Plagiate und Fälschungen

Mara Hofacker,

Negativ-Preis Plagiarius 2019 verliehen

Die Verleihung des „Plagiarius 2019“ fand am Freitag, 8. Februar, während der Konsumgütermesse „Ambiente“ der Messe Frankfurt statt. Die Plagiarius-Preisträger 2018 und 2019 werden im Rahmen der Sonderschau „Plagiarius" bis 12. Februar im Foyer 5.1 / 6.1 der Messe Frankfurt ausgestellt. Ab 15. Februar werden die aktuellen Preisträger im Museum Plagiarius in Solingen präsentiert.

Die Trophäe des Negativ-Preises: ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase – Symbol für die immensen Profite, die ideenlose Nachahmer sprichwörtlich auf Kosten von Kreativen und der Industrie erwirtschaften. © Aktion Plagiarius e.V.

Plagiate und Fälschungen sind einfallslos, moralisch verwerflich und sie führen zu Stillstand. Oftmals billig und unter menschenverachtenden Arbeitsbedingungen hergestellt, verursachen sie teils existenzgefährdende Schäden bei innovativen Herstellern. Zudem bergen sie nicht zu unterschätzende Sicherheitsrisiken für die Käufer. Lukrative Gewinne vor Augen, nehmen viele Fälscher all dies billigend in Kauf. Die Täterstruktur reicht vom ideenarmen Wettbewerber über rücksichtslose Händler bis hin zur organisierten Kriminalität. Globalisierung, digitale Kommunikation, das Internet und leichtgläubige (Online-)Schnäppchenjägerbegünstigen die explosionsartige Ausbreitung von Produkt- und Markenpiraterie.

Plagiarius: Gegen dreisten Ideenklau, für mehr Fairness und Respekt

Der vom Designer Prof. Rido Busse ins Leben gerufene Negativ-Preis „Plagiarius“ wurde am 8. Februar 2019 auf der Frankfurter Konsumgütermesse „Ambiente“ zum 43. Mal verliehen. Bereits seit 1977 vergibt die Aktion Plagiarius e.V. den gefürchteten Schmäh-Preis an Hersteller und Händler besonders dreister Plagiate und Fälschungen. Ziel ist, die plumpen und skrupellosen Geschäftspraktiken von Produkt- und Markenpiraten ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und Industrie, Politik und Verbraucher für die Problematik zu sensibilisieren. Gleichzeitig hebt der Verein die Wichtigkeit und Wirksamkeit von gewerblichen Schutzrechten hervor. Und er steigert bei Konsumenten die Wertschätzung für kreative Leistungen, indem er ihnen vor Augen führt, dass die Entwicklung eines Produktes von der ersten Idee bis zur Marktreife viel Zeit, Geld, Know-how und Innovationskraft kostet. Dafür steht auch die Trophäe des Negativ-Preises: ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase – Symbol für die immensen Profite, die ideenlose Nachahmer sprichwörtlich auf Kosten von Kreativen und der Industrie erwirtschaften.

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"Nachahmungsfreiheit" legitimiert keine Herkunftstäuschung

Die Auszeichnung mit dem „Plagiarius“ sagt nichts darüber aus, ob ein nachgemachtes Produkt im juristischen Sinne erlaubt oder rechtswidrig ist. Die Aktion Plagiarius kann kein Recht sprechen. Sie darf aber auf Unrecht aufmerksam machen. Bevor die jährlich wechselnde Jury die Preisträger auswählt, werden die vermeintlichen Plagiatoren über ihre Nominierung informiert und erhalten die Möglichkeit zur Stellungnahme. Neben fallbezogenen Informationen fließen diese Reaktionen, sofern erfolgt, mit in die Bewertung ein. Der Jury geht es nicht darum, legale Wettbewerbsprodukte, die optisch und technisch eigenständig sind, zu brandmarken. Intention ist vielmehr, plumpe 1:1 Nachahmungen, die dem Originalprodukt absichtlich zum Verwechseln ähnlich sehen und die keinerlei kreative oder konstruktive Eigenleistung aufweisen, in den Fokus zu rücken. Erfreulicherweise haben bereits zahlreiche Nachahmer aus Angst vor der Prämierung mit dem „Plagiarius“ eine Einigung mit dem Originalhersteller gesucht und beispielsweise Restbestände der Plagiate vom Markt genommen, Unterlassungserklärungen unterschrieben oder Lieferanten preisgegeben.

Kavaliersdelikt? Reine Profitgier!

Plagiate und Fälschungen passieren nicht „aus Versehen“. Die Nachahmer handeln vorsätzlich. Sowohl mangels eigener Ideen, als auch aus Profitgier. Sie kopieren ungeniert erfolgreich am Markt etablierte Produkte. Die Erscheinungsformen reichen von Designplagiaten über Technologieklau bis hin zu Markenfälschungen. Feilgeboten werden die nachgemachten Waren in allen Preis- und Qualitätsabstufungen: Von gefährlichen Billigfälschungen bis hin zu qualitativ hochwertigen Plagiaten, die kaum günstiger oder sogar teurer als das Originalprodukt sind. Die Folgen für die Originalhersteller: Umsatzeinbußen, Verlust von Arbeitsplätzen, unberechtigte Haftungsrisiken sowie mangelnde Erträge für zukünftige Produktentwicklungen, und somit Fortschritt. Gerade in Zeiten von Social Media und Influencer Marketing sind für Markenhersteller ungerechtfertigte Reputationsschäden meist noch gravierender als die finanziellen Schäden. Enttäuschte Kunden wenden sich angesichts der Vielzahl von Alternativ-Anbietern schneller denn je von der Marke ab und beeinflussen quer über den Globus Freunde und Follower mit ihren Erfahrungen, Meinungen und Empfehlungen.

Sicherheitsrisiken bei Plagiaten hoch

Der 1. Preis ging an das Plagiat des Schrägsitzventils „Typ 2000“ von Bürkert. © Aktion Plagiarius e.V.

Original und Plagiat sind nur auf den ersten Blick täuschend ähnlich. Gleiches Aussehen bedeutet keineswegs zwangsläufig die gleiche Qualität, Leistungsfähigkeit und vor allem Sicherheit. Dieser Illusion sollten sich Verbraucher nicht blauäugig hingeben. Weder aus Unwissenheit, noch aus fehlendem Unrechtsbewusstsein oder mangelnder Wertschätzung für das Original und schon gar nicht auf der Jagd nach dem vermeintlich besten Schnäppchen oder Statussymbol. Märkte regeln sich über Angebot und Nachfrage. Somit liegt es in der Verantwortung jedes Verbrauchers sich bewusst gegen Ramsch mit Label von Kriminellen - und für die eigene Sicherheit - zu entscheiden.

Gerade beim Einkauf im Internet sollten Verbraucher sehr genau hinsehen und nicht voreilig und kritiklos auf „Kaufen“ klicken. Sie sollten sorgfältig die allgemeine Seriosität des Anbieters sowie Impressum, Zahlungsbedingungen (Achtung bei „nur Vorkasse“), Widerrufmöglichkeiten etc. prüfen.

Zoll bestätigt Zunahme von gefälschten Waren, die Gefahrenpotential bergen

Allein 2017 haben die europäischen Zollbehörden laut EU-Kommission an den EU-Außengrenzen mehr als 31 Millionen rechtsverletzende Produkte mit einem Gesamtwert von über 580 Millionen Euro beschlagnahmt – und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Alarmierend ist die Tatsache, dass der Anteil gefälschter, potenziell gefährlicher Waren zunimmt. Zoll und auch Interpol haben in den letzten Jahren u.a. bereits folgende Produkte aus dem Verkehr gezogenen: Verunreinigte Parfums und Kosmetika, technische Produkte mit mangelhafter Elektronik, gepanschte Lebensmittel, fehlerhaftes oder schadstoffreiches Kinderspielzeug, falsch oder gar nicht dosierte Medikamente uvm.

Original Hansgrohe-Handbrause (links), Fälschung (Mitte) und Plagiat (rechts). © Aktion Plagiarius e.V.

Der diesjährige Laudator, Prof. Dr. Prof. h.c. Arndt Sinn, Direktor des Zentrums für Europäische und Internationale Strafrechtsstudien an der Universität Osnabrück, fasste in seiner Rede die negativen Auswirkungen wie folgt zusammen: „Der illegale Handel mit gefälschten Produkten führt zu schädlichen Auswirkungen auch auf die Volkswirtschaften: Innovation und Einnahmen nehmen ab und das Steueraufkommen sowie die Beschäftigungsquoten sinken. Werden die illegalen Gewinne dann mittels Geldwäsche in den legalen Finanzkreislauf eingeschleust, werden die legalen Märkte unterminiert, was letztendlich von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung ist.“

China: Fälschernation – und auf dem Weg zu „Made-in-China 2025“

Die Zoll-Statistiken zeigen eindeutig, dass China nach wie vor mit großem Abstand das Hauptursprungsland gefälschter Waren ist. Vor diesem Hintergrund thematisieren Politiker aller Industrienationen bei jedem Treffen mit chinesischen Regierungsvertretern die Probleme westlicher Firmen in Bezug auf Produktpiraterie und unfaire Marktzugangsbarrieren.

Gleichzeitig aber verfolgt China seit Jahren mit Nachdruck und mit Investitionen in Milliardenhöhe seinen ehrgeizigen Zehnjahresplan „Made in China 2025“: Das Land will zu den technologisch führenden Industrieländern aufschließen. Weg von der verlängerten Werkbank des Westens hin zum ernsthaften Mitbewerber auf den Weltmärkten. Diese Strategie Chinas beinhaltet auch die gezielte Übernahme westlicher Unternehmen, die zukunftsweisende Schlüsseltechnologien besetzen. Westliche Regierungen und Firmen realisieren langsam die Gefahr, die für die eigene Wettbewerbsfähigkeit auf den globalen Märkten von dieser Entwicklung ausgeht und fangen an gegenzusteuern.

Ein globales Problem mit vielen Profiteuren

Zoll-Statistiken berücksichtigen nur Waren, die aus Drittländern in das jeweilige Gebiet (z.B. EU oder U.S.A.) eingeführt werden sollten, sie erfassen keine Rechtsverletzungen innerhalb dieser Region. Fakt ist aber, unlautere Nachahmungen werden häufig auch in Industrieländern hergestellt, vertrieben oder sogar von dort in Auftrag gegeben. Oftmals von ideenarmen Mitbewerbern oder ehemaligen Produktions- bzw. Vertriebspartnern. Sehr gezielt prüfen Mitbewerber die Existenz von gewerblichen Schutzrechten. Sind keine eingetragen, werden Anspruchsdenken und Skrupel über Bord geworfen und fremde Design- und Techniklösungen als eigene Leistung ausgegeben. Das belegen sowohl die Erfahrungen der Aktion Plagiarius als auch des Branchenverbandes VDMA. Im aktuellen VDMA-Produktpiraterie-Bericht war China klar Ursprungsland Nr. 1 von Plagiaten. Gleichwohl folgen zum wiederholten Mal Deutschland mit 19% auf Platz 2 und Italien mit 18% auf Platz 3.

Die Preisträger des Plagiarius-Wettbewerbs 2019:

Die Jury traf sich am 12. Januar 2019 und vergab drei Hauptpreise, sechs gleichrangige Auszeichnungen und einen Sonderpreis aus insgesamt 37 Einsendungen. Sehen Sie alle Preisträger in der Bildergalerie.

1. Preis: Schrägsitzventil „Typ 2000“ (Einsatz: Dampfanwendungen z.B. in der Textilindustrie)

Original:          Bürkert Werke GmbH & Co. KG, Ingelfingen, Deutschland

Plagiat:            Ningbo ACME Industrial Automation Co., Ltd., Ningbo, VR China

2. Preis: Spielzeugbagger „Liebherr Radlader“

Original:          BRUDER Spielwaren GmbH + Co. KG, Fürth, Deutschland

Plagiat:            Hersteller: Hengheng Toys Factory, Shantou, VR China

                        Vertrieb: Der deutsche Vertreiber des Plagiats hat eine Unterlassungserklärung unterschrieben und Schadenersatz gezahlt

Gusseiserner Bräter „Staub Cocotte“ von ZWILLING J.A. Henckels (links), rechts das Plagiat. © Aktion Plagiarius e.V.

3. Preis: Gusseiserner Bräter „Staub Cocotte“

Original:          ZWILLING J.A. Henckels AG, Solingen, Deutschland

Plagiat:            Hersteller: Zhejiang Keland Electric Appliance Co., Ltd., Zhejiang, VR China

                        Vertrieb: diverse deutsche und europäische Händler haben strafbewehrte Unterlassungserklärungen abgegeben

Sechs gleichrangige „Auszeichnungen“ wurden verliehen

Busch-Präsenzmelder KNX

Original:          Busch-Jaeger Elektro GmbH, Lüdenscheid, Deutschland

Plagiat:            Hefei Ecolite Software Co., Ltd., Hefei, VR China

Handbrause „Croma Select S Multi“

Original:          Hansgrohe SE, Schiltach, Deutschland

Fälschung:      Cixi City Changhe Ainuohua Sanitary Ware Factory, Zhejiang, VR China

Plagiat:            Cixi City Changhe Yihao Sanitary Factory, Zhejiang, VR China

Elektrische Kühlmittelpumpe „CWA 200“

Original:          MS Motorservice  International GmbH, Neuenstadt, Deutschland

Plagiat:            Zhejiang Hongchen Auto Parts Co Manufacturing Co., Ltd., Zhejiang, VR China

Fahrradkorb „Bikebasket“

Original:          Reisenthel Accessoires GmbH & Co. KG, Gilching, Deutschland

Plagiat:            Chinesische Fahrrad-Fabrik aus Hebei, VR China

Lenker Adapter „KLICKfix“          

Original:          Rixen & Kaul GmbH, Solingen, Deutschland

Plagiat:            Hersteller: Tianjin Jiawei Hongfa Plastic Mold Co., Ltd., Tianjin, VR China

                                   Vertrieb: u.a. über einen italienischen Hersteller von Fahrradkörben

Silikonförmchen „ECLIPSE“ (für Lebensmittel)

Original:          SILIKOMART S.r.l., Mellaredo di Pianiga, Italien

Plagiat:            Hersteller: unbekannt, VR China

Sonderpreis „Hyänen-Preis“: Bewegungsmelder „IS 1“

Originale:        Steinel GmbH, Herzebrock-Clarholz, Deutschland

Plagiate:          Herstellung:    Diverse chinesische Firmen

Die Jury des Plagiarius-Wettbewerbs 2019

Die Jury wird jedes Jahr neu zusammengestellt aus Vertretern der unterschiedlichsten Bereiche. Die Jury des Plagiarius-Wettbewerbs 2019 setzte sich wie folgt zusammen:

Ulrich Demuth, Leiter Gewerbliches Recht, Patente und Marken, WIKA Alexander Wiegand SE & Co. KG, Klingenberg

Prof. Dr. Marion Halfmann, Vizepräsidentin für Studium, Lehre und Weiterbildung / Marketing und marktorientiertes Management, Hochschule Rhein-Waal, Kleve

Johannes Kraft, Co-Geschäftsführer authorized.by | Stayble Market GmbH, München

Werner Schneider, Wirtschaftsprüfer / Steuerberater (Of Counsel), SGP Schneider Geiwitz & Partner; Wirtschaftsprüfer Steuerberater Rechtsanwälte PartGmbB, Neu-Ulm

Dr. Harald Seitz, Referatsleiter Kundenservice, Deutsches Patent- und Markenamt, München

Katrin Terpitz, Redakteurin Unternehmen & Märkte, Handelsblatt GmbH, Düsseldorf

Christiane Wachsmann, Kuratorin HfG-Archiv Ulm

Juristische Beratung: Dr. Aliki Busse, Fachanwältin für Gewerblichen Rechtsschutz, Rechtsanwaltskanzlei Busse & Partner, München

Die ‚Laudatio‘ auf die Preisträger hielt Prof. Dr. Prof. h.c. Arndt Sinn, Direktor des Zentrums für Europäische und Internationale Strafrechtsstudien (Universität Osnabrück), Dozent und Publizist (u.a. Studie „Wirtschaftsmacht Organisierte Kriminalität“). Die Plagiarius-Preisträger 2018 und 2019 werden im Rahmen der Sonderschau „Plagiarius" vom 08. - 12. Februar 2019 im Foyer 5.1 / 6.1 der Messe Frankfurt ausgestellt. Das Museum Plagiarius zeigt in seiner einzigartigen Ausstellung mehr als 350 Plagiarius-Preisträger der unterschiedlichsten Branchen - jeweils Original und Plagiat im direkten Vergleich. Außerdem dabei: Typische vom Zoll beschlagnahmte Markenfälschungen. In Führungen werden spannende Fakten und Details vermittelt.

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