Scope Online - Industriemagazin für Produktion und Technik
Sie befinden sich hier:
Home> Märkte + Unternehmen> Interviews> „Gerade jetzt investieren“

Sensorsysteme„Gerade jetzt investieren“

In den letzten Jahrzehnten hat sich Baumer einen guten Ruf als Hersteller von hochwertigen Sensorprodukten für Applikationen in der Fabrik- und Prozessautomation erarbeitet. Dr. Oliver Vietze, CEO und Chairman der Gruppe, spricht mit Chefredakteur Hajo Stotz über die das Familienunternehmen prägenden Entscheidungen im letzten Frühling und die breit gefächerten Innovationen im derzeitigen Herbst.

sep
sep
sep
sep
Sensorsysteme: „Gerade jetzt investieren“

SCOPE: Herr Dr. Vietze, im letzten Jahr konnte Baumer noch eine Umsatzverdoppelung innerhalb von fünf Jahren vermelden - wie sehen Ihre Erwartungen an das Geschäftsjahr 2009 aus?

Vietze: Auch Baumer kann sich der weltweiten wirtschaftlichen Situation nicht entziehen. Es ist dieses Jahr das allererste Mal in der Firmengeschichte, dass der Gesamtumsatz der Baumer Group nach unten zeigt und dies leider deutlich zweistellig. Dennoch denke ich, dass wir besser im Markt stehen als der Marktdurchschnitt.

SCOPE: US-Notenbank-Chef Ben Bernanke zeigt sich optimistisch bezüglich der Entwicklung der Wirtschaft und spricht vom Ende der Krise - teilen Sie die Meinung und sehen Sie wieder Licht am Ende des Tunnels?

Anzeige

Vietze: Die Krise ist in den einzelnen Branchen zeitlich versetzt eingetreten. Einzelne Kunden haben schon im November deutliche Bremsspuren hinterlassen, während andere noch bis in den Frühling zulegen konnten. Entsprechend zeitversetzt wird wohl auch der Aufschwung kommen. Wir spüren eine gewisse Bodenbildung und leichte Anzeichen eines geringen Wachstums, aber auf tiefem Niveau und noch nicht in allen Bereichen. Ich rechne mit einem längeren und schwierigen Weg zurück zu den Zahlen von 2008.

SCOPE: In welchen Branchen spüren Sie den leichten Aufwind?

Vietze: Wir haben den Eindruck, dass z.B. die Halbleiterbranche wieder anzieht. Pharma, Lebensmittel und Neue Energien haben die Krise nicht so stark zu spüren bekommen, und dem Anlagenbau steht sie vielleicht auf Grund der langen Auftragslaufzeiten erst noch bevor.

SCOPE: Bei Baumer Hübner in Berlin bauen Sie ein neues Entwicklungs- und Produktionsgebäude für Heavy-Duty Drehgeber. Würden Sie diese Investition heute auch noch so entscheiden? Welche Potentiale sehen Sie in dem Markt?

Vietze: Die Investition in das neue Fabrikgebäude in Berlin wurde im Frühling im vollen Wissen um die Ausmaße der Krise freigegeben. Baumer gehört zu den führenden Unternehmen im Bereich Motion Control und wir sind überzeugt, dass sich diese Investition rechnet und wir unsere führende Stellung damit weiter ausbauen können. Als Familienunternehmen sind wir langfristig ausgerichtet. Wir nutzen unsere finanzielle Stärke und investieren deshalb gerade auch jetzt, um für den nächsten Aufschwung - und der kommt bestimmt - gerüstet zu sein.

SCOPE: Was sind und wie entwickeln sich Ihre wichtigsten Absatzmärkte?

Vietze: Schwerpunkt ist immer noch Europa. Deutschland und die Schweiz nehmen dabei die wichtigsten Stellungen für uns ein. Allerdings sind beide von der Krise stark betroffen. Aber unsere Internationalisierungsanstrengungen mit Investitionen in den Vertrieb machen sich positiv bemerkbar. So wachsen wir auch in der Krise deutlich in Asien. Zwar noch auf niedrigem Niveau, aber teilweise dreistellig. Und auch in USA sind wir vergleichsweise gut unterwegs.

SCOPE: Baumer produziert auch weltweit?

Vietze: Nein, derzeit ausschließlich in Europa. Wir stehen zu unseren europäischen Produktions-Standorten. Unsere Produkte sind so entwickelt, dass nicht viel Handarbeit drin steckt. Und in Benchmarks stellen wir bisher fest, dass wir nach wie vor mit unserer Produktion in Europa wettbewerbsfähig sind. Aber das Produzieren in einer außereuropäischen Region wird sicher mittelfristig wichtiger, um die Zollkosten, Logistikkosten etc. dort zu optimieren. Das prüfen wir immer wieder.

SCOPE: Baumer wurde groß mit Sensortechnik für die Fabrik Automation. Seit der Übernahme von Bourdon Haenni trägt auch die Prozessindustrie erheblich zum Umsatz bei. Wie verteilen sich aktuell die Umsatzanteile?

Vietze: Derzeit machen wir knapp zwanzig Prozent im Bereich Prozesstechnik. Dieser Bereich ist von der Krise weniger betroffen. Hier sehen wir viel Zukunftspotential.

SCOPE: Und welches sind ihre wichtigsten Absatzbranchen und wie entwickeln die sich derzeit?

Vietze: Baumer ist sehr breit abgestützt und hat keine alles dominierende Branche. Natürlich hat der allgemeine Maschinenbau einen gewichtigen Anteil, insbesondere die Bereiche Grafische -und Textilindustrie. Diese Bereiche werden mittelfristig schwierig bleiben Auf der anderen Seite sind wir im Bereich ¿Neue Energien¿ sehr gut unterwegs, ebenso im Anlagenbau, in der Pharma- und Verpackungsindustrie bis hin zu Transport. Diese Breite ist uns wichtig.

SCOPE: Sie haben in den letzten Jahren eine Reihe von Unternehmen übernommen, neben Bourdon Haenni unter anderem IVO, Thalheim und Hübner. Seit 2007 firmieren alle Unternehmen unter dem Namen Baumer. Zahlt sich diese Strategie am Markt aus?

Vietze: Auf jeden Fall. Baumer ist heute ein kompetenter Komplettanbieter für Sensoren und Sensorsysteme mit einem umfangreichen und vollständigen Produktportfolio. Wir waren vor Jahren einer der ersten Sensoranbieter, der sich so breit aufgestellt hat. Heute ziehen viele Marktbegleiter in diese Richtung nach. Ich denke, unsere Strategie war und ist richtig.

SCOPE: Die drei letztgenannten sind vor allem im Bereich Motion Control aktiv. Stehen diese drei Firmen nicht gegenseitig in Konkurrenz?

Vietze: Die Überschneidungen im Bereich Motion Control sind viel kleiner, als das vielleicht auf den ersten Blick aussieht. Die Baumer Motion Control Firmen waren mit ihren Kompetenzen und Produkten nicht in den gleichen Branchen aktiv und haben sich keinen großen Wettbewerb gemacht. Im Gegenteil: wir nutzen schon seit Jahren das umfangreiche Know-how und die Flexibilität dieser Kompetenz-Center und treten als Team bei den Kunden auf. Es gibt derzeit keinen Anbieter auf dem Gebiet der Drehgeber, welcher dem Kunden eine breitere Palette an Produkten und Lösungen anbieten kann als wir.

SCOPE: Wie nutzen Sie die Synergieeffekte aus dem Unternehmensverbund?

Vietze: Wir fokussieren unsere Business-Units als leistungsstarke, flexible und schnelle Kompetenzzentren und bieten alle Produkte aus einer Hand über unsere internationalen Vertriebsgesellschaften global an. Unsere Kunden profitieren von den Vorteilen einer internationalen Firmengruppe mit standardisierten Prozessen, weltweiter Verfügbarkeit und der finanziellen Stärke in Kombination mit den Möglichkeiten leistungsstarker, flexibler mittelständischer Spezialisten. Alles zu zentralisieren, halten wir für den falschen Weg. Denn je kürzer die Wege sind, desto schneller kann man auf Kundenwünsche reagieren.

SCOPE: Wo liegen derzeit die Schwerpunkte der Innovationen bei Baumer?

Vietze: Grundsätzlich sehen wir die Reduktion der Cost of Ownership für die Kunden als ein ganz zentrales Thema, bei dem wir versuchen, dem Kunden einen Mehrwert zu bieten: zuverlässige Produkte mit geringen Einbau-, Unterhalts- und Wartungskosten. Beispiel: Wenn heute ein Induktivsensor günstiger ist als die Zeit, um dieses Produkt zu montieren, dann muss man das Produkt im Prozess beim Kunden so gestalten, dass ihm an der Stelle weniger Kosten entstehen. Dazu gibt es in jedem Produktbereich eine Vielzahl an Innovationen.

SCOPE: Was stellen Sie auf der SPS/IPC/Drives vor?

Vietze: Wir zeigen im Produktsegment Motion Control, Drehgeber rund um das Thema Eigensicherheit - sprich SIL1-3, vollredundante Absolut-Multiturn-Drehgeber mit integriertem Kontrollsystem und Heavy-Duty Geber mit der neuen Funktionsüberwachung EMS (Enhanced Monitoring System). Eine Novität sind zudem die neuen programmierbaren Drehgeber, die dem Kunden mehr Flexibilität bieten. Im Bereich Sensor-Solutions zeigen wir eine stark erweiterte Produktpalette der Distanz messenden Sensoren, Sensoren, welche die I/0 Link Sensorintelligenz clever nutzen, und neue Ultraschall-Sensoren für kleinste Objekte bzw. kleine Füllstandsmessungen. Process Instrumentation stellt die neue, flexible PB-Drucksensorfamilie und die neue Füllstandssensorgeneration Flex Level Switch vor. Im Bereich Vision Technologies zeigen wir GigE-Komplettlösungen und Kameras mit neuester HQ Color-Technologie.

SCOPE: Sehen Sie im Bereich Ultraschall-Sensorik gute Entwicklungschancen?

Vietze: In den letzten Jahren haben wir uns bei Ultraschall-Sensoren zu einem der führenden Anbieter entwickelt und zeigen hier ein sehr breites Produktportfolio. Die Ultraschall-Technik wird vielfach alternativ zu optoelektronischen Sensoren eingesetzt. Wir werden die neue Ultraschall-Sensorserie 09 vorstellen, die Kleinstteile mit minimal drei Millimeter Durchmesser erkennen kann bzw. mit einer Genauigkeit von 0,1 Millimeter messen kann.

SCOPE: Und welche Erwartungen haben Sie für 2010?

Vietze: Wir gehen davon aus, dass Baumer nächstes Jahr wieder deutlich wachsen wird, aber eben ausgehend vom Niveau 2009. Durch unsere Investitionen in Innovationen, Prozesse und Standorte werden wir Marktanteile gewinnen können.

Anzeige
Diesen Artikel …
sep
sep
sep
sep
sep

Weitere Beiträge zum Thema

Beidseitig messendes Drehmoment-Sensor-Innenlager

E-Bike-SensorsystemeSchaeffler und NCTE kooperieren im Fahrrad- und E-Bike-Markt

Schaeffler hat NCTE als Technologiepartner für Drehmomentsensorik ausgewählt und wird das gemeinsame Sensorlager-Produktportfolio der beiden Firmen im Fahrrad- und E-Bike-Markt exklusiv anbieten.

…mehr
Ortsflexible Roboter: Nicht ortsgebunden

Ortsflexible RoboterNicht ortsgebunden

zu sein, ist günstig für Verliebte und Arbeitssuchende – und Roboter. Ein neu entwickeltes Verfahren, das sich auf die Robotertechnik von Mitsubishi Electric stützt, ermöglicht jetzt auch in der Produktion den wirtschaftlichen Einsatz von ortsflexiblen Robotern, die noch während der Bewegung des Roboterarms auf Veränderungen in ihrer Umgebung reagieren und die Bewegungsbahn festlegen.

…mehr
Winkelsensor: Es sieht aus wie ein Potentiometer

WinkelsensorEs sieht aus wie ein Potentiometer

ist aber ein Drehgeber mit einem berührungslosen elektromagnetischen Sensorsystem. Der Messbereich des Modells PBA25 beträgt 360° und wird durch keine Anschläge begrenzt. Ausgelegt für einen Betriebsspannungsbereich von +4,5 bis +5 Volt steht am Ausgang ein lineares Analogsignal von nominal 5 Volt mit einer absoluten Genauigkeit von ±1° zur Verfügung.

…mehr

Winkelcodierer ohne WellenlagerungZwei externe Permanentmagnete

in Verbindung mit einem ASIC und Hall-Elementen sorgen für die Aktivierung des Sensorsystems in einem neu entwickelten Winkelcodierer. Diese F-Serie von TWK-Elektronik gibt es für Messbereiche von 1 bis 32.

…mehr

Weitere Beiträge in dieser Rubrik

Digitalisierung

Interview„Appetit auf mehr“

Dem digitalen Wandel muss eine hohe Priorität zugeschrieben werden. Rockwell Automation unterstützt Unternehmen bei diesem Wandel und hat sich strategische Allianzpartner mit ins Boot geholt. So arbeiten Rockwell Automation und Cisco gemeinsam an industriellen Netzwerk- und Sicherheitslösungen. Über Hürden, Ziele  und Zukunftstechnologien befragte SCOPE-Redakteurin Caterina Schröder Cliff Whitehead, Global Business Development bei Rockwell Automation, und Scot Wlodarczak, Industrial Marketing Manager bei Cisco.

…mehr

Neue Stellenanzeigen