Hannover Messe 2019

Andrea Gillhuber,

VDE: Verliert Deutschland seine Vorreiterrolle?

Der VDE warnt vor einem Verlust der deutschen Vorreiterrolle. Die Selbsteinschätzung der Unternehmen und Hochschulen in Deutschland in Sachen KI und Industrie 4.0 nennt VDE-Geschäftsführer Hinz „eine fundamentale Fehleinschätzung“.

Verliert Deutschland seine Führungsrolle? © Pixabay / qimono

So deutliche Worte hört man vom VDE selten. Anlässlich seiner Pressekonferenz auf der Hannover Messe warnt Ansgar Hinz, CEO des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik, davor, dass Deutschlands technologische Führerschaft nicht so sicher ist, wie viele glauben. „Uns geht es aktuell in Deutschland offensichtlich zu gut um wahrzunehmen, dass der Abgesang auf den Industriestandort Deutschland bereits begonnen hat. Gerade wenn wir über entscheidende Zukunftstechnologien, Methoden und Querschnittskompetenzen wie das diesjährige Kernthema der Hannover Messe reden, sind wir im Weltvergleich maximal Mittelmaß“, so Hinz.

Zwar zeichne eine Umfrage des VDE unter seinen Mitgliedern über die Entwicklung der Elektroindustrie 2019/20 ein positives Bild (44 Prozent der Befragten möchten in diesem Jahr ihre F&E-Ausgaben deutliche steigern), doch sehe das Stimmungsbild der Industrie und Hochschulen zu Themen wie künstliche Intelligenz und Industrie 4.0 anders aus. „Kurz und knackig: Die Wettbewerbsposition im Vergleich zu Asien und den USA ist bescheiden“, stellt Hinz fest.

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Deutschland bei künstlicher Intelligenz abgeschlagen

Ansgar Hinz, CEO des VDE. © VDE

„Im Innovationsranking KI scheint der Abstand Deutschlands zur Weltspitze uneinholbar. 56 Prozent stuft den Innovationsstand Deutschlands bei KI als mittelmäßig ein, nur 1 Prozent sieht Deutschland in einer Vorreiterposition, 0 Prozent von den Hochschulen“, so Hinz. Dabei gelte, je größer das Unternehmen, desto pessimistischer die Einschätzung. Grund dafür sieht Hinz oftmals auch in deren globaler Aufstellung und Vergleichsmöglichkeiten.

Deutschland bei KI ausgebremst. © VDE

Bei künstlicher Intelligenz führen die USA und China, gefolgt von Japan. „Israel und Korea liegen vor Deutschland, das mit Europa das Schlusslicht bildet“, so Hinz. Überraschend sei dies jedenfalls nicht, kämen doch 60 Prozent aller Patentanmeldungen in KI aus den USA, gefolgt von China und Südkorea. Siemens schaffte es laut einer Studie des Schweizer Wirtschaftsforschungsinstituts Econ Sight als deutsches Unternehmen im internationalen Vergleich auf den 16. Platz.

Deutschland verliert bei Industrie 4.0

„Es wird noch dramatischer: Selbst in dem Marktsegment, welches eine Säule der Erfolgsgeschichte des Technologiestandortes Deutschland war und noch ist, der industriellen Produktions- und Automatisierungstechnik in den Anwendungsfeldern Maschinenbau, Automobil und Co. schneidet Deutschland im Innovationsranking Industrie 4.0 auch nicht viel besser ab“, zeichnet Hinz ein ernüchterndes Bild. Das Ergebnis des Rankings sieht als Vorreiter China (28 Prozent), Japan (20 Prozent) und dann Deutschland mit 18 Prozent gefolgt von Korea (17 Prozent). Die EU sieht das Ranking mit 4 Prozent abgeschlagen in der Vorreiterrolle.

Hinz führt weiter aus, dass nur 2 Prozent in Deutschland eine Implementierung von industrieller KI bis zum Jahr 2020 erwarten, 39 Prozent sehen dies bis 2025. Als Vergleich zieht Hinz China und die USA heran: In Chin erwarten 15 Prozent den Einsatz indsutrieller KI bis zum Jahr 2020, 61 Prozent bis 2015. Für die vereinigten Staaten seien die Zahlen ähnlich. „Die Selbsteinschätzung unserer Unternehmen und Hochschulen ist eine fundamentale Fehleinschätzung und ein Risiko für den Standort Deutschland. Die Selbsteinschätzung ist Beleg für die Schockstarre, vor der ich letztes Jahr in diesem Raum bereits gewarnt hatte“, so Hinz.

Wer hat Schuld und wer macht es besser?

In seiner Rede analysiert Hinz auch die Gründe für die Entwicklung: „Deutschland (und Europa) hat die Dimensionen jahrelang nicht erkannt, sich auf seinem Wohlstand und Status Quo ausgeruht und die Entwicklung verschlafen. Das gilt vor allem für die Politik und auch weite Bereiche der Industrie. Die, die es rechtzeitig erkannt haben, haben ihre Unternehmensstandorte strategisch schon vor Jahren globalisiert, um heute und in Zukunft Schwankungen abpuffern zu können.“

Auch die Konkurrenz wird beobachtet. So nennt Hinz als Gründe für die Führungsposition von USA und China deren klare strategische Ziele und die damit verbunden strategischen Investitionen. So stecke US-Präsident Trump jährlich 1,3 Milliarden Dollar in die Erforschung von KI. Laut verschiedenen Berichten soll das US-Verteidigungsministerium bereits vor zwei Jahren 6,7 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt haben. Hinzu kämen aber auch zahlreiche Technologieunternehmen wie Amazon, Alphabet, Microsoft, Apple oder Facebook.

In China habe Staatspräsident Xi Jinping das Ziel gesetzt, das Land der Mitte bis 20130 führend in Sachen künstlicher Intelligenz zu machen und steckt Milliardenbeträge in deren Erforschung.

Fachkräftemangel in der Industrie. © VDE

Zudem müsse man sich darüber im Klaren sein, dass Deutschland auch am Fachkräftemangel leide. Allein schon aufgrund der Bevölkerungszahl sei es utopisch zu glauben, wir könnten mit Bevölkerungsstarken Ländern wie China mithalten. Auf einen hochbegabten Studenten in Deutschland käme ein ganzer Studienjahrgang in China.

Nicht alles ist schlecht

Auch die Investitionen in die Infrastruktur sei ein Indikator für die Vorreiterrollen. So wurden in China 229, in den vereinigten Staaten 108, in Japan 39, dem vereinigten Königreich 20, Frankreich 18 und Deutschland 17 Supercomputer/Datencenter/Cloudserver installiert, um der anfallenden Datenmenge Herr zu werden.

„In den USA und China werden die Daten für die Forschung hemmungslos genutzt und wir diskutieren über Moral und Datenschutz. Ich sage nicht, dass dies richtig ist. Was wir allerdings benötigen, ist eine gesunde Balance zwischen Sicherheit, Interoperabilität und Geschäftsmodellen basierend auf Standards. Während wir Diskussionen über Risiken führen, die übrigens außerhalb Europas gar nicht stattfinden, forscht der Rest der Welt munter weiter“, erläutert Hinz.

Als Fazit zieht Hinz, dass Deutschland „in der Königsdisziplin KI“ hinterherhinkt und damit auch einen Milliardenmarkt verpasst. Gründe hierfür sind „zu wenig Geld, unzulängliche Infrastruktur, zu wenig Experten und damit zu wenig Know-how“. Die heute wirtschaftliche Position Deutschlands sei eine Folge der Investitionen der Vergangenheit. „Wer aber eine automatische Fortschreibung in die Zukunft antizipiert, unterliegt einer grundsätzlichen Fehleinschätzung“, so Hinz.

Die Lösung: Auf Kernkompetenz konzentrieren

Ein Lösungsraum sei laut Hinz, sich auf das zu konzentrieren, „was wir beherrschen“. So sehen 66 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie 73 Prozent der Hochschulen in Industrie 4.0 eine Chance, die Marke „Made in Germany“ wieder zu etablieren und so die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands sowie Arbeitsplätze zu sichern. „Als Erfolgsrezept empfehlen sie, sich die deutschen Kompetenzen auf den Gebieten Industrie + KI sowie IT-Sicherheit + KI zu konzentrieren und mit ganz eigenen Schwerpunkten und klarer Fokussierung in die KI-Weltspitze zu vorzudringen. Unsere Stärke liegt in der Verknüpfung unseres industriellen Prozess- und Automatisierungs-Know-how mit einem modernen KI-Methodenbaukasten. Das ist eventuell unsere einzige Chance – die Verbindung von KI  und unserem Know-how in der industriellen Produktion und Automatisierung in den entsprechenden Anwendungsfeldern“, betont Hinz.

Der VDE fordert daher:

- Eine strategisch-zielgerichtete Förderung von Forschung und innovativen Startups,

- Manpower, sprich: mehr Jugendliche für eine Ausbildung in der Elektro- und Informationstechnik, im Maschinenbau und in der Informatik gewinnen, sowie auf das Know-how der jetzigen Mitarbeiter setzen und diese mit zeitgemäßen Weiterbildungsmaßnahmen fit für die digitale Transformation machen,

- Abwanderung der Experten in die internationalen Silicon Valleys stoppen und diese zurückholen,

- eine massive Verbesserung der Bildung auf allen Ebenen, von der Grundschule bis zur Hochschule und der beruflichen Weiterbildung,

- Branchenkonvergenz und Globalisierung; Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik müssen zusammenrücken.

Außerdem regt der VDE an, die Künstliche Intelligenz zum Pflichtfach in den Ingenieursausbildungen zu machen.

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