Internet-Technologie

Das Internet der Dinge wird erwachsen

Das Internet der Dinge wächst aus dem Stadium der Pilot-Projekte heraus. Mit einer immensen Anzahl von Objekten, die über eine IP-Adresse vernetzt sind, wird auch ein riesiger Markt entstehen. Vorher haben die Technologieunternehmen aber noch einige Arbeiten zu erledigen.

Bild: geralt/pixabay.com

Eine ganz neue Erfindung ist das Internet der Dinge (Internet of Things – IoT) nicht. Schon 1999 wurde der Begriff durch den britischen Technologie-Pionier Kevin Ashton am Auto-ID Center des Massachusetts Institute of Technology (MIT) geprägt. Die Idee, dass nicht nur Computer, Peripheriegeräte und Computer-ähnliche Systeme, beispielsweise Mobiltelefone, sondern beliebige physische Objekte über eine IP-Adresse mit dem Internet verbunden sein sollen und über dessen Infrastruktur Daten austauschen können, hat sich seither gut, aber alles in allem keineswegs spektakulär weiterentwickelt. Hier befand sich vor allem das Feld der Pilotprojekte, beispielsweise mit autonomen Kühlschränken, vernetzten Stromzählern oder selbstfahrenden Autos. Insbesondere das Web und die mobilen Systeme haben die Rahmenbedingungen für das IoT verändert: Anders als vor 15 Jahren existiert heute, von ärgerlichen Ausnahmen abgesehen, eine nahezu flächendeckende leistungsfähige Kommunikationsinfrastruktur, aufbauend auf unterschiedlichen Technologien – von LTE-Netzen über WLAN bis zu Bluetooth und Zigbee. Damit wurde eine wichtige technische Voraussetzung auch für das Internet der Dinge geschaffen: „die Dinge“ sind nun erst wirklich erreichbar.

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Und nicht nur die technischen Rahmenbedingungen haben sich zugunsten des IoT gewandelt. Doug Davis, Vizepräsident und General Manager bei Intel, wies kürzlich darauf hin, dass eine Veränderung von drei wirtschaftlichen Faktoren geradezu für eine Explosion des IoT sorgten: So hätten sich im letzten Jahrzehnt die Preise für Sensoren halbiert. Zugleich seien die Preise für Bandbreite um den Faktor 40 und die für Rechenleistung sogar um den Faktor 60 gesunken. Alle drei Faktoren betreffen den technischen Kern des IoT: Über die Sensoren kommunizieren die Objekte mit ihrer Umwelt, Bandbreite benötigen sie, um mit dem Rest des Internets zu kommunizieren, Rechenleistung ist erforderlich, um mit den Daten der Objekte etwas Sinnvolles anfangen zu können.

Ab einem gewissen Verbreitungsgrad wird das IoT die Art und Weise, wie wir leben, nachhaltig verändern – vieles wird mit dem Internet vernetzt sein.

2020: 26 Milliarden Objekte vernetzt
Das IoT wird auch die IT verändern, denn die „Dinge“ werden Daten in gigantischen Mengen ins Internet spülen. Schon heute entspricht der Datenverkehr von nur 20 Haushalten dem des gesamten Internets des Jahres 1995. Die Analysten von IDC gehen davon aus, dass 2018 etwa 1,8 Zettabyte (ZB) – das sind 1,8 Milliarden GB – an Daten entstehen werden. 2020 werden es dann schon 40 ZB sein. Glaubt man der Unternehmensberatung Gartner, werden dann etwa 26 Milliarden Objekte durch das IoT vernetzt sein. Dazu kommen noch die herkömmlichen Systeme vom Computer bis zum Smartphone, also weitere sieben Milliarden. Die IT muss sich darauf vorbereiten, das auch zu transportieren, zu verarbeiten, zu analysieren und zumindest eine Zeitlang auch zu speichern. Big Data wird dann mehr und mehr ein Dinge-Thema werden. Und die IT muss die noch vorhandenen Lücken in der Infrastruktur schließen. Autonome Systeme sind viel weniger geduldig als genervte Nutzer, denn sie stellen notfalls einfach den Betrieb ein.

Miniaturisierung der Bauteile
Mit der fortschreitenden Miniaturisierung von Bauteilen – Transponder haben mittlerweile nur noch die Größe eines Reiskorns – wird diese Grenze praktisch irrelevant. Der Phantasie sind kaum mehr Grenzen gesetzt; die Welt in Frage kommender autonomer Objekte kann sich jeder nach eigenem Geschmack einrichten: IP-Motoren, IP-Elektronikplatinen, IP-Klimaanlagen, IP-Kaffeetassen, IP-Hausschlüssel, IP-Joghurtbecher. Alles ist möglich, auch IP-Haustiere und natürlich auch Menschen mit implantierten IP-Objekten, etwa in Verbindung mit Assistenzsystemen für Behinderte oder Alte. Im Unterschied zu 1999 ist so etwas eben keine kühne Vision mehr, sondern womöglich schon morgen lieferbar, spätestens aber übermorgen.

Derzeit befinden wird uns am Ende der Pionierphase dieser Technologie und am Anfang der Übernahme in produktive Anwendungen – eine spannende Zeit also für Technologieunternehmen. Überall werden derzeit Szenarien entwickelt, wie man das IoT wirtschaftlich nutzen kann und wie man damit konkret Mehrwert generieren kann. Auch zeichnet sich ab, dass alle Branchen betroffen sind, sei es Industrie, Handel, Automotive, Energie, Verwaltung, Bildung oder das Gesundheitswesen. Große IT-Unternehmen arbeiten an konkreten Lösungen. Intel hat beispielsweise eine spezielle Internet of Things Solutions Group gegründet, und Dell betreibt in Santa Clara ein spezielles Internet of Things Solutions Lab, wo nur IoT-Lösungen gemeinsam mit Kunden entwickelt und getestet werden.

Herausforderungen für das IoT
Gartner sieht für 2020 ein Marktvolumen von 1,9 Billionen Dollar. In aller Euphorie, die diesen Markt derzeit beflügelt, sollte man dennoch einige Herausforderungen im Auge behalten, die noch zu anzugehen sind:

Legacy-Objekte: Eines der größten Hindernisse für die Realisierung des IoT besteht darin, dass die überwiegende Mehrheit der in Frage kommenden Objekte nicht für die Verbindung zum Internet entwickelt wurde: die meisten Heizungen und Kühlschränke sind eben nicht IP-fähig. Ein direkter Austausch würde an den immensen Kosten scheitern, ein indirekter durch Ersatzbeschaffung am Ende des Produktlebenszyklus würde die Nutzung des IoT auf Jahrzehnte hinaus beschränken. Hier müssen also Lösungen gefunden werden, die diese technische Kluft überbrücken und es zumindest in beschränktem Umfang erlauben, auch „alte Dinge“ in die Kommunikations-Infrastruktur zu integrieren, beispielsweise durch ein Nachrüsten mit Sensoren, Kommunikationsmodulen oder durch spezielle Gateways.

Standardisierung: Derzeit arbeiten viele Technologieunternehmen noch mit proprietären Spezifikationen am IoT. So verständlich das beim Aufbau neuer Technologien sein mag, so widerspricht es dem Grundgedanken des IoT doch fundamental. Die sich derzeit herausbildenden Allianzen gehen zwar in die richtige Richtung, sind aber meist noch zu sehr auf bestimmte Branchen konzentriert. Hier muss die Industrie dringend nachlegen, denn es hat sich in der IT-Geschichte immer wieder gezeigt, dass das Potential eines Marktes erst dann richtig genutzt werden kann, wenn es Standards gibt. Standardisierung ist auch die Voraussetzung für die Integration des IoT in Cloud-Lösungen, also für die Verbindung des Megatrends der letzten Jahre mit dem Megatrend der kommenden Jahre.

Sicherheit: Etliche Studien haben im Sommer 2014 ergeben, dass vorhandene Lösungen im IoT zu lasch mit dem Thema Sicherheit umgehen; in einer Reihe verbreiteter vernetzter Geräte wies jedes im Schnitt 25 Schwachstellen auf. Dabei waren unter anderem gar nicht benötigte persönliche Daten einzugeben, die Verschlüsselung der Kommunikation war unzureichend oder gar nicht vorhanden, oder es wurden schwache Passwörter akzeptiert. Dabei muss man sich klar machen, dass die mit dem Internet verbundenen Objekte des täglichen Lebens nicht nur Erleichterungen bringen, sondern auch für rechtswidrige Überwachungen oder den Missbrauch persönlicher Daten benutzt werden können. Auch das IoT wird kein Garten Eden sein, denn man wird auch mit IoT-Crime rechnen müssen. Für Unternehmen ist die Sicherheit des IoT ein kritischer Punkt. Missbrauch kann hier zu gravierenden Schäden führen, und mit der Zahl vernetzter Objekte steigt das Risiko. Standardisierte Sicherheit auf höchstem Niveau ist hier unerlässlich und sollte schon von Anfang an mitgedacht werden, und nicht wie beim Cloud Computing erst hinterher.

Das IoT wird nicht nur die Lebensweise verändern, denn mit seiner wachsenden Verbreitung müssen auch bestehende Geschäftsmodelle neu bewertet werden, also die Art und Weise wie Unternehmen Services bereitstellen, wie sie ihre Ressourcen nutzen und wie beziehungsweise welche neuen Produkte sie entwickeln. Unternehmen sollten sich darauf vorbereiten und die Möglichkeit der Realisierung von entsprechenden Projekten in ihrer Reichweite umgehend evaluieren. Das Internet der Dinge ist keine Zukunftstechnologie mehr. Es startet jetzt. -sg-

Autor: Andreas Ertel, Client Technologist für OEM Solutions bei Dell in Frankfurt am Main

Dell, Frankfurt am Main, Tel. 069/9792-0, http://www.dell.de

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