Auftragsfertigung

Eine feste Größe

Das Unternehmen Kinkele besteht seit 1885 und gilt als der größte deutsche Auftragsfertiger. Als verlängerte Werkbank realisiert es für Kunden in über 30 Branchen komplette Großbauteile, komplexe Funktionseinheiten und auch ganze Produktionsanlagen. SCOPE-Redakteur Michael Stöcker stellt die historische Entwicklung des Unternehmens vor.

Blick zurück: Die Aufnahme aus den früher 1980er-Jahren zeigt einen Ausschnitt aus der Kinkele-Fertigung

1885 ist lange her. Deutschland war damals ein imperiales Kaiserreich mit Weltmacht-Visionen und viel Dschingderassabumm. Es war eine Zeit ungebrochenen Fortschrittsglaubens. Ingenieurskunst hatte Hochkonjunktur. Für den jungen Handwerksmeister Stefan Kinkele ist 1885 ein Jahr der Entscheidung: Er gründet in Ochsenfurt einen Schlossereibetrieb – und legt damit den Grundstein für ein Unternehmen, das sich im Laufe seiner Geschichte zum größten deutschen Auftragsfertiger für den Maschinen- und Anlagenbau entwickeln wird. Und zugleich zu einem der beständigsten Familienbetriebe des Landes.

Von Beginn an übernimmt Kinkele technische Auftragsarbeiten für Maschinen-, Apparate- und Stahlbauer. Zu Anfang liegt der Schwerpunkt auf der Herstellung und Reparatur von Kassenschränken und Landmaschinen; später verschiebt er sich Richtung Industrie. Im Jahr 1920 – der Kaiser hat sich aus dem Staub gemacht und Deutschland ist eine krisengeschüttelte Republik – übernimmt Karl Kinkele, einer der beiden Söhne des Gründervaters, die Geschicke der Firma. Auch er dürfte kaum geahnt haben, dass das Unternehmen wider alle historischen Wirrungen und Irrungen zu einem Zulieferer heranwachsen wird, der einmal Kunden in der ganzen Welt mit Maschinen und Aggregaten versorgt.

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Auf Karl folgt 1950 Andreas (Kinkele, versteht sich), der viel Geld in neue Maschinen investiert, und 1975 einen Betrieb zum Bau von Steinbearbeitungsanlagen und Kränen übernimmt. In diesem Jahr tritt auch Friedrich A. Kinkele an die Spitze des Unternehmens. Unter seiner Führung zieht der ganze Betrieb – er hat zu der Zeit 50 Mitarbeiter – ins benachbarte Gewerbegebiet um, von wo aus er sich zu einem leistungsfähigen Industrieunternehmen mit großen Fertigungshallen, 50-t-Kränen und modernen Büros entwickelt. Der neue Firmenchef setzt klare Ziele: Ausrichtung auf Lohn- und Auftragsfertigung mit Konzentration auf Schweißen, Zerspanen, Lackieren und Montieren, 100 Mitarbeiter und 15 Millionen Mark Umsatz. Heute beschäftigt Kinkele 400 Mitarbeiter, hat 70 Auszubildende und erwirtschaftet einen Umsatz von 50 Millionen Euro (2010).

Das Unternehmen hat sich für ganz unterschiedliche Branchen zu einem bedeutenden Zulieferer entwickelt. Ausgestattet mit einer hohen Fertigungstiefe und großen Kapazitäten in den genannten Disziplinen. Geschäftsführer Steffen Schwerd erläutert: „Unsere Kernkompetenz ist die Herstellung großer Bauteile aus Stahl, Edelstahl und Aluminium. Zu unseren Spezialitäten zählen das CNC-Fräsen auf bis zu 22 Meter Länge und das CNC-Drehen von Ringen oder Flanschen mit Durchmessern von bis zu fünf Metern. En gros treten wir bereits ab dem Beschaffungsprozess bzw. dem Einkauf in Aktion, also direkt nach der Konstruktion durch unsere Kunden. Von da an liefern wir Bauteile, Baugruppen, Rumpfanlagen oder komplette Maschinen an jeden gewünschten Ort der Erde.“ Im Bereich Maschinenbau übernimmt Kinkele Herstellung, Montage und Probelauf von Sondermaschinen, Spezialmaschinen, Apparaten, Anlagen und Aggregaten mit Hydraulik und Pneumatik. Dabei handelt es sich häufig um Anlagenunikate. Für die Montage der S-Klasse von Mercedes Benz fertigte das Unternehmen beispielsweise Hub- und Schwenkplattformen. Für Rumpfteile von Airbus (A350) entstehen derzeit Vorrichtungen. Für die Papierindustrie liefert es ganze Anlagen; im Stahlbau realisiert es Schweiß- und Blechkonstruktionen bis zu 50 Tonnen Stückgewicht. Zum Portfolio gehören Stahlwerks- und Gießereieinrichtungen, Verpackungsmaschinen, Vakuumtechnik und Energietechnik sowie Druckereimaschinen und Anlagen für Kunststoffverarbeitung oder Lebensmittelbranche. 80 Prozent der hergestellten Produkte gehen direkt oder über deutsche Auftraggeber ins Ausland. Kinkele muss deshalb viele verschiedene Kundenanforderungen produktionslogistisch und fertigungstechnologisch unter einen Hut bringen. „Das zwingt uns zu großer Flexibilität. Aber darauf sind wir eingestellt. Dabei erachten wir nicht nur die Produktionsmittel als entscheidend, sondern eher das Erfahrungspotenzial unserer gut ausgebildeten Facharbeiter! Das ist eine der großen Stärken unseres Hauses“, sagt Steffen Schwerd:

Es gehört aber auch zum „Schicksal“ eines Auftragsfertigers, dass ihn die Kundschaft nicht in jeder Konjunkturphase auf gleiche Weise einsetzt. Geschäftsführer Schwerd erklärt: „In einer wirtschaftlichen Hoch- oder Boomphase, in der überproportionale Stückzahlen nachgefragt werden, sind es unsere dreischichtigen Produktions- und Fertigungskapazitäten, die gefordert werden. Bei einer Talfahrt setzen uns die Kunden dann oft im Rahmen kompletter Outsourcing-Maßnahmen ein, um ihre eignen Produktionskosten zu reduzieren oder auch komplett schließen können. Und sowohl in einer konjunkturellen Aufschwung- als auch in einer rezessiven Phase schlägt beispielsweise stets die Stunde des Prototypenbaus und der Prüftechnik. Da sind wir in der Losgröße 1 gefordert“.

Es gehört zur Philosophie des Unternehmens, jedes Jahr zwei bis drei größere Investitionen zu tätigen. In 2010 wurde beispielsweise eine neue Maschine zur Großteile-Fräsbearbeitung in Betrieb genommen, die den bereits 30 CNC-Maschinen umfassenden Maschinenpark erweitert. Damit können Bauteile mit Abmessungen von bis zu 20.000 x 4.500 x 5.000 mm (L x H x B) bearbeitet werden.

Laut Firmenchef Friedrich A.Kinkele bleibt es für die nächsten Jahre bei der Ausrichtung des Unternehmens als reiner Auftragsfertiger: „Wir brauchen kein eigenes Produktionsprogramm, keine eigene Maschine und keine eigene Anlage. Der Markt der Lohnfertigung ist etwa 15 Milliarden Euro groß. Warum sollten wir uns da auf ein eigenes Programm in einem kleinen Markt festlegen; wir werden aber das Leistungsspektrum nach oben und nach unten ausweiten – von der Anpassungskonstruktion im Vorfeld bis zur Endmontage und Inbetriebnahme beim Kunden!“

Kinkele ist nach DIN EN ISO 9001:2000 zertifiziert und verfügt über viele Zertifikate und Eignungsnachweise (Kerntechnik, Schienenfahrzeuge, Panzerstahl...). Auf der Hannover Messe präsentiert sich das Unternehmen in Halle 17, Stand G20.

Michael Stöcker

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