Interview Betty Mei, 3M

3M – vom Schleifpapierhersteller zum Multitechnologiekonzern

Vom Post-it über den Tageslichtprojektor bis hin zum Littmann-Stethoskop: Der Multitechnologiekonzern 3M ist in allen Lebensbereich zu Hause. Wie es ein Unternehmen schafft, 115 Jahre immer am Puls der Zeit und des Markts zu sein, erläutert Dr. Betty Z. Mei, Technical Director 3M Abrasive Systems Division, im SCOPE-Interview.

Das US-Unternehmen 3M entwickelt und produziert seit über 100 Jahren Alltagsprodukte für Endverbraucher und verschiedenste Produkte und Hilfsmittel für die Industrie. Angefangen hatte alles 1902 mit der Herstellung von Schleifpapier. Im Interview mit SCOPE erläutert Dr. Betty Z. Mei, Technical Director 3M Abrasive Systems Division, welche Grundsätze es dem Unternehmen erlaubten, immer am Puls der Zeit und des Marktes zu sein.

Dr. Betty Mei, Technical Director 3M Abrasive Systems Division (Bild: 3M)

SCOPE: Frau Mei, Sie haben mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Forschung und Entwicklung bei 3M. Wie würden Sie die Innovationskultur des Unternehmens beschreiben?

Betty Mei: Seit der Gründung 1902 in einer kleinen Stadt in Minnesota, USA, ist 3M in wissenschaftlicher Forschung und Entwicklung sowie der Überzeugung verwurzelt, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt.

Alles begann mit einer ganz besonderen Führungspersönlichkeit: William McKnight. Niemand prägte unsere Unternehmenskultur stärker und nachhaltiger als er. McKnight fing 1907 als Hilfsbuchhalter bei 3M an und war von 1949 bis 1966 Präsident und Vorsitzender des Unternehmens.

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Einer der Grundsätze lautet zum Beispiel: „Ein Management, das bei Fehlern destruktiv kritisiert, tötet Initiativen.“ Vertrauen, Eigeninitiative und eine gewisse Fehlertoleranz sind dabei ganz zentrale Elemente und in unserem Arbeitsalltag tief verankert. So haben unsere Forscher beispielsweise die Möglichkeit, der wissenschaftlichen Neugier zu folgen und 15% ihrer Arbeitszeit der Entwicklung eigener Ideen und Projekte zu widmen. Diese Freiheit ist für wissenschaftliche Forschung unerlässlich. Unsere Post-it-Haftnotizen sind eines der bekanntesten Beispiele, was aus solch einer Freiheit entstehen kann.

Auch die interne Zusammenarbeit und Vernetzung der Mitarbeiter auf lokaler und globaler Ebene ist ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Kultur. Sie bilden die Basis für ein Umfeld, das die Kommunikation von Ideen und den Austausch von „Best Practices“ fördert. Und genau das macht es möglich, neue Lösungswege zu finden. Zum Beispiel, indem wir unterschiedliche Technologieplattformen miteinander kombinieren.

SCOPE: Wie entwickelt 3M als globales Unternehmen neue Produkte, die auf lokale Kundenbedürfnisse zugeschnitten sind?

Mei: Wir bemühen uns kontinuierlich, das Ohr am jeweiligen lokalen Markt zu haben. In erster Linie passiert das durch den direkten Austausch mit unseren Kunden vor Ort. So erfahren wir, welche Probleme und Bedürfnisse es aktuell gibt oder möglicherweise zukünftig geben wird und können gemeinsam individuelle Lösungen entwickeln. Gleichzeitig beobachten wir aber natürlich auch Entwicklungen und Trends im Hinblick auf Märkte und Verbrauchergewohnheiten in einem breiteren Rahmen, um die Technologieentwicklung weiter voranzutreiben.

In Forschungs-, Unternehmens- und Länderlaboren betreiben wir Grundlagenforschung und suchen nach neuen Produkten für bestimmte Länder und Märkte. Die größte Herausforderung besteht darin, die Bedürfnisse und Probleme von Kunden weltweit zu verstehen und Lösungen zu entwickeln, die überall wettbewerbsfähig sind und von unseren Kunden weltweit geschätzt werden. Dabei können wir sicherlich auf vier grundlegende Stärken zurückgreifen: bestehendes Vertrauen in die Marke 3M, unsere Technologieplattformen, unsere globale Ausrichtung sowie unsere Produktionskapazitäten.

SCOPE: Wie kam es zu einer Produktentwicklung vom Sandpapier zu einem globalen Portfolio?

Mei: 3M begann vor 115 Jahren als Bergbaufirma, entwickelte sich jedoch schnell zu einem Sandpapierhersteller. Heute bietet der Bereich 3M Abrasives seinen Kunden ein komplettes Portfolio an Lösungen zur Oberflächenmodifizierung, darunter beschichtete und gebundene Schleifmittel, Scotch-Brite-Produkte, Trizact-Produkte, tragbare Klebstoffe, Feinschleif- und Endbearbeitungsprodukte.

Es begann mit der Nutzung der Technologie. In den letzten 100 Jahren haben wir unser Schleifmittel-Portfolio immer wieder neu erfunden, indem wir Schleifmittel-Technologien mit anderen 3M-Kerntechnologien wie Mikroreplikation und Vliesstoffen kombinierten. Eine weitere Stärke ist die Herstellung. Im Laufe der Jahre haben wir weltweit eine umfassende Position in der Schleifmittelherstellung aufgebaut, die es uns ermöglicht, an jedem Ort der Welt schnell und effizient auf Kundenanforderungen zu reagieren. Unsere dritte Stärke ist die globale Präsenz. Wir haben Labore in mehr als 30 Ländern. Dies ermöglicht uns, die Bedürfnisse der Kunden auf lokaler, regionaler und globaler Basis zu erfüllen.

Aber all dies ist nur durch eine gelebte Innovationskultur möglich, die Vielfalt, eine gewisse Risikobereitschaft, Anspruchsdenken an die eigene Leistung und eine kundenorientierte Mentalität umfasst.

SCOPE: Mit welcher Strategie erreichen Sie eine Kultur der Innovation in China?

Mei: Bei der Gründung in Shanghai im Jahr 1984 war 3M China das erste ausländische Unternehmen außerhalb der Sonderwirtschaftszone der Stadt Shenzhen. Heute beschäftigt 3M China mehr als 8.000 Mitarbeiter. Der Hauptsitz ist in Shanghai. Es gibt zwei R&D-Zentren und vier technische Zentren in verschiedenen Städten. Die Gesamtinvestition hat eine Milliarde US-Dollar erreicht.

Seit mehr als 30 Jahren ist 3M eng am Puls der chinesischen Wirtschaftsentwicklung. Durch die Nutzung und Anwendung von globalem Fachwissen hat 3M China den Kunden vor Ort in jeder Phase der wirtschaftlichen Entwicklung die notwendigen Lösungen bereitgestellt. 3M war an wichtigen Phasen der Entwicklung aktiv beteiligt, zum Beispiel während des schnellen Wachstums durch Infrastrukturprojekte in den 1980er und 1990er Jahren oder auch als China nach dem WTO-Beitritt 2001 hohe Wachstumsraten im verarbeitenden Gewerbe verzeichnete. Und als sich der Sicherheitsmarkt in China nach 2005 entwickelte, war 3M sehr gut positioniert, um den lokalen Kunden passende Lösungen anzubieten. Seit dem Eintritt von China in eine Phase der Entspannungspolitik zu Beginn der 1960er Jahre bieten Gesundheitssektor und Konsumenten ein großes Wachstumspotential. Während wir in China in geschäftliches Wachstum investieren, entwickeln wir auch lokale Fähigkeiten in diesen Bereichen.

Als ich in China als Leiterin der R&D für die 3M Greater China Area tätig war, bestand eine der wichtigsten Führungsaufgaben darin, vor Ort technische Kompetenz aufzubauen und die lokale Anbindung an globale technische Gemeinschaften zu stärken – ein Schlüsselelement der 3M-Innovation, die es den Menschen vor Ort ermöglichte, auf globale Stärken zuzugreifen, um effektiver und wettbewerbsfähiger zu werden.

Dabei gab es viele Herausforderungen: An erster Stelle stand die Sprachbarriere. Außerdem hatten die jungen und unerfahrenen, aber sehr talentierten Arbeitskräfte eine ganz andere Mentalität, was ihren Beruf angeht. Eigeninitiative, Selbstorganisation und die Freude an innovativem Denken stehen bei unseren Mitarbeitern auch heute in China an erster Stelle.

Wer Herausforderungen meistern will, muss beim Menschen anfangen. Bei 3M China finden wir unsere zukünftigen Mitarbeiter an den Universitäten vor Ort und schicken sie dann für verschiedene Trainings in die USA. Weitere Technologie- und Kompetenztransfers werden durch fortlaufende Schulungen, Projektkooperationen und den Austausch bewährter Praktiken mit anderen Laboren außerhalb Chinas durchgeführt. Die Personalentwicklung ist von zentraler Bedeutung für die Förderung der Innovation in China und der globalen Zusammenarbeit. Wir haben ein lokales „Tech Forum“ gegründet, in dem technische Mitarbeiter Ideen austauschen und mit Kollegen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten. Wir förderten eine eigenverantwortliche Mentalität und ermutigten unsere Mitarbeiter, neue Ideen zu entwickeln und zu verfolgen.

Nach mehr als drei Jahrzehnten Investitionen und kontinuierlicher Bemühungen ist 3M China in der Lage, neue Produkte zu entwerfen, zu entwickeln und zu vermarkten, die auf lokalen Kundenerkenntnissen basieren. Diese Produkte sind nicht nur für die lokalen Märkte, sondern für die ganze Welt. am

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