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Produktionsleitsystem"In Echtzeit entscheiden"

SCOPE: Der MES-Markt wuchs, so eine Untersuchung der Marktforschers AMR, letztes Jahr um 15 Prozent und damit erstmals über eine Milliarde Euro. Siemens konnte mit seinem MES-Geschäft aber ein Wachstum von 55 Prozent verbuchen. Worauf führen Sie dieses starke Wachstum zurück?

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Wortwechsel: "In Echtzeit entscheiden"

Cuttica: Siemens wächst in der MES-Arena weit schneller als der Markt. MES ist ein strategisch wichtiges Element unseres Automatisierungsportfolios und wir investieren kontinuierlich in Kundenausrichtung und Produkterweiterungen. Dabei haben wir sehr früh an die aufkommenden Integrationsszenarien bei unseren Kunden gedacht. Heute fordern diese zunehmend Spitzenleistungen bei der unternehmensweit integrierten Echtzeit-Informationsverarbeitung, -Kommunikation und -Analyse. Es geht heute nicht mehr nur darum, Informationen zu akquirieren und zu integrieren. Entlang des Unternehmensprozesses ist in Echtzeit zu entscheiden, welche Informationen wirklich sinnvoll sind und welche an welcher Stelle zu „proaktiven“ Reaktionen oder Ergebnissen führen sollen. Und heute bereits profitieren die Anwender von unserem Angebot, indem sie zum Beispiel Forschung & Entwicklung in einem Umfeld betreiben können, das nah der nachgelagerten eigentlichen Produktion ist. Ebenso bieten intelligente Informations-, Kommunikations- und Exekutionsmodelle eine deutlich gesteigerte Transparenz nicht nur im direkten MES-Umfeld, sondern auch in angrenzenden Bereichen sowie den unterschiedlichsten Hierarchie-Stufen – bis hin zum CEO oder CIO.

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Wir verfügen über Wettbewerbsvorteile, die unser überproportionales Marktwachstum stark unterstützen: Das ist zum einen unser auf dem ISA-95-Standard basierendes MES-Angebot Simatic IT. Dazu gehört auch der technischer Support Service (TSS) für alle Produkte der Simatic IT-Familie – mit Optionen bis zu einem 24/7-Vertrag. Zusätzlich verfügen wir über ein ausgereiftes Partnerprogramm für Simatic IT, das jederzeit sichergestellt, dass der Kunde vor Ort effiziente Beratung, Integration und Service für den gesamten Produktlebenszyklus erhält. Und last but not least unser modulares und skalierbares Produktangebot, bei dem unsere Kunden entscheiden können, ob sie zunächst mit einer eingrenzbaren kleinen Problemlösung starten wollen oder bereits mit einem kompletten MES-System.

SCOPE: MES-Lösungen müssen in der Lage sein, auf der Produktionsebene mit unterschiedlichen Steuerungen, Antrieben, Industrie-Netzen zu kommunizieren und auf der administrativen Seite mit ERP-Lösungen zusammen zu arbeiten. Wie ist das lösbar?

Cuttica: Die Anbindung der Automatisierungsebene an die übergeordnete IT-Infrastruktur eines Betriebes ist eine wesentliche Herausforderung. Heute werden hierzu meist individuell erstellte MES-Lösungen eingesetzt, oft speziell angepasst an ein einzelnes Produktionssegment. Wir hingegen setzen mit unserer MES-Technologie auf eine Standardisierung, die unseren Kunden zusätzlich die Flexibilität bietet, die sie für ihre individuellen Prozessabläufe und Ausrichtungen wünschen. Wir setzen mit Simatic IT auf den internationalen Standard ISA-95, der die Schnittstellen zwischen Control-, MES- und ERP-Systemen beschreibt und eine eindeutige Abgrenzungen bei IT-Infrastruktur, planerischen ERP-Systemen und Fertigungsmanagementsystemen trifft. Wir sind die Ersten, die nicht nur alle in der ISA-95 geforderten Funktionalitäten in einem MES-Produkt realisiert haben, sondern wir haben darüber hinaus auch eine modulare Architektur und die einheitliche Terminologie konsequent umgesetzt.

SCOPE: ERP-Anbieter bieten heute ebenfalls Lösungen, die in der Lage sind, die Fertigung in Echtzeit zu steuern – etwa SAP mit seinem Adaptive Manufacturing Ansatz. Wo liegen die Unterschiede?

Cuttica: Hier besteht noch Aufklärungsarbeit. ERP-Anbieter versuchen den Markt der Fertigungssteuerung zu betreten, aus unserer Sicht derzeit allerdings mit nur geringem Erfolg. Sie verwenden eine Auswahl an quasi-MES-Funktionalitäten, was bei einfachen und wenig integrierten Systemen geringer Komplexität durchaus mal eine pragmatische Lösung sein kann. Das verstehen wir aber nicht als Echtzeit.

Ein MES-System schließt sich nahtlos an die Systemebene an, in der etwa 90 Prozent der kritischen Daten entstehen, nämlich im Shop-Floor. Diese Daten entstehen in Sekunden oder Millisekunden, ebenso mit einer Granualität, die ERP-Systeme nicht annähernd abgreifen oder verarbeiten können. Diese befinden sich in planerischer und administrativer Welt mit Zeithorizonten von Stunden, Tagen oder manchmal sogar Wochen. Ihnen ist der nötige Detaillierungsgrad der echtzeitnahen „Manufacturing Execution“ völlig fremd, und deshalb können sie bei weitem keine hochkomplexen Vorgänge „stemmen“, wie sie in der Manufacturing Execution normal sind. Darauf kommt es aber an, denn schon kleinste technische Störungen können die Gesamtanlageneffektivität kräftig reduzieren. Für sofortiges Handeln ist das ständig laufende MES-Echtzeit-Monitoring erforderlich.

ERP-Systeme eignen sich an ein oder anderen Stelle für Punkt-zu-Punkt-Verbindungen, müssen in aller Regel aber aufwändig individuell „gebaut und gepflegt“ werden – mit zusätzlichen Schnittstellen, ungenügender Integration in die komplexen umliegenden Systeme und ohne Möglichkeit zur Skalierung. Dies resultiert kurz über lang in einer kaum kontrollierbaren Fehleranfälligkeit und einer gegen Null gehenden Flexibilität. Was das für die TCO (Total Cost of Ownership) und die bei den heute dynamischen Marktbedingungen benötigte Kundenagilität bedeutet, liegt auf der Hand.

SCOPE: Neben der Optimierung der Fertigung wird die Vernetzung von Zulieferern, der eigenen Produktion und den Kunden für die Unternehmen immer wichtiger, um flexibel auf Änderungen oder Störungen reagieren zu können. Ist MES nur ein befristetes Werkzeug, bis die ERP-Systeme selbst in der Lage sind, mit der Shopfloor-Ebene in Echtzeit zu kommunizieren? Oder werden sich die MES-Lösungen zu Werkzeugen weiterentwickeln, mit denen nicht nur mit der Produktion, sondern der gesamten Lieferkette in Echtzeit kommuniziert werden kann?

Cuttica: In der Frühphase der MES-Systeme stellte man rasch fest, dass sie als eine Art „Leim“ die Lücken zwischen einerseits Fertigungsebene und andererseits Planungsebene schließen konnten. Dies führte zur Verbindung von Produktion mit umliegender Organisation: Diese konnte nun auch Prozesse, Qualität, Design und Scheduling evaluieren sowie frühzeitig Produktivitäts- und Qualitätsverlusten entgegenwirken oder vorbeugende Wartungsmaßnahmen ergreifen. Heute bietet die zunehmende Verflechtung mit weiteren Unternehmensbereichen wie Einkauf, Forschung und Entwicklung (F&E) oder nachfolgenden Logistikprozessen zusätzliche Einsparungs- und Qualitätspotentiale. Zum Beispiel verknüpft Simatic IT heute schon nahtlos den F&E-Bereich über seine R&D Suite (Research & Development).

MES entwickelt sich zum zentralen, horizontal wie auch vertikal integrierenden Unternehmenssystem. Neue Technologien, wie RFID (Radio Frequency IDentification), unterstützen dabei die weitere Synchronisierung, Vereinfachung und Flexibilisierung der Prozesse und ihrer Handhabung im produzierenden Unternehmen, zum Beispiel entlang der Logistikkette. Damit werden sich MES-Systeme mit der Supply Chain-Technology verbinden.

SCOPE: Die Nachfrage nach MES-Lösungen wuchs bei Siemens vor allem auch im Lebensmittelbereich sehr stark an. Liegen hier die Gründe vor allem in neuen Gesetzen und Vorschriften, wie etwa wie in den USA, die eine 4-Stunden Reaktion des Herstellers bei Lebensmittelanschlägen vorschreiben?

Cuttica: Wir sind im Lebensmittel- und Tabakbereich schon seit Jahren Weltmarktführer und konnten bereits zahlreiche Kunden beraten, sich rechtzeitig mit den neuen gesetzlichen Bestimmungen auseinander zu setzen. Viele haben darauf bereits antizipativ reagiert, andere nach Eintritt der neuen gesetzlichen Bestimmungen. Zusätzlich bieten MES-Systeme eine deutliche und nachweisbare Performance-Verbesserung. Dies hilft gerade diesen Brachen mit den strikten und ständigen Qualitätskontrollen, der geforderter Nachverfolgbarkeit und hohen Prozesskomplexität dabei, schnell auf Unwägbarkeiten reagieren zu können.

SCOPE: Viele Branchen der diskreten Industrie, wie der Maschinen- und Anlagenbau, sind nicht von Konzernen geprägt, sondern von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Eignen sich MES-Lösungen auch deren Anforderungen und Strukturen?

Cuttica: Mit unseren Cross-industry Libraries (CILs) treffen wir die unterschiedlichen Anforderungen mittelständischer Unternehmen. CILs bieten Teil- oder Komplett-Lösungen für übergreifende Produktionsbelange wie zum Beispiel Batch-Analyse, In-Process-Test, Wiegen, Verpacken oder ERP-Integration. Dies lässt sich vollständig individuell auf den Kundenwunsch ausrichten und jederzeit erweitern –alles flexibel und auf Standardprodukten basierend.

SCOPE: Wieviele Partner hat Siemens im MES-Bereich? Und wieviele Kunden?

Cuttica: Wir haben weltweit über 100 Partner und im „klassischen“ MES-Feld weit mehr als 1.000 Installationen laufen.hs

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