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Artikel und Hintergründe zum Thema

Wortwechsel

„Die Maschinenhersteller gehören in den Fahrersitz“

Von Schlagworten hält Dr. Karl Tragl, Vorstandsvorsitzender der Bosch Rexroth AG, nichts. Warum er das Thema Industrie 4.0 dennoch nicht nur für einen Hype, sondern für eine ernstzunehmende Entwicklung hält, erklärt er im Gespräch mit SCOPE-Redakteur Johannes Gillar.
Dr. Karl Tragl

SCOPE: Wie beurteilen Sie das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 der Bundesregierung?

Dr. Karl Tragl: Lösen wir uns zuerst einmal von den Schlagworten, die so ein Thema begleiten. Um was geht es denn konkret? Um Vernetzung. Wir haben alle den Siegeszug des Internets erlebt, und auch in anderen Bereichen wie Mobilität oder Gesundheit gewinnt Vernetzung einen immer höheren Stellenwert. Für die Industrie kann mit der Vernetzung ein alter Traum wahr werden: nämlich Losgröße 1 wirtschaftlich herzustellen. Ein entscheidender Schritt auf diesem Weg ist schon getan, denn Maschinenhersteller verlagern seit Jahren immer mehr Funktionalitäten in die Software.

SCOPE: Wenn man mit Anwendern in den Unternehmen spricht, haben sie ganz andere Sorgen als das Thema Industrie 4.0. Da gewinnt man den Eindruck, dass es sich dabei um ein Hype-Thema handelt. Wie sehen Sie das?

Dr. Tragl: Nein, ich denke nicht, dass es sich um einen Hype handelt. Wir glauben fest an diesen Trend. Durch die Vernetzung können wir nicht nur eine Dimension optimieren, sondern mehrere gleichzeitig. Wir sind schon früh in das Thema eingestiegen, etwa mit Softwarefunktionen, mit denen Maschinenhersteller und Anwender Energieeffizienz und Taktzeit optimieren. Wir haben immer einen Blick auf das gesamte System mit den Themen Energieeffizienz, Maschinensicherheit oder Flexibilität bei gleichzeitiger Steigerung der Wirtschaftlichkeit. Wir zeigen mit verschiedensten Produkten und Anwendungen, dass solche mehrdimensionalen Verbesserungen gleichzeitig möglich sind.

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Ein Beispiel dafür ist die ‚Energieeffiziente Fabrik für interdisziplinäre Technologie- und Anwendungsforschung, kurz eta-Fabrik‘ an der Universität Darmstadt. Wir engagieren uns hier und steuern unsere Anwendungserfahrung, Ausrüstung, die technologieübergreifende Systematik Rexroth 4EE sowie Entwicklungskapazitäten bei. Experten glauben, dass sich in der industriellen Fertigung künftig bis zu 40 Prozent Energie einsparen lassen. Um das zu belegen, optimieren die Forscher die Energieeffizienz der eta-Fabrik – unter anderem am Beispiel einer mehrstufigen Fertigung eines unserer Serienbauteile.

SCOPE: Bei Industrie 4.0 geht es ja um die Vernetzung der Produktionsabläufe. Bisher wird die Verknüpfung von IT und Automatisierung meist von IT-Experten vorangetrieben. Müssten Maschinenhersteller und Automatisierer wie Bosch Rexroth dieses Thema nicht aktiver mitgestalten?

Dr. Tragl: Für die Vernetzung muss ein Dreiklang aus IT-Welt, Automatisierern und Maschinenhersteller zusammenspielen. Aber, und das ist auch immer wieder meine Aussage, gehören die Maschinenhersteller in den Fahrersitz. Denn sie kennen die Anwendung und ihren Prozess am besten. Wenn dann die IT und die Automatisierer mit ihrem Know-how den Maschinenherstellern ermöglichen, ihre Ideen und ihre Erfahrung aus dem Feld in Lösungen umzusetzen, dann entsteht aus der Vernetzung dieser drei Parteien ein Ideenschub. Wir stehen hier in den Startlöchern und sind davon überzeugt, dass viele Maschinenhersteller aufspringen werden.

SCOPE: Welche Hürden müssen übersprungen werden, um die Ideen auch in der Praxis zu verwirklichen?

Dr. Tragl: Die größte Hürde ist neben der technischen Umsetzung sicherlich das Überwinden bekannter Denkmuster: Sicherheitsdenken, die Isolation des eigenen Know-hows oder die Scheu davor, mit anderen Firmen zu kooperieren. Dabei sind Entwicklungspartnerschaften, in denen mehrere Unternehmen neue Lösungen für eine integrierte Industrie entwickeln, ein Pool für innovative Ideen. Das heißt, man muss die gedanklichen Barrieren überspringen und die eigenen Silos verlassen.

Konkret bedeutet das, sich von der reinen Lehre - ich bin ITler, Automatisierer oder Maschinenhersteller - abzuwenden und eine Mischung aus verschiedenen Fachrichtungen zuzulassen und zu fördern.

Ein Beispiel dafür ist unsere Kooperation mit Trumpf. Wir haben zusammen eine überlagerte Achse entwickelt. Diese Achse ist eine Mischung aus Maschinenbau, Mechatronik und Elektrik, deren Funktionalität auf zwei Steuerungen verteilt ist. Die erste schnelle Anfahrbewegung macht die Steuerung, die Feinbewegung erledigt die Software im Antrieb. Durch die Vernetzung dieser beiden Funktionen optimiert Trumpf Kosten, Genauigkeit und Energieeffizienz. Ein weiteres Beispiel, ist die Zusammenarbeit mit MAE. Mit dem Pressenhersteller haben wir einen Prototyp entwickelt, der bei höherer Produktivität den Energieverbrauch der Presse deutlich senkt. Dazu setzt MAE unseren drehzahlvariablen Pumpenantrieb Sytronix ein. Dort haben wir übrigens hydraulische geregelte Funktionen in die Software des Antriebs integriert. Eine weitere wichtige Grundlage sind offene Standards. Wir sind Befürworter und Nutzer offener Standards, denn nur so können wir optimale Lösungen für und mit den Kunden realisieren. Daher unterstützen wir mit unseren Produkten und in unserer Arbeitsweise diesen Ansatz der Kommunikations- oder der Programmierebene.

SCOPE: Welche Innovationen hat Bosch Rexroth für die integrierte Industrie zu bieten?

Dr. Tragl: Eine wichtige Neuerung ist Open Core Engineering. Für das Konzept haben wir den Hermes Award 2013 erhalten. Für uns eine große Ehre und eine tolle Bestätigung, denn der Preis zeichnete in diesem Jahr weniger ein Produkt sondern eine Philosophie aus. Eine grundlegende Idee, die nötig ist, um eine Industrie nachhaltig zu verändern. Vernetzung ist nur dann sinnvoll und produktiv, wenn sich viele Nutzer beteiligen. Und um viele Anwender einzubinden, muss man Vielfalt managen können: unterschiedliche Geräte, Programmiersprachen und Anwendungen.

Ein richtiger Mehrwert entsteht dann, wenn, viele Fachleute ihr Know-how einbringen: die Servicetechniker des Maschinenherstellers und die Maschinenführer des Endkunden sowie die Entwickler des Steuerungskerns bis hin zu Studenten, die wissenschaftlich arbeiten. Nur so werden neue Dinge entwickelt. Und das geht nur, wenn alle die gleiche „Sprache“ sprechen und dafür braucht man offene Standards. Das Open Core Interface ist dafür eine wichtige Basis. Der Maschinenhersteller kann direkt auf den Steuerungskern zugreifen und so zusätzliche, individuelle Zusatzfunktionen in der Steuerung realisieren. Und das in nahezu jeder gängigen Programmiersprache. Damit schlägt Open Core Engineering auf Basis dieses Interfaces eine Brücke zwischen der SPS- und der IT-Welt. Das ermöglicht auch die Einbindung von Smart Devices in die Bedienkonzepte von Maschinen. Das ist eine wesentliche Innovation.

SCOPE: Experten behaupten, dass intelligente Werkstücke in Zukunft der Maschine sagen, was mit ihnen gemacht werden soll. Das hört sich doch schwer nach Science Fiction an oder glauben Sie, dass dies bald Realität sein wird?

Dr. Tragl: Ich denke schon, allerdings würde ich das Bild etwas anders beschreiben. Es ist weniger das Werkstück, das der Maschine sagt, was passieren soll, sondern es ist ein dezentraler Verbund von Intelligenz – also Steuerungen –, der Informationen ohne menschliche Eingriffe austauscht. Letztendlich identifiziert sich das Werkstück nur und ermöglicht damit der Steuerung optimal zu reagieren. Auch hierfür ein Beispiel: Bei Bosch Rexroth gibt es Pilotanwendungen, bei denen ein Werkstück einer Steuerung meldet, ob es groß oder klein ist. Die Steuerung kann dann entscheiden, bis zu welchem Abstand der Maschinenprozess schnell ranfährt und ab welchem man abbremst und langsamer fährt. Das heißt, das Werkstück identifiziert sich über Technologien wie RFID, und die Steuerung mit dem Wissen über Werkstück und Kontext kann sich dann für die optimale Bearbeitung entscheiden. Diese Entwicklung ist kein Science Fiction, sondern schon greifbar.

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