Softwareentwicklung

„Das kann sonst keiner“

Softwareentwicklung im Siemensumfeld ist sein Steckenpferd. Schon vor 20 Jahren entwickelte Deltalogic-Geschäftsführer Rainer Hönle eine Fernwartungslösung für die Steuerung Simatic S5. Wieso das bis heute so ist und warum er stolz darauf ist, unabhängig von Siemens zu arbeiten, verrät er im Gespräch mit SCOPE-Redakteur Johannes Gillar.


SCOPE: Sie sind bereits seit langem im Siemens-Umfeld als Dienstleister und Anbieter unterwegs. Wie kam es dazu?

Rainer Hönle: Wir verfolgen die Strategie, unser Produktportfolio so auszurichten, dass wir das Siemens-Angebot im Bereich der Steuerungstechnik sinnvoll und zielgerichtet ergänzen und gerade dort Lösungen bieten, wo Siemens selbst kein Interesse hat, aktiv zu werden. Begonnen hat das schon während meines Studiums. Da habe ich mich mit dem Thema Messdatenerfassungssoftware im Druckgussbereich beschäftigt. Es ging darum, bei der Fertigung eines Druckgussteils anhand der aufgezeichneten Parameter zu erkennen, ob das Teil gut oder schlecht ist. Um das fehlerhafte Teil dann automatisch zu entnehmen und an einem anderen Ort abzulegen, musste man mit der SPS kommunizieren. Das war damals die S5. Und so kam ich dazu, eine Software zu entwickeln, die mit Siemens-Steuerungen kommunizieren kann. Wir haben zudem die erste Lösung zur Fernwartung der S5 entwickelt, die auch bei Siemens in der Elektroniksparte eingesetzt wurde. Und das war im Jahr 1993, also sind wir schon seit über 20 Jahren in dem Thema aktiv.

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SCOPE: Arbeiten Sie mit Siemens zusammen?

Hönle: Nein, und wir sind stolz darauf, ein Siemens-unabhängiges Unternehmen zu sein. Wir haben zwar ein gutes Verhältnis zu Siemens, aber wir haben uns das Know-how selbst erarbeitet. Ich denke mal, die wissen schon, was wir tun und schauen sich das sicher auch genau an, Unterstützung bekommen und wollen wir von dieser Seite aber nicht. Unsere Kommunikationsbibliothek Accon-AG Link ist unsere Technologie-Kernkompetenz, und Siemens weiß auch, dass die Hand und Fuß hat.

SCOPE: Sie verstehen sich als Spezialist von Hard- und Software-Komponenten für die Automatisierung und Steuerung von Maschinen und technischen Anlagen. Schwerpunkt ist dabei die Kommunikation mit Siemens-Steuerungen. Wer sind typischerweise Ihre Kunden?

Hönle: Den typischen Kunden gibt es so nicht, wir haben auch keinen Branchenschwerpunkt und adressieren sowohl kleine und mittlere als auch große Unternehmen. Unsere Kommunikationsbibliothek wird von verschiedenen Visualisierungsherstellern zum Protokollieren von Daten eingesetzt oder von kleineren Ingenieurbüros, die etwa unseren Datenlogger nutzen, um Fehleranalysen durchzuführen und Abläufe zu optimieren. So setzt beispielsweise die Firma Aida auf ihren Schiffen unsere Protokollier-Software ein, um nachzuweisen, dass die Gefrierraumtemperatur immer mindestens -24° beträgt. Und da Accon-AG Link mobil ist, kann sich der Servicetechniker bei einer Störung mit seinem Handheld mit der SPS verbinden, das Problem identifizieren und es beheben. Wir zählen also viele namhafte Unternehmen zu unseren Kunden, darunter auch Henkel, die Köstritzer-Brauerei, Daimler sowie Bosch-Siemens-Hausgeräte.

SCOPE: Sie haben zur letzten SPS IPC Drives die erste Lösung vorgestellt, die den direkten Datenzugriff auf das neue Dateiformat des TIA Portals von Siemens ermöglicht. Wie muss man sich das genau vorstellen?

Hönle: Das TIA Portal bringt für alle, die mit Hilfe eines PCs auf die neuen Siemens-Steuerungen zugreifen und mit diesen Daten austauschen möchten, neue Herausforderungen mit sich. Denn zusätzlich zur absoluten Adressierung wurde speziell für die S7-1200 und die S7-1500 eine neue Symbolikart für den optimierten Bausteinzugriff eingeführt. Diese bedeutet, dass die Variablendeklarationen nur die symbolischen Namen enthalten. Die Variablenadressen verwaltet das Programmiersystem automatisch. Damit ist es Siemens gelungen, die Performance der CPU deutlich zu steigern und Zugriffsfehler durch Fehlprogrammierung zu unterbinden. Allerdings gab es bisher keine Möglichkeit, den optimierten Bausteinzugriff und diese Vorteile außerhalb der Siemens-Produktwelt zu nutzen. Der einzige Weg, um auf Daten zuzugreifen, bestand darin, den Kompatibilitätsmodus zu aktivieren bzw. den optimierten Bausteinzugriff abzuschalten. Dies ist aber nicht empfehlenswert, da sich bei Aktivierung nur eines einzigen Datenbausteins in diesem Modus der Zugriff auf alle Daten bis zu sechsmal verlangsamt. Und letztlich ist es fraglich, wie lange Siemens den Kompatibilitätsmodus überhaupt noch unterstützen wird.

SCOPE: Und wie schafft Deltalogic hier Abhilfe?

Hönle: Wir haben das neue Dateiformat analysiert, den Aufbau des Kommunikationsprotokolls entschlüsselt und die Möglichkeit geschaffen, auf TIA-Portal-Projekte zuzugreifen, um symbolische Operanden der Datenbausteine mit ihren Datentypen, Strukturen, Kommentaren, UDTs, Schnittstellen usw. auszulesen. Und diese Funktionalität haben wir in unsere Software Accon-AG Link integriert. Unsere Kommunikationsbibliothek unterstützt TIA-Portal-Projekte ab der Version 11 und ermöglicht im ersten Entwicklungsschritt, von Windows-basierten Systemen aus mit der S7-1200 sowie S7-1500 zu kommunizieren. Für die Zukunft denken wir über das Einbinden weiterer Betriebssysteme nach. Für den Anwender ist das ein großer Vorteil, denn er muss sich nicht mehr um die Adressierung kümmern und kann gleichzeitig auch mit älteren ins Projekt eingebundenen Siemens-Steuerungen wie der S7-300 oder S7-400 Daten austauschen.

SCOPE: Gibt es weitere Vorteile für die Anwender?

Hönle: Die Deltalogic-Lösung bietet insbesondere Herstellern von Panels und Visualisierungssoftware eine elegante Möglichkeit, sich allein über eine Software an die neuen Siemens-Steuerungen anzubinden.

SCOPE: Welche Produkte bietet Deltalogic außerdem an und welchen Nutzen haben die Kunden davon?

Hönle: Wir bieten Lösungen in den fünf Segmenten Software, Fernwartung, S7-Adapter, Diagnosetools und S5 Hard- und Software. Zudem bieten wir Zubehör zu diesen Bereichen an. Sie alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Im Bereich Software ist natürlich unsere Kommunikationsbibliothek Accon-AG Link das Kernprodukt. Daneben bieten wir unter anderen die Lösung Accon-Teleservice IE an, die eine einfachere Fernwartung bei S7-Projekten ermöglicht. Im Geschäftsfeld Fernwartung haben wir diverse VPN-Router und Modems im Portfolio. Zu den Diagnosetools gehört zum Beispiel unser Profibus-Tester BC 600 zur Online-Diagnose/Analyse der Profibus-Physik und -Kommunikation. Und im Bereich S5 Hard- und Software wäre noch unser S5-Programmiersystem Accon-PG zu nennen.

SCOPE: Wie sieht Ihre Wettbewerbslandschaft aus und wer sind Ihre Hauptwettbewerber?

Hönle: Das muss man differenziert nach den einzelnen Tätigkeitsfeldern betrachten. Hier haben wir Wettbewerber, gehen aber auch gezielt Partnerschaften ein. Bei der Fernwartung kooperieren wir beispielsweise mit der Regensburger Firma Insys. Unser Kommunikations- und Programmieradapter Accon-NetLink-Pro geht ebenfalls auf eine Kooperation zurück. Auf beiden Gebieten gibt es natürlich einige spezialisierte Marktbegleiter. Das trifft auch auf die Kommunikationsbibliothek, unsere Kernkompetenz, zu. In diesem Bereich können wir allerdings einige Dinge, die andere nicht bieten. Wir haben zum Beispiel die Möglichkeit, SPS-gesteuerte Telegramme zu empfangen oder sogar Alarme und Quittierungen. Das kann sonst keiner.

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