Rede von Dr. Reinhold Festge HMI 2014

"Maschinenbauindustrie beflügelt industriellen Fortschritt"

Zunächst ein Blick auf die Zahlen des Jahres 2013 Unsere reale Produktion liegt - nach immer noch vorläufigen Berechnungen - um 1,5 Prozent unter Vorjahresniveau. Die VDMA-Prognose von minus ein Prozent wurde also ziemlich genau getroffen. Im Umsatz erreichten wir 2013 ein Volumen von 206 Milliarden Euro, bei den Exporten kamen wir auf 149 Milliarden Euro, bei den Importen auf 56 Milliarden Euro.

Dr. Reinhold Festge

Hervorheben möchte ich, dass die Einfuhr aus den Euro-Partnerländern um 1,1 Prozent zulegen konnte, während die gesamten deutschen Importe von Maschinen und Anlagen ihr Vorjahresniveau um 0,7 Prozent knapp verfehlt haben. Die Einfuhr aus den EU-27-Partnerländern stieg sogar um 1,7 Prozent auf 34 Milliarden Euro. Konkret: Wir sind für 16 von 27 EU-Partnerländern der größte Auslandsmarkt für Maschinenbauerzeugnisse. Insgesamt decken die EU-Partnerländer etwa 62 Prozent der gesamten Maschinenimporte Deutschlands ab. Deutschland ist daher bei den Importen entscheidender Konjunkturtreiber für den Maschinenbaumarkt der EU-Partnerländer. Das sollte bei der Diskussion um den deutschen Leistungsbilanzüberschuss, der ohne Frage entscheidend auch auf dem Maschinenbau beruht, gesehen werden. Deutschland zieht die Partnerländer als Konjunkturmotor mit.

Und wo würde der Euro heute eigentlich ohne die wirtschaftliche Stärke Deutschlands stehen und was würde das eigentlich für die Zinslast der Staaten - einschließlich Deutschlands - bedeuten? Dies auch in die Richtung der inländischen Kritiker. Die Leistungsstärke des Maschinenbaus beruht auch mit Sicherheit nicht auf Lohndumping. Das ist - ein Blick auf die Metalltarife zeigt das - einfach dummes Zeug. Der Überschuss beruht auf der Innovation und Leistungskraft der Unternehmen, die sich auf dem Weltmarkt hart behaupten müssen und die es momentan auch noch schaffen.

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Deshalb kämpfen wir auch für weltweit offene Märkte. Deshalb ist das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP für Deutschland eine große Chance und keineswegs eine Gefahr. Entscheidend für den Maschinenbau ist aber, dass wir auch Regelungen für technische Handelsbarrieren finden, gegebenenfalls auch um den Preis einer längeren Verhandlungsdauer. Wir dürfen uns nicht in einer kleinkarierten Diskussion um Chlorhähnchen und ähnliches verschleißen.

Deutschland ist nun einmal so etwas wie der Maschinenbau-Nabel der Welt. Deshalb möchte ich Ihnen auch auf der größten Industriemesse der Welt hier in Hannover die Einschätzung über die weltweiten Umsätze präsentieren:

Nach ersten Berechnungen der VDMA-Volkswirte wurden 2013 weltweit Maschinen und Anlagen im Wert von 2.225 Milliarden Euro produziert. Damit wurde der Vorjahreswert nur geringfügig verfehlt. Deutschland (246 Milliarden Euro) ist mit einem Anteil von 11 Prozent nun drittgrößtes Herstellungsland.

Mit einem Produktionswert von 766 Milliarden Euro hat China einen überragenden Weltanteil von 34 Prozent. Die USA folgen mit 326 Milliarden Euro auf Platz 2, Japan auf Platz 4 mit 193 Milliarden Euro. Das Umsatzvolumen von Deutschland, den USA und Japan zusammen entspricht dem Wert, den China allein ausweist.

Allerdings muss beachtet werden, dass die Statistiken nach dem Standortprinzip geführt werden und der chinesische Wert auch die Produktion der ausländischen Unternehmen in China beinhaltet. Leider können wir diesen nicht beziffern.

Zudem hat die Normierung auf den Euro als gemeinsamen Wechselkurs die Konsequenz, dass Zuwächse und Rückgänge beim Umsatz durch die Umrechnung überzeichnet oder unterzeichnet werden. Gerade im letzten Jahr hatten wir massive Wechselkursverschiebungen, beispielsweise zum Japanischen Yen, die uns konkret Sorgen bereiten.

Maschinenbaukonjunktur 2014

Die Produktion in Deutschland ist in ersten Monat dieses Jahres um 5,6 Prozent zum Vorjahresvergleich gestiegen. Das ist an sich ein guter Start. Den brauchen wir aber auch, denn unsere Produktionskapazitäten waren im Schnitt mit 84,4 Prozent nicht gut ausgelastet. Trotzdem liegt die Zahl der Beschäftigten unverändert bei 993.000 Personen. Wir brauchen also positive Wachstumsraten für die deutsche Produktion in den kommenden Monaten.

Wir brauchen auch positive Wachstumsraten für den Auftragseingang. In den ersten beiden Monaten des Jahres hat sich der Auftragseingang im deutschen Maschinen- und Anlagenbau mit plus ein Prozent gegenüber dem Vorjahr nur moderat positiv entwickelt. Die Nachfrage aus dem Inland verfehlte das Vorjahresniveau um zwei Prozent. Die Auslandsorders stiegen immerhin um zwei Prozent. Doch ein Aufschwung sieht anders aus.

Während die Belastungen in Folge der Euro-Schuldenkrise zurückgehen, lässt die Wirtschaftsdynamik in den Schwellenländern nach wie vor deutlich zu wünschen übrig.
Dort, wo das Exportgeschäft noch läuft, wird die Freude nicht selten getrübt durch die Euroaufwertung und den damit unter Druck geratenen Margen.

Zudem können wir nicht die Augen davor verschließen, dass die Geschäfts- und damit auch Prognoserisiken in den letzten Wochen eher zu- als abgenommen haben. Deshalb müssen wir auch einfach feststellen: Ein hartes Russland-Embargo hätte das Zeug, die Konjunkturentwicklung im Maschinenbau zu brechen. Es ist völlig klar, dass hier ein eklatanter Bruch des Völkerrechtes begangen wurde, auch noch von einem Mitglied des UN Sicherheitsrates. Es ist auch klar, dass es notwendig ist, deutliche Grenzen zu zeigen. Und es ist außerhalb aller Diskussion, dass diese Entscheidungen dem Primat der Politik unterliegen. Aber man muss wissen, was man tut, wenn man mit lautem Geschrei weiter an der Eskalationsschraube dreht: Es geht um den viertgrößten Markt für den Maschinenbau und es gibt kein Land, das derartig massive Investitionen in Russland getätigt hat, wie Deutschland.

Partnerland Niederlande

Die Niederlande sind unser achtgrößter Auslandskunde. Im vergangenen Jahr belief sich unsere Ausfuhr auf 5,2 Milliarden Euro. Das entspricht 3,5 Prozent der gesamten deutschen Maschinenausfuhr. Fördertechnik, Präzisionswerkzeuge, Armaturen, Allgemeine Lufttechnik, Antriebstechnik, Landtechnik sowie Bau- und Baustoffmaschinen sind hier mit Lieferanteilen von über sechs Prozent an der gesamten Maschinenausfuhr in die Niederlande die wichtigsten Fachzweige.

Eine ebenso bedeutende Rolle spielt das Land bei unseren Importen von Maschinen und Anlagen. Hier steht es an neunter Stelle. Ein Volumen von über 2,4 Milliarden Euro steht für 4,4 Prozent der gesamten deutschen Maschinenimporte.

Bilanz 100 Tage Große Koalition  

Seit 112 Tagen haben wir eine neue Regierung, die sich auf eine überwältigende Mehrheit im Parlament stützen kann. Trotzdem: Zeichen für einen Aufbruch - Fehlanzeige. Aber klare Vorschläge für eine Rolle rückwärts. Wahlgeschenke wie die Mütterrente, Rente mit 63, vielleicht sogar 61, werden in atemberaubendem Tempo verteilt. Dies wird auch von fast allen führenden Ökonomen als dramatischer Fehler gesehen. Die Streiklage ist bedenklich. Aber, was viel entscheidender ist: Wo gibt es eigentlich den Ruck, einen großen Wurf für Innovationen und Investitionen in Deutschland? Selbst erste Ansätze in dieser Richtung sind nicht erkennbar. Eine Rentenpolitik aus dem letzten Jahrhundert hat doch nun wirklich nicht das Zeug, ein Motivationsprogramm für unternehmerische Zukunftsinvestitionen zu sein.

Wir alle wissen doch, sowohl aus einer Untersuchung des DIHK als auch aus den VDMA China-Studien, dass die Unternehmen gegenwärtig im Zuge der Internationalisierung das "Wo" jeder Investition genauestens überprüfen. Gerade schnelle Ankerinvestitionen in neueste Technologien sind in Deutschland eher erfolgskritisch.

Ganz konkret warten wir immer noch darauf, dass die Politik ihr Versprechen umsetzt und Innovationen - gerade im industriellen Mittelstand - durch steuerliche Forschungsförderung flankiert. Auch sollte die degressive Abschreibung von Investitionen wieder unbefristet eingeführt werden. DIES würde maßgeblich dazu beitragen, unser Land insgesamt zukunftsfest zu machen und uns nicht an der wirtschaftlichen Zukunft der kommenden Generation zu vergreifen.
Wenn wir schon Geld ausgeben, dann für Bildung. Wobei ich allerdings immer wieder sagen muss: Entscheidend ist nicht der finanzielle Input, sondern der Output, und da gibt es keineswegs einen direkten Zusammenhang.

Die Energiewende ist das politisch dominierende Thema. Technologisch kann sie gelingen. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Insgesamt ist sie eine große Chance für uns Maschinenbauer, aber auch für das Gütesiegel German Engineering.
Lassen Sie mich deshalb einige wichtige Aspekte der Energiepolitik kurz bewerten:

¿ Mit der EEG-Reform, so wie sie sich derzeit abzeichnet, werden wichtige Weichen gestellt,
z. B. verlässliche Ausbaukorridore oder der beschleunigte Übergang zur Direktvermarktung mit einer gleitenden Marktprämie.
¿ Auch dass sich beim Thema Eigenstrom eine Lösung wenigstens für die Industrie abzeichnet, ist erfreulich. Für den Gewerbe-, Handel- und Dienstleistungssektor gilt dies leider nicht.
¿ Positiv bewerten wir die Einbeziehung des energieintensiven Mittelstandes in die Ausnahmetatbestände des EEG. Dies hilft uns, die für die deutsche Industrie so entscheidenden Wertschöpfungsketten zu erhalten.

Der Kompromiss von Bund und Ländern in der letzten Woche ist ein guter Schritt für das Gelingen der Energiewende, auch wenn wichtige Details noch offen sind. Der wunde Punkt der EEG-Reform ist aber, dass die Möglichkeiten der Energieeffizienz geradezu sträflich vernachlässigt werden. Dabei steht fest: Ohne die Steigerung der Energieeffizienz ist eine umweltverträgliche, versorgungssichere und bezahlbare Energiewende nicht möglich. Studien zufolge könnten allein Effizienzmaßnahmen im Stromsektor bis zu 28 Milliarden Euro bis 2050 einsparen.
Wir müssen alles dafür tun, dass der Energiewende nach einem guten Start nicht die Puste ausgeht.

Produktpiraterie und Know-how-Schutz

Wir schätzen den Umsatzverlust, der den deutschen Maschinen- und Anlagenbauern 2013 durch Produkt-piraterie entstanden ist, auf 7,9 Milliarden Euro. Ein Umsatz in dieser Schadenhöhe würde der Maschinenbauindustrie knapp 38.000 Arbeitsplätze sichern.
VDMA-weit sind 71 Prozent der Maschinen- und Anlagenbauer betroffen, ein neuer Rekordwert. Am häufigsten sind Hersteller von Holzbearbeitungs-maschinen mit über 90 Prozent betroffen, gefolgt von Textilmaschinen und Landtechnikherstellern.

Auch wenn die Volksrepublik China weiterhin unangefochtener Plagiatsweltmeister ist - fast Dreiviertel der Unternehmen gaben China als Ursprungsland der Fälschungen an ¿ es gibt auch einen stetig wachsenden Teil von Plagiaten aus Deutschland. Knapp ein Viertel der Unternehmen zeigte mit dem Finger auch auf deutsche Wettbewerber.

Wir werden heute Nachmittag eine Kooperationsvereinbarung mit dem Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, unterzeichnen. Ziel ist es, das Bundesamt für Verfassungsschutz als vertrauensvollen Kontaktpartner für die VDMA-Mitglieder zum Schutz des Know-hows zu etablieren. Sie sehen also, wir nehmen das Thema mehr als ernst.

Lassen Sie mich zum Schluss noch auf einige Kernthemen der Hannover Messe eingehen:
Industrie 4.0 - das Thema in Hannover. Hier geht es jetzt darum, die Vision Industrie 4.0 in Realität umzusetzen und innovative Produkte, Produktkonzepte zu entwickeln. Zentrum der Industrie 4.0 ist in Halle 8.

Ähnliche Zukunftschancen sehen wir auch beim Thema Mobilitec - Elektromobilität im Einsatz. Sie sehen dort alles rund um die Elektromobilität und die hybriden Antriebstechnologien. Highlight ist die Vorstellung des Projekts "Modulares Multi-Use Batteriesystem", bei dem es um die Definition eines industriellen Standards für Hochleistungsbatterien im mobilen und stationären Bereich geht. Sehen Sie sich die MobiliTec an - im Herzen der Halle 27.

Denn Elektromobilität ist ein viel breiteres Thema, weit über die Automobilindustrie hinaus. Alltagserprobt und bewährt hat sie sichbereits in einem breiten Anwendungsspektrum, zum Beispiel bei Arbeitsmaschinen, Gabelstaplern, Reinigungsmaschinen usw.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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