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ERP„Keine triviale Aufgabe“

Wie zukunftsträchtig ist ERP? Manfred Deues, Vorstand der ams Solution AG, muss es wissen. Im Interview mit SCOPE-Chef- redaktuer Hajo Stotz zeigt er außerdem die Unterschiede von ERP-Anforderungen für Auftrags- und Serienfertiger auf und gibt Tipps, wie man sein Geld gut verwendet.

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ERP: „Keine triviale Aufgabe“

SCOPE: Herr Deues, ams wurde bereits zum dritten Mal in Folge von der Uni Potsdam zum ERP-System des Jahres in der Kategorie "Einmalfertigung" gewählt. Gibt¿s da keinen Wettbewerb oder was zeichnet das System aus?

Deues: An der Zahl der Wettbewerber kann es kaum liegen. Hier herrscht der starken Marktbereinigung zum Trotz keinerlei Mangel. Doch sind wir noch immer das einzige Beratungs- und Softwarehaus, dass sich ausschließlich auf die Einzel- und Auftragsfertigung konzentriert. In den Portfolios der anderen Anbieter konkurriert unser Zielmarkt mit einer Vielzahl von weiteren Anwendungsfeldern, die gänzlich andere Anforderungen an ein unternehmensübergreifendes Planungs- und Steuerungssystem stellen. Im Gegensatz zur Serienfertigung etwa stellt sich die Einzel- und Auftragsfertigung als komplexes Projektmanagement mit zahlreichen Unbekannten dar. Wird mit der Losgröße eins gefertigt, so läuft die Konstruktion parallel zum Einkauf und zur Produktion. Der fortwährende Änderungsprozess kommt erst in der Montage zum Abschluss. Wer trotz dieses evolutionären Vorgehens den Überblick über alle Aufträge behalten will, braucht ein integriertes Informationssystem, das auch ohne vollständige Stücklisten und Arbeitspläne arbeiten kann. Angesichts der Komplexität und Dynamik des Einzelfertigergeschäfts ist dies jedoch alles andere als eine triviale Aufgabe. Dank unserer Spezialisierung konnten wir uns einen mehrjährigen Erfahrungs- und Technologievorsprung herausarbeiten. Auszeichnungen wie die der Uni Potsdam honorieren dies.

SCOPE: ams hat sich seit über 20 Jahren auf ERP-Lösungen für Einzel-, Varianten- und Auftragsfertiger spezialisiert. Bietet der Markt denn heute noch Wachstumspotential?

Deues: Derzeit haben wir europaweit 500 Kunden in 30 unterschiedlichen Branchen. Diese Unternehmen bilden einen Querschnitt durch die gesamte verarbeitende Industrie. Anlagen-, Werkzeug- und Sondermaschinenbauer sind ebenso dabei wie Stahl- und Metallbauer, Hersteller von Sonderfahrzeugen, Innenausstatter oder auch Werften. Im Markt für betriebswirtschaftliche Standardsoftware fristen diese Unternehmen noch immer ein Mauerblümchendasein. Aus den bereits genannten Gründen sehen sie sich einer Fülle von Angeboten gegenüber, die für das Geschäft der Serienfertiger ausgelegt sind und an den Realitäten der Unikatfertigung vorbeilaufen. Da Angebot und Nachfrage somit in der Regel nicht zusammenpassen, gehen wir davon aus, dass allein in Deutschland noch mehrere Tausend Einzelfertiger ohne ein integriertes Auftragsmanagementsystem arbeiten.

SCOPE: Worin liegen denn aus Ihrer Sicht die wesentlichen Unterschiede in den ERP-Anforderungen zwischen Auftrags- und Serienfertigern?

Deues: ERP-Lösungen für Serienfertiger stützen ihre Planungslogik auf die Analyse des Materialbedarfs. Um die Lagerfertigung von Standardprodukten wirtschaftlich zu organisieren, konzentrieren sich die eingesetzten Planungssysteme auf die Produktionsauslastung und die Rüstungsoptimierung. Für diese Aufgaben liegt den Anwendern das volle Set an Produktionsinformationen vor. In der Einzel- und Auftragsfertigung stellt sich die Ausgangslage jedoch vollkommen anders dar. Im Zentrum des Auftragsmanagements steht eine flexible Stückliste, über die das noch zu entwickelnde Produkt zunächst skizziert und daran anschließend schrittweise präzisiert wird. Maschinen- und Anlagenbauer nennen das die Arbeit mit der "wachsenden Stückliste". Um diese spezifische Methodik zu unterstützen, müssen wir die konstruktionstechnischen, terminlichen und betriebswirtschaftlichen Informationenverzahnen. Nur dann erhalten die Anwender eine konsistente Auftragsstückliste, an die sich sämtliche Transaktionen und Buchungen der Betriebswirtschaft knüpfen. Diese Kunst beherrscht nur ein integriertes Auftragsmanagementsystem.

SCOPE: Erst Saas (Software as a Service) und nun auch Cloud Computing sollen das klassische ERP ablösen - solche Schlagzeilen sind immer häufiger zu lesen. Sehen Sie das auch so?

Deues: Bis sich Cloud Computing auch im ERP-Bereich als ernsthafte Alternative empfiehlt, fließt noch eine Menge Wasser den Rhein herunter. Schließlich geht es aus Sicht der Nutzer um nichts weniger als den Erhalt ihrer Wettbewerbsvorteile. Denn wer nicht länger nur Office-, Mail- oder Groupware-Software, sondern jetzt auch Business-Lösungen aus der Wolke beziehen will, muss derzeit erhebliche Abstriche bei der Konfigurierbarkeit der verfügbaren Angebote machen. Im aktuellen Entwicklungsstadium verfügt der Cloud-Ansatz nicht über ausreichende Mittel, um Geschäftsprozesse kundenspezifisch abzubilden. Gerade diese Spezifika sind aber das wesentlichste Merkmal, über das sich vor allem Mittelständler von ihrer Konkurrenz abheben. Die Cloud unterscheidet noch nicht nach horizontalen und vertikalen Anwendungen. Standardsoftware wie Finanzbuchhaltung oder Dokumentenmanagement sind zwar schneller in der Cloud realisierbar. Sobald jedoch vertikale Anforderungen zu Anpassungen führen, stößt der Ansatz recht schnell an seine Grenzen. Cloud Computing wird sich daher erst dann durchsetzen, wenn Unternehmen ihre Individualität und damit ihre Wettbewerbsfähigkeit erhalten können.

SCOPE: Registrieren Sie Interesse Ihrer Anwender an solchen Themen?

Deues: Noch warten wir auf den ersten Kunden, der ein Cloud Computing-Konzept umsetzen möchte. Die Zurückhaltung kommt nicht von ungefähr. Einzelfertiger differenzieren sich in erster Linie durch ihr ingenieurtechnisches Wissen. Dieses Know-how zu schützen, genießt oberste Priorität. Bevor ein Auslagerungskonzept wie Cloud Computing ernsthaft ins Auge gefasst wird, müssen dessen Sicherheitsvorkehrungen wasserdicht sein. Aus der Sicht unserer Kunden ist der Markt hiervon jedoch noch weit entfernt. Die gefühlte Distanz nimmt sogar noch zu. Jedes neu aufgedeckte Sicherheitsleck in der Webkommunikation und jede Nachricht über das sprunghafte Anwachsen der Industriespionage bestätigt die Mehrzahl der Betriebe in ihrem über Jahre gefestigten Credo, geschäftliche Daten auf gar keinen Fall in die Hände Dritter geben zu dürfen.

SCOPE: Welche ERP-Themen sind für Ihre spezifische Klientel denn derzeit vor allem interessant?

Deues: Das Top-Thema ist die Sicherung der Liquidität über eine verlässliche Finanzplanung. Angesichts sechs- bis achtstelliger Investitionssummen können selbst kleinere Planungsfehler die in erster Linie mittelständisch geprägten Einzel- und Auftragsfertiger in ernsthafte kaufmännische Schwierigkeiten bringen. Zudem sie die Projekte überwiegend vorfinanzieren müssen. Vor dem Hintergrund der sich weiter verschärfenden Geldvergaberichtlinien verlangen Banken jedoch einen immer tieferen Einblick in die Liquiditätsplanung. Um entsprechend auskunftsfähig zu sein, brauchen Einzelfertiger ein Maximum an auftragsübergreifender Prozesstransparenz mit allen Zahlungsein- und -ausgängen. Aus diesen Gründen steht das Management sowohl der dispositiven als auch der strategischen Finanzplanung ganz oben auf der Agenda unserer Kunden.

SCOPE: Auf der Cebit zeigt ams das Modul Strategische Planung. Durch welche, für den Einzelfertiger besonders wichtigen, Funktionen zeichnet sich das Modul aus?

Deues: Um ihre Liefertermine einhalten und möglichen Ressourcenengpässen wirtschaftlich entgegensteuern zu können, müssen Einzelfertiger die Kapazitäten bereits zum Projektstart planen. Auch wenn, wie bereits gesagt, zu diesem frühen Zeitpunkt noch keine Stücklisten und Arbeitspläne vorliegen. Mit der Strategischen Planung verfügen ams-Anwender über eine Grobplanung, welche die zukünftige Belastungssituation auch aus den Angebotsdaten errechnet. Zusätzlich bezieht die Strategische Planung die bereits eingelasteten Projekte in die Simulation mit ein. Auf diese Weise erhalten Auftragsfertiger die erforderliche Transparenz, um neue Aufträge termin- und ressourcengerecht einzusteuern.

SCOPE: Wenn Ihnen ein Anwender sagen würde, dass er nur für eine der drei Maßnahmen Geld und Zeit hat: Optimierung der Prozesse, optimale ERP-Lösung oder bestmögliche Beratung und Support - wozu würden Sie ihm objektiv raten?

Deues:Die Qualität einer ERP-Lösung entscheidet sich zuallererst daran, ob sie die zukünftigen Geschäftsprozessanforderungen des Anwenders erfüllt. Zudem muss die Software ausreichend Möglichkeiten zur Prozessverschlankung bieten, damit der Anwender seine Wettbewerbsfähigkeit kontinuierlich steigern kann. Ob eine ERP-Lösung diese Mehrwerte erschließt, lässt sich nur über eine eingehende Analyse der Geschäftsprozesse mit einer Modellstudie sagen. Ohne eine entsprechende Beratungsleistung steht jedes ERP-Projekt auf tönernen Füßen. Wenn die Ressourcenlage also tatsächlich so angespannt ist, wie Sie es in Ihrer Frage andeuten, dann empfehle ich zunächst einmal den Kauf von Beratung, um eine vernünftige Basis für die spätere Umsetzung der Effizienzpotenziale zu erarbeiten.

SCOPE: Herr Deues, ams erzielt seit Jahren zweistellige Wachstumsraten und konnte auch 2009 um 14 Prozent im Umsatz zulegen. Wie lief denn 2010 und welche Erwartungen haben Sie an 2011?

Deues: 2010 mussten wir der Finanz- und Wirtschaftskrise Tribut zollen und konnten den Umsatz diesmal nur um 1 Prozent steigern. Ab Mai kam unser Zielmarkt verstärkt unter Druck. Das verspätete Einsetzender Rezession entspricht dem in der Einzel- und Auftragsfertigung üblichen Konjunkturzyklus, bei dem lange Durchlaufzeiten und hohe Auftragsbestände zu einer signifikanten Verschiebung der Nachfrage führen. Angesichts dieser Marktlage sind wir mit dem leichten Wachstumsplus sehr zufrieden. Zudem gab uns der moderate Geschäftsverlauf die Gelegenheit, unser Business nach den zweistelligen Zuwachsraten der vorangegangenen Jahre zu konsolidieren. Seit dem vierten Quartal verzeichnen wir eine solide Wiederbelebung des Marktes. Deshalb erwarten wir für 2011 die Rückkehr zum Wachstumstempo der Vorjahre.

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