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ProSTEP iViP Symposium blickt in die Zukunft

Die Automobilindustrie steckt tief in der Krise – es drohen Milliardenverluste und Massenentlassungen. Das sind nicht gerade ideale Bedingungen für ein Symposium über die interdisziplinäre Herausforderung der Mechantronik-Entwicklung. Der ProSTEP iViP Verein hatte den Mut, die Veranstaltung trotzdem auszurichten, und wurde dafür mit einer respektablen Besucherzahl belohnt. Für die Besucher gab es zum Dank viele interessante Vorträge und Workshops.
Die Kernaussage von Prof. Spiegelberg ist, dass die individuelle Mobilität ohne Elektroauto keine Zukunft hat (Quelle: ProSTEP iViP Verein/C. Olma).

Mehr als 300 Teilnehmer aus zehn Ländern trafen sich im »bcc Berliner Congress Center« am Alexanderplatz, um sich über aktuelle Trends und neue Lösungen auf dem Gebiet der Mechatronik-Entwicklung, des Projekt-Managements, des Änderungs-Managements, der Zulieferer-Integration und der digitalen Sicherheitstechniken zu informieren. Um nur einige Themenschwerpunkte zu nennen, die in diesem Jahr auf der Tagesordnung standen. Das waren zwar weniger Teilnehmer als im Rekordjahr 2008, aber mehr als genug, um angesichts der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit der Resonanz der Veranstaltung hochzufrieden zu sein. »Eine Leistung, auf die wir stolz sein können, und die in erster Linie dem interessanten Programm mit attraktiven Themen und Sprechern zu verdanken ist«, so Reinhold Pohl, Vorsitzender des Vereinsvorstands. Unter den Hauptrednern und Referenten befanden sich namhafte Führungskräfte aus der Automobilindustrie wie Dr. René Wies, verantwortlich für Prozesse und IT in der Entwicklung bei BMW, Karl-Heinz Hornbostel, Leiter ITP Produktmanagement und Beschaffungsplanung bei Volkswagen oder Ralf Lamberti, Leiter Research & Technology bei Daimler, die sich dem Dialog mit den Teilnehmern stellten. »Das Symposium ist seiner Networking-Funktion wieder voll gerecht geworden«, urteilte Christine Frick, Geschäftsführerin des Vereins. In den Vorträgen fanden zum Teil lebhafte Diskussionen statt, was in dieser Form neu war und die Frage aufwirft, wie diesen Diskussionen künftig mehr Zeit eingeräumt werden kann? Die Besucher konnten aus fast 50, zum Teil gleichzeitig stattfindenden Vorträgen und Workshops wählen. In den ausgedehnten Pausen hatten sie Gelegenheit, sich über neue Software-Produkte und Dienstleistungsangebote für verschiedene Aspekte des Product-Lifecycle-Managements (PLM) zu informieren. 17 Systemhersteller und PLM-Dienstleister waren in diesem Jahr mit Ständen in der begleitenden Ausstellung vertreten, darunter auch viele kleinere »Startups« und sogar ein absoluter »Newcomer«: Die Piterion GmbH aus Ismaning präsentierte neben anderen Produkten und Dienstleistungen ihre Software SelectBest, eine PLM-Integrationslösung zur Unterstützung von Entscheidungsprozessen. »Starke Partner machen eine starke Veranstaltung – das Konzept hat sich einmal mehr bewährt«, betonte Christine Frick. Das Symposium wurde in diesem Jahr von Siemens und den IT-Firmen IBM und Unity gesponsert, was unter anderem die Verpflichtung beinhaltete, hochkarätige Referenten in den Ring zu schicken. Den vielversprechenden Auftakt machte Prof. Gernot Spiegelberg, Vizepräsident Fahrzeugelektronik bei der Siemens AG, dessen visionärer Vortrag über das Elektronikauto als Bestandteil intelligenter Energieversorgungsnetze bei manchen Teilnehmern für einen regelrechten Aha-Effekt sorgte und die Gespräche während der gesamten Veranstaltung enorm befruchtete.

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Die Kernaussage von Prof. Spiegelberg ist, dass die individuelle Mobilität ohne Elektroauto keine Zukunft hat und dass diese Zukunft unter Umständen von ganz neuen Akteuren gestaltet wird. Fahrzeuge mit Elektromotor(en) sind von ihrem Aufbau und Antriebskonzept her weniger komplex, was nicht nur Freiräume für neue Fahrzeugkonzepte eröffnet, sondern auch die Einstiegshürden ins Automobilgeschäft für neue Anbieter senkt. Zum anderen sind Unternehmen, die die Batterietechnik kontrollieren, im Wettbewerbsvorteil, weil die Kosten für ein Elektroauto maßgeblich durch die Batteriekosten bestimmt werden.

Prof. Spiegelberg zufolge muss man sich das Elektroauto der Zukunft als System im System, das heißt als Teil eines integralen Energieversorgungskonzeptes vorstellen, in dem erneuerbare Energien eine immer wichtigere Rolle spielen. Die damit einhergehende Unstetigkeit der Energieversorgung führe zu Instabilitäten im Netz, die sich durch die Einspeisung der in den Autobatterien gespeicherten Energie stabilisieren ließe. Das Auto würde zum »Energiebroker«, der sich auflädt, wenn der Strom wenig kostet und einen Teil davon wieder abgibt, wenn die Nachfrage und damit der Preis steigt. Dadurch könnten gleichzeitig neue Finanzierungskonzepte entwickelt werden, um die Batteriekosten zu senken. Nach Prof. Spiegelbergs visionärem Höhenflug holte René Wies von BMW die Teilnehmer auf den harten Boden der Gegenwart zurück und erläuterte ihnen die vielschichtigen Herausforderungen, die sich heute bei der Mechatronik-Entwicklung auftun. Der Begriff »interdisziplinär« sei ein weites Feld, wie das folgende Beispiel deutlich macht: Wenn die Vernetzung zwischen Fahrzeug und Handy oder Homecomputer angestrebt wird, muss sich die Entwicklung auch mit der Frage beschäftigen, wie eigentlich Kommunikationsprobleme diagnostiziert und gelöst werden, die vielleicht durch die Software der externen Geräte entstehen.

Sind die Automobilhersteller für die elektronische Zukunft gerüstet? Wenn der Studie zur Automobilindustrie im Jahr 2020 Glauben geschenkt wird, die Gerhard Baum, Vizepräsident Automotive Industry bei der IBM Deutschland GmbH, in seinem Vortrag am Ende der Veranstaltung vorstellte, dann sind sich die Hersteller zumindest der Herausforderungen bewusst. Energieverbrauch, Umweltverträglichkeit, Verkehrsleitung und Personalisierung sind die Prioritäten der Kunden, die nach Einschätzung der Hersteller in den nächsten Jahren an Bedeutung zunehmen werden.

Damit einher gehen notwendigerweise neue Schwerpunkte in der Fahrzeugentwicklung. Ein starker Fokus werde auf neuen Antriebskonzepten liegen, aber auch auf der Informationstechnik zur Verbindung des Fahrzeugs mit der Energienwirtschaft, mit elektronischen Konsumgütern, mit sozialen Netzwerken oder den Verkehrsleitsystemen von Städten und Gemeinden.

Daraus lässt sich folgern, dass die Entwicklung von Fahrzeug-Elektrik/Elektronik (E/E) und Software in Zukunft eine dominantere Rolle spielen wird, was das Mechatronik-Verständnis grundlegend verändern dürfte. Dieses ist zur Zeit nämlich immer noch stark mechaniklastig. Doch die Sichtweise ändert sich allmählich, wie zahlreiche Vorträge über funktionsorientierte Entwicklungsansätze deutlich machten. Christine Frick geht davon aus, dass die Funktionsmodellierung eines der Schwerpunktthemen des nächsten Symposiums sein wird. Beiträge aus Forschung und Lehre sollen im Tagungsprogramm künftig einen festen Platz haben, nachdem das diesjährige Symposium die bestehenden Grenzen zum akademischen Umfeld aufgehoben hat. Unter anderem referierte Prof. Jürgen Gausemeier vom Heinz-Nixdorf-Institut der Uni Paderborn in seinem Vortrag über eine domänenübergreifende Prinziplösung, die man sich wie eine detaillierte Spezifikation der wesentlichen Wirkprinzipien des Produktes vorzustellen hat. Sie soll für ein besseres gegenseitiges Verständnis der verschiedenen Disziplinen sorgen. Prof. Rainer Stark vom Fraunhofer IPK machte sich über die anforderungsgesteuerte Entwicklung mechatronischer Systeme Gedanken. Den Schlussstrich unter die diesjährige Veranstaltung zog Prof. Dr. Martin Eigner, einer der anerkannten Experten auf dem Gebiet der PLM-Technologie, mit einem amüsanten Vortrag über ein gar nicht so lustiges Thema: Warum immer noch so viele PLM-Projekte scheitern. Eigner zufolge sind 41 Prozent der eingeführten Systeme nicht produktiv. An den wichtigsten Gründen für das Scheitern scheint sich seit 15 Jahren trotz neuer PLM-Anforderungen und neuer Lösungen nicht viel geändert zu haben: Fehlende Vision, fehlende Mittel und mangelndes Projekt-Management. Dazu würde man auch gerne mal einen Vortrag aus der Praxis hören! Weitergehende Informationen zu den Vorträgen des diesjährigen Symposiums sind auf der Homepage des ProSTEP iViP Vereins unter http://www.prostep.org/de/events/symposium-2009/programm/12052009.html zu finden. -we-

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