Verbindungs- und Klebetechnik (Thomafluid-Handbuch III)

„Auf gleicher Augenhöhe reden“

SCOPE: Viele Unternehmen orientieren sich heute am Shareholder Value und an finanzwirtschaftlichen Kennzahlen. Das wirkt sich auf die Führungssysteme aus. Bleiben ethische Prinzipien dabei auf der Strecke?

Reichelt: Erfolgreich zu sein und Gewinne zu erwirtschaften, bietet erst die Voraussetzung dafür, dass Unternehmen ihren ethischen Verpflichtungen nachkommen können. Allerdings kann man ethisches Verhalten nicht verordnen, sondern die Firmenleitung muss es vorleben.

SCOPE: Wie kann das praktisch funktionieren?

Reichelt: Führungsqualität muss sich durch unternehmerisches Können, visionäre Weitsicht und Orientierung stiftendes Handeln manifestieren. Die höchsten Güter im Unternehmen sind in ökonomischer Funktionalität und menschlicher Geborgenheit zu sehen. Stimmen diese Parameter, lässt sich Identifikation initiieren und eine nachhaltige Firmenkultur organisieren.

SCOPE: Was macht Sie da so sicher?

Reichelt: Eine Studie der Psychonomics AG im Auftrag des Bundesarbeitsmininisteriums belegt, dass deutsche Unternehmen das Potenzial ihrer Mitarbeiter nicht genug nutzen und so ihren Erfolg schmälern. „30 Prozent des finanziellen Unternehmenserfolges hängt davon ab, ob die Beschäftigten mit ihrer Arbeit zufrieden sind“, heißt es da. Die Studie zeigt, dass das Engagement der Beschäftigten den Erfolg des Unternehmens überproportional beeinflusst. Stolz auf die Firma und Identifikation hängen zusammen mit der Firmenkultur und damit auch mit ethischen Ansprüchen des Unternehmens. Firmen, die eine vorbildliche Unternehmenskultur leben, haben die geringste Fluktuation, kennen kein Mobbing, kommen mit den Mitarbeitern in Finanzfragen stets zum fairen Ausgleich und können sich auf breite Loyalität verlassen.

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SCOPE: Und Unternehmen, die hier Defizite sehen, wie können die ihre Situation verbessern?

Reichelt: Alle Beteiligten – gleich welchen Ranges – müssen miteinander reden, um letztlich im Einklang handeln zu können. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Kommunikation stets auf gleicher Augenhöhe erfolgt und dem Gegenüber bekundet wird, dass seine Autonomie, seine Unabhängigkeit, ja seine Entscheidungsfreiheit im Unternehmen nicht angetastet und voll anerkannt werden.

SCOPE: Sollten ethische Überlegungen beim Standortwechsel von Unternehmen eine Rolle spielen?

Reichelt: Dazu fällt mir spontan die Nokia-Misere vom Anfang dieses Jahres ein. Da war überall viel von Dankbarkeit die Rede. Der skandinavische Handy-Hersteller, so die Vorwürfe, hätte für die Millionenhilfe von Land und Bund doch dankbar zu sein. Den Umzug nach Rumänien empfanden viele Beschäftigte, die Öffentlichkeit sowie die Politiker als Treuebruch. Doch bei Finanzspritzen des Staates ist es eben wie bei Geschenken im Privatleben. Man kann zwar immer Dankbarkeit erwarten, aber verlangen kann man sie em Ende nicht. Ethische Maßstäbe spielen bei solchen Standortentscheidungen leider selten eine Rolle. Im Vordergrund steht da immer die Gewinnmaximierung, was mit Ethik nun wirklich nichts zu tun hat. Und konstatieren muss man außerdem, dass staatliche Subventionen alleine fast nie Arbeitsplätze wirklich langfristig erhalten, wenn die Rahmenbedingungen nach Ansicht der Unternehmung nicht stimmen.

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