Zukunft des Mittelstands

„Akzeptanz ist das Zauberwort“

Zukunftsstrategien und Megatrends sind sein Metier. Klaus Burmeister ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Z-Punkt und verantwortet Innovations- und Foresight-Prozesse für namhafte Unternehmen. Im Interview mit Chefredakteur Hajo Stotz spricht er anläßlich des SCOPE-Jubiläums über mittel- und langfristige Strategien für Unternehmen.

SCOPE: Herr Burmeister, 1981 behauptete der Boss eines aufstrebenden IT-Unternehmens: mehr als 640 kb Arbeitsspeicher braucht kein Mensch in seinem PC. Bill Gates hat sich geirrt - aber dennoch durchschlagenden Erfolg. Wozu benötigt ein Unternehmen denn dann einen Zukunftsforscher?

Burmeister: Zukunftsprognosen à la Gates, da hat die Zukunftsforschung seit ´81 gelernt, verheißen eine trügerische Sicherheit. Zukünftige Entwicklungen sind durch Unsicherheiten geprägt. Wir leuchten deshalb den Möglichkeitsraum mit in sich schlüssigen und konsistenten Zukunftsbildern aus. Das Denken in Alternativen, dass haben viele Unternehmen erkannt, hilft bei der Navigation in turbulenten Zeiten.

SCOPE: Der griechische Philosoph Perikles sagte, "Es ist nicht unsere Aufgabe, die Zukunft vorherzusagen, sondern gut auf sie vorbereitet zu sein." Auf welche globalen Entwicklungen und Veränderungen muss sich die deutsche Fertigungsindustrie vorbereiten?

Burmeister: Das ist wohl wahr. Z Punkt stellt deshalb mit dem Set von 20 Megatrends ein Werkzeug bereit, dass es erlaubt, langfristige Veränderungen zu erkennen und für das eigene Unternehmen nutzbar zu machen. Mit Hilfe einer Megatrendanalyse können beispielsweise zukünftige Kundenanforderungen oder Innovationsfelder im Bereich von Mobilität, Gesundheit oder Bauen und Wohnen analysiert werden. Dabei bleibt es nicht stehen, sondern auf dieser Grundlage werden Ableitungen bis auf die Produktebene getroffen.

SCOPE: Themen wie Energieeffizienz, CO2-Ausstoss, Klimaschutz und Alternative Energien gewinnen, zumal nach Fukushima, rasant an Bedeutung. Verändern sich damit auch Märkte und Geschäftsmodelle?

Burmeister: Kein Unternehmen wird zukünftig den Nachhaltigkeitsaspekt unberücksichtigt lassen können. Nicht aus Gutmenschentum, sondern weil es sich rechnet. Nachhaltige Zukunftsmärkte bilden zukünftig den Kern der deutschen Wirtschaft, von Energie über Mobilität und Ernährungen und bis zu Handel und Finanzen.

SCOPE: Die deutsche Industrie, speziell auch der Mittelstand, ist stolz auf ihre starke Innovationskraft. Doch Märkte und Ansprüche ändern sich. Was muss sich in Sachen Innovationskultur in Deutschland tun, damit wir weiterhin an der Spitze mithalten können?

Burmeister: Die ingenieurgetriebene deutschen Unternehmen werden lernen, dass technische Neuerungen nur dann erfolgreich sind, wenn sie begleitet werden von sozialen und organisatorischen Innovationen. Akzeptanz ist das Sauberwort. Die frühzeitige Einbindung von Kunden, Lieferanten oder auch der Öffentlichkeit ist dafür eine wesentliche Voraussetzung. Wir brauchen weiterhin gesellschaftlich akzeptierte Zielsetzungen und Visionen. Die anstehende "Energiewende" könnte der Einstieg in eine überfällige Innovationskultur sein, die u.a. junge Menschen begeistert und die in beteiligungsorientierten Modellprojekten zeigt, eben nicht wie bei Stuttgart 21, wie z. B. zukunftsfähige Mobilitätslösungen in der Praxis funktionieren.

SCOPE: Heute kommt ein großer Teil der Innovationen aus dem Mittelstand. Werden kleine und mittelständische Unternehmen den Innovationsmotor durch ihre Kundennähe weiter beschleunigen können oder werden zukünftig global forschende Konzerne eine größere Rolle spielen?

Burmeister: Der Mittelstand ist innovativ. Das wird aber nicht reichen. Er wird verstärkt wechselnde Kooperationen eingehen müssen, sowohl mit mittleren und auch großen Unternehmen, mit Forschungseinrichtungen und mit Kunden. Technologiekonvergenz ist dabei ein wichtiger Treiber. Entscheidend wird es sein, sich dem Kunden gegenüber als innovativer Kompetenz- und Lösungspartner zu zeigen.

SCOPE: Welche Rolle spielt Zukunftsforschung für KMUs heute bereits? Zählen die zu Ihren Kunden?

Burmeister: KMUs haben erkannt, dass der Blick über den Tellerrand immer wichtiger wird. Dies haben wir in der empirischen Studie ¿Foresight im Mittelstand¿ für das BMFT nachgewiesen. Mehr noch, wir konnten zeigen, die Unternehmen, die Corporate Foresight in der Praxis einsetzen, waren innovativer und erfolgreicher. Wir haben immer mehr Kunden auf dem Mittelstand und können ihnen maßgeschneiderte und vor allem praxisnahe Lösungen anbieten.

SCOPE: Den Deutschen wird eine zunehmende Technikfeindlichkeit nachgesagt. Gibt es Faktoren, die ein Unternehmen bei der Entwicklung neuer Produkte neben Funktionalität und Design zukünftig berücksichtigen muss, um etwa wie beim iPhone erst gar keine Sinndiskussion aufkommen zu lassen?

Burmeister: Ich kann es nicht mehr hören. Deutschland ist nicht per se technikfeindlich! Der Siegeszug von Internet, Mobilfunk und Web 2.0 zeigt doch, wie rasant und grundlegend sich ein radikaler Wandel unser Arbeits-, Kommunikations- und Interaktionsformen auch in Deutschland vollziehen kann. Was lehrt uns das? Dreierlei, erstens müssen technische Lösungen und Produkte für den Kunden einen erkennbaren Nutzen bieten, zweitens will der Kunde informiert und beteiligt werden und drittens will er den gesellschaftlichen Sinn erkennen. Das Internet stand eben nicht für Microsoft oder Apple, sondern für einen gerechten Zugang zu Wissen und Teilhabe.

SCOPE: Die Stärke der deutschen Industrie ruht besonders auf "klassischen" Branchen, wie Anlagen- und Maschinenbau, Automotive, Elektro, Pharma und Chemie. Werden diese Standbeine auch zukünftig ausreichen, um den Wohlstand zu sichern?

Burmeister: Die Standbeine bleiben, aber zukünftig werden nicht mehr Branchenstrukturen dominieren, sondern Lösungsindustrien. Zukunftsmärkte entstehen an den Schnittstellen zwischen z. B. Pharma, Ernährung und IT oder Energie, Automotiv und IT. Gestatten sie mir einen kurzen Ausblick. Business Ökosysteme, wie wir sagen, werden entstehen. Dort werden in flexiblen Projektarbeitsstrukturen innovative Lösungen entwickelt, eingebunden in einer gestaltungsoffenen Innovationskultur und begleitet von intelligenten Formen der Regulierungen und Beteiligung.

SCOPE: Und sehen Sie Chancen, dass daneben zukünftig auch "moderne" Industrien in Deutschland an Bedeutung gewinnen?

Burmeister: Ja, wenn wir die Zeichen des Wandels erkennen und gestalten.

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