Innovation des deutschen Mittelstands

Andreas Mühlbauer,

Mehr Mut, Offenheit und Experimentierfreude

Deutschland ist innovativ – aber möglicherweise nicht innovativ genug, um mit einer sich immer schneller verändernden Welt Schritt zu halten. Diese Einschätzung vertritt Prof. Wilhelm Bauer. Der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO fordert von deutschen Unternehmen größere Innovationsanstrengungen sowie mehr Offenheit und Bereitschaft zur Kollaboration. Von Bernd Müller

Professor Wilhelm Bauer ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO und Mitglied des Technologiebeirats von Lapp. © Fraunhofer IAO

Die Welt verändert sich rasant. E-Mobilität, Digitalisierung, künstliche Intelligenz – was heute Gewissheit ist, kann morgen schon von Gestern sein. Das kommt uns nicht nur so vor, Zukunftsforscher bestätigen es: Das Tempo der technologischen Veränderung nimmt exponentiell zu, während die Anpassungsfähigkeit von uns Menschen, von Unternehmen und von Gesellschaften damit nicht Schritt hält. Innovationsforscher fordern deshalb: Wir müssen schneller werden – schneller lernen, uns schneller anpassen.

Innovatorenquote rückläufig

Nur wie? Innovationsindikatoren deuten darauf hin, dass wir uns gerade in Deutschland schwer tun mit Veränderung. Auf den ersten Blick sieht die Lage recht gut aus. Deutschland gehört zwar nicht zu den Innovationsführern in Europa – das sind Schweiz, Schweden und Dänemark – aber mit Rang sieben gehört Deutschland zu den starken Innovatoren. Schaut man genauer hin, differenziert sich das Bild.

Für die gute Platzierung Deutschlands sorgen überwiegend die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten der Großunternehmen und der großen Mittelständler, kleine und mittlere Unternehmen sind weit abgeschlagen. Während Großunternehmen ihre Innovationsausgaben von 90 Milliarden Euro aus dem Jahr 2006 auf voraussichtlich 149 Milliarden Euro in diesem Jahr steigern, stagnieren die Ausgaben von KMUs und werden in diesem Jahr mit voraussichtlich 26,8 Milliarden Euro sogar leicht rückläufig sein.

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Die Innovatorenquote – das ist der Anteil der Unternehmen, die Produkt- oder Prozessinnovationen eingeführt haben – ist in Deutschland seit Jahren rückläufig – sowohl für KMUs als auch für Großunternehmen. Die Botschaft dieses Befunds: Viele Unternehmen in Deutschland, vor allem kleine und mittlere Betriebe, sind vermutlich nicht innovativ genug, um den beschleunigten Wandel zu bewältigen. Das birgt Sprengstoff. Denn immer wieder wird betont, dass gerade die KMUs das Rückgrat des Erfolgs der deutschen Wirtschaft ausmachen.

Kooperation für das Next Big Thing

Die positive Nachricht: Die digitale Transformation hilft den Unternehmen, die Herausforderungen zu bewältigen. Die Digitalisierung ist nicht das Problem, sie ist vielmehr Teil der Lösung. Sie hilft, Prozesse zu verschlanken, zu beschleunigen und ganz neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Auch die Art und Weise, wie Unternehmen innovieren, wird sich verändern müssen. „Das Next Big Thing wird nicht in einer abgeschotteten Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines einzelnen Unternehmens oder gar in einer Garage entwickelt“, versichert Prof. Wilhelm Bauer, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO. Die Fähigkeit sich zu öffnen, zu kooperieren und Wissen zu teilen, verspreche mehr Erfolg als frühere Strategien, mit denen Unternehmen die Komplexität reduzierten, indem sie sich auf ein schmales Produktsegment spezialisierten. „Die Gestaltung von Wertschöpfungspartnerschaften und die Integration des Unternehmens in ein digitales Ökosystem entscheiden zukünftig über den Unternehmenserfolg“, sagt Bauer.

Vorbild Lego

Dabei könne man durchaus von Firmen wie Lego oder Pringles lernen. Der dänische Spielwarenhersteller betreibt mit Lego Ideas eine Online-Plattform, auf der Fans eigene Ideen präsentieren oder an Wettbewerben teilnehmen können. Die besten Ideen kommen in die Spielwarenläden, die Erfinder werden an den Einnahmen beteiligt. Und Pringles hat mit einer Bäckerei im italienischen Bologna Kartoffelchips entwickelt, die sich mit individuellen Werbebotschaften bedrucken lassen.

Die Beispiele zeigen: Wer kooperiert, hat bessere Ideen und kann neue Geschäftsmodelle entwickeln, bevor andere darauf kommen – „Not invented here“ ist out. Das Familienunternehmen Lapp sei in dieser Hinsicht gut aufgestellt, lobt Wilhelm Bauer, der als Mitglied des Technologiebeirats von Lapp einen guten Einblick in das Innovationsgeschehen des Unternehmens hat.

Im Technologiebeirat tauscht sich der oberste Führungskreis des Unternehmens mit führenden Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen viermal im Jahr über Technologietrends aus. Die Mitglieder besuchen Unternehmen oder Forschungseinrichtungen und erarbeiten gemeinsam die Technologiestrategie von Lapp. Der Spezialist für integrierte Verbindungssysteme arbeitet darüber hinaus mit Innovationsexperten wie Launchlabs zusammen – und natürlich mit Kunden, um neue Produkte oder Dienstleistungen für neue Anwendungen zu entwickeln.

Erfolgsbeispiel intelligente Kabeltrommel

Ein gelungenes Beispiel für eine Kooperation über Unternehmensgrenzen hinweg ist für den Innovationsexperten die intelligente Kabeltrommel, die Lapp zusammen mit Schildknecht  entwickelt hat. Ein mechatronisches Modul zählt die Umdrehungen beim Abspulen des Kabels, eine Software berechnet daraus, wie viel Kabelrest noch auf der Trommel ist. Die Daten werden mit einem Funkmodul von Schildknecht in die Cloud und an Lapp oder ins Unternehmensnetzwerk des Kunden übermittelt. Die Software kann automatisch eine neue Trommel ordern, wenn der Bestand auf der alten einen bestimmten Grenzwert unterschreitet. Der Kunde reduziert so den Lagerbestand, auch ein Diebstahlschutz mittels GPS-Ortung ist möglich. Lapp denkt auch über ganz neue Geschäftsmodelle nach wie Pay per Use, also die laufende Abrechnung nach dem tatsächlichen Kabelverbrauch.

Solche Innovationen möchte Lapp mit der neuen agilen Strategie der transformativen Innovation fördern. Sie setzt auf das Innovieren in kleinen, iterativen Schritten. Dabei ist Scheitern kein Beinbruch, sondern liefert wertvolle Erkenntnisse für den nächsten Innovationsschritt. „Versuch macht klug“, sagt Wilhelm Bauer. Der Fraunhofer-Forscher fordert von deutschen Unternehmen mehr Mut zum Experimentieren. Die Voraussetzungen dazu seien gut wie nie: Crowdfunding liefert die notwendigen Mittel, Open-Innovation-Plattformen bringen Ideen und Unternehmen zusammen.

Chancen ergreifen. Jetzt

Vier Voraussetzungen nennt der IAO-Leiter für eine erfolgreiche Transformation:

  • Transformation des industriellen Kerns auf Basis bestehender Stärken

  • Adressierung gesellschaftlicher Herausforderungen in Forschung und Entwicklung

  • Offenes und agiles Innovationsmanagement, das der zunehmenden Innovationsdynamik gerecht wird

  • Eine Politik, die sich der Herausforderung annimmt, Akteure integriert und den Wandel aktiv gestaltet.

„Deutschland kann die Chancen des technologischen Wandels ergreifen“, davon ist Bauer überzeugt. Lapp gehöre zu den ermutigenden Vorzeigebeispielen, die sich den Herausforderungen stellen und bereits große Schritte in die Zukunft gemacht haben.

Bernd Müller, freier Journalist für Lapp

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