Zollvereinbarungen

Blockchain für den Brexit

Im August 2017 veröffentlichte die britische Regierung ein Positionspapier zu künftigen Zollvereinbarungen mit der EU nach dem Brexit. Auch wenn das Papier den Wunsch beinhaltet, dass jedweder Handel zwischen UK und EU-Mitgliedsstaaten so problemlos wie möglich ablaufen soll, können sich beide Seiten auf tiefgreifende Veränderungen einstellen. Die Blockchain-Technologie soll helfen, die Abläufe zu erleichtern und für mehr Sicherheit zu sorgen.

Das Papier geht zwar nicht tief in die Details – die Verhandlungen darüber stehen noch aus und in dem Papier sind zunächst einmal die Wünsche der UK-Regierung dargelegt. Ein Thema, das bereits jetzt Beachtung findet, ist der Einfluss neuer Technologien auf einen reibungslosen Handel.

Wozu ist Blockchain geeignet – und wozu nicht?

Überschreiten Waren eine Zollgrenze, müssen sie deklariert werden. Um sicherzustellen, dass die Angaben korrekt sind, gibt es Stichproben. Damit soll

  • sichergestellt werden, dass die Waren bestimmte Import-/Exportkontingente nicht überschreiten – gegebenenfalls werden dann Zölle erhoben;
  • sichergestellt werden, dass die Waren geltenden Normen und Vorschriften entsprechen – etwa im Hinblick auf Lebensmittelsicherheit;
  • eine Möglichkeit geschaffen werden, Schmuggelware oder Fälschungen zu identifizieren.
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Um Verzögerungen an der Grenze zu vermeiden, ist ein schneller, automatisierter Prozess nötig. Importeure sollten daher Zollanmeldungen auf elektronischem Weg vorlegen können, bevor die Sendung die Grenze erreicht. So können die Zollbeamten Sendungen für Kontrollen bereits vorab auswählen und damit Verzögerungen an der Grenze vermeiden.

Wasserdichte Datenspur für Waren

Alle diese Prozesse sind bereits für Waren definiert und etabliert, die in den europäischen Binnenmarkt eingeführt werden. Wenn Großbritannien nach dem Brexit wieder den Status eines Nicht-EU-Landes hat, wird es zu einem massiven Anstieg grenzüberschreitender Sendungen kommen. Im Ergebnis verzögert sich der Warentransport. Das bedeutet höhere Kosten und vielfach auch eine Qualitätsminderung der Güter, beispielsweise von Frischware, da Just-in-time-Lieferketten unterbrochen werden.

Was können Technologien wie die Blockchain daran ändern? Wichtig in dieser Hinsicht ist vor allem die Möglichkeit, eine robuste und wasserdichte Datenspur für Waren zu erstellen. Bei ordnungsgemäßer Warenbeschriftung bietet sie eine vollständige Historie. Damit entfällt zwar nicht die Zollanmeldung, jedoch könnten unter bestimmten Voraussetzungen die Kontrollen an der Grenze verringert werden. Stichproben würden dann von der Grenze weg ins Inland verlagert, beispielsweise in den Einzelhandel, wo die Güter per tragbarem Etikettenlesegerät überprüft und mit den Blockchain-Aufzeichnungen im Etikett abgeglichen werden könnten.

Die Blockchain kann Informationen über die Herkunft des Artikels liefern. Doch was ist mit dem sprichwörtlichen „Etikettenschwindel“?

Zollbetrug verhindern

Manchmal geht es um sehr viel Geld. Allein der Schaden aus Zigarettenschmuggel und -fälschung wird auf 10 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Deshalb müssen bis Mai 2019 sämtliche Tabakerzeugnisse innerhalb der EU mit einem eindeutigen Erkennungszeichen und einem Sicherheitsstempel versehen werden.

Reply arbeitet unter anderem daran, besonders hochwertige Produkte gegen Schmuggel und Betrug durch innovative Lösungen zu schützen. Beispiel hierfür ist der entwickelte Blockchain Accelerator 4Retail, der einen Artikel vom Hersteller über den Distributor bis zum Endverbraucher verfolgt. Eine weitere Möglichkeit besteht etwa darin, eine eindeutige Kennung in das Produkt selbst einzubringen – beispielsweise durch Laser-Kennzeichnung bei Diamanten oder eine entsprechende Bearbeitung des Absatzes bei teuren Schuhen. Mittels 3D-Druck könnten viele Produkte auch mit einer eigenen eindeutigen Kennung produziert werden.

Ein anderer Weg besteht in einer detaillierten Beschreibung der einzelnen Artikel. Everledger, ein langfristig angelegtes Bestandsverzeichnis für hochwertige Waren, setzt über 40 Merkmale zur Erstellung einer Diamanten-ID ein, einschließlich Farbe und Klarheit. Neben Diamanten sollen künftig auch hochwertige Weine und andere Güter entsprechend behandelt werden. Dadurch soll Kriminellen ihr Handwerk entscheidend erschwert werden.

Wenn Kriminelle Zugang zu Methoden wie Ätzen und 3D-Druck haben, können sie möglicherweise exakte Kopien von Etiketten und Produkten erstellen, die einen Abgleich mit der Blockchain überstehen würden. Sollen Duplikate erkannt werden, muss mittels Blockchain eine ausreichende Transparenz in der Lieferkette hergestellt werden.

Mit anderen Worten: Es reicht nicht aus, Aufzeichnungen über die Herkunft eines Artikels zu führen. Es müssen auch Informationen zu allen entsprechenden Transaktionen einschließlich der Inspektionen verfügbar sein. Das bedeutet: Einsatz von Blockchain in jedem Glied der Lieferkette. Der Branchenverband BIFA stellt in Bezug auf die Blockchain generell fest:

„Diese Technologie ... kann nur dann ihren vollen Nutzen entfalten, wenn alle Beteiligten/Mitglieder der Lieferkette die Technologie einsetzen und auf sie zugreifen können.“

Eine besondere Herausforderung stellt die Weiterverarbeitung bestimmter Waren dar. Wird beispielsweise ein Tier zerlegt, kann die Blockchain genutzt werden, um die Übereinstimmung des Gewichts aller Stücke mit dem ursprünglichen Gesamtgewicht abzugleichen. Das setzt voraus, dass wirklich jedes einzelne Stück nachverfolgt wird. Dort, wo Nachhaltigkeit besonders relevant ist – etwa bei tierischen Lebensmitteln oder Produkten aus Naturmaterialien – scheinen derartige Maßnahmen umso mehr geboten.

Transformationspunkte in der Lieferkette, zum Beispiel das Zuschneiden oder Zerteilen von Ausgangsmaterialien, brauchen ebenfalls eine besondere Überwachung und Zertifizierung, die ihrerseits in die Blockchain geschrieben werden kann.  

Intelligente Verträge für schnelle Abläufe

Neben einer robusten und wasserdichten Datenspur sowie einer verbesserten Transparenz der Lieferkette bietet die Blockchain auch das Auslösen vordefinierter Maßnahmen, Ereignisse und Transaktionen durch den Einsatz intelligenter Verträge, die in der Regel auf der Ethereum-Blockchain basieren. Das könnte beispielsweise automatisierte Zahlungen und automatisierte Aktualisierungen von Handels-/Steuerdatenbanken einschließen, sobald die Waren in Großbritannien eintreffen.

In Zukunft wird es auch immer mehr innovative Abläufe geben, wie zum Beispiel die Garantie von Zollverzögerungen für Versicherungsunternehmen. Diese funktioniert ähnlich dem System, das derzeit von der Versicherung AXA mit ihrem „Fizzy“-Produkt bei Flugverspätungen erprobt wird. Hier werden auf Basis spezifischer Parameter automatische Ausgleichszahlungen ausgelöst, wenn bestimmte festgelegte Bedingungen erfüllt sind (daher der Begriff „parametrische Versicherung“) – bei „Fizzy“ ist es die tatsächliche Landezeit eines Flugzeugs. So erübrigen sich zeitraubende Auseinandersetzungen über die Ursache einer Verspätung und das Kleingedruckte in der entsprechenden Versicherungspolice. Überschreitet die Verspätung eine bestimmte Toleranzschwelle, wie sie im Vertrag festgelegt wurde, erfolgt die Zahlung unmittelbar nach der Landung.

Ein ähnlicher Ansatz könnte für den Transport von edlen Weinen oder teuren Lebensmitteln genutzt werden. Über IoT-Sensoren, die ihre Daten in einen entsprechend „intelligenten“ Blockchain-Vertrag einspeisen, kann nachverfolgt werden, ob der Artikel bei der richtigen Temperatur oder Feuchtigkeit transportiert wurde. Ist dies nicht der Fall, kann der Vertrag für nichtig erklärt werden.

Anstatt eine Zahlung zu veranlassen, könnte eine solche Verzögerung auch einen differenzierten Service auslösen. Etwa so: Verzögert sich die Lieferung von Frischware, wird zum Ausgleich ein schnellerer – und teurerer – Transportdienst eingesetzt, um die Produkte an die Geschäfte auszuliefern. Eine vorher vereinbarte Formel definiert die Aufteilung der Kosten des teureren Transports zwischen den Partnern sowie die notwendigen Versicherungen.

Einer der Schlüsselfaktoren hierbei ist die Automatisierung in den Verträgen – also das, was sie „intelligent“ werden lässt. Manuelle Prozesse und Entscheidungen entfallen, sodass keine Menschen unmittelbar in die Prozesse integriert sind und die Gefahr, Zeitfenster zu überschreiten, als gebannt gelten kann.

Blockchain als unverzichtbares Tool für die Logistik

Welche von diesen Möglichkeiten werden heute bereits in der Industrie genutzt? Traditionelle Branchen wie die Logistik haben sich des Themas bereits angenommen. Dies lässt sich sehr gut am Beispiel des Rotterdamer Hafens beobachten, wo Blockchain bereits zur Nachverfolgung von Fracht zum Einsatz kommt – ein erster Anfang und eine Möglichkeit, die Blockchain-Technologie in diesem Bereich verstehen zu lernen. Reebok bettet Etiketten in 3D-Druck in seine Schuhe ein, um Fälschungen zu vermeiden, während WalMart die Blockchain in seiner Lieferkette für mehr Lebensmittelsicherheit testet. Maersk wiederum investiert in das Thema Seetransportversicherung. Reply verfolgt viele dieser Beispiele weltweit und hält das in einem speziellen Blockchain Observatory-Buch fest.

Es bestehen also viele Möglichkeiten für den Einsatz der Blockchain-Technologie bei der Unterstützung der Lieferkette für hochwertige oder verderbliche Produkte. Jedoch nur, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Die Blockchain ist nicht zwangsweise eine Universallösung, sondern funktioniert in Kombination mit weiteren Innovationen.

Ob lückenlose Lieferkette, wirksamer Fälschungsschutz oder Beschleunigung von Zollverfahren: Trotz der allgemein sehr schnellen Entwicklung ist kaum damit zu rechnen, dass eine ausreichende Anzahl innovativer, Blockchain-basierter Systeme rechtzeitig zum Brexit betriebsbereit sein wird. Noch weniger wird ein Generalschema für alle Warenkategorien vorliegen, sodass hier noch einiges zu tun bleibt.

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