Interview mit David McQueen, Tetakawi

Andrea Gillhuber,

Mexiko - ein Land mit Potenzial?

Mexiko ist in letzter Zeit vor allem wegen der Grenzstreitigkeiten mit Donald Trump in den Medien. Doch das Land ist wichtiger Produktionsstandort für die nordamerikanische Automobil- sowie Luft- und Raumfahrindustrie. Warum Mexiko trotz Trump ein interessanter Markt für ausländische Unternehmen ist, erkäutert David McQueen im Interview.

© Shutterstock / patrice6000

Südamerika ist ein Wachstumsmarkt. Vor allem Brasilien und Mexiko zeigen steigende Wachstumsraten auf. Warum sind diese Regionen wie Mexiko so beliebt?

David McQueen: Mexiko bringt einige Voraussetzungen mit sich, die das Land attraktiv für ausländische Investoren machen. Da ist natürlich zum einen die Nähe zu den Vereinigten Staaten. Darüber hinaus bietet Mexiko vergleichsweise niedrige Einstiegshürden sowie mehr Freihandelsabkommen als jedes andere Land, einschließlich eines direkten Zugangs zum US-Markt durch die NAFTA und deren Ersatz, die Freihandelszone USMCA. Hinzu kommt, dass Mexiko investitionsfreundlich ist, indem es erlaubt, dass Firmen zu 100% in ausländischem Besitz sind.

Auch in punkto Fachkräfte ist Mexiko gut aufgestellt. Die Bevölkerung – Mexiko hat 126 Mio. Einwohner und ist damit das Land mit den drittmeisten Einwohnern in Amerika und weltweit auf Platz 10 – ist mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren sehr jung und der Anteil an der arbeitsfähigen Bevölkerung wächst stetig. Nicht zuletzt verfügt Mexiko über eine wettbewerbsfähige Infrastruktur.

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In Mexiko haben sich Automobil- und Luftfahrtunternehmen angesiedelt. Die Zulieferer folgen. Wie unterstützen Sie Unternehmen, die in Mexiko eine Produktion aufbauen möchten?

David McQueen, Director Consulting Services bei Tetakawi © Tetakawi

David McQueen: Tetakawi bietet eine Reihe von Dienstleistungen an, die ausländische Unternehmen dabei unterstützen, die Eröffnung einer eigenen Produktion in Mexiko zu bewerten sowie eigene Produktionsstandorte aufzubauen und zu betreiben.  Unsere Dienstleistungen senken die Kosten, beschleunigen die Implementierung und reduzieren das Risiko.

Am einen Ende der Skala sind wir eine wertvolle Quelle von Daten und Informationen für die Analyse und Planung einer Investition in Mexiko. Wir helfen Unternehmen, faktenbasierte Entscheidungen zu treffen, indem wir fachkundige Beratung anbieten, unterstützt durch Echtzeitdaten aus unseren zahlreichen Betrieben und unseren Forschungsteams.

Am anderen Ende können wir für diejenigen, die sich für eine Investition entscheiden, ein schlüsselfertiges Paket in einem unserer Produktionszentren anbieten, das eine umfassende administrative Unterstützung von der Personalabteilung bis hin zum Import/Export umfasst. Unternehmen, die sich für diesen Service entscheiden, behalten ihre Markenidentität und kontrollieren ihre Produktionsprozesse, aber wir erledigen den Rest.

Für diejenigen, die weniger Unterstützung benötigen, können wir individuelle Dienstleistungen anbieten, die auf die Anforderungen jedes Unternehmens zugeschnitten sind.

Unternehmen, die unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, können auch das Entwicklungsprogramm der mexikanischen Regierung nutzen. So können Unternehmen, die bestimmte Kriterien erfüllen, bis zu acht Jahre lang ohne Betriebsstätte in Mexiko operieren. In den ersten vier Jahren ist das Unternehmen auch von der mexikanischen Körperschaftsteuer befreit.

Länderspezifische Gegebenheiten beachten

Was sind die häufigsten Fehler, die deutsche Unternehmen in Mexiko machen können?

David McQueen: Der häufigste Fehler vieler ausländischer Investoren ist, die lokale Kultur nicht ausreichend zu verstehen. Es gibt viele Möglichkeiten, in Mexiko Geschäfte zu machen sowie Menschen und Beziehungen zu managen, die nicht schwer zu erlernen oder umzusetzen sind. Aber es zu versäumen, diese im Voraus mit zu bedenken, kann zu hoher Fluktuation und schlechten Entscheidungen führen.

Der zweithäufigste Fehler ist, mit den falschen Partnern zusammenzuarbeiten. Während es viele Unternehmen wie unseres gibt, die zuverlässig fachkundige Beratung und Unterstützung anbieten, gibt es auch eine Reihe von Personen und Unternehmen mit fragwürdiger Reputation. Diese behaupten zwar, bei der Gründung und dem Betrieb eines Unternehmens in Mexiko helfen zu können, sind aber in Wirklichkeit nicht dazu in der Lage. Im schlimmsten Fall sind sie betrügerisch. Viele Unternehmen haben sich von vermeintlich zuverlässigen Managern und Beratern leiten lassen, nur um festzustellen, dass sie ernsthaft irregeführt wurden.

Der dritte Fehler, den einige Unternehmen machen, ist, ihre Lieferkette nicht zu 100 Prozent zu überprüfen, bevor sie sich endgültig für einen Betriebsstandort entscheiden. Nicht alle Waren und Dienstleistungen sind in ganz Mexiko verfügbar und einige sind überhaupt nicht verfügbar, daher ist es wichtig, die Logistik der Lieferkette zu bewerten, bevor der Standort einer Einrichtung festlegt oder eine Investition getätigt wird.

Wie sicher ist das Land für ausländische Investoren und deren Mitarbeiter?

David McQueen: Mexiko ist grundsätzlich ein sicheres Land für ausländische Investoren und deren Mitarbeiter. Die Städte in den industrialisierten Gebieten Mexikos außerhalb der unmittelbaren US-Grenzregion sind in der Regel genauso sicher wie die meisten großen US-Städte – einige sogar sicherer. Die Drogenkriminalität ist in Mexiko zwar hoch, konzentriert sich aber auf sehr spezifische lokale Bereiche, richtet sich nicht gegen Ausländer und tritt meist außerhalb von Großstädten auf. Das Gebiet innerhalb von 100 km um die Grenze zu den Vereinigten Staaten herum ist da aufgrund der Häufigkeit von Drogen- und Menschenhandel schon problematischer. Aber auch diese Gegend durchqueren und besuchen jeden Tag viele Ausländer ohne Probleme. Ausländische Besucher (40 Millionen pro Jahr), die angemessene Vorsichtsmaßnahmen treffen und die bekannten Gebiete mit hoher Kriminalität meiden, nur in Ausnahmefällen Zeuge oder Opfer illegaler Aktivitäten.

Unsicherheitsfaktor Trump – Problem oder nicht?

Trump ist ein großer Unsicherheitsfaktor für die Region. Warum lohnt es sich dennoch, eine Produktion aufzubauen?

David McQueen: Die Unvorhersehbarkeit der Handlungen von Präsident Trump schafft weltweit ein Klima der Unsicherheit. Mexiko ist jedoch weiterhin ein sehr attraktiver Standort für ausländische Unternehmen, die in den nordamerikanischen Markt eintreten oder das Risiko für aus China in die USA exportierte Produkte ausgleichen wollen. Die USMCA, die die NAFTA ersetzen wird, ist Trumps Projekt, und Mexiko hat das Abkommen nun ratifiziert. Das Abkommen wird nicht nur Mexiko den Zugang zum US-Markt garantieren und zusätzliche "nationale Sicherheit"-Zölle aus den USA verhindern, sondern auch die Auflagen gegenüber Fahrzeugherstellern außerhalb Nordamerikas erhöhen. 

In Bezug auf das Risiko neuer Zollverhandlungen durch Trump scheint es so, dass die deutliche Reaktion der republikanischen Senatoren von Texas und Arizona auf die kürzlich ausgesprochene Drohungen Trump klar gemacht hat, dass er auch Widerstand von innen erwarten kann, wenn er den gegenseitigen Handel zwischen Mexiko und den US stören oder gar unterbrechen möchte.

Angesichts des hohen Integrationsgrades der Märkte in Nordamerika scheint es unwahrscheinlich, dass eine echte Handelseinschränkung sinnvoll wäre. Das wahrscheinlichste Ergebnis wären in diesem Fall Rezessionen in allen drei Ländern (Anm. Texas, Arizona und Mexiko) - was selbst Donald Trump wahrscheinlich nicht wollen wird.

Wie schätzen Sie die weitere wirtschaftliche und politische Entwicklung Mexikos ein?

David McQueen: Politisch verfügt Mexiko über ein etabliertes demokratisches System. Die Wahl von Lopez Obrador hat zunächst einige Bedenken aufgeworfen, aber bisher hat er die demokratischen Institutionen respektiert und mit überwiegend moderater Hand regiert. Korruption, insbesondere auf niedrigeren Regierungsebenen, ist in Mexiko nach wie vor ein Thema, aber das Vorhandensein eines funktionierenden Parteiensystems, das den Wählern echte Optionen bietet, wird hoffentlich dazu beitragen, das Ausmaß an Vetternwirtschaft und Korruption weiter zu verringern.

Wirtschaftlich gesehen hängt Mexiko stark von der ökonomischen Situation in den USA ab, spiegelt also die dortigen Auf- und Abschwünge. Was die mexikanische Wirtschaft anbelangt, erwarten wir ein anhaltendes moderates Wachstum vor allem durch ausländische Investitionen. Präsident Obrador hat einige der von früheren Regierungen in Bereichen wie dem Energiesektor unternommenen Schritte zurückgenommen, hat aber vor allem Investitionen in das verarbeitende Gewerbe unterstützt. Denn mit einer wachsenden Erwerbsbevölkerung (die Eintrittskohorte übersteigt die Alterskohorte um ca. 1 Million Menschen) benötigt Mexiko Arbeitsplätze. Der Anstieg der Erwerbsbevölkerung dämpft tendenziell die Lohninflation, aber dennoch werden Reallohngewinne erzielt und das verfügbare Einkommen erhöht.

Welche Industriezweige sind in Mexiko besonders stark?

David McQueen: Die Automobilindustrie in Mexiko ist sehr stark und eng in die nordamerikanische Lieferkette integriert. Die Luft- und Raumfahrt ist ebenfalls relativ stark und auch mit Nordamerika integriert. Andere Produktionssektoren, die in Mexiko eine starke Präsenz haben, sind Haushaltsgeräte (weiße Ware), Elektronik (Mexiko ist der weltweit größte Hersteller von Flachbildfernsehern), schwere Lastwagen, Freizeitfahrzeuge, landwirtschaftliche Geräte, medizinische Geräte und Lebensmittelverarbeitung. Zu den großen Primär-Industrien gehören Erdöl, Bergbau und Landwirtschaft.

Fachkräfte und Ansprechpartner in Mexiko

Welche Entwicklungspartner gibt es in Mexiko?

David McQueen: Entwicklungsgesellschaften wie Tetakawi können eine ausgezeichnete Quelle für kostenlose Beratung und Weiterempfehlungen an andere zuverlässige Entwicklungsgesellschaften und Berater sein.

Es gibt eine Reihe von kompetenten Immobilienmaklern und Entwicklungsgesellschaften, die bei der Suche nach oder dem Bau einer Einrichtung helfen können. Viele der internationalen Brokerhäuser sind in Mexiko aktiv, aber es gibt auch nationale und lokale Agenten, die ausgezeichnete Unterstützung und Beratung bieten können.

Seit der Schließung der Regierungsbehörde Promexico durch Präsident Obrador, die früher ausländische Investoren unterstützt hat, bieten die Konsulate und Botschaften diesen Service an. Dieser ist nicht mehr so umfangreich wie früher, kann aber für Investoren dennoch hilfreich sein. 

Jeder Bundesstaat in Mexiko hat außerdem ein Büro für Wirtschaftsförderung, das mit lokalen Informationen und Investitionsanreizen unterstützen kann. Einige sind besser und aktiver als andere.

Es gibt eine Reihe von internationalen Anwaltskanzleien und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die sich auf mexikanische Geschäftstransaktionen spezialisiert haben. Sie können sowohl Beratung als auch Unterstützung anbieten, insbesondere wenn es um die Übersetzung von spanischen Rechtsdokumenten geht.

Wie sieht es mit den Fachkräften in Mexiko aus?

David McQueen: Das globale Wirtschaftswachstum stellt eine Herausforderung in punkto Rekrutierung und Bindung von Mitarbeitern in Mexiko wie auch in anderen Ländern der Welt dar. Aber in den meisten lokalen Märkten hier ist es möglich, kompetente Mitarbeiter auf allen Ebenen zu finden und zu halten. 

Das stete Bevölkerungswachstum sorgt in Mexiko für einen jährlichen Zustrom neuer Arbeitskräfte, von denen viele eine spezialisierte Ausbildung an einer Hochschule oder Universität vorweisen können, wenn sie in die Arbeitswelt eintreten.

Ingenieur- und Managementschulen sind reichlich vorhanden und von guter Qualität. Viele konzentrieren sich auf die Fertigung, was es leicht macht, engagierte, begeisterte junge Absolventen zu vernünftigen Kosten zu finden. 

Die Berufsausbildung beginnt sich im deutschen Stil zu etablieren, nachdem sie sich in der Vergangenheit meist auf spezifische Qualifizierungsmaßnahmen in Kombination mit unstrukturiertem Lernen am Arbeitsplatz verlassen hat. Das Handwerk kann daher gerade in spezialisierten Bereichen wie dem Werkzeug- und Formenbau eine Herausforderung darstellen. Menschen sind ausreichend verfügbar, aber die Beurteilung ihrer Qualifikationen erfordert eine gewisse Sorgfalt.

Erfahrene, kompetente Manager und Führungskräfte sind jederzeit verfügbar und in der Lage, eine mexikanische Einrichtung auch ohne einen ausländischen „Expatriate“-Manager vor Ort zu leiten.

Das Einstiegspersonal ist immer am einfachsten zu finden, während erfahrene Mitarbeiter in der Regel weniger mobil sind und es schwieriger ist, sie in kurzer Zeit zu rekrutieren.

Welche Fördermöglichkeiten gibt es?

David McQueen: Die mexikanische Regierung bietet ausländischen Firmen eine spezielle Rechtsform, die es ermöglicht, Einkommenssteuern für vier Jahre zu vermeiden.  Exportierende Unternehmen können zudem die Mehrwertsteuer vermeiden.

Abhängig vom Bundesstaat und der Höhe der Investition können Anreize unter anderem subventioniertes Bauland (in der Regel unversorgt), Unterstützung bei der Ausbildung und Unterstützung bei den Anlaufkosten umfassen. In einigen Fällen kann es zu einer teilweisen Befreiung von Eigentums- oder staatlichen Lohnsteuern kommen. 

Die am meisten genutzten und am einfachsten zu erlangenden Anreize sind die allgemeine und berufliche Bildung. Der Gesamtwert der Incentive-Angebote ist in der Regel nicht groß, es sei denn, die Investition und Beschäftigung durch den Investor ist erheblich.

Außerdem können europäische Unternehmen auch für EU-Fördermittel für Ausbildungs- und Infrastrukturinvestitionen in Mexiko in Betracht kommen.

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