Interview mit Eddie Goodwin, Enterprise Ireland

„Voneinander lernen ist erfolgsentscheidend“

Seit 1998 unterstützt die staatliche irische Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit, Enterprise Ireland, irische Unternehmen bei der Entwicklung und Pflege wirtschaftlicher Kontakte weltweit.

Eddie Goodwin, Manager DACH bei Enterprise Ireland. (Bild: Enterprise Ireland)

Dabei spielt Deutschland eine wichtige Rolle als drittgrößter Handelspartner Irlands. Andreas Mühlbauer sprach mit Eddie Goodwin, Manager für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Enterprise Ireland, über die wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder und die Auswirkungen des Brexit auf die irische Wirtschaft.

SCOPE: Mr. Goodwin, nachdem die irische Wirtschaft im Zuge der Finanzkrise einen starken Einbruch in den Jahren 2009 und 2010 verkraften musste, geht es seit 2012 stetig solide bergauf. Das gilt nicht nur für das Bruttoinlandsprodukt, bei dem sich insbesondere in Irland auch Finanz- und Investitionseffekte bemerkbar machen, sondern auch für die reale Wirtschaft vor Ort, widergespiegelt im so genannten Bruttonationalprodukt. Auch die Arbeitslosenquote sinkt. Wie kam es zu dieser positiven Entwicklung?

Goodwin: Irland hat aus den Erfahrungen und Fehlern der Jahre, in denen die irische Wirtschaft gekämpft hat, gelernt. Die Wirtschaft ist stark vom Export abhängig, da der eigene Markt klein ist. Irland war schon immer in Bezug auf den Handel nach außen gerichtet. Daher mussten irische Unternehmen über den eigenen Tellerrand hinausschauen und ihre Kompetenz auf internationalen Märkten unter Beweis stellen. Man muss bedenken, dass 1962, als Irland sein erstes Handelsbüro in Deutschland eröffnete, der Wert der irischen Exporte 7 Millionen Pounds (8 Millionen Euro) betrug und der Wert des Handels zwischen den Ländern heute 15 Milliarden Euro beträgt - darunter irische Exporte nach Deutschland im Wert von 8 Milliarden Euro. Heute sind es Chemikalien, Elektronik und medizinische Geräte, die zeigen, wie wettbewerbsfähig innovative irische Unternehmen in einer Reihe von Branchen bereits geworden sind.

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Große Unternehmen aus der ganzen Welt spielen eine wichtige Rolle in der irischen Wirtschaft und das ist international anerkannt. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass kleine und mittlere Unternehmen ebenso bedeutend sind. Tatsächlich sind in Irland mehr Menschen in KMU beschäftigt als in multinationalen Unternehmen. Außerdem bringen sie Arbeitsplätze in alle Regionen Irlands. Ihre Innovationskraft, Anpassungsfähigkeit und Exportfähigkeit haben wesentlich dazu beigetragen, dass Irland in den vergangenen Jahren schnell wieder auf die Beine kommen konnte und über 200.000 Arbeitsplätze geschaffen wurden.

SCOPE: Welchen Stellenwert messen Sie Deutschland als Wirtschaftspartner für Irland bei, und in welchen Branchen findet ein besonders reger Austausch statt?

Goodwin: Deutschland ist nach Großbritannien und den USA der drittgrößte Exportpartner Irlands und damit ein sehr wichtiger Wirtschaftspartner. Allein 2017 wurden Waren im Wert von 8 Milliarden Euro nach Deutschland exportiert.

Wir sehen den Handel jedoch sehr stark als eine Zwei-Wege-Straße zum gegenseitigen Nutzen. Es gibt viele deutsche Unternehmen, die sich in Irland niedergelassen haben. Gleichzeitig etablieren sich viele irische Unternehmen in Deutschland. Rund 12.000 Iren sind bei deutschen Unternehmen beschäftigt. Und 14.000 Deutsche arbeiten für irische Unternehmen in Deutschland. Diese Zusammenarbeit ist für beide Seiten äußerst wichtig. So können sowohl Deutschland als auch Irland das Beste aus der Entwicklung herausholen ­– vor allem, wenn es um den Austausch von Wissen und Erfahrungen geht. Das können wir in den Bereichen Maschinenbau, Bau- und Landtechnik, aber auch bei Software-Dienstleistungen gut beobachten.

Ein Paradebeispiel im Maschinenbau ist Burnside Eurocyl, die die deutsche Bauindustrie mit Hydraulikzylindertechnik beliefern. Ein weiteres Unternehmen, das mit gutem Beispiel in der Medizintechnik vorangeht, ist Aerogen. Das Unternehmen ist in Düsseldorf tätig und beliefert die deutsche Gesundheitswirtschaft mit Atemtechnik.

SCOPE: Welche Rolle spielt Enterprise Ireland bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit?

Goodwin: Enterprise Ireland fungiert für deutsche Unternehmen als Fenster zu Innovation und Industrie in Irland und unterstützt irische Unternehmen bei der Suche nach Partnern und Kunden. Kurzum, wir bringen deutsche und irische Unternehmen zusammen, um Partnerschaftsmöglichkeiten zum gegenseitigen Nutzen zu schaffen. Denn Kooperation und aktiver Wissensaustausch sind für beide Länder entscheidend für den Erfolg. Grundlage ist das seit vielen Jahren bestehende gute Verhältnis zwischen den beiden Ländern. Wir unterstützen irische Unternehmen bei der Identifizierung der relevanten Branchen und Unternehmen in Deutschland und stellen den Kontakt her. Wir bieten unseren irischen Unternehmen Zugang zu unserem Netzwerk, entwickeln gemeinsam Marktpläne und vermitteln Einführungen zwischen deutschen und irischen Unternehmen. Derzeit zählen 500 Unternehmen aus verschiedenen Branchen auf unsere Unterstützung im deutschen Markt.

SCOPE: In welchen Branchen sieht Enterprise Ireland das größte Potenzial für Start-Ups, und in welcher Form unterstützen Sie diese?

Goodwin: In Irland unterstützen wir jedes Jahr über 200 Start-Ups aus verschiedenen Branchen. Unser Leistungsspektrum ist sehr umfassend, von der Finanzierung über den Support des Managements bis hin zur Einführung in globale Märkte. Viele unserer Kunden sagen, dass die Mittel, die sie von Enterprise Ireland erhalten haben, zwar hilfreich waren, sich die nicht-finanzielle Unterstützung jedoch als noch wertvoller erwiesen hat. Dazu gehört zum Beispiel, Experten, Einkäufer und potenzielle Kunden an die Unternehmen heranzuführen. Besonders spannend in Irland sind Start-Ups aus den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnologien und Medizintechnik, da sie in kürzester Zeit sehr stark gewachsen sind. Bei unserer Unterstützung achten wir jedoch nicht darauf, aus welchen Bereichen die Start-Ups kommen, sondern prüfen ihr Innovationspotenzial. Dafür haben wir sogar ein eigenes Programm, für das wir sogenannte „High Potential Start-Ups“ auswählen. Hierbei handelt es sich um international ausgerichtete Unternehmen mit einem Umsatzpotenzial von mindestens einer Million Euro innerhalb von drei bis vier Jahren nach ihrer Gründung. Während der ersten achtzehn Monate arbeiten wir mit ihnen zusammen, um ihre Dienstleistungen und Produkte zu validieren, das Management zu unterstützen und sie auf internationales Wachstum vorzubereiten.

SCOPE: Alle reden vom Brexit. Sie auch? Worauf muss sich Irland in der Zusammenarbeit mit seinem zweitgrößten Handelspartner Großbritannien einstellen, und wie lassen sich die damit verbundenen Schwierigkeiten meistern?

Goodwin: Natürlich ist der Brexit auch für uns ein großes Thema. Die gesamte Brexit-Situation stellt uns in vielen Bereichen vor Herausforderungen und bringt zahlreiche Überlegungen mit sich. Als Irlands direkter Nachbar und wichtiger Handelspartner ist Großbritannien traditionell die erste Adresse. Zwischen Irland und Großbritannien werden wöchentlich Waren im Wert von zwei Milliarden Euro gehandelt. Einige lokale Unternehmen sind bis zu einem gewissen Grad von Großbritannien abhängig. In den vergangenen Jahren wurde diese Abhängigkeit bereits schrittweise reduziert – nicht zuletzt durch Partnerschaften mit anderen Ländern wie Deutschland.

Die irische Regierung hat erst kürzlich einen Brexit-Fonds in Höhe von 300 Millionen Euro aufgelegt. Er soll Unternehmen unterstützen, die durch den Brexit in Schwierigkeiten geraten könnten. Wir von Enterprise Ireland wollen auch Unternehmen die bestmögliche Dämpfung bieten und haben deshalb eine „Brexit Unit“ gegründet. Diese ist speziell darauf ausgerichtet, unsere Kunden zu schulen und auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Mit einer Brexit Score Card prüfen wir, inwieweit sie betroffen sind. Wir konzentrieren uns derzeit sehr darauf, die Exporte nach Großbritannien zu stabilisieren und gleichzeitig die Unternehmen in andere Märkte zu diversifizieren. Der Euroraum ist für uns das wichtigste Zielgebiet, der deutsche Markt ­­– als die europäische Kraftwerkswirtschaft – der wichtigste Zielmarkt. Wir beraten Unternehmen, welche Märkte für sie geeignet sind und helfen ihnen, Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede zu überwinden.

SCOPE: Wie wird sich dies auf den Handel mit den anderen europäischen Ländern und die Zusammenarbeit der Unternehmen auswirken?


Goodwin: Zum einen wollen wir den Export mit Großbritannien stabilisieren. Andererseits wollen wir auch neue Märkte erobern, um die Marktvielfalt zu gewährleisten. Deshalb ist es gerade jetzt so wichtig, dass die 26 Staaten, die in der EU bleiben, enger und besser denn je zusammenarbeiten.

Unser Ziel ist es, die Exporte in die Eurozone bis 2020 um 50 Prozent zu steigern. Das ist ehrgeizig, aber machbar. Insbesondere die EU bietet aufgrund ihrer logistischen Nähe und der fehlenden Handelsgrenzen viele Vorteile. Irland ist ein vertrauenswürdiger Handelspartner, wenn es um internationale Vorschriften und Gesetze geht. Die Einhaltung von Vorschriften, Normen und Standards ist gerade vor dem Hintergrund des Brexits von immenser Bedeutung. In diesen herausfordernden Zeiten gibt es eine große Chance für die europäischen Partnerländer, voneinander zu lernen, für die Industrie zum gegenseitigen Nutzen.

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