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Maschinenbau„Von den Politikern breitgetreten“

Mögliche Steuerhöhungen und Frauenquote - die Politiker muten dem deutschen Maschinenbau einiges zu. Dietmar Hermle, Vorstandsvorsitzender der Maschinenfabrik Berthold Hermle, äußert sich kritisch gegenüber den Beschlüssen der Politiker. SCOPE-Chefredakteur Hajo Stotz traf sich mit ihm zu einem offenen Interview darüber, wie die Politiker mit dem Herzstück der deutschen Industrie umgehen.

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Maschinenbau: „Von den Politikern breitgetreten“

SCOPE: Herr Hermle, Ihr Unternehmen konnte 2011 den Umsatz von 188 auf 269 Millionen Euro steigern - spüren Sie bereits wieder ein Abbremsen der Konjunktur?

Hermle: Das erste Quartal 2011 erlebte schlagartig einen gewaltigen Investitionsschub, den die wenigstens erwartet hatten. Die Branche kam zu dem zurück, was sie so liebenswert macht: Stress mit Zulieferern und mit Kunden wegen der Lieferzeiten. Schon während dieses starken Aufschwungs kamen die ersten Horrormeldungen von einem drohenden Abschwung. Das wurde von den Politikern sofort aufgenommen und breitgetreten. Aber wenn die Branche nach solch einem rapiden Aufschwung langsam zur Normalität zurückkommt, dann ist das kein Abschwung, sondern das ist eine Beruhigung auf extrem hohem Niveau. Wenn die Zuwachsraten dann vielleicht nicht mehr zweistellig, sondern nur noch einstellig sind, wüsste ich nicht, was daran schlecht ist.

SCOPE: Sie wären über weniger Aufträge nicht unglücklich?

Hermle: 2011 hatten wir zwei-, teilweise sogar dreistelligen Wachstumsraten - da möchte ich mal wissen, was daran schlecht ist, wenn man vielleicht zu einstelligen Wachstumsraten zurückkommt und die Mitarbeiter optimal beschäftigen und vernünftige Lieferzeiten bieten kann. Dabei bin ich mir nicht mal sicher, ob es bei einstelligen Wachstumszahlen bleibt. Denn das, was im ersten Quartal auf uns zukam, zeigt eindeutig keine Verschlechterung, Wenn das so bleibt, dann sind wir derzeit weit weg von einer Krise. Und ich bin auch sicher, dass der deutsche Maschinenbau einen vermeintlichen Rückgang verkraften würde. Die flexiblen Prozesse, die die meisten mittelständischen Unternehmen zwischenzeitlich geschaffen haben, erlauben es, auch ohne Entlassungswellen solche kurzen Krisen zu überstehen.

SCOPE: Hermle hat letztes Jahr 13 Mio. Euro in ein neues Logistikzentrum investiert und die Montage umstrukturiert - was waren hier die Ziele?

Hermle: Im Vordergrund standen neben mehr Platz für Ersatzteile - wir haben schließlich einen sehr guten Namen im Service und in der Verfügbarkeit zu verlieren - deutlich schnellere Reaktionszeiten sowie eine bessere Übersicht über das Gesamtunternehmen, mehr Sicherheit bezüglich des Brandschutzes und vor allem effizientere Abläufe. Wir haben dies alles erreicht, und arbeiten derzeit daran, diese Prozesse noch effizienter zu machen. Umstrukturierung heißt dabei bei Hermle selbstverständlich nicht Entlassung. Die Mitarbeiter wurden in neue Funktionen gebracht. Das Logistikzentrum haben wir aber nicht gebaut, um die Waren besser einlagern zu können, sondern um mehr Platz für die Montageabläufe zu gewinnen, besonders für unsere größeren Maschinen, deren Markteinführung sich sehr gut gestaltet hat. Die erfahren eine rege Nachfrage, was dem einen oder anderen Mitbewerber nicht so gut gefällt. Mir gefällt das.

SCOPE: Weniger gefällt Ihnen etliches, was derzeit in der Politik passiert - welche Entscheidungen kritisieren Sie?

Hermle: Momentan fallen in Berlin Entscheidungen, die uns wirklich gefährden können. Da ist zum einen die Frauenquote. Bevor wir über Quoten reden können, müssen wir doch erst einmal die Voraussetzungen schaffen. Zum Beispiel durch eine feste und dauerhafte Frauenquote, etwa in der Schule und der Ausbildung von technisch orientierten Frauen. Erst wenn wir diese Voraussetzung haben, hätten wir als Unternehmer die Möglichkeit, auf diese entsprechende Frauenquote zurückzugreifen, diese bei uns weiter auszubilden, und dann die Quote zu erfüllen. Wenn es diese Voraussetzungen nicht gibt, und es gibt sie nicht, ist es schlichtweg völliger Unsinn, was da in Berlin derzeit gemacht wird. Planzahlen kennen wir doch noch aus der Geschichte der DDR, und die sollte doch so langsam Vergangenheit sein.

SCOPE: Bei der diskutierten Frauenquote geht es aber nur um den Anteil der Frauen in den Spitzenpositionen der Unternehmen.

Hermle: Wir müssen uns dem Wettbewerb stellen, und dass die Deutschen das können, zeigen gerade im Maschinenbau oder in der Automobilindustrie ja die Zahlen. Wir bauen die besten Maschinen der Welt, bauen die besten Autos der Welt, und benötigen dafür keine Politiker, die ständig besser wissen, wie wir unseren Job machen sollen. Im Übrigen möchte ich auch daran erinnern: Wir haben in Deutschland Gesetze, die regeln, wer in einem Unternehmen bestimmt. Wir haben ein Mitbestimmungsgesetz, wir haben ein Aktiengesetz. Da kann es nicht sein, dass ein Politiker entscheidet, dass nur der Quote wegen jemand gezwungen ist, eine unqualifizierte Person, egal ob Frau oder Mann, auf eine Spitzenposition zu setzen, die sie nicht in der Lage ist, auszufüllen und damit das Unternehmen im Fortbestand gefährdet. Eine Quote ohne Rücksicht auf Qualifikation, ohne Rücksicht auf Kapazität, entgegen der Mitbestimmung, entgegen der Eigentümerrechte - da muss man sich doch fragen, wer trägt eigentlich die Verantwortung, wenn das schiefgeht? Ganz bestimmt nicht der Politiker oder die Politikerin, die dann schon längst im Ruhestand ihre sichere Pension beziehen.

SCOPE: Wie wollen Sie sich dagegen wehren?

Hermle: Leider haben wir wenig Möglichkeiten. Der Maschinenbau hat in der Vergangenheit seinen Job sehr gut gemacht, und zwei wichtige Grundlagen dafür sind Strategie und langfristiges Planen. Das sind erforderliche Voraussetzungen für Nachhaltigkeit - aber leider sind das Themen, die in Berlin nicht vorherrschen. Doch nur des Populismus willens darf man die Quote nicht im Mittelstand einführen. Der Mittelstand wird durch solche Aktionen extrem gefährdet, und wir sind nicht mehr in der Lage, uns dagegen zu wehren.

SCOPE: Sie kritisieren auch die Energiewende und -politik der Regierung. Warum?

Hermle: Der deutsche Maschinenbau ist größtenteils mittelständisch geprägt und hat eine hohe Prozesseffizienz in der Entwicklung, Konstruktion und Fertigung. Zudem haben Firmen wie Hermle ein enges, regionales Zuliefernetz mit kurzen Wegen. Wir haben keinen Materialtourismus. Alle diese Firmen zahlen Steuern, schaffen Arbeitsplätze, sorgen für Ausbildung, usw. Wenn wir es nicht schaffen, bezahlbare Energie in ausreichendem Maße zur Verfügung zu stellen, bekommen wir Probleme mit diesem Konzept. Als erste werden die Gießereien abwandern. Dann kaufen wir unseren Guß in China und schiffen den hierher, was natürlich enorm energieeffizient ist, und produzieren die Maschinen dann hier. Es wird nicht lange gehen, bis die Betriebswirtschaftler sagen, dann bauen wir die Maschinen auch gleich in China. Das ist dann der Tod der kleinen Zulieferer - oder sie produzieren auch in China. Und irgendwann wird auch die Entwicklung folgen.

SCOPE: Ist das nicht ein zu drastisches Bild?

Hermle: Das Szenario gab es bereits, zum Beispiel mit der Phono- oder Textilindustrie. Momentan sind wir dabei, mit dem Maschinenbau genau das nachzuvollziehen. Wir machen das nach, was uns die Amerikaner seit Jahren vorgemacht haben: Wir leben dann nur noch von den Dienstleistungen. Aber dass das nicht funktioniert, das sehen wir ja an den USA.

SCOPE: Sie beklagen auch den staatlich geförderten Transfer von Know-How nach China?

Hermle: Ich halte gar nichts davon, wenn deutsche Wirtschaftsminister Professoren an chinesische Hochschulen vermitteln und damit kostenloses Know-How nach China transferieren. Wir selbst dürfen übrigens unsere Produkte nur mit behördlichen Ausfuhrgenehmigungen exportieren. Da soll mir mal einer erklären, wie das funktionieren soll. Wir brauchen eine Genehmigung und warten sechs Monate darauf, eine 5-Achsen-Maschine exportieren zu dürfen. Und die Hochschulprofessoren, die zuvor mit uns vielleicht zusammengearbeitet haben, nehmen das ganze Wissen im Laptop mit nach China. Da freuen sich die Chinesen. Das halte ich für schlichtweg absurd. Ich denke, in Berlin haben die Politiker immer noch nicht verstanden, dass China längst keine Entwicklungsland mehr ist. Übrigens, dass der deutsche Maschinenbau "noch" zu den besten der Welt gehört, zeigt das Interesse von China am Erwerb solcher Unternehmen.

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