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LagerWas die Welt bewegt

Kapitalmarktfähigkeit ist das große Stichwort der Schaeffler Gruppe, seit das Unternehmen in die Schlagzeilen kam. Chefredakteur Hajo Stotz sprach anlässlich der EMO mit Helmut Bode, dem Leiter des Geschäftsbereichs Produktionsmaschinen Schaeffler Gruppe Industrie, über Produktneuheiten und die positiven Geschäftsentwicklungen.

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Lager: Was die Welt bewegt

SCOPE: Herr Bode, zur Zeit der EMO 2009 füllte die Conti-Übernahme durch Schaeffler die Schlagzeilen, Sie hatten die EMO-Teilnahme von Schaeffler gerade abgesagt und reagierten bei Fragen nach Strategien, Umsatz oder Wachstum sehr zurückhaltend. Können wir diesmal mit mehr Informationen rechnen?

Bode: Mit der Werkzeugmaschinenindustrie ging es in den letzten Jahren immer wieder auf und ab, aber seit 2008 war das eine richtige Achterbahnfahrt, wie ich sie noch nie erlebt habe. Es wurde extrem viel storniert, der Umsatz brach gravierend ein. Diese Entwicklung hatte - auch uns damals hart erwischt. Deshalb haben wir uns sehr schnell entschieden, zumal die EMO damals in Mailand stattfand, zum ersten Mal auf dieser Messe nicht auszustellen. Damals hieß es, es werde drei bis vier Jahre dauern, bis die Erholung eintreten würde. Doch die Zeiten haben sich sehr schnell geändert, alle von Schaeffler belieferten Branchen haben sich sehr gut erholt und 2010 war mit einem Umsatz von 9,5 Milliarden Euro das beste Jahr in der Geschichte der Schaeffler Gruppe. Gerade die Werkzeugmaschinen-Industrie hatte sich wesentlich schneller erholt als erwartet.

SCOPE: Hat sich das auch auf die Mitarbeiterzahl ausgewirkt?

Bode: Natürlich. Wir haben das Vorkrisenniveau bereits deutlich übertroffen und beschäftigen derzeit 70.000 Mitarbeiter an 180 Standorten, in 70 Werken und 30 F&E-Zentren. Und: Wir wollen weiter wachsen und planen, in den kommenden Jahren mehrere tausend Mitarbeiter einzustellen.

SCOPE: Wo bauen Sie vor allem aus?

Bode: Auch in Europa, vor allem aber in Asien und besonders in China. Wir verfügen bereits über fünf Werke in China und investieren derzeit in zwei neue. Denn wir produzieren und entwickeln in der Region für die Region. Was wir in China für den Markt brauchen, kommt zum Teil noch aus Europa - aber das Ziel ist, den Bedarf für Asien in Asien zu produzieren. Aber eben auch in Europa für Europa. Das heißt, die Standorte Deutschland und Europa haben für uns ebenfalls eine sehr hohe Priorität. Natürlich investieren wir derzeit mehr in Asien, weil da eben auch "die Post abgeht".

SCOPE: Bei solchen Investitionen in Produktionserweiterungen und Mitarbeiter - wird da bei Forschung und Entwicklung kürzer getreten?

Bode: Keineswegs. Das zeigt die Entwicklung unserer Patente - Zahlen, auf die wir mindestens genauso stolz sind und die unsere Innovationskraft zeigen. 2010 haben wir so viele Patente angemeldet wie noch nie, derzeit haben wir etwa 16.000 aktive Patente. 2006 lagen wir bei den Patentanmeldungen in Deutschland auf Platz 9, mittlerweile sind wir auf Platz 4, mit Bosch, Daimler, Siemens und GM vor uns. Wir spielen hier wirklich in der höchsten Liga mit und sehen an dieser Stelle auch unsere Zukunft in einem strategischen Sinne.

SCOPE: Wenn Sie so stark in China investieren, welchen Stellenwert hat das Land für die WZM-Industrie?

Bode: Wenn man die Weltproduktion der WZM in den Jahren 2002 und 2010 anschaut, dann sieht man, dass sie absolut gesehen zunahm, aber relativ gesehen fast alle Länder seither Marktanteile verloren haben. Auch Deutschland. Japan ist gleich geblieben, Korea hat leicht zugelegt. China dagegen hat seinen Marktanteil von sieben Prozent auf 22 Prozent gesteigert. Das ist ein gigantisches Wachstum, worauf wir auch entsprechend reagieren. Deswegen sind wir in China auch sehr aktiv.

SCOPE: Das betrifft die Produktion - aber wie sieht es mit dem Verbrauch aus?

Bode: Der hat sich die letzten Jahre ebenfalls stark verändert. Der große Verlierer ist sicherlich Nordamerika, aber auch Europa hat Markanteile verloren. Der Verbrauch an WZM der Top-20 Länder sieht China 2010 mit einem Anteil von 15,9 Milliarden Euro mit weitem Abstand auf Platz 1. Davon deckt China fast 10 Mrd. selbst ab, aber es bleiben immerhin sechs Milliarden, die sie nicht selbst abdecken können. Dieser Verbrauch ist immer noch genauso groß wie der gesamte Verbrauch in Deutschland und den USA zusammen. Darin liegt auch die Chance für den deutschen WZM-Markt, denn diese Lücke gilt es zu schließen. Klarerweise sind das die High-Tech-Maschinen. Die Herausforderung für den deutschen WZM-Bauer lautet also: innovative Produkte, Technologieführerschaft ausbauen und Trendsetter sein. Dazu benötigen sie natürlich Unterstützung, und die bekommen sie von uns.

SCOPE: Lager in einer Werkzeugmaschine - tut sich da entwicklungs- und trendseitig eigentlich noch viel?

Bode: Soviel wie noch nie. Die erste Linearführungen haben wir 1954 herausgebracht, das war ein ganz einfacher Nadel-Flachkäfig für Schleifmaschinen. In den 70ern kamen dann die Rollenumlaufschuhe, die sehr stark die Gleitführung abgelöst haben, das war die Standardführung in den 70ern. In den 80ern kamen dann die Kugelumlaufführungen, da haben die Japaner eine neue Bauform vorgegeben. Auf dieser Basis haben wir dann aber die ersten serienmäßigen Rollenführungen in den Markt gebracht. Heute bieten wir bereits erste Dämpfungssysteme an, die man optional zuschalten kann, und integrierte Messsysteme. Die neueste Entwicklung ist die hydrostatische Profilschienenführung, also austauschbar im Bauraum der klassischen Wälzführung. Ein anderes Beispiel ist der Rundtisch. Hier war früher die klassische Königszapfenlagerung, also ein großes Axiallager, verspannt mit einem anderen Axiallager üblich. Sie erfährt heute gerade bei großen Rundtischen übrigens ein richtiggehendes Comeback. Aber im Laufe der Jahre hat sich unser YRT durchgesetzt, dieses Produkt ist ein wirklicher Renner geworden. Dieses Lager bieten wir heute mit integriertem Messesystem und einem Torquemotor als komplette Antriebsachse und einem integrierten Dämpfungssystem an. Auch hier sind wir also erneut Trendsetter und setzen sozusagen auf die eigene Technologieführerschaft konsequent "eins drauf".

SCOPE: Trotz Technologieführerschaft - der Preis spielt bei Lagern eine immer größere Rolle - wie reagieren Sie darauf?

Bode: Schaeffler hat sich immer dadurch ausgezeichnet, nicht nur innovative Produkte zu bringen, sondern auch kundenorientiert zu beraten. Wir haben nicht immer die billigsten Lager, aber das Ziel ist es, schlussendlich die preiswerteste Lösung zu haben. Im Kern kommt es heute darauf an, dem Kunden die Lösung anzubieten, die unter dem Strich die wirtschaftlichste ist. Da kann das Lager selbst durchaus auch einmal teurer sein. Wir können heute beim Rundtisch beispielsweise genau definieren, welche Kühlung der Tisch, abhängig von der Drehzahl, benötigt. Wir können gesamte Systeme, wie zum Beispiel Spindelsysteme, berechnen und simulieren, wir können die Dämpfung auslegen und können die Linearführung durch ein exzellentes Berechnungsprogramm, mit dem wir marktführend sind, auslegen und den Kunden entsprechend beraten.

SCOPE: Und diese Neuheiten waren auch Thema der EMO 2011?

Bode: Unser Motto auf der EMO war "Leistung mit Format". Format ist hier natürlich doppeldeutig. Wie gesagt, wir erkennen einen Trend zu großen Maschinen: das kommt vor allem aus der Windenergie und der Flugzeugindustrie. Dort benötigt man große Maschinen und Anlagen, und auf diesen Trend haben wir uns vorbereitet. Sehr große Linearführungen, hochleistungsfähige Rundtische, einen Rundtisch mit einem Direktantrieb mit einer enormen Leistungsdichte - das sind einige der Highlights, die wir auf der EMO präsentiert haben. Aber, und das haben wir auf der EMO auch gezeigt, wir bieten auch echten Mehrwert über den Service: Berechnung, Beratung, R&D, und alles was dazu gehört.

SCOPE: Und wie zufrieden sind Sie mit der Resonanz?

Bode: Wir haben zahlreiche interessante Gespräche geführt und bekommen von unseren Kunden das Feedback, dass unsere strategische Ausrichtung stimmt und unsere Innovationen überzeugen. Die EMO ist für uns keine Verkaufsveranstaltung, auf der reihenweise Lieferverträge unterzeichnet werden, aber sie ist unverändert als Gradmesser und Stimmungsbarometer von hohem Gewicht für die Branche. Die intensiven Kontakte machen uns sehr zuversichtlich, dass den vielen Gesprächen auch zahlreiche Aufträge folgen werden.

SCOPE: Herr Bode, und welche Erwartungen haben Sie an 2011? Werden Sie die Ergebnisse von 2010 erreichen oder übertreffen?

Bode: Wir sind unverändert sehr optimistisch für das laufende Jahr und werden die Ergebnisse von 2010 noch übertreffen.

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