Technische Bürsten

Pinselglück

Im mittelfränkischen Bechhofen liegt das Zentrum der deutschen Pinselindustrie. Das Familienunternehmen Schellenberger hat die Geschichte der Gemeinde maßgeblich beeinflusst. Im Jahr 1907 von Pinselmacher Johann Schellenberger gegründet, ist es zu einem führenden Hersteller technischer Bürsten und Pinsel herangewachsen. SCOPE-Redakteurin Evelin Eitelmann fasst die Historie zusammen.

Was wäre der viel gerühmte Pinselstrich ohne das geeignete Werkzeug? Schon immer war das Pinselmachen eine ebenso hohe Kunst wie die Verwendung desselben. Das war schon so im Jahr 1904. Damals wanderte der 21-jährige Johann Schellenberger nach Bechhofen, um das Handwerk des Pinselmachers zu erlernen. Nach bestandener Meisterprüfung machte sich der junge Mann im Jahr 1907 selbstständig und heiratete bald darauf Maria Frank – sie war ebenfalls Pinselmacherin.

Im Hause der Schwiegereltern wurde es dem jungen Paar aber bald zu eng. Mit hohen Einschränkungen schafften es die Schellenbergers jedoch, sich eine kleine Mietswohnung zu nehmen. In Handarbeit entstanden dort zunächst Künstlerpinsel, und schon bald darauf erhielten die jungen Leute so umfangreiche Aufträge, dass sie sogar Mitarbeiter benötigten.
Im Jahr 1917 erwarben sie dann günstig ein Haus. Eine betriebseigene Schreinerei wurde errichtet, um künftige Bauten und Umbauten rationeller gestalten zu können. Im Jahr 1927 läutete der Erwerb einer Schlosserei das technische Zeitalter im Pinselgewerbe ein. Mit diesem unternehmerischen Schritt hatte Johann Schellenberger Weitblick bewiesen. Denn nun konnten die für die Folgezeit notwendigen Spezialmaschinen und betriebswichtigen Produktionsvorrichtungen selbst gebaut werden. Schon bald darauf verlangte der Markt nicht mehr nur nach handgefertigten Pinseln, sondern auch nach maschinell hergestellten Produkten. Und eben nicht mehr nur nach Pinseln. Beispielsweise galt es Möglichkeiten zu finden, um Schweineborsten oder andere Materialien rationell in einen Metalldraht zu wickeln. Die so erzeugten Produkte dienten unter anderem als Flaschenputzer und Toilettenbürsten. Der dadurch entstehende hohe Borstenverbrauch wurde schließlich durch eine eigene Borstenzurichterei gedeckt.

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1941 konnte ein neuer Fabrikkomplex, ausgestattet mit den neuesten Produktionsmaschinen bezogen werden. Als Johann Schellenberger im Jahr 1942 starb, übernahm sein Sohn Richard die Führung des Unternehmens – mit fachkundiger Unterstützung seiner Mutter Maria. Die Mitbegründerin des Unternehmens galt als fleißige und umsichtige Seniorchefin, die bei der Belegschaft sehr beliebt war. Zu jener Zeit beschäftigte das Unternehmen 200 Mitarbeiter.

Nach dem Kriegsende konnte auch der zweite Sohn Erwin Schellenberger wieder im Unternehmen mitarbeiten; es galt einen Neuanfang zu wagen. Dieser Neuanfang verlief erfolgreich, und so konnte das Unternehmen bereits an die dritte Generation übergehen.

Mit einer Vielzahl innovativer Produkt-entwicklungen und Problemlösungen ist das Unternehmen zum Schrittmacher für die Industrie geworden.

Heute hat sich Schellenberger weitgehend auf die kundenbezogene Herstellung von Bürsten in gedrehter Ausführung spezialisiert. Der Durchmesserbereich bewegt sich zwischen 500 Millimeter bis hinunter zu Mikrobürsten von nur 0,7 Millimeter Durchmesser.

Ergänzt wird das Sortiment durch Pinsel und Applikatoren zur industriellen Verwendung – zum Beispiel in Schraubverschlüssen für Dosen und bei Scheibenverklebungen in der Automobilindustrie.

Material im Zugriff

Das Unternehmen unterhält ein umfangreiches Lager an Rohmaterialien. Vorrätig sind ständig synthetische Fasern wie Polypropylen, Polyester, Polyamid, PA-Schleifborsten in verschiedenen Ausführungen und Abmessungen. Für die überwiegend in gedrehter Ausführung produzierten Bürsten werden als Drehdraht verzinkte Stahldrähte oder blank, rost-und säurebeständige Drähte, Nichteisen-Drähte und Drähte aus Buntmetall eingesetzt. Alle Bürsten können mit jedem metrischen oder Zoll-Gewinde (BSW, BSF) sowie mit amerikanischem (UNF, UNC, NPT) und weiteren Gewindeanschlüssen, Spannschäften und Kunststoffgriffen ausgestattet werden. Besatzdrähte für technische Bürsten und Pinsel werden in glatter und gewellter Ausführung bevorratet und verarbeitet. Stahldrähte, Messingdrähte und Bronzedrähte sowie Neusilberdrähte, rost -und säurebeständige Drähte sowie Titan- und Flachdrähte in vielen Abmessungen stehen für Spezialanfertigungen ständig zur Verfügung. Als Besonderheit bietet Schellenberger an, vom Kunden bereitgestelltes Material weiterzuverarbeiten.

Heute ist der Enkel des Gründers alleiniger geschäftsführender Gesellschafter. Wolfgang Schellenberger setzt den Schwerpunkt auf das Auslandsgeschäft. Rund 74 Prozent gehen in den Export. Dieser Anteil soll noch weiter ausgebaut werden. In den letzten Jahren war das Unternehmen regelmäßiger Aussteller am Stand der Bundesrepublik Deutschland auf der Arab Health in Dubai. Darüber hinaus ist es Mitglied im Verband der Deutschen Pinsel- und Bürstenhersteller e.V. und engagiert sich als Ausbildungsbetrieb mit inzwischen sieben Auszubildenden in den Fachrichtungen Industriemechaniker, Industriekaufleute, Fachkraft für Lagerlogistik und Bürstenmacher. Zudem ist Schellenberger Mitglied im Bündnis Familie und bietet es eine duale Ausbildung in Verbindung mit der Hochschule in Ansbach an. Im Jahr 2010 erwirtschaftete das Unternehmen mit etwa 90 Mitarbeitern einen Umsatz von rund sechs Millionen Euro. In diesem Jahr rechnet Schellenberger mit einer Steigerung von 20 Prozent gegenüber dem letzten Jahr.

Eigener Anlagenbau

Jährlich werden mehrere hundert Artikel zusammen mit den Kunden neu entwickelt und je nach Ausführung und Menge in Einzelanfertigung oder auf vollautomatischen Fertigungslinien produziert. Auch heute noch konstruiert das Familienunternehmen einige der teuren Produktionsanlagen für Einzel- und Großserien selbst, um eine optimale Fertigung der kundenspezifischen Produkte realisieren zu können. Derzeit werden zwei neue Vollautomaten in Betrieb genommen und weitere Montageautomaten für eine Fertigungslinie kommen im ersten Halbjahr 2012 hinzu. Doch trotz aller Automatisierung – bei der Verarbeitung von Staubsaugerbürsten weisen viele kleinere Handarbeiten auf die frühen Zeiten des Pinselmachens zurück. Evelin Eitelmann

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