Antriebstechnologien

„Die Nase vorn“

Mit einem Jahresumsatz von über zwölf Milliarden US-Dollar im Geschäftsjahr 2011 ist Parker Hannifin der weltweit führende diversifizierte Hersteller von Antriebs- und Steuerungstechno- logien und -systemen. Über die Bedeutung des Unternehmens in Deutschland sprach SCOPE-Chefredakteur Hajo Stotz mit Günter Schrank, Geschäftsführer von Parker Hannifin in Kaarst.

SCOPE: Herr Schrank, Parker Hannifin hat den selbstgestellten Anspruch, in jedem Markt, auf dem Sie aktiv sind, die Nummer eins zu sein oder zu werden - wie nahe sind Sie diesem Ziel in Deutschland?

Schrank: In Deutschland sind wir die starke Nummer zwei, weltweit sind wir bereits seit langem die Nummer eins. Fest steht, dass Parker eine zentrale Position in Deutschland einnimmt, und nach den USA ist es der wichtigste Markt für Parker. Im direkten Vergleich der Beschäftigten in Europa belegen wir mit rund 4.500 Mitarbeitern die Spitzenposition und wachsen stets - personell aber auch in Bezug auf Innovationen, die wir zügig in den Markt einführen. So kommen wir unserem Ziel ständig näher, auch in Deutschland die Nummer eins zu werden.

SCOPE: Warum hat Parker vor zwei Jahren sein europäisches Hauptquartier von London nach Etoy in der Schweiz verlegt?

Schrank: Das hatte zum einen sehr stark mit der zentralen Lage inmitten der wichtigsten europäischen Länder zu tun. Zum anderen auch mit dem Potenzial an gut ausgebildeten Mitarbeitern, das der neue Standort bietet. Zum dritten, das will ich nicht verschweigen, bemüht sich der Kanton Vaud für diese Region sehr um Industrieansiedlungen und bietet auch attraktive Konditionen sowie ein sehr lebenswertes Umfeld. Heute arbeiten am Standort Etoy rund 100 Mitarbeiter, die die Produktions-, Vertriebs- und Marketingaktivitäten für 33 Länder steuern und koordinieren.

SCOPE: Und wie sind Sie in Deutschland aufgestellt?

Schrank: In Deutschland sind wir, wie gesagt, sehr stark vertreten. In Kaarst bei Düsseldorf liegt das Herz der deutschen Parker-Organisation, hier sitzt die Zentrale für den Vertrieb. Der Bereich Dichtungstechnik von Parker Prädifa befindet sich in Pleidelsheim und Bietigheim in der Region Stuttgart. Insgesamt gibt es über 20 Standorte in Deutschland, in Bremen haben wir zum Beispiel ein Werk für Hydraulikzylinder. Hier werden u. a. innovative Zylinder aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK) gefertigt, die um bis zu 80 % leichter als Stahlzylinder sind. In Mainz-Kastel ist die Zentrale der europäischen Luftfahrtindustrie. Auch in der Luft- und Raumfahrt ist Parker ein führendes Unternehmen und bekannt als Zulieferer für Hydraulik, Flugsteuerungs- und Kontrollsysteme und für Treibstoffsysteme und Komponenten.

SCOPE: Welcher der von Ihnen geführten Bereiche generiert denn den größten Umsatz?

Schrank: In Deutschland halten sich der Verbindungstechnik- und der Hydraulikbereich ungefähr die Waage, mit einem kleinen Plus bei der Hydraulik. Aber auch der Automatisierungsbereich, hier sind bei uns Pneumatik und Elektromechanik zusammengefasst, wächst kontinuierlich. Durch die Integration der Marken Domnick Hunter, Hiross, Zander, Legris, KV, Rectus und Origa verfügt Parker inzwischen über eines der größten Angebote an pneumatischen Produkten und Systemlösungen im Markt.

SCOPE: Welche Branchen haben Sie hauptsächlich im Fokus?

Schrank: Wir sind organisatorisch entsprechend der wichtigen Marktsegmente aufgestellt. Das sind der industrielle Sektor, der mobile Sektor, die Automation, die Prozesssteuerung und Life Science. Im Industriesektor decken wir im Wesentlichen die Werkzeugmaschinen, die Kunststoffmaschinen, den Automotivebereich und Marine sowie Power Generation ab. Nach wie vor sind wir im Bereich der konventionellen Energieerzeugung tätig, wobei der Bereich Erneuerbare Energien derzeit stärker ausgebaut wurde. Vor kurzem haben wir das globale Centre of Excellence für erneuerbare Energien in Kaarst eröffnet. Hier handelt es sich um ein Kompetenzzentrum für Systementwicklung, Markt- und Anwendungsinformationen, alle Technologiebereiche von Parker werden kombiniert, um kundenspezifische Systemlösungen zu entwickeln. Unsere Strategie ist dabei unsere Spezialisierung: Wir sind nicht der Größte in Deutschland, aber sind sehr, sehr stark in bestimmten Marktsegmenten, haben dort ein sehr hohes Know-how und eine sehr starke Kundennähe. Das versetzt uns in die Lage, im Wettbewerb und bei vielen Innovationen die Nase vorn zu haben.

SCOPE: Können Sie das an einem Beispiel festmachen?

Schrank: Natürlich. Der Bereich der Druckgussmaschinen wächst sehr stark, immer mehr Bauteile in Pkws werden statt aus Stahl, Alu oder Kunststoff aus Druckguss hergestellt. Vorteile sind, je nach Werkstoff, das Gewicht und die höhere Präzision. Erforderlich sind dazu aber modernste Produktionsmethoden mit sehr schnellen, komplizierten Prozessen. Wenn das flüssige Metall mit 10 m/sec innerhalb von 30 msec in die Form einschießt, wirken Haltekräfte von 5.000 Tonnen. Um das zu beherrschen, bedarf es einer leistungsfähigen, starken Hydraulik. Die haben wir, und kombiniert mit einer leistungsfähigen Elektronik bieten wir hier ein tolles Produkt, das hochpräzise, Material schonend und energieoptimiert arbeitet.

SCOPE: Höhere Qualität bei weniger Energie?

Schrank: Genau. Denn bisher knallte der Einschießzylinder gegen die mechanische Begrenzung und die Struktur musste diese Stöße auffangen. Wir haben das Ganze mit einer hydraulischen Bremse versehen, die diese starken Stöße weich auffängt und dabei noch Energie zurückgewinnt. Ergänzt wird das sogenannte Ecodrive-System durch frequenzgeregelte Pumpenmotoren, die die Energie nur dann zur Verfügung stellen, wenn sie auch benötigt wird. Bisher musste die überschüssige Energie über Wärme oder Ventile wieder abgebaut werden.

SCOPE: Parker bietet ja bereits viele Hydraulikkomponenten zur Effizienzsteigerung und Kostenreduzierung an - wo sehen Sie denn noch Entwicklungspotentiale?

Schrank: Zunächst einmal in den bestehenden Komponenten, die können sicherlich weiter optimiert werden. Man kann sie noch leistungsfähiger machen, aber auch vom Energiehaushalt her verbessern. Vor allem aber sehen wir in dem sinnvollen Zusammenfügen der Komponenten im Hinblick auf eine effiziente Gesamt-Applikation noch sehr viel Spielraum. In der Vergangenheit wurde da viel zu sehr auf Standardisierung gesetzt.

SCOPE: Zu viel Standardisierung? Wie meinen Sie das?

Schrank: Bei Standardisierung geht es vor allem um die Austauschmöglichkeiten der Komponenten. Das ist aber nicht unbedingt die intelligenteste Lösung, was das Energieverhalten angeht. Dafür kann es sinnvoller sein, spezielle Komponenten zu nutzen, bei denen man Funktionen miteinander verbindet und die dann zu einer Systemlösung verschmilzt. Das war bisher wegen den Standardisierungsbestrebungen nicht opportun. Aber für spezielle Anwendungen sind nicht-standardisierte Komponenten und Systeme manchmal sinnvoller. Wir sprechen dabei von integrierten Lösungen. Die verbauen wir auch bereits in vielen unterschiedlichen Anwendungen.

SCOPE: Können Sie dazu ebenfalls ein konkretes Beispiel nennen?

Schrank: Wir haben zum Beispiel ein Gasmischmodul für Beatmungsgeräte entwickelt, das verschiedene Komponenten zusammenfügt und sinnvoll kombiniert. Das innovative Modul regelt und mischt Sauerstoff. Spezifische pneumatische Regler wurden entwickelt und mit weiteren Parker Komponenten in das Steuerungssystem integriert. Es wurden sowohl oberflächenmontierte als auch integrierte Ventile verwendet. Am Ende hat man eine Bestellnummer und ein System, das aber eine Vielzahl an Funktionen beinhaltet. In dieser Richtung sehe ich noch großen Spielraum, hier wird sich auch die Spreu vom Weizen trennen. Denn solche höchst smarten Lösungen zu erbringen können nur wenige Anbieter. Zudem ist das ja auch eine Frage des Volumens, des Marktzugangs. Und man kann sicherlich technisch vieles darstellen, aber kommerziell ist es nicht immer unbedingt sinnvoll. Das sind Felder, in die wir hineingehen. Gerade im Bereich der Industrieventile gibt es sehr viele Möglichkeiten. Ein anderes Beispiel im Bereich der Mobilanwendungen ist die sogenannte E-Pump. Sie bietet sehr viele Möglichkeiten durch die Abkapselung der Pumpe von der Dieselmaschine und ihre beliebige Platzierung in der Maschine selbst. Damit bieten sich völlig neue Möglichkeiten. Zum einen, was die Platzverhältnisse, zum anderen, was Abwärme und Kühlung der Maschine angeht.

SCOPE: Welchen Stellenwert nehmen Services und Dienstleistungen bei Parker Deutschland ein?

Schrank: Das ist eine der drei Säulen unserer Unternehmensphilosophie und Grundlage unseres Erfolges. Die Lösungen unserer Kunden werden immer kundenspezifischer und unsere Beratung, unsere Ingenieure werden hier zur Unterstützung bereits in der Planungsphase einbezogen. Bei der Verbindungstechnik, vor allem aber im Hydraulikbereich ist qualifizierte Beratung von immenser Bedeutung im Hinblick auf die Lebensdauer von Maschinen und Anlagen.

SCOPE: Bemerken Sie dabei auch den Trend weg von der Hydraulik hin zur Elektromechanik?

Schrank: Doch, auf jeden Fall. Für uns als klassische Hydrauliker ist das die herausforderndste Aufgabe, die vor uns liegt. Wir erleben immer öfter, wie elektromechanische und elektrotechnische Lösungen versuchen, hydraulische Lösungen zu verdrängen. Und der Trend wird anhalten. Aber das ist auch wieder ein Vorteil von Parker: Wir reagieren auf Herausforderungen sehr schnell, haben uns auf der elektromechanischen Seite in den letzten Jahren erheblich verstärkt und verbinden beide Technologiebereiche. Gleichzeitig können wir deutlich herausstellen, in welchen Fällen welche Lösung die bessere ist, da wir über das jeweilige Expertenwissen verfügen. Oft stellt auch die Kombination aus beiden Lösungen das Ideal dar. Das muss man anhand der konkreten Applikation genau anschauen und den Kunden entsprechend beraten.

SCOPE: Komponenten anbieten und beraten - das tut der Wettbewerb auch¿

Schrank: Unsere Stärke ist nicht nur, dass wir eine Vielzahl an einzelnen Komponenten anbieten. Sondern unsere Ingenieure haben das Know-how, diese Komponenten zu einem System zu verbinden, um damit dem Kunden einen weitaus größeren Nutzen zu bieten als den einer einzelnen Komponente.

SCOPE: Parker vertreibt direkt und über Vertriebspartner, wobei sie den indirekten Vertrieb deutlich ausbauen wollen. Welche Vorteile hat der Kunde davon?

Schrank: Die Kombination aus direktem und indirektem Vertrieb ist Kern unserer Strategie, und damit heben wir uns auch von den meisten unserer Wettbewerber ab. Wir streben an, 50 Prozent unseres Gesamtumsatzes über Handelspartner zu erzielen. Damit sind wir wesentlich stärker im Markt, wesentlich näher beim Kunden, und können dadurch auf lokale Eigentümlichkeiten, die die Handelspartner viel besser verstehen, und auf den Kunden besser eingehen.

SCOPE: Wie hoch ist denn derzeit der Umsatzanteil des Service?

Schrank: Wie gesagt, unsere Handelspartner erzielen nicht ganz 50 Prozent unseres Gesamtumsatzes. Da sie aber einen wesentlich höheren Aftermarket-Anteil haben als wir, liegt der Serviceanteil bei uns bei rund 40 Prozent. Es ist ja kein Geheimnis, dass viele Firmen in Deutschland das Problem haben, den Dienstleistungsanteil zu steigern, da wir ein Exportland sind. Über 80 Prozent der Produkte, die mit unseren Systemen gebaut werden, verlassen das Land. Das heißt, die Serviceleistungen für diese Produkte werden dann nicht mehr in Deutschland erbracht, sondern von unseren Partnern vor Ort. Deswegen werden wir diese Tiefe an Serviceleistung hier in Deutschland nicht erreichen.

SCOPE: Und wie sieht das bei Ingenieurdienstleistungen aus?

Schrank: Das ist ein Feld, in dem wir den Serviceanteil noch weiter ausbauen. Unsere Kunden haben in den letzten Jahren sehr stark ihre eigenen Ingenieurdienstleistungen abgebaut und setzen dafür zunehmend auf die Zusammenarbeit mit ihren Systempartnern, wie Parker. Und das ist auch unsere Strategie und unser Vorteil: Wir bieten nicht nur Komponenten, sondern eine komplette technische Lösung aus einer Hand an. Daher wachsen wir ständig und suchen stets kompetente Ingenieure aus den unterschiedlichen Disziplinen, um permanent unser Angebot als Systemlöser beim Kunden ausbauen zu können.

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