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Werkzeugsysteme„Leistung als Messgröße“

Nicht nur Werkzeughersteller sein - Mit ihrer Ideen Fabrik + und den jüngsten Übernahmen beweist die Komet Group Weitblick wie kaum ein anderes Unternehmen der Branche. SCOPE-Chefredakteur Hajo Stotz sprach mit Dr. Christof Bönsch und Matthias Heinz, den beiden Geschäftsführern, über die Gründe für die Übernahme von Brinkhaus - einem Spezialisten für Prozessüberwachung.

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Werkzeugsysteme: „Leistung als Messgröße“

SCOPE: Herr Dr. Bönsch, Herr Heinz - im März 2012 hat Komet den Hersteller von Überwachungs- und Regelungssystemen übernommen. Was hat ein Werkzeughersteller mit dem Thema Prozessüberwachung zu tun?

Bönsch: Das ist ganz einfach. In unserer Technologiestrategie haben wir uns entschieden, nicht den Weg vieler Wettbewerber zu gehen. Oft sind dort überlappende Portfolios durch Zukäufe entstanden und haben zu einem unscharfen Profil geführt. Wir sind der Überzeugung, dass das nicht der richtige Weg ist und haben uns entschlossen in unsere Kerntechnologien zu investieren. Deshalb haben wir bereits vor längerem Rhobest, ein Unternehmen zur Diamantbeschichtung, in unsere Unternehmensgruppe aufgenommen. Und wir schauen, was ist denn bei den Kunden in direkter Prozessnachbarschaft zu unseren Werkzeugen. Bei Hochleistungsanwendungen ist es eben so, dass ein Werkzeug in der WZM ständig überwacht wird. Brinkhaus ist da ein besonders interessanter Partner, weil sich die Lösung vollständig in die Maschinensteuerung integrieren lässt und ohne Sensoren arbeitet. Die Brinkhaus-Technologie ist insofern einzigartig, da sie einfach die Spindelleistung als Messgröße nutzt und die Auswertung zur Regelung nutzt.

SCOPE: Aber das machen doch andere auch?

Bönsch: Die Produkte von Komet Brinkhaus arbeiten aber in Echtzeit. Das Unternehmen hat deshalb unserer Meinung nach erhebliches Potenzial im Markt und ist ein ganz wichtiges Argument, um unsere Systemkompetenz beim Kunden zu unterstreichen.

SCOPE: Werden die Produkte von Komet Brinkhaus künftig nur noch in Verbindung mit Komet-Werkzeugen angeboten?

Heinz: Nein, Brinkhaus wird weiterhin als werkzeugunabhängige Lösung angeboten. Es sind auch Anwendungen zukünftig denkbar, etwa im Zusammenhang mit unseren mechatronischen Werkzeugen, wo wir zusammen werkzeugspezifisch entwickeln. Aber grundsätzlich werden wir das Tool-Scope-System natürlich für alle Werkzeuge offen halten.

SCOPE: Ein Problem bei der Werkzeugüberwachung über die Spindelleistung waren bisher immer die kleinen Durchmesser. Haben Sie das gelöst?

Bönsch: Ja, wir haben hier etliche Tests gemacht, das funktioniert auch mit kleineren Durchmessern. Komet hat ja auch Mikrotools im Programm, damit geht das auch. Aber Sie haben Recht, das Konzept stößt bei sehr kleinen Durchmessern an Grenzen. Wie gesagt, derzeit ist das Tool-Scope System von Komet Brinkhaus noch Sensor-los. Aber für sehr kleine Durchmesser werden wir wohl zukünftig auch Sensoren verwenden.

SCOPE: Was gibt es von Komet neben dem Thema Brinkhaus auf der AMB Neues zu sehen?

Bönsch: Etliches. Zum Beispiel High-Performance Finishing, das ist eine Art Schruppreiben in einem Werkzeug. Dann Blueflex, ein Feinspindelgerät zur Feineinstellung basierend auf Bluetooth-Technologie. Und neben dem Thema Werkzeugüberwachung werden wir uns zukünftig auch mit dem Thema Werkzeugmanagement beschäftigen und eine sehr innovative, gleichzeitig auch günstige Lösung vorstellen.

SCOPE: Da gibt es doch bereits einige Lösungen, etwa von Balluf?

Bönsch: Diese Lösungen kennen wir natürlich. Aber das ist eine ziemlich aufwendige Angelegenheit, nicht nur von den Investitionssummen her, von den Servern und was man da so alles braucht, sondern das ist auch ein erheblicher Aufwand, solch ein System einfach nur zu pflegen. Wir haben eine sehr einfache, nämlich mit einem Data-Matrix-Code arbeitende Werkzeugidentifizierung entwickelt. Jedes Werkzeug bei Komet wird zukünftig mit einem Data-Matrix-Code ausgestattet werden. Das ermöglicht dem Anwender, den Einsatz von jedem Werkzeug komplett zu verfolgen.

SCOPE: Was heisst komplett?

Bönsch: Nicht nur die Aufnahme wird kontrolliert. Es ist also nicht egal, was da für ein Werkzeug reinkommt. Sondern wirklich jedes einzelne Werkzeug wird individuell mit einem Datamatrix-Code versehen. Über eine Cloud-Computing-Lösung, die Bestandteil des Konzeptes ist, stellen wir dem Anwender ein komplettes Datenpaket zur Werkzeugidentifikation zur Verfügung. So können wir die Prozessüberwachungsdaten, die komplette Prozessdokumentation, die wir mit dem Tool-Scope-System erfassen, an jedes einzelne Werkzeug binden. Der Data-Matrix-Code ist so robust, dass er wirklich alle Werkzeuge abbilden kann. Es ist auch möglich, dass Wettbewerber Zugriff auf dieses Systembekommen, um wirklich eine durchgängige Lösung anzubieten. Unserer Meinung nach eine hoch spannende Sache, die alleine schon den Besuch der AMB lohnt.

SCOPE: Seit vier Jahren sind Sie beim Service, im Gegensatz zu Ihren Marktbegleitern, mit einem Franchise-Konzept unterwegs. Hat sich das bewährt?

Heinz: Das Franchise-Projekt haben wir vor vier Jahren begonnen und haben inzwischen in Deutschland 14 Partner. Die sind als Lizenznehmer tätig und treten nach außen hin als Komet auf. Der Vorteil ist: Sie sind viel näher am Kunden als wir. Wir können nicht überall in eigener Regie Produktionsstätten oder Nachschleifbetriebe haben. Wir haben nun auch Franchise-Nehmer in der Schweiz, in Tschechien und Frankreich. Das sind relativ neue Partner. Und der nächste Markt, den wir mit dem Projekt angehen, sind die USA. Dort machen wir 80 bis 85 Prozent des Umsatzes über den Handel. Wir haben das Ziel, über ein Franchise-Netzwerk besser und schneller an die Kunden ranzukommen und eine höhere Kundenbindung erreichen zu können.

SCOPE: Das kürzlich stattgefundene Komet-Ideenforum stand unter dem Motto China. Welche Bedeutung hat der Markt für Komet?

Heinz: Wenn wir uns den Markt Asien ansehen, das ist für uns neben China auch Indien, wo heute unsere großen Werke stehen, und Japan, wo wir schon sehr lang aktiv sind, dann sehen wir eine sehr ordentliche Entwicklung. Seit 2009 konnten wir dort den Umsatz vervierfachen, der Auftragseingang stieg von neun Millionen auf fast 40 Millionen Euro. Das sind Wachstumsraten, die kennen wir hier nicht mehr.

SCOPE: Sie haben in den letzten Jahren 21 Millionen Euro investiert - dienten die in erster Linie zum Aufbau der Infrastruktur in den neuen Märkten?

Heinz: Nein, nicht nur. Die Investitionen der Jahre 2007 und 2008 waren sehr stark geprägt durch Infrastrukturprojekte, sei es der Anbau Ideenfabrik hier in Besigheim, seien es die neuen Fabriken in Indien, China oder Polen. Doch die Investitionen 2009, 2010 und 2011 waren fast ausschließlich Maschineninvestitionen, bis auf das neue vollautomatische Hochregallager hier am Standort. Aber damit sind wir nun, sowohl von der technischen Seite wie auch der Infrastruktur, für unsere Größenordnung weltweit sehr gut und sehr breit aufgestellt.

SCOPE: Und wirkt sich das Engagement in China und anderen Schwellenländern auch auf die technologische Ausrichtung aus?

Bönsch: Wir müssen uns ganz einfach mit der rasanten Entwicklung der Schwellenländer auseinandersetzen. Das bedeutet für uns, dass nicht mehr allein das, was in unseren etablierten Werken an Technologien und Features gefragt ist, ausschlaggebend ist. Wir müssen uns immer stärker auf die Bedürfnisse dieser Schwellenländer fokussieren.

SCOPE: Fertigen Sie dann vor Ort auch jeweils nach den lokalen Qualitätsstandards?

Heinz: Jeder Fertigungsstandort von Komet ist nach deutschen Qualitätsstandards aufgebaut - sowohl was Maschinen und Messmittel anbelangt, wie auch die gesamte Prozesskette. Wenn man im Ausland erfolgreich sein will, muss man grundsätzlich genauso arbeiten wie in Deutschland, aber sich dabei natürlich an lokale Verhältnisse anpassen. Als wir in China angefangen haben zu produzieren, hatten wir zum Beispiel anfangs ein Qualitätsproblem: Es kam immer wieder zu beschädigten Werkzeugen. Nach einigen Wochen hatten wir die Ursache festgestellt. Die chinesischen Kollegen sind etwas kleiner und kamen beim Werkzeugwechsel nicht so gut an das Werkzeug, das dann öfter mal herunterfiel. Unsere Maschinen in China sind nun alle mit einem Podest ausgestattet. Das mag jetzt trivial klingen, aber mit solchen Themen muss man sich auseinandersetzen, wenn man im Ausland erfolgreich sein will.

SCOPE: Wie hoch sind denn Ihre Marktanteile in China?

Heinz: Marktanteilsdiskussionen sind immer schwierig. China ist der größte Markt der Welt für Zerspanungswerkzeuge. In unserer Nische, also bei Hochleistungswendeschneidplatten und Bohrwerkzeugen, sind wir mit einem Umsatz von rund zwölf Millionen Marktführer. Rund 40 Prozent des gesamten Marktes entfällt aber auf Fräswerkzeuge, einen Bereich, den wir bisher nur rudimentär bedienen. Unser Hauptmarkt, also Bohren, Reiben, und Gewinden, hat einen Marktanteil von etwa 25 bis 30 Prozent. Hier liegen wir im einstelligen Prozentbereich.

SCOPE: Apropos Fräsen - letztes Jahr hatten Sie angekündigt, dass Sie hier stärker aktiv werden wollen. Was hat sich seitdem getan?

Bönsch: Beim Fräsen geht es nicht allein darum, ein Fräswerkzeug zu bauen, sondern man muss sich auch mit der Thematik der Hartmetalle beschäftigen. Wir werden deshalb noch in diesem Jahr eine CVD-Beschichtungsanlage hier am Standort installieren. Ende des Jahres werden wir maschinell und auch personell so weit aufgestellt sein, um tatsächlich mit einem eigenen Fräserprogramm in den Markt einzutreten. Deshalb: Fragen Sie doch nächstes Jahr wieder nach.

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