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„Den Produktlebenszyklus bilden wir komplett ab“

Unter der Marke ‚Bechtle PLM‘ will die Bechtle AG künftig Lösungen und Dienstleistungen anbieten, die bis hinein in die Produktentwicklung reichen. Dazu übernahm das Unternehmen 2011 mit der SolidLine AG mit Sitz in Walluf und im Jahr davor der Solidpro GmbH mit Sitz in Langenau zwei Lösungsanbieter im SolidWorks-Umfeld. Der CAD-CAM REPORT sprach darüber mit Norbert Franchi, Leiter des Geschäftsbereichs Software und Anwendungslösungen bei Bechtle sowie dem Vorstand und Gründer von SolidLine, Theodor F. Huber.
„Mit 62 IT-Systemhäusern sind wir jederzeit in kürzester Zeit bei unseren Kunden vor Ort“, sagt Norbert Franchi, Leiter des Geschäftsbereichs Software und Anwendungslösungen bei Bechtle. „Zusammen mit unserem E-Commerce-Konzept können wir gerade Kunden im Mittelstand die besten Prozesse bieten.“

CCR: Herr Franchi, Herr Huber, warum haben Bechtle und SolidLine zueinander gefunden?

Franchi: Wir werden unseren Kunden eine komplette IT-Lösung entlang der Prozesskette über den gesamten Produktlebenszyklus anbieten, beginnend vom Eingang eines Auftrags im Customer Relationship Management über das ERP bis hinein in das technische Umfeld. Bechtle mit seinen Wurzeln in der klassischen IT war aber zuvor vor allem im Bereich kaufmännischer Software zu Hause. Deswegen war es für uns eine strategische Entscheidung, die beiden SolidWorks-Systemhäuser zu übernehmen. Denn für den Mittelstand liegt die Quelle der Wertschöpfung in der Produktentwicklung – jetzt können wir auch für diesen Bereich die passenden Lösungen anbieten. Mit der Übernahme von SolidLine wurde diese Strategie auch sichtbar, nachdem zuvor die Akquisition von Solidpro nur ‚zur Kenntnis‘ genommen wurde. Für Bechtle war darüber hinaus auch unsere Vision 2020 ein treibender Aspekt – bis 2020 wollen wir mit 10.000 Mitarbeitern einen Umsatz von fünf Milliarden Euro erzielen.
Huber: Dass es sich um eine strategische Entscheidung handelt, wird auch daran erkennbar, dass Bechtle bereits seit 2009 mit mir im Gespräch war – die Zusammenarbeit hat sich also über einen längeren Zeitraum hin entwickelt. Für mich persönlich spielte zudem auch das Thema Nachfolgeregelung eine wichtige Rolle, da ich auf die 65 zugehe. Insofern war das Angebot der Akquisition willkommen, zumal Bechtle wie eine Holding organisiert ist, die es gewohnt ist, dass das operative Geschäft von Tochterfirmen gemacht wird. SolidLine wird also auch weiterhin selbstständig im Markt auftreten und sich selber Ziele setzen können.
Franchi: Die inzwischen in der Summe 62 Systemhäuser sollen am Markt selbstständig agieren. Auch SolidLine und Solidpro bleiben eigenständige Unternehmen – jeweils mit dem Zusatz: Ein Unternehmen der Bechtle Gruppe.

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CCR: Welche Rolle spielte bei den Übernahmen denn insbesondere SolidWorks als 3D-CAD-System?

Franchi: Für uns ist ein verlässlicher und solider Softwarehersteller als Partner ausschlaggebend – SolidWorks ist das zweifellos. Wenn man wie Bechtle ein Produkt nicht selbst entwickelt, ist es besonders wichtig, einen innovativen Partner zu haben. Ein weiterer Aspekt war, dass wir aufgrund der Partnerstruktur die Chance haben, im SolidWorks-Markt einen signifikanten Marktanteil zu erreichen – das sind nun um die 50 Prozent in Deutschland. Damit kann Bechtle auch die Interessen seiner Kunden gut vertreten. Bei SolidWorks ist das aber sowieso kein Problem, da hier nicht der Lizenzverkauf im Vordergrund steht, sondern sich die Vermarktung an den Wünschen der Kunden und Reseller orientiert.

CCR: Wie beurteilen Sie aus Sicht des Resellers die Diskussionen um den Kernelwechsel bei SolidWorks?

Huber: Für den Anwender kann es nur Vorteile haben, wenn Komponenten den Weg aus der Catia- in die SolidWorks-Welt und umgekehrt finden. Entscheidend dabei ist, dass es die Parasolid-Lösung so lange geben wird, wie der Markt sie nachfragt – insofern ist die Diskussion um den Kernel eine rein akademische. Denn die Stärke von SolidWorks war ja von Anfang an, auf vorhandenen Komponenten aufzusetzen und diese über eine leicht zu bedienende Oberfläche zu verbinden. Das gilt also auch für eine neue Plattform – die Software sieht genauso aus. Zudem kann ich SolidWorks-Versionen so lange einsetzen wie ich will. Und der Hersteller hat immer das Ziel verfolgt, die Kompatibilität sicherzustellen. Es gab noch keinen Technologiebruch, der den Kunden ins Abseits gestellt hätte; der Investitionsschutz ist gegeben.

CCR: Zu SolidLine gehört ja auch die HCV Data Management GmbH. Welche Funktion übernimmt künftig HCV?

Huber: Über das Produkt Porta~X steht HCV vor allem für die SAP-Integration – unabhängig davon, bei wem der Anwender sein CAD-System gekauft hat. Hinzu kommt, dass sich über diese Plattform auch CAD-Produkte anderer Hersteller einbinden lassen, was insbesondere in Multi-CAD-Umgebungen von Vorteil ist, die bei vielen unserer Kunden anzutreffen sind. Diese Themen wird die HCV auch weiter adressieren.
Franchi: Für Bechtle spielt die HCV darüber hinaus eine wichtige Rolle bezogen auf unser Ziel, ein ‚Alles-aus-einer-Hand-Konzept‘ anzubieten. Denn in der HCV als ‚Lösungsschmiede‘ lassen sich auch neue Geschäftsideen um SolidWorks als CAD-Lösung herum platzieren und neue Geschäftsfelder erschließen. In Kürze werden wir beispielsweise eine integrative Lösung mit dem Namen ‚Bechtle PLM‘ vorstellen.

CCR: Bechtle PLM steht dann für die bereits eingangs erwähnte komplette IT-Lösung für den gesamten Produktlebenszyklus?

Franchi: Exakt, neben CRM und ERP – bei uns Microsofts Dynamics NAV – gehören dazu die Schnittstellen in den Bereich CAD/CAM sowie Add-on-Produkte für PDM, Simulation und Visualisierung wie etwa 3DVia. Zentraler Bestandteil ist zudem die Integration in ein Dokumenten-Management-System – denn es wird immer wichtiger, Dokumente aus verschiedenen Blickrichtungen zu integrieren. Neben der kaufmännischen gehört dazu die technische Sicht der Entwickler auf ein Dokument. Auch die Organisation von Arbeitsabläufen und Prozessen – der Workflow – muss im Sinne einer ganzheitlichen Lösung für den Anwender bereitgestellt werden. Beispielsweise über SharePoint-Lösungen. Hier haben wir übrigens nach der HanseVision GmbH in Hamburg aktuell die Redmond Integrators GmbH aus Bochum übernommen, beide spezialisiert auf die SharePoint-Technologie von Microsoft. In beiden Fällen blieb übrigens auch wieder die Geschäftsführung in gleicher Funktion weiter an Bord. Hier wird ein weiteres Mal deutlich, wie wir unsere Strategie Schritt für Schritt umsetzen.

CCR: Sie sprachen die verschiedenen Sichten von Kaufmann und Techniker an. Übernimmt dann eher das ERP oder das PDM die Führung?

Franchi: Das hängt in der Praxis vor allem von den beteiligten Personen ab. Verantwortet die Entscheidung der technische Leiter, wird diese Rolle eher das PDM übernehmen, bei Kaufleuten eher das ERP. Letztlich ist das aber für den Erfolg eines PLM-Konzepts nicht so wichtig, denn das verbindende Element ist die Stückliste. Diese muss über die jeweiligen Prozesse eingebunden werden – Bechtle PLM bietet beide Optionen.
Huber: An dieser Stelle kommt der Prozessberatung eine hohe Bedeutung zu. Hierbei gehen wir systematisch vor, denn wir können beispielsweise kein PDM-System implementieren, ohne vorab die Wünsche des Kunden aufzunehmen und die Situation vor Ort zu analysieren. Darauf aufbauend erstellen wir auf Basis unseres Jumpstart-Pakets ein Fachkonzept. Darin ist festgehalten, woher die Materialnummern kommen, wie sie verwaltet werden, wie die Stücklisten aufgebaut sind und wie die Versionierung geregelt ist. Erst danach schreiten wir zur Umsetzung.

CCR: Das heißt, unter Bechtle PLM werden also Ressourcen aus verschiedenen Bechtle-Systemhäusern zusammengezogen?

Franchi: Das ist richtig. In die BechtlePLM-Lösung sind unsere Kernkompetenzen eingeflossen; ERP durch die Bechtle Software Lösungen GmbH und Dokumenten-Management-Systeme durch unser Competence Center DMS in Köln, ergänzt durch die Spezialisten bei SolidLine, Solidpro und HCV. Ansprechpartner für den Kunden ist jeweils das Systemhaus, an das er sich wendet. Im technischen Bereich werden das vor allem SolidLine und Solidpro mit ihren zusammen 300 Mitarbeitern sein.

CCR: Muss Bechtle PLM immer als Komplettpaket gebucht werden?

Huber: Nein, wir machen nur ein Angebot – der Kunde sagt dann, was er will. Früher haben wir zum Beispiel nie Hardware verkauft und das immer über Partner abgewickelt. Heute können wir das natürlich über Bechtle anbieten. Und vielfach ist es gerade so, dass der Kunde einen Ansprechpartner sucht, der auch übergreifend IT-Dienstleistungen zur Verfügung stellen kann. Etwa die Umstellung auf eine neue Betriebssystem-Version, die mit der Einführung einer neuen Software zusammenhängen kann. Solche Themen konnten wir in der Vergangenheit gar nicht adressieren – jetzt aber über die Einbindung in Bechtle realisieren.
Franchi: In einem konkreten Fall wollte der Kunde auf SolidWorks 2012 umstellen. Dazu empfiehlt SolidWorks Windows 7. Für den Kunden war aber klar, dass jetzt nicht nur in Teilbereichen auf das neue Betriebssystem umgestellt werden sollte, sondern im ganzen Betrieb. An dieser Stelle kann Bechtle ihm die Dienstleistung aus einer Hand anbieten – wir haben dann im gesamten Unternehmen auf Windows 7 umgestellt, inklusive dem Server-Rollout. Auch Themen wie Virtualisierung oder damit zusammenhängend Cloud Computing lassen sich so ansprechen.

CCR: Können Sie diesen Zusammenhang erläutern?

Franchi: Nach der Virtualisierung im Server-Bereich – mit den Vorteilen bezüglich Lastverteilung und Verfügbarkeit – wird nun verstärkt auch im Desktop-Bereich virtualisiert. Der Vorteil hier ist: Alle Daten am Arbeitsplatz werden zentral gelagert – der Anwender kann also unabhängig von Ort und Gerät darauf zugreifen. Gerade bei Präsentationen vor Ort sowie der standortübergreifenden Zusammenarbeit spielt das eine Rolle. Solche Themen, die unter den Begriffen ‚software, platform oder infrastructure as a service‘ bekannt sind, ermöglichen dann den Einstieg in die Cloud-Nutzung. Nur über die Stufen der Virtualisierung wird ein Unternehmen cloud-ready.

CCR: Verschrecken Sie damit nicht die Kunden im technischen Umfeld?

Huber: Das wird vielfach so beschrieben, die Cloud gar als Bedrohung angesehen. Das stimmt aber gar nicht! Die Kunden sehen durchaus den Nutzen und sagen: Ja, das brauche ich genau für die Kommunikation und die Zusammenarbeit mit Kunden und anderen Unternehmensteilen. Übrigens: Aus der Erfahrung heraus kann ich sagen, dass Kritik in dieser Form immer im Zusammenhang mit Systemwechseln auftritt. Bei der Einführung von Unix-, dann Windows- und jetzt eben Cloud-Technologie hörte und hört man immer wieder die gleichen Argumente – richtig sind sie deswegen nicht.
Franchi: Gerade im technischen Umfeld, in dem die Daten sehr sensibel sind, reden wir deswegen ja von einer ‚private cloud‘, nicht der ‚public cloud‘. Hierbei kann der Anwender weltweit auf seine Daten zugreifen, ohne Sicherheitsaspekte zu vernachlässigen.

CCR: Wäre denkbar, dass Sie wie andere Anbieter Bechtle PLM als reine Cloud-Lösung anbieten?

Franchi: Das lässt sich so pauschal nicht beantworten, denn wir analysieren ja zunächst die Situation beim Kunden und fragen nach seinen Anforderungen. Wir machen dabei auch einen Cloud-ready-Check – unter Berücksichtigung der Kriterien der Bitkom. Ganz wichtig ist es bei all diesen Themen, den Kunden ganzheitlich zu betrachten. Es geht ja nicht nur um die Integration einzelner Anwendungen, sondern um den Blick auf das Ganze. Das ist der treibende Gedanke beim Thema Bechtle PLM.
Huber: Abstufungen sind übrigens jederzeit möglich. Wenig bekannt ist beispielsweise, dass es für SolidWorks Enterprise PDM bereits ein Modul ‚Mobile PDM‘ gibt. Damit kann der Anwender schon heute über die Cloud auf die Daten des PDM zugreifen – sie zwar nicht ändern, aber ansehen. Und darauf kommt es meistens ja an.

CCR: Herr Franchi, Herr Huber, vielen Dank für das Gespräch.


Interview: Michael Corban, CAD-CAM REPORT

SolidLine AG, Walluf Tel. 06123/9950-0, http://www.solidline.de

Bechtle AG, Neckarsulm Tel. 07132/981-0, http://www.bechtle.com

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