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MES„Jäger und Sammler“

Die Fertigung effektiver zu planen, ist Ziel der Firmen, die ein MES-System einführen. Voraussetzung ist, dass diese jedoch auch die nötige Veränderungsbereitschaft mitbringen. Was der Kunde erhält, wenn er sich mit seinem Wunsch nach einer umfassenden MES-Lösung an Gfos wendet, erfuhr SCOPE- Chefredakteur Hajo Stotz von Burkhard Röhrig, dem geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens.

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MES: „Jäger und Sammler“

SCOPE: Also kann ein MES nicht immer helfen?

Röhrig: Doch. Auf jeden Fall dem Softwarehersteller. Aber das wäre auf Dauer natürlich schlecht. Schauen Sie, wir sind mit dem MES Jäger und Sammler von Betriebsdaten. Und diese Daten nutzt das System für Informationen, die den Anwender in seinem Strategieansatz bestätigen oder korrigieren. Aber wenn er die Daten nicht für Veränderungen nutzt, sondern damit praktisch nur Datenfriedhöfe füllt, bringen sie ihm nichts. Deshalb sollte, nein muss beim Kunden auch die Bereitschaft zu Transparenz und Veränderungen vorhanden sein, damit das MES- seine Stärken zum Einsatz bringen kann.

SCOPE: Können die Firmen Ihre Lösung auch stufenweise einführen?

Röhrig: Auf jeden Fall. Das ist ja der Vorteil unserer modularen Lösung. Manchmal müssen wir sogar den Kunden etwas bremsen und schlagen vor, lieber Modul für Modul einzuführen als alles auf einmal. Dann sagen wir ihm, lass uns doch dort beginnen, wo die größten Kittelbrennfaktoren sind, wo sehr schnell Erfolge erzielt werden können, und dann erst die Kür anschließen. Denn Kunden kommen häufig zu uns, weil sie ein Problem haben und hoffen, es mit MES schnell lösen zu können. In den meisten Fällen kann die Software alleine da nicht so viel bewirken ¿ sondern wir müssen an die Strukturen ran. Das kann man nur, wenn man schrittweise vorgeht, und das ist unser Ansatz.

SCOPE: Ist das heutige Gfos Production identisch mit dem früheren Produkt X-Time oder ist es eine Neuentwicklung?

Röhrig: Gfos Production ist eine konsequente Weiterentwicklung von X-Time. Wir haben uns dieses Jahr entschlossen, mit dem neuen Release 4.7 mit 650 neuen Funktionen das Produkt umzubenennen. Die Umlabelung hat natürlich auch Marketinggründe. Das X stammt ja noch aus der Unix-Zeit, Gfos Production ist heute ein modernes, java-basiertes Produkt, das zum Beispiel auch auf Smartphones laufen kann. Damit kann der Manager seine wichtigsten Kennzahlen jederzeit an jedem Ort erhalten.

SCOPE: Wie viele Unternehmen setzen heute Gfos ein?

Röhrig: Wir haben etwa 400 Kunden im MES-Bereich, das sind über 800 Server-Installationen. Insgesamt hat die Gfos über 1.000 Kunden. Aber MES ist nach wie vor ein Thema, das werksspezifisch behandelt wird. Allein auch aus Verfügbarkeitsgründen stellen wir immer wieder fest, dass MES noch kein Thema für Cloud-Anbieter ist. Auch kundenseitig gibt es dazu keine Anfragen. Denn MES-Daten sind hochsensible unternehmerische Daten. So ein Nahrungsmittelhersteller hat beispielsweise auf dem MES seine Rezepturen. Die wird er nicht in eine Cloud legen.

SCOPE: Setzen Ihre Kunden meist bereits ein ERP-System ein?

Röhrig: Ja, alle. Wir erleben es oft, dass Unternehmen deshalb zu uns kommen, wie aktuell ein Interessent, weil sie hoffen, Mankos in ihrem ERP-System mit unserer MES-Lösung ausfüllen zu können. Stichworte sind hier sicherlich Produktionsfeinplanung und Fertigungssteuerung. Gerade wenn es um Reihenfolgenoptimierung und ähnliches geht, das können die meisten ERP-Systeme nicht.

SCOPE: Wie groß ist denn der typische Gfos-Kunde?

Röhrig: Die durchschnittliche Werksgröße unserer Kunden liegt bei rund 300 Mitarbeitern. Von unseren etwa 800 MES-Installationen sind die meisten in Werken von Konzernen installiert, etwa 200 sind bei typischen KMU im Einsatz.

SCOPE: Welche IT-Themen beschäftigen produzierende Unternehmen aus Ihrer Sicht derzeit besonders?

Röhrig: Wir stellen fest, dass sehr hoher Bedarf im Bereich der Instandhaltung besteht. Sowohl im Bereich der vorbeugenden als auch der mitlaufenden Instandhaltung. Das ist momentan sehr stark nachgefragt. Vielleicht ein Zeichen für weitere Produktionsverbesserungen und Effizienzsteigerungen ¿ man will die Verfügbarkeit und die Auslastung der Maschinen, Werkzeuge und Vorrichtungen erhöhen.

SCOPE: Und wie kann da ein MES helfen?

Röhrig: Indem wir erst mal einen lückenlosen Lebenslauf einer Maschine, eines Werkzeuges erstellen und beispielsweise dann über angeschlossene Sensoren feststellen, dass irgendwo mechanische Probleme entstehen. Das ist relativ preiswert zu installieren, und damit kann der Anwender ein Problem im Prozess sehr schnell erkennen, bevor es sich überhaupt auswirkt. So haben wir beispielsweise bei einem Kunden eine alte Stanz-Biegemaschine mit einem Sensor ausgerüstet. Das gute Stück gibt noch keine digitalen Signale ab, aber mit einem Analog/Digital-Wandler erhalten wir nun mit einem Impuls drei Informationen: Maschine läuft oder läuft nicht, Maschine läuft wie schnell, und Maschine produziert wie viele Teile. Kommt der Impuls nicht, und die Maschine ist über das BDE auch nicht abgemeldet, können wir zum Beispiel einen entsprechenden Alarm generieren. Genauso gilt es natürlich, hochintelligente Steuerungen zu integrieren.

SCOPE: Decken Sie auch Kunden mit weltweit verteilten Werken ab?

Röhrig: Selbstverständlich. Wir haben internationale Kunden, die das MES in der ganzen Welt ausrollen. Und schon in Frankreich ist der maßgebliche Steuerungshersteller dann nicht Siemens, sondern Schneider. Das heißt, da muss wieder eine ganz andere Technik angebunden werden. Und Gfos Production zeichnet sich dadurch aus, dass wir eine Vergleichbarkeit von weltweit verteilten Werken erzielen und Auswertungen, Kennzahlen, steuerungsrelevante Informationen zur Verfügung stellen, die absolut kompatibel und vergleichbar sind.

SCOPE: Wie ist Gfos international aufgestellt?

Röhrig: Gfos ist heute bereits in 18 europäischen Ländern tätig, teilweise über Partner. So auch in unserem jüngsten Auslandsmarkt, der Türkei, wo wir ebenfalls über einen Partner vertreten sind. Die Türkei halte ich für einen enorm interessanten Wachstumsmarkt, aber die nächsten Monate werden wir dort erst einmal die Strukturen aufbauen, bevor wir dann in eineinhalb bis zwei Jahren erste Projekte umsetzen können. Zudem planen wir, in den nächsten 12 bis 24 Monaten auch in Südamerika in den Markt einzusteigen. Da prüfen wir derzeit die Gegebenheiten. Sehr erfolgreich sind wir zudem in Österreich und Polen. Schwerpunktmäßig erfolgt die Beauftragung für Installation im Ausland aktuell noch über unsere deutschen Konzernkunden.

SCOPE: Wie lief 2011 bisher für Gfos?

Roehrig: Wir verzeichnen ein Umsatzwachstum von aktuell über 25 Prozent und haben ein Auftragseingangswachstum von weit über 80 Prozent. Das ist der aktuelle Stand. Die Aufträge kommen dabei aus allen Branchen. Solch ein Auftragseingangswachstum hatten wir zuletzt vor dem Jahrtausendwechsel, das ist schon ein wenig überraschend nach den eher ruhigen Jahren 2009 und 2010. Hier sind wir nach einem für uns Rekordjahr 2008 nur verhalten gewachsen, um jeweils nur einstellige Prozentpunkte: im Jahr 2009 waren es drei Prozent, 2010 etwas mehr als fünf Prozent. Dennoch war das ein ziemlich großer Erfolg, denn wenn Firmen keine Aufträge haben, dann haben sie auch nichts zu optimieren. Das ist leider so. Die Theorie der antizyklischen Investitionen ist eben nur eine Theorie.

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SCOPE: Herr Röhrig, dem MES-Markt wird ein überdurchschnittliches Wachstum prognostiziert. Siemens erklärte diesen Bereich zu einem Schwerpunktmarkt und will mit TIA (Totaly Integrated Automation) den gesamten Fertigungsbereich von der Maschinensteuerung über MES bis zur Konstruktion schnittstellenlos mit eigenen Lösungen abdecken. Wie positioniert sich hier Gfos, wo liegen Ihre Vorteile?

Röhrig: Siemens ist durch die Präsenz mit elektronischen Komponenten in der Industrie natürlich eine Größe. Bei den Steuerungen setzen sie quasi einen de Facto Standard. Daran haben wir uns zu orientieren, wenn wir in ein Unternehmen kommen. In den vergangenen Jahren haben sie tatsächlich auch immer wieder versucht, standardisierte MES-Lösungen an den Markt zu bringen. Mein Eindruck ist aber, dass da sehr stark individuelle, projektorientierte Softwareentwicklung geleistet wird. Wir bieten dagegen eine Standardlösung, die mit vielen tausend Stellschrauben auf die Anforderungen des jeweiligen Kunden angepasst werden kann. Als MES-Anbieter hat man generell Schnittstellenprobleme zu lösen. Dazu setzen wir parametrisierbare Schnittstellentechniken ein. Sowohl zur ganzen Sensorik, Maschinentechnik, Maschinensteuerungen als auch zu den ERP-Systemen. Deshalb spielt auch SAP für uns eine gewisse normalisierende Rolle, weil SAP ebenfalls ein de Facto Standard geworden ist. Unser Problem ist, dass MES meist zuletzt kommt. Erst soll die Maschine produzieren, sollen die Beschaffungs- und Verkaufsprozesse funktionieren und irgendwann stellt man dann Optimierungspotenzial fest. Hier kommt dann ein MES zum Zuge. Deshalb haben sich MES-Lösungen meist in eine bestehende Systemlandschaft zu integrieren. Das ist für jeden Anbieter gesetzt, so auch für uns. Wir zeichnen uns aber dadurch aus, dass wir jede gewachsene Maschinenstruktur, also nicht nur Siemens-Steuerungen und -Sensoren, in unsere parametrisierbare, standardisierte Software einbinden können. So können wir dem Kunden eine angepasste Standardlösung anbieten, die den Vorteil hat, dass sie übermorgen an heute noch unbekannte Anforderungen einfacher anpassbar ist.

SCOPE: Gewachsene Strukturen – bedeutet das nicht auch, dass Sie oft Lücken füllen müssen?

Röhrig: Sehr richtig. Wir sagen dem Kunden nicht, er muss ein komplettes MES von uns kaufen. Denn oft sind einzelne Module und Lösungen ja bereits vorhanden. Die bauen wir durch unsere Module dann zu einer Gesamtlösung aus. Das ist ein ganz anderer Ansatz als der von Siemens. Wir schließen mit unserer modularen Lösung die Lücken in der vorhandenen IT-Landschaft und entwickeln daraus ein durchgängiges System. Dadurch ist natürlich auch die Investition viel geringer.

SCOPE: Welche Kosten kommen auf die Unternehmen bei der Einführung von Gfos Production zu?

Röhrig: Wir bieten zwei Lizenzmodelle an: Das eine sind Arbeitsplatzlizenzen, die wir aber eigentlich nicht empfehlen. Denn damit müsste immer wieder, bei wachsendem Appetit, nachlizenziert werden. In der Regel richten wir unsere Lizenzen an der Betriebsgrenze aus, das ist eine sehr verlässliche Größe. Hier reden wir im Grunde genommen über 100-Mitarbeiter-Schritte. Dies sind sogenannte nutzungsabhängige Lizenzen. Zusammengefasst, wenn der Anwender die komplette Funktionalität eines MES nutzen will, kann dies durchaus mehrere hunderttausend Euro ausmachen. Er kann aber auch deutlich unter 100.000 Euro bleiben. Grundsätzlich kommt es nicht auf den Investitionsbetrag insgesamt an. Eine Installation, die 200.000 Euro kostet, aber dem Kunden wenig bringt, ärgert mich. Eine Lösung, die 200.000 Euro kostet, sich aber in zwei Jahren wieder amortisiert, ist ein Erfolg für uns und den Kunden.

SCOPE: Können Sie da ein konkretes Beispiel nennen?

Röhrig: Wir haben beispielsweise einen Nahrungsmittelhersteller als Kunden. Die Einführung des MES im ersten Werk hat circa 750.000 Euro gekostet. Vor der Einführung des MES verzeichnete das Unternehmen rund 1.000 Tonnen Materialverluste, in diesem Fall Rohmilch. Nach der Einführung konnten diese um 96 Prozent reduziert werden. Ich sage nicht, dass das MES diese Einsparung bewirkt hätte, sondern das System hat die Informationen geliefert und aufbereitet, die zu den Maßnahmen geführt haben, um diese Rohstoffverluste zu verhindern.

SCOPE: Und wo liegen die größten Optimierungspotentiale?

Röhrig: Die Kunden, die von vorneherein ein Projekt so angehen, dass sie auch Veränderungsbereitschaft mitbringen, haben eigentlich die größtmögliche Chance auf einen durchschlagenden Erfolg. Denn die Einführung von MES bedingt auch Veränderungen in den Prozessen. Aber wir erleben auch öfters den Fall „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“. Da kann auch die beste MES-Software kein optimales Ergebnis erzielen, wenn man bereits im Management sehr viel Überzeugungsarbeit leisten muss, um die Prozesse zu verändern. Liegt doch der Erfolg eines MES häufig darin begründet, ob und wie diese Veränderungen umgesetzt werden.

SCOPE: Also kann ein MES nicht immer helfen?

Röhrig: Doch. Auf jeden Fall dem Softwarehersteller. Aber das wäre auf Dauer natürlich schlecht. Schauen Sie, mit dem MES sind wir Jäger und Sammler von Betriebsdaten. Und diese Daten nutzt das System für Informationen, die den Anwender in seinem Strategieansatz bestätigen oder korrigieren. Aber wenn er die Daten nicht für Veränderungen nutzt, sondern damit praktisch nur Datenfriedhöfe füllt, bringen sie ihm nichts. Deshalb sollte, nein, muss beim Kunden auch die Bereitschaft zu Transparenz und Veränderungen vorhanden sein, damit das MES seine Stärken zum Einsatz bringen kann.

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