Wortwechsel-Interview

Andreas Mühlbauer,

„Die Verschmelzung ist in vollem Gange“

Zunehmend löst die Industrie 4.0 die Trennung von Technologien im industriellen und Consumer-Markt auf. Warum das so ist und welche Auswirkungen sich aus der Entwicklung des Internet of Things für die Industrie ergeben, erläutert Sven Klette-Matzat, Sales Manager OEM Solutions bei Vision Components, im Interview mit Andreas Mühlbauer.

Sven Klette-Matzat, Sales Manager OEM Solutions bei Vision Components, im Interview mit Andreas Mühlbauer. © Vision Components

In der Vergangenheit gab es wenig erkennbaren Austausch zwischen Consumer- und Industrietechnik. Warum hat sich das im Zuge der Industrie 4.0 geändert?

Die Bezeichnung Industrie 4.0 beschreibt das Projekt einer umfangreichen Digitalisierung der industriellen Produktion, herkömmliche Produktionsstrukturen werden mehr und mehr ersetzt durch intelligente, selbststeuernde, sensorgestützte und miteinander vernetzte Produktionssysteme. Im industriellen Umfeld spricht man dann vom Industrial Internet of Things (IIoT), subsumiert unter dieser Bezeichnung sind Begriffe wie Smart Factories, Extreme Automation oder Industrial Robotics. Dies beschreibt natürlich eine klare Abgrenzung zur IoT-Welt der Endkonsumenten. Das Ziel, Abläufe smarter und somit leichter für den Anwender zu gestalten, ist natürlich identisch – egal ob wir über Smart Factory oder Smart Home sprechen.

Man kann es auch so formulieren, dass das IIoT die konkrete Nutzung von IoT-Technologien über die Industriegrenzen hinweg darstellt, die Trennung zwischen Consumer- und Industrietechnik löst sich somit immer mehr auf. Dies unterstreichen auch neue Begriffe, wie beispielsweise Smart City: Der Begriff beinhaltet die Digitalisierung so verschiedener Bereiche wie Industrie, Energie, Sicherheitssysteme, Mobilität, Gesundheitswesen, Einzelhandel oder Wohnraum und führt diese zusammen.

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Was kann die Industrie aus Consumer-Anwendungen lernen?

„Es kommt darauf an, die menschlichen Umgebung zu personalisieren, um das Leben bequemer und angenehmer zu machen und den Menschen von lästigen Routinearbeiten zu entlasten“, sagte H. S. Kim, President und CEO von Samsung Consumer Electronics, zur Eröffnung der Consumer Electronic Show im Januar dieses Jahres. Diese Zielsetzung bei der Entwicklung neuer Consumer-Produkte und -Lösungen ist auch, in leicht abgewandelter Form, identisch mit dem Anspruch an moderne Produktionslinien. So wie innerhalb von modernen Smart-Home-Systemen ein Endkunde benutzerspe-zifisch jederzeit alles rund um seinen Wohnraum von jedem Ort der Welt einsehen und steuern kann, beispielweise auch Wartungshinweise zum Heizungssystem als Kalendereintrag erhält, so sollte dies genauso auch für heutige Produktionslinien gelten. So wird das Look and Feel der Maschinen-, Liniensteuerungs-, Wartungs- und Diagnose-App, die Anbindung an das gewählte E-Mail-Programm und den Kalender, der Zugriff auf spezielle Cloud-Daten und -Anwendungen identisch sein wie bei einer App zum Online-Banking, City-Parking oder auch Music-Streaming.

Aufgrund der zunehmenden Mobilität der Mitarbeiter, verbunden mit teilweisen Tätigkeiten im Home-Office oder von weltweit verteilten Partnern, erfolgt der Zugriff auf berufliche oder auch private Daten sehr häufig vom gleichen Endgerät wie vom einem Smartphone oder Tablet. Noch lernt die Smart Factory von smarten Consumer-Produkten, aber die Verschmelzung ist bereits in vollem Gange.

Wie beeinflusst der Consumer-Markt im Bereich der Vision-Technologien die Entwicklung in der Industrie?

Die Entwicklungen der letzten Jahre innerhalb des Consumer-Marktes haben ja den aktuellen Trend zum Thema IoT erst ermöglicht beziehungsweise nun nachhaltig ausgelöst. Durch mehr und mehr vernetzte Geräte und somit eine Vielzahl an Datenoptionen finden auch KI-Anwendungen neue Einsatzgebiete und werden permanent weiterentwickelt. Von „Neuronalen Netzen“ über „Deep Learning“ zum KI-Boom heute wird gerade aktuell der klassische Machine-Vision-Bereich stark beeinflusst, zumal diese Entwicklungen in der KI auch durch dedizierte Hardware in Embedded-Systemen weiter befeuert werden – Hardware, die wir aber eben nicht mehr nur in Smartphones von Huawei, Google oder Apple finden.

Wenn sich Produkte aus der Consumer-Entwicklung in der Industrie manifestieren, ist dann eine auseichend lange Verfügbarkeit noch gewährleistet?

IoT löst die alte Trennung dieser Bereiche auf. Die Anforderungen an (I)IoT-Produkte hinsichtlich Robustheit oder auch notwendige Langzeitverfügbarkeit sind sehr unterschiedlich, von Smart Phone über Smart Home bis Smart Factory. Der Markt von IoT-Lösungen ist um ein Vielfaches größer als der klassische Consumer-Markt. Für dessen Player bieten sich somit neue Wachstumspotenziale. Sony entwickelt unter anderem zusammen mit Bosch neue Sensortechnologien für autonome Fahrzeuge. Qualcomm offeriert neueste Prozessor-Plattformen, die ein Embedded-Kamera-Interface, KI-Techniken und drahtlose Kommunikationsschnittstellen direkt in einem Chip vereinen und – wie oben angesprochen – langzeitverfügbar sind. Die Verschmelzung der Märkte über IoT und die damit verbundene Vielzahl neuer kamerabasierter Anwendungen pusht den Embedded-Vision-Bereich.

Wie verändert diese Entwicklung das Vorgehen von Vision Components?

VC entwickelt seit knapp 25 Jahren Smart Kameras beziehungsweise Embedded-Vision-Systeme, die heute die Basis für das IoT bilden. Im Zuge des IoT wandelt sich der Embedded-Markt zunehmend von herkömmlichen, isolierten eingebetteten Systemen mit festgelegten Funktionen hin zu einer neuen Kategorie von flexiblen intelligenten Systemen. Hat VC vor 10 Jahren noch Smart-Kameras auf Basis TI-DSP mit eigenem Betriebssystem und eigener Bildverarbeitungsbibliothek entwickelt, so setzen wir heute bei unseren Produkten auf verschiedene ARM-Prozessor-Typen mit Linux-Betriebssystem, neuerdings sogar auch Kameramodule mit MIPI-CSI-2-Schnittstelle. Diese Technologie-Kombination kann man heutzutage als Standard im Embedded-Bereich bezeichnen. Der Markt bietet hierfür unglaublich viele Software-Bibliotheken und Ready-to-Use Tools.

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