Scope Online - Industriemagazin für Produktion und Technik
Sie befinden sich hier:
Home> Märkte + Unternehmen> Interviews> Misserfolg ist keine Option

WerkzeugmaschinenMisserfolg ist keine Option

Dass der Maschinenbau heute in Mitteldeutschland – neben der Automobilzulieferer-Industrie – wieder die wichtigste Industriebranche ist, verdankt sie zu einem guten Teil Prof. Dr. Hans J. Naumann. Auch mit 77 Jahren denkt der geschäftsführende Gesellschafter der Niles-Simmons-Hegenscheidt GmbH in Chemnitz weniger über seinen Ruhestand nach als über Unternehmensstrategien und Produktinnovationen, wie Chefredakteur Hajo Stotz erfuhr.

sep
sep
sep
sep
Werkzeugmaschinen: Misserfolg ist keine Option

SCOPE: Herr Prof. Dr. Naumann, Sie haben in den 70ern u.a. in den USA den WZM-Hersteller Simmons aufgebaut, nach der Wende den VEB Großdrehmaschinenbau 8.Mai übernommen und daraus mit viel Enthusiasmus und Investitionen die heute erfolgreiche Niles-Simmons Industrieanlagen GmbH gemacht. Was trieb Sie bei diesem Engagement mit unsicherem Ausgang an?

Naumann: Die Zuversicht und Überzeugung, dass der Aufbau Ost gelingen wird, aber auch die Notwendigkeit Erfolg zu haben - denn ich benötigte in den USA gute Konstrukteure und Technologen - waren starke Motivationspunkte.
1960 bin ich nach dem Maschinenbaustudium in die USA ausgewandert, 15 Jahre nach dem 2. Weltkrieg, eine schwierige Situation. Ich musste den Lebensunterhalt verdienen, machte außerdem meine Professional Engineering License für den Staat New York und musste mein Zweitstudium bei der Universität Rochester mit dem MSBA abschließen.
Trotzdem war es mir möglich, mich bei der Firma Farrel in Rochester in das technische Management hochzuarbeiten. Zuletzt hatte ich die Position: Head of the Farrel Gear Division.
1966 startete ich mit Hegenscheidt meine erste Eigenständigkeit mit der Gründung einer Firma im Staat Michigan (Detroit) mit einer "gemieteten" Sekretärin, gemieteten Büros und einer gemieteten Werkstatt.
Meine Aufgabe war es, eine völlig unbekannte Technik, das Fest- und Glattwalzen, in den USA bekannt zu machen und die entsprechenden Maschinen zu verkaufen sowie die Produkte herzustellen.
Dabei kam mir die Entwicklung der Sportwagen von Ford (Mustang) und Pontiac (Firebird) zugute. Denn etliche Fahrer modifizierten die Autos mit breiten Reifen, was zu Brüchen der Vorderachsschenkel führte.
Das Festwalzen bot hier eine schnelle Lösung, und so verkaufte ich die ersten Maschinen.
1970 war die Hegenscheidt Corporation stabil und ich wurde als Mitgesellschafter nach Deutschland gebeten, um die Leitung der Hegenscheidt GmbH in Erkelenz zu übernehmen. Angefangen mit einem Umsatz im Jahre 1969 in Höhe von zehn Millionen DM war es mir möglich, Hegenscheidt auf 140 Millionen DM bereits im Jahre 1978 zu bringen. Außerdem gelang es mir Hegenscheidt zu einer weltweiten Bekanntheit als Eisenbahn-Maschinen-Hersteller zu etablieren. 1983 erwarb ich das Unternehmen Simmons Machine Tool Corp. zu 100 Prozent und baute diese Firma aus, die sich damals in einem desolaten Zustand befand. Zu der Produktengruppe Niles erwarb ich die Konkurrenzfirmen Stanray und Farrel, ebenfalls Unternehmen, die im Eisenbahnsektor tätig waren. Simmons war damit in Nordamerika der einzige Eisenbahn-Maschinen-Hersteller.
Mit dieser Erfahrung und dem Wissen, dass in Deutschland bereits seit dem Jahr 1898 die Deutschen Niles Werke existierten, machte ich mich 1990 auf die Suche nach Niles in Deutschland und fand schließlich die Niles Drehmaschinen GmbH in Chemnitz, ein Unternehmen der Treuhandanstalt Berlin. Ich erwarb das Unternehmen Niles Chemnitz von der Treuhandanstalt im Herbst 1991. Der Ausgang dieses Unterfangens durfte nur positiv sein - denn ich war den Banken gegenüber mit meinem gesamten Vermögen voll haftbar.

SCOPE: Um in den Markt hineinzukommen, verkauften Sie anfangs die Maschinen unter Herstellungskosten, wie in einem Artikel der Welt zu lesen ist. Welche Argumente überzeugen die Kunden heute vor allem von den Niles-Simmons-Produkten?

Naumann: 1991 bis 1994 war die Werkzeugmaschinenbranche in einer Rezession - und die westdeutschen Konkurrenten hatten die Einstellung: "Ihr aus Ostdeutschland könnt alles von uns bekommen - aber keine Marktanteile".
Mit der Methode, durch einen niedrigen Preis in den Markt zu kommen, haben schon viele Kaufleute einen Markt erobert. Wichtig dabei ist jedoch, dass das Produkt vom Kunden akzeptiert und geschätzt wird, damit man den nächsten Auftrag erhält und langsam den Preis auf das Marktniveau bringen kann. Heute lassen sich unsere Kunden durch die beste Technologie, die höchste Produktivität, die exzellente Qualität und den besten After Sales Service überzeugen.

SCOPE: Lange Zeit hat sich Niles-Simmons-Hegenscheidt auf das Drehen, insbesondere von Kurbelwellen und Bahnradsätzen, spezialisiert. Welches sind heute Ihre wichtigsten Branchen und wichtigsten Produkte?

Naumann: Niles-Simmons-Hegenscheidt ist ein Werkzeugmaschinenhersteller, der Spezialmaschinen für unterschiedliche Industriezweige baut. Die Hauptzielsetzung dabei ist, dass meine Firmen eine Multiproduktstrategie betreiben, d. h. Werkzeugmaschinen produzieren, die in verschiedenen Industriesektoren benötigt werden.
Heute stellen wir Werkzeugmaschinen für die Branchen Automobilindustrie, Maschinenbau, Werkzeug- und Formenbau, Luft- und Raumfahrt sowie die Eisenbahn- und Metroindustrie her.
Außerdem hat sich das Unternehmen auf dem Sektor von Turnkey-Projekten einen weltweit guten Ruf erarbeitet. Diese Turnkey-Projekte werden besonders im Automobil- und Eisenbahnsektor nachgefragt.

SCOPE: Wo liegen derzeit die Schwerpunkte der Innovationen?

Naumann: Die Schwerpunkte der Entwicklung werden selbstverständlich durch die Kunden getrieben. Wenn ein Unternehmen bei den Kunden als Spezialmaschinenhersteller und Turnkey-Produzent erst einmal anerkannt ist, dann kommen die Anfragen nach problemlösenden Innovationen quasi von selbst.
Darüber hinaus haben unsere Produktinnovation zum Ziel, Prozessketten durch das Einbringen neuer Bearbeitungsverfahren zu verkürzen. Zudem spielt die Reduzierung des Energieverbrauchs bei unseren Innovationen eine starke Rolle. Bei unseren neuen Maschinen sind Einsparungen bis zu 35 Prozent im Energieverbrauch realistisch. Da die NSH Gruppe eine Multiprodukt- Struktur für fünf Industriezweige verfolgt, nimmt die Produktentwicklung einen besonders hohen Stellenwert ein.

SCOPE: Welchen Stellenwert hat das Thema Service? Und wie schlägt sich das in konkreten Angeboten und Umsatzanteilen nieder?

Naumann: Der Service ist eine der Schlüsselfunktionen, insbesondere bei internationalem Verkauf. Die Niles-Simmons-Hegenscheidt Gruppe hat acht eigene Verkaufs- und Servicefirmen weltweit gegründet, unter anderem in China, Russland, Indien, Brasilien und Südafrika. Diese Servicefirmen werden ergänzt durch den Service unserer eigenen Herstellerfirmen.
Die Umsatzanteile auf dem Sektor der Ersatzteile und dem Service sind für Niles-Simmons, Chemnitz relativ gering, circa vier Millionen Euro bei einem Maschinenumsatz von circa 95 Millionen Euro.
Für Hegenscheidt ist der Servicesektor mit Ersatzteilen, Reparaturen etc. bedeutend höher und beträgt circa 24 Millionen Euro bei einem Gesamtumsatz von circa 100 Millionen Euro.
Der geringe Serviceumsatz bei Niles-Simmons Chemnitz ist damit begründet, dass die Umsatzanteile des Service von der Länge der Marktbearbeitung und der Anzahl der gelieferten Maschinen abhängt. 20 Jahre Verkaufstätigkeit sind für einen hohen Ersatzteilverkauf eine zu kurze Zeit.
Beispielsweise wurde mir während der Wirtschaftskrise 2009 ein westdeutsches Traditionsunternehmen zum Kauf angeboten. Von dem Umsatz des Unternehmens von damals 130 Millionen Euro betrug der Ersatzteil- und Serviceanteil circa 80 Millionen Euro. Das ist das Resultat von 50 Jahren Werkzeugmaschinenproduktion und weltweitem Verkauf. Mit diesem Ersatzteil- und Serviceverkauf kann ein Unternehmen falls notwendig fast ohne Maschinenverkauf leben.

SCOPE: Kurz vor der Krise investierte Niles-Simmons-Hegenscheidt 2008 an den Standorten Chemnitz und Erkelenz in neue Produktionskapazitäten - wie ausgelastet sind die heute?

Naumann: Die neuen Produktionskapazitäten sind inzwischen voll ausgelastet. Daher sind für beide Unternehmen Niles-Simmons und Hegenscheidt MFD für dieses Jahr weitere Neubauten in Höhe von jeweils fünf Millionen Euro geplant. Mit diesen neuen Bauinvestitionen, die unabhängig von allen normalen Wiederbeschaffungsinvestitionen laufen, werden beide Unternehmen in einen exzellenten Zustand gebracht. Das ist heute äußerst wichtig für die Motivation der eigenen Mitarbeiter, aber auch zur Vertrauensförderung der vielen in- und ausländischen Besucher.

SCOPE: Mit Fertigungsstandorten in Chemnitz, Erkelenz, in den USA und China produziert Niles-Simmons weltweit. Stellt der sächsische Standort in diesem Firmenverbund die "Denkfabrik" dar?

Naumann: Chemnitz und Sachsen bieten in der Tat die besten Voraussetzungen für eine sehr effektive Produkten- und Prozessentwicklung. Dies ist bedingt durch die Technische Universität Chemnitz, aber vor allem auch durch das Fraunhofer Institut IWU in Chemnitz und Dresden unter Leitung von Prof. Reimund Neugebauer.
Chemnitz war immer schon eine Hochburg des deutschen Maschinenbaus und hat diese Charakteristik bis zum heutigen Tage nicht verloren, was sich in der Grundeinstellung der Menschen und Mitarbeiter äußert.
Die Entwicklungsarbeiten in Chemnitz, von der die gesamte Gruppe profitiert, bedeuten aber nicht, dass die anderen Firmen nicht auch Entwicklungsarbeiten betreiben.
Hierbei handelt es sich jedoch vorwiegend um Anpassungen oder gezielte kostenreduzierende Maßnahmen. Die Koordination der Entwicklungsarbeiten in allen Firmen ist eine äußerst wichtige Maßnahme, um duplizierende Aufwände zu vermeiden.

SCOPE: Und worin sehen Sie die Vorteile gerade dieses Standortes?

Naumann: Der Standort Chemnitz ist geprägt durch die Vergangenheit als ein Zentrum des deutschen Maschinen- und Werkzeugmaschinenbaus. Nach der Wende waren die Firmen mit der Notwendigkeit des Neuanfangs konfrontiert. Dieser Tatbestand hat das Pionierdenken der Firmen und Mitarbeiter neu geprägt und ist eine starke Triebkraft für unsere Industrie. Diese Triebkraft führt dazu, dass sich die sächsischen Firmen des Maschinenbaus wieder zu einem bemerkenswerten Leistungsniveau entwickelt haben.
Das Gleiche kann auch für Niles-Simmons gesagt werden. Nach der Wende waren alle Produkte der ostdeutschen Werkzeugmaschinenindustrie völlig unbrauchbar, da alles auf den Ostblock und Russland ausgerichtet war.
Zunächst mussten also die Produkte auf das Niveau von Westdeutschland ausgerichtet werden. Damit war aber kein Ende der Entwicklungsarbeit gegeben. Durch die folgenden Weiterentwicklungen sind viele dem Markt angebotenen Produkte und Technologien heute Weltmarktführer, was auch für die Niles-Simmons-Hegenscheidt-Produkte bestätigt werden kann.

SCOPE: Wie entwickelt sich der Werkzeugmaschinenmarkt aus Ihrer Sicht und wie sehen Ihre Erwartungen für NSH an das Geschäftsjahr 2012 aus?

Naumann: Für einen Werkzeugmaschinenhersteller wie NSH mit zehn bis 14 Monaten Lieferzeit für die herzustellenden Produkte ist das Jahr 2012 bereits gelaufen. Die gesamte NSH-Gruppe wird wieder ein sehr gutes Jahr haben, wahrscheinlich sogar ein Rekordjahr mit circa 300 Millionen Euro Umsatz.
Und für 2013 sind bereits circa 45 Prozent der Kapazitäten durch Aufträge belegt.
Insgesamt ist festzustellen, dass sich noch kein Nachlassen in den Kundenanfragen abzeichnet, so dass wir auch 2013 wieder mit einem guten Jahr rechnen.

SCOPE: Herr Prof. Naumann, Sie werden dieses Jahr, auch wenn man Sie mindestens zehn Jahre jünger schätzt, 77 Jahre alt - denken Sie auch an Ruhestand? Und wie sieht die Nachfolgerregelung aus?

Naumann: Ihre Information ist korrekt, am 05. Mai 2012 feiere ich meinen 77. Geburtstag. Aber wie das Sprichwort sagt: "Man ist nur so alt, wie man sich fühlt" - und ich fühle mich gut.
Ich begehe in diesem Jahr mein 52. Berufsjahr und kann insgesamt sagen, dass jedes dieser Jahre von einer starken und intensiven Aktivität geprägt war. Doch auch nachfolgeseitig ist vorgesorgt: Mein Sohn John O. Naumann ist mein Nachfolger, der sich bereits bewährt hat durch Führungspositionen in den USA und seit 2008 auch in Deutschland. Ihm stehen in allen Firmen fähige Geschäftsführer zur Seite, die ebenfalls tüchtige Manager sind. Meine eigene Tätigkeit ist schon jetzt nicht mehr in das laufende Geschäft eingebunden. Ich beschränke meine Hauptaktivitäten auf die Produkt- und die Marktentwicklung sowie die Festlegung von Unternehmensstrategien.

Anzeige
Anzeige
Diesen Artikel …
sep
sep
sep
sep
sep

Weitere Beiträge zum Thema

Nicola Leibinger-Kammüller

Hohes Plus bei InvestitionenTrumpf steigert Ergebnis um 11 Prozent auf 337 Millionen Euro

Die Trumpf Gruppe verbucht zum Abschluss des Geschäftsjahrs 2016/17 am 30. Juni eine deutliche Ergebnissteigerung gegenüber dem Vorjahr.

…mehr
Wellenkupplungen

WellenkupplungenKupplung ohne Zahnkranz

Das Unternehmen KTR hat eine neue Wellenkupplung für Antriebe mit extrem hoher Drehzahl entwickelt. Die spielfreie und elastische Rotex GS HP erreicht Umfangsgeschwindigkeiten bis zu 175 Meter pro Sekunde und ist zunächst in drei Baugrößen erhältlich.

…mehr
C 650 aus der Performance-Line Baureihe

Industrie 4.0Digitalisierung von Werkzeugmaschinen

Werkzeugmaschinen und mehr zeigte Hermle auf der EMO in Hannover. Die SCOPE legt den Focus auf das „Mehr“ und wirft einen Blick auf die Digitalen Bausteine, die das Unternehmen erstmalig in ihrer kompletten Bandbreite zeigt.

…mehr

Sichere Vernetzung von MaschinenGF Machining Solutions erwirbt Symmedia

GF Machining Solutions, eine Division von GF, erwirbt 100 Prozent der Aktien der Symmedia, Bielefeld. Das Unternehmen in Privatbesitz hat sich auf Softwarelösungen für die Vernetzung von Maschinen spezialisiert.

…mehr

EMO 2017Taktgeber für die Zukunft der Produktion

Nach sechs turbulenten Messetagen verabschieden sich die mehr als 2.200 internationalen Hersteller von Produktionstechnik mit vollen Auftragsbüchern und bester Stimmung von Hannover.

…mehr

Neue Stellenanzeigen