Qualitätssicherung bei Rittal

"Das Pflichtenheft ist unser Leitfaden"

Topqualität ist ein Muss für Hans Joachim Becker. Im Interview mit SCOPE-Redakteur Johannes Gillar erläutert der Leiter des Qualitätslabors von Rittal, was für ihn höchstmögliche Qualität ist und was nicht - und warum das Pflichtenheft so wichtig ist.

SCOPE: Wozu benötigt Rittal ein eigenes QS-Labor und was genau tun Sie dort?

Hans Joachim Becker: Mit dem akkreditierten Qualitätslabor in Herborn kann Rittal als Systemanbieter für Gehäuse- und Schaltschranktechnik Produkte entwicklungsbegleitend testen. Obwohl mit der Aufrechterhaltung der Akkreditierung ein hoher Aufwand verbunden ist, folgen daraus Vorteile für uns und unsere Kunden. Das Qualitätslabor ist Garant für höchste Qualitätsstandards und hohe Kundenzufriedenheit. Wir prüfen unsere Neuentwicklungen auf Herz und Nieren. Erst wenn sie den strengen Prüfungen standhalten, kommen unsere Produkte weltweit zum Einsatz. Topqualität ist Pflicht für alle Rittal Produkte. In unseren 17 Prüfkammern werden die Produkte nach nationalen und internationalen Normen auf Qualität und Sicherheit getestet. Ca. 1.250 eigene Prüfaufträge und 1.500 Erstmustertests von zugelieferten Bauteilen wurden 2013 von unseren 25 Mitarbeitern durchgeführt.

SCOPE: Letztendlich geht es bei Tests und Prüfungen um Qualität. Firmen sprechen da gern von „höchstmöglicher Qualität“. Was bedeutet das eigentlich für die Kunden?

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Becker: „Höchstmöglich“ muss man ja relativ sehen. Wichtig ist, dass man weiß, wie die Anforderungen und die Erwartungen der Kunden an unsere Produkte sind. Letzten Endes ist Qualität dann gegeben, wenn die Anforderungen unserer Kunden erfüllt werden. Zudem heißt höchstmöglich für Rittal: Wir machen mehr als nötig ist, wir gehen oft sogar über die Normen und die Qualität der Wettbewerbsprodukte hinaus. Allerdings heißt höchstmöglich nicht, dass Qualität nicht mehr bezahlbar ist.

SCOPE: Schaltschränke von Rittal kommen weltweit unter den verschiedensten Bedingungen zum Einsatz. Wie sichern Sie für alle diese Einsatzfälle die geforderte Qualität?

Becker: Das Wichtigste dabei ist, dass die Anforderungen an die Produkte sauber im Pflichtenheft spezifiziert werden – und zwar weltweit. Das Pflichtenheft ist unser Leitfaden und dient als Basis für die Prüfung. So müssen wir für Außenanwendungen unserer Gehäuse für Märkte in Asien oder in Südamerika, wo wir es häufig mit einem feucht-warmen Klima zu tun haben, eine Korrosionsprüfung durchführen. Für Outdoorgehäuse, die an Bahnstrecken oder Autobahnen aufgestellt sind, haben wir im Labor einen Multi-impact-Tester, um simulieren zu können, wie etwa Steinschlag die Oberflächen beansprucht. Und bei Windkraftanlagen prüfen wir die besondere Korrosionsbeanspruchung, denn diese Anlagen sind 20, 25 Jahre in Betrieb. Wir führen in unserem Labor Salzsprühnebelprüfungen für diese Outdoor-Lösungen durch, die regulär 720 Stunden laufen, für diese Kunden aber auf 1.400 Stunden verlängert werden. Ein weiteres Beispiel ist unser Einzelschranksystem SE 8 für extreme Einsätze im nordamerikanischen Markt. Dieser Schranktyp verfügt serienmäßig über die Schutzart NEMA 12. Um das zu erreichen, haben wir das für die Innenaufstellung mit Strahlwasser mit 12,5 l/min getestet. Für die Außenaufstellung in Europa wird die Prüfung mit 100 l/min durchgeführt, wohin gegen für den nordamerikanischen Markt die Prüfungen mit 240 l/min benötigt werden.

SCOPE: Welchen Einfluss haben diese Prüfungen auf die Qualität von Outdoor-Schränken oder von Schaltschränken für die Lebensmittelindustrie?

Becker: Der Schlüssel für den Erfolg ist weniger in der Prüfung, als vielmehr das Design. Das heißt, das Erfüllen der Anforderungen für Outdoorschränke oder hygienegerechte Schränke für die Lebensmittelindustrie, wird zwar in Prüfungen bestätigt, aber wesentlich ist, dass die Entwickler schon im Design, den Anforderungen gerecht werden. Gehäuse für die Lebensmittelindustrie etwa haben eine spezielle Dichtung, weil sie mit einem Druck von 100 Bar bei einer Temperatur von 80 Grad gereinigt werden. Die Gehäuse sind mit einem Regendach ausgeführt, mit einer Tropfkante, so dass Feuchtigkeit und Nässe gar nicht in die Nähe des geschützten Bereichs gelangt. Rittal investiert also nicht erst in umfangreiche Prüfungen, sondern bereits vorher in gutes Design.

SCOPE: International gibt es viele Normen und Approbationen. Welche Regeln sind die wichtigsten und was tun Sie um diese für Ihre Schaltschränke einzuhalten?

Becker: Für die Produktapprobation sind UL für den US-Markt und CSA für Kanada die wichtigsten Normen. Dann haben wir CCC für China und PSE für Japan. Ein sehr wichtiger Markt für uns ist Russland mit dem GOST-Zeichen. Letztlich spiegeln diese Gesetze und Normen die Sicherheitsanforderungen der Produkte wider. Die Länder haben dort festgehalten, welche Mindestanforderung die Produkte erfüllen müssen, damit nichts passiert. In diesen Normen sind alle Anforderungen an die jeweiligen Produkte beschrieben, wie elektrische Sicherheit, Schwingungs- und Vibrationsverhalten oder hinsichtlich statischer bzw. dynamischer Belastungen. Das entspricht in etwa unserer DIN- oder EN-Norm. Wenn wir nun z. B. Produkte für den nordamerikanischen Markt anbieten, benötigen wir eine UL-Approbation. Abhängig vom Produkt und dessen Einsatzgebiet wissen wir, welcher UL-Standard zum Einsatz kommt. Dieser ist dann die Basis für die Abnahmeprüfungen. Das heißt, eine Prüfung z. B. für ein Schaltschrank-Kühlgerät erfolgt nach der UL 484. Dies ist ebenso wichtig wie die Funktion des Kühlgeräts und dessen Kälteleistung. Die internationalen Produktsicherheitsstandards sind oft ähnlich in ihren Anforderungen und trotzdem stellt die Erfüllung dieser Standards uns als Inverkehrbringer von Industrieprodukten vor eine große Herausforderung. Jeder Kontinent, oft viele Nationen, bestehen auf die Erfüllung ihrer Sicherheitsstandards. Ohne den offiziellen Nachweis der Erfüllung der Norm in Zertifikaten wird der Zugang zu diesem Wirtschaftsraum verwehrt. Dieser Umstand wirkt sich auch negativ als Kostenfaktor bei der Entwicklung der Produkte aus.

SCOPE: Wäre es nicht sinnvoll, wenn die Branche sich weltweit auf einheitliche Standards hinsichtlich der Qualität von Produkten und Lösungen einigen würde?

Becker: Wir würden das absolut begrüßen. Das wäre mehr als sinnvoll und sehr hilfreich. Es würde die Produktentstehungskosten und -zeiten wesentlich reduzieren. Wenn man nicht für jedes Land, für jeden Kontinent eine separate Approbation benötigt, sondern es einen globalen Standard gibt. Das produzierende Gewerbe würde diesbezüglich sicher an einem Strang ziehen. Ich weiß aber nicht, ob alle Beteiligten in diesem Dreieck zwischen Hersteller, Zertifizierer und den Kunden das gleiche Interesse an einer Vereinheitlichung haben, da die Produktzertifizierung an sich schon ein erheblichen wirtschaftlichen Aspekt hat.

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