehen. Das heißt, dass sie mit einer gewissen Frustsituation umgehen müssen, weil der Arbeitsanteil für die Informationslogistik steigt.

CCR: Welche Verbesserungsvorschläge kamen in den Vorab-Interviews zum Vorschein?

Müller: Bei der Frage nach Innovationspotenzialen wurden eher bekannte Ansätze genannt wie mehr Durchgängigkeit zwischen den IT-Systemen, Datenbankintegration, Engineering Dashboards etc. Hier wird vor allem eine größere Konsequenz bei der Umsetzung gewünscht, um die Nachvollziehbarkeit der Entwicklungsschritte zu verbessern.


CCR: Lassen sich aus der Vorstudie schon erste Trends ableiten?

Müller: Ja. Die bereits erwähnte größere Akzeptanz für das prozessbasierte Denken. Und dass die Ingenieure dem Einsatz sozialer Netzwerke distanzierter gegenüber stehen als wir erwartet hätten. Sie halten es für eine gute Sache im privaten Bereich, sehen aber im Unternehmenskontext zum einen Sicherheitsrisiken und zum anderen die Gefahr, dass zu viele Informationen parallel zu den revisionssicheren Prozessen kommuniziert werden, weil die Plattformen nicht in die Informationslogistik integriert sind.

CCR: Welchen Nutzen können Unternehmen beziehungsweise Anwender aus der Studie ziehen?

Müller: Die Ingenieure können sehen, wo sie in punkto Kollaboration im Vergleich zu anderen Unternehmen stehen. Und sie profitieren mittelbar davon, dass die Software-Hersteller durch die Studie die eigentlichen Bedürfnisse der Anwender besser beurteilen können und dafür die entsprechenden Werkzeuge entwickeln. Die Unternehmen möchten wir generell mehr für dieses Thema sensibilisieren.


CCR: Wie müsste denn die ideale Umgebung von morgen beschaffen sein, die Entwickler optimal unterstützt?

Müller: Sie müsste vor allem die frühe Phase der Produktentwicklung besser unterstützen. Es gibt noch keine Lösung, die kreatives Arbeiten und formelles Produktdatenmanagement perfekt miteinander verbindet. Insgesamt geht es um die Erschließung von Potenzialen, die es erlauben, den Kreativanteil in der Entwicklung zu erhöhen und gleichermaßen die Prozesse erfolgreich zu steuern.

CCR: Herr Müller, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Michael Wendenburg, freier Mitarbeiter, CAD-CAM REPORT

Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK), Berlin Tel. 030/39006-294, http://www.ipk.fraunhofer.de

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