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Automatisierungstechnik„Das Blatt wendet sich“

Mit "Technik, die begeistert", wird man auf der Internetseite des Automatisierungsspezialisten Weiss begrüßt. Dass das nicht nur ein leerer Slogan ist, bemerkte Chefredakteur Hajo Stotz beim Gespräch mit Uwe Weiss, Der 36-jährige Geschäftsführer und seine Mannschaft sind überzeugt, dass Innovationen und Qualität auch in schwierigen Zeiten punkten.
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Automatisierungstechnik: „Das Blatt wendet sich“

SCOPE: Herr Weiss, gegründet wurde die Weiss GmbH vor 40 Jahren in Ludwigsburg, heutiger Firmensitz ist Buchen im Odenwald. Was zog sie ins Outback?

Weiss: Mein Vater hat die Firma im Alter von 25 Jahren im umgebauten Kuhstall in Ludwigsburg gegründet. Aber nach fast 20 Jahren dort hatten wir weder auf dem damaligen Gelände noch am Standort bezahlbare Expansionsmöglichkeiten. Mein Vater hat sich dann - übrigens zusammen mit Willi Pfannenschwarz, dem Geschäftsführer des damaligen und auch heutigen Nachbar-Unternehmens und Müsli-Herstellers Seitenbacher - auf die Suche nach Alternativen gemacht. Fündig wurden beide in Buchen, wo sie mit offenen Armen empfangen wurden. Beide Unternehmen haben sich seit dem Umzug erfolgreich entwickelt, und auch die Familien haben bis heute engen Kontakt. Glücklicherweise hatte der Bürgermeister meinen Vater dazu gedrängt, wesentlich mehr Grund zu kaufen, als der damals für die 12-Mann-Firma benötigte. Heute, mit über 160 Mitarbeitern, sind wir froh über die Expansionsmöglichkeiten. Und nach wie vor gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Gemeinde sehr partnerschaftlich, wie wir auch bei der letzten Bauerweiterung wieder bemerkt haben. Für unseren Neubau hätten wir eine öffentliche Strasse untertunneln müssen. Durch den Verkauf der Strasse hat uns die Gemeinde hier sehr geholfen. So konnten wir die neue Halle logistisch optimal anschließen, die neue Strasse läuft nun um unser Gelände herum. Im Übrigen scheint es zwar, dass wir hier in Buchen im Middle-of-Nowhere sind, aber eigentlich liegen wir recht zentral. 50 Prozent unserer Kunden sind im süddeutschen Raum. Und in einer Stunde sind wir in Frankfurt und Stuttgart.

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SCOPE: Sie haben, trotz erstmals rückgängiger Umsatzzahlen, in den letzten Monaten erheblich in die Produktion investiert und eine neue Produktionshalle gebaut. Sind Sie zuversichtlich, dass die Krise bald ein Ende hat oder würden Sie die Investitionsentscheidung heute so nicht mehr treffen?

Weiss: Ja - heute vielleicht mit kleinen Einschränkungen. Denn natürlich ist die derzeitige Lage eine Ausnahmesituation. Aber wir nutzen diese Zeit, um unsere Stärken weiter auszubauen. Und dazu gehört eindeutig unsere 100-prozentige Fertigungstiefe. Darin steckt auch ein Stück Autonomie, darin steckt auch Sicherheit für den Kunden: er hat zum Beispiel keine Anpassungsprobleme, wenn er Rundtische, Platten und Gestelle aus einer Hand bezieht. Zudem haben wir uns bereits vor Jahren auf eine solche Situation vorbereitet mit einer entsprechenden Strategie. Also ja, wir würden wieder bauen. Denn der Neubau ist ein Teil von dem, was wir morgen sein wollen. Eine Firma entwickelt sich ja fließend weiter. Und im Nachhinein gesehen hätte der Umzugszeitpunkt gar nicht besser liegen können. Denn so konnten wir das intensiv planen und zeitgenau umsetzen, so dass diese Investition sich auch schneller wieder bezahlt macht.

SCOPE: Wie sieht diese Strategie aus?

Weiss: Das ist eine 4-Punkte-Strategie. Der erste Punkt ist die Qualität, die Zuverlässigkeit unserer Produkte. Darauf können sich unsere Kunden verlassen. Zudem sind wir seit der Gründung ein innovations-getriebenes Unternehmen. Auf diesen Eckpfeilern aufbauend, dringen wir durch neue Produkte und einen verstärkten Vertrieb in neue Geschäftsfelder und in neue, weltweite Märkte. Ende letzten Jahres haben wir zum Beispiel unser Asien-Hauptquartier in Singapur eingeweiht.

SCOPE: Können Sie nun Produkte anbieten, die Sie vorher nicht herstellen konnten?

Weiss: Es sind die großen Baureihen gewesen, die zur Entscheidung für den Neubau beigetragen haben: die Schwerlasttischreihe CR, die Ringrundtischreihe TR und NR sowie die große Torque-Baureihe. So hat etwa unsere Rundschalttischbaureihe TC klassisch bei 1m Durchmesser geendet. Woher kam das? Ganz einfach: Wir hatten keine größeren Maschinen, weil wir dafür keinen Platz hatten. Für unsere Kunden im Montagebereich war das auch absolut ausreichend. Aber wir kommen zunehmend in andere, größere Bereiche hinein.

SCOPE: Welche sind das?

Weiss: Zum Beispiel die Automobilbranche. Da war einer unserer Mitarbeiter vor Jahren in Schweden bei einem Automobilhersteller. Als er freitags wieder kam, berichtete er abends von Drehtischen, die er dort im Karosseriebau gesehen hatte. Mit Durchmessern von 2m und mehr, klassisch gebaut, also sehr hoch und daher im Boden versenkt, um auf Bedienhöhe zu kommen. Wir haben gesagt, das muss besser machbar sein. Am Montag kam mein Vater mit den Skizzen einer kompletten Schwerlast-Reihe, der CR, in die Firma. Die haben wir innerhalb kürzester Zeit realisiert. Das konnten wir deshalb so schnell, weil wir servo-mechanisch bereits gut aufgestellt waren. Wir konnten einen großen Drehtisch anbieten, der aber nur halb so hoch baute wie beim Wettbewerb. Der CR verfügt über eine riesige Mittenöffnung, er ist frei-programmierbar und schneller. Das hat zum Aufbau einer komplett neuen Baureihe geführt, mit der wir es geschafft haben, innerhalb von drei Jahren in eine neue, Branche, den Karosseriebau und andere Märkte, einzudringen. Heute sind wir bei fast allen Automobilherstellern weltweit freigegeben und gelistet.

SCOPE: Ein weiterer Markt ist der der frei programmierbaren Getriebe, in den Sie eingetreten sind. Wie kam es dazu?

Weiss: Die Hersteller von frei programmierbaren Getrieben nehmen einen Servomotor, und bauen ein spielfreies Getriebe darum. Der Servomotor gibt Leistung bei hoher Drehzahl, aber niedrigem Drehmoment ab. Wenn Sie aber etwas schnell bewegen wollen, dann gibt es drei wichtige Faktoren: Drehmoment, Drehmoment, Drehmoment. Und das bieten wir. Weiterer Vorteil unserer Lösung ist, wir machen nicht nur ein Getriebe, sondern auch eine hochsteife Lagerung. Darauf gekommen sind wir durch einen Kunden, einen koreanischen Scheren-Roboterhersteller, den ich vor vier Jahren besuchte. Der hat unseren mittelgroßen Rundschalttisch CR 700 als Robotergrundgetriebe eingesetzt. Damit konnte er die komplette Lagerung, die er benötigte, um die gewaltigen Kippmomente aufzunehmen, über unser Produkt machen. Unsere Lagerung ist eine Nadellagerung, die steifste Lösung, die es gibt. Das Flanschgehäuse hatte er damit auch gleich, zudem eine spielfreie Übersetzung von 1:200, eine Wiederholgenauigkeit von 10 Winkelsekunden und eine extrem hohe Lebensdauer. Zudem konnte er noch seinen Fanuc-Servo-Motor dran bauen. Da ist mir erstmals klar geworden, dass wir nicht mehr nur Rundschalttische bauen, sondern Lösungen, die sich für viele Anwendungen eignen. Etliche davon kennen wir selbst wahrscheinlich noch gar nicht.

SCOPE: Ihren Qualitätsanspruch fassen Sie in das Motto "Einbauen und vergessen". Aber können Sie das auch heute bei der gestiegenen Komplexität noch sicherstellen?

Weiss: Absolut. Der Rundschalttisch steckt in der Kundenmaschine ganz unten drin. Wenn der ausfällt, dann muss die komplette Maschine abgebaut werden. Aber der fällt nicht aus. Wir haben gerade eine Kundenzufriedenheitsstudie gemacht, mit sehr guten Ergebnissen. Und neben der Qualität ist vor allem der Service unseren Kunden ganz wichtig. Denn Service bei uns heißt nicht, zu warten, bis etwas ausfällt und dann Umsatz damit zu machen. Service ist für uns Beratung. Wenn der Kunde sieht, dass sich der Rundschalttisch nicht dreht, ruft er an und will eine Lösung. Dann ist es wichtig, dass Sie Ihr eigenes Produkt als Fehlerursache von vornherein ausschließen können. Damit sind auf beiden Seiten Gewinner. Der Kunde weiß, wo sein Problem tatsächlich liegt, und wir können uns nach vorne orientieren und müssen uns nicht ständig mit Fehlern aus der Vergangenheit auseinandersetzen.

SCOPE: Innovationen heißt der zweite wichtige Punkt Ihrer Strategie. Wird das von den Kunden honoriert?

Weiss: Auf jeden Fall. Und ich selbst kann mir nicht vorstellen, ein Unternehmen zu führen, das vergleichbare Produkte herstellt und praktisch nur über den Preis argumentiert. Nein, das Produkt, das Unternehmen soll sich selber verkaufen, der Nutzen muss sich dem Kunden erschließen. Klar, manchmal muss man ein wenig nachhelfen. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass jeder Kunde, der ein Produkt von uns einsetzt, wieder kommt. Das sehen wir nun auch bei den neuen Lineartransferanlagen. Anfangs war der Markt sehr zurückhaltend. Aber jetzt wendet sich das Blatt, wir kommen in den Kanal hinein, den wir seit Jahren beim Rundschalttisch fahren - dass der Endkunde uns immer öfter vorschreibt. Unser Kunde, der Maschinenbauer, kann ja verschiedene Systeme einsetzen. Aber hier hilft uns auch die Krise, wo wirklich auf jeden Euro geachtet wird. Endkunden sagen nun immer häufiger, "mit Weiss-Rundschalttischen habe ich gute Erfahrungen gemacht, der läuft seit Jahren ohne Probleme, ich will in der neuen Anlage das Linearsystem von Weiss". Daran haben wir hart gearbeitet.

SCOPE: Weiss ist groß geworden mit Rundschalttischen, aber Sie bieten nun auch Linearsysteme an. Warum?

Weiss: Grundsätzlich gibt es in der Montage und Automatisierungstechnik zwei Lösungsansätze für Plattformen. Die eine ist der Rundschalttisch, der ist kompakt und sehr einfach einzusetzen. Aber stößt manchmal an Grenzen, teilweise philosophischer Art. Mancher Kunde will nur längs, oder er hat Platz- oder Layout-Gründe. Unser Ziel war es daher, die Vorteile des Rundschalttisches - Zuverlässigkeit, Geschwindigkeit, Präzision und Wartungsfreiheit - auf die Transfersystemwelt zu übertragen, wo bis dato das Doppelriemensystem dominierte. Das ist zwar gut, aber wenn ich wirklich Montagestückkosten in den Griff bekommen will, auch gegen einen Handarbeitsplatz in China, dann muss ich mir mehr einfallen lassen. Und da ist noch ziemlich viel Luft drin. Wenn mit dem gleichen Invest nachher eine höhere Stückzahl erzielt werden kann, dann ist das von Vorteil für die Montagestückkosten. Das war unser Ansatz für die Entwicklung des Linearsystems.

SCOPE: Sie entwickeln auch die Software selbst?

Weiss: Das ist uns ganz wichtig, dass wir diese beiden Welten verbinden können - die Mechanik und die Steuerungstechnik. Das dokumentiert sich auch darin, dass wir 2009 zum ersten Mal auf der Messe SPS-Drives waren. Bereits 1984 haben wir das Ansteuerungs-Know-How zum Rundschalttisch in Hardware gepackt. Das kostet ein paar hundert Euro für den Kunden, und damit hat er unsere Erfahrung und Sicherheit. Das hat sich zu einer komfortablen Steuerung weiterentwickelt. Inzwischen ist es ein eigenes Produkt und ein wichtiger Baustein unserer Entwicklungsstrategie. Wir haben heute eine eigene Betriebssoftware, WAS für Weiss Application Software. 90 Prozent unserer Produkte laufen unter dieser Oberfläche. Damit bekommt der Kunde unsere Hochleistungsmodule sicher und einfach in die Anlage hinein und kann sie ebenso einfach warten.

SCOPE: Trotz Krise haben Sie hohe Erwartungen an 2010?

Weiss: 2010 ist eines unserer wichtigsten Jahre. Wir haben uns gut aufgestellt. Angefangen mit der Fertigstellung des Neubaues und der Neuordnung des Materialflusses, haben wir derzeit auch die dringend nötige Zeit für neue Entwicklungen und den Ausbau unserer Vertriebsstrukturen. Wo andere ihre Budgets streichen, sind wir in 2010 auf mehr Messen als jemals zuvor und bauen unsere Auslandsaktivitäten stark aus. Wir haben das Personal, wir haben die Zeit und wir haben die Mittel. Das ist eine lohnende Erfahrung, ich möchte sie nicht missen. Sie kostet zwar sehr viel Kraft, aber damit haben wir nun die Möglichkeit, nachhaltig unsere Situation zu optimieren.

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