Kabel und Leitungen

Verrohrung greift in USA um sich

Nicht nur der Finanzmarkt in den USA ist schwierig. Für Maschinen- und Anlagenbauer, die in die Staaten exportieren, gibt es neue Zertifizierungs-Hürden: die aktuelle Edition 2007 des NFPA 79 Standards. So ist etwa die Verlegung von Kabeln und Leitungen in Rohren üblich. Chefredakteur Hajo Stotz entwirrt die Kabelenden.

Für viel Vergnügen: Das Kabelmaterial muss beim Einsatz in solchen Fahrgeschäften höchsten Beanspruchungen standhalten.

„Es gibt Fälle, da entscheidet der lokale Sheriff über die Zulassung der Maschineninstallation“, so die Erfahrungen von Rudolf Fleig, Projektleiter von Emis Electrics. Für Maschinen- und Anlagenbauer, die ihre Produkte in die USA exportieren wollen, sind die neuen Zertifizierungs-Hürden teilweise sehr hoch. Grund: Die aktuelle Edition 2007 des NFPA 79 Standards enthält nicht nur ein Verwendungsverbot, sondern auch eine Ausnahmeoption für AWM-Leitungen. Leitungshersteller, Maschinenbauer, Installateure, Abnahme- und Prüfingenieure sowie lokal verantwortliche Officer (AHJ) – manchmal eben der Sheriff - müssen jetzt klären, was normkonform ist und was nicht.

Selbst für Profis sind die Vorschriften für die Elektroinstallation im Anlagenbau in den USA ziemlich verwirrend. Denn die Zertifizierungsvorschriften sind nicht nur sehr komplex, sondern auch abhängig vom Aufstellungsort der Anlage. Projektleiter Fleig: „Die Vorschriften und Normen für die Installationstechnik sind teilweise von Bundesstaat zu Bundesstaat und von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Das macht es oft sehr schwer, die genauen Vorschriften eindeutig zu klären.“ Unter http://www.intertek-standards.com kann man sich über die aktuellen Ausgaben der Vorschriften informieren. Die Ingenieure von Emis kennen das Problem. Das Unternehmen hat sich als Komplettdienstleister im Bereich Elektrotechnik von Maschinen und Anlagen auf der ganzen Welt spezialisiert. Ein Kunde ist beispielsweise Mack Rides in Waldkirch. Das 1780 gegründete Familienunternehmen ist einer der Marktführer in der Entwicklung und Produktion von Freizeitparkattraktionen. Roland Mack, Mitglied der Familie des Firmengründers, ist der geschäftsführende Gesellschafter des Europa-Parks in Rust bei Freiburg. Der Freizeitpark ist mit einer Gesamtfläche von rund 850.000 qm der größte Freizeitpark Deutschlands. Im Jahr 2007 besuchten über vier Millionen Menschen den Europa-Park. Damit ist er der besucherstärkste saisonale Freizeitpark der Welt. In 15 Themenbereichen, davon zwölf länderbezogen, finden sich über 120 Attraktionen. Eine davon ist die Wasser-Achterbahn Atlantica Super Splash, die im Frühjahr 2005 zum 30-jährigen Jubiläum des Parks eröffnet wurde. Sie ist mit 30 Metern Höhe eine der höchsten Anlagen des Vergnügungsparks. Beim finalen Drop in den eigens für die Bahn angelegten See erreichen die Wagen Höchstgeschwindigkeiten von 80 km/h.

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Für den Bau solcher Wasserbahnen, Achterbahnen, Wildwasser- und Geisterbahnen übernimmt Emis Electrics die komplette Elektrotechnik von der Planung bis zur Inbetriebnahme und Abnahme durch entsprechende Prüfinstanzen. Dabei ist auf ein höchstes Maß an Sicherheit zu achten. Für den Einsatz in den verschiedenen Fahrgeschäften muss das Kabelmaterial vielfältigen Beanspruchungen standhalten: UV-Beständigkeit für die Verlegung im Freien, Eignung für die Verlegung im Erdreich, im Wasser, im Kabelkanal, für die Verlegung ohne Befestigung oder entlang von Konstruktionselementen. Außerdem müssen die Leitungen den mechanischen Beanspruchungen standhalten und die Installation muss EMV-gerecht sein.
Während in Europa die Installation der Kabel und Leitungen in Gebäuden, Schaltschränken oder an Motorenanschlüssen offen durchgeführt wird, ist in den USA eine Verlegung in Rohren mit Einzeldrähten üblich. Die Verrohrung ist ähnlich einer Sanitärinstallation. Hierfür fehlt dem Europäer schlichtweg das Know-how und das Werkzeug. Diese Art der Installation ist sehr unflexibel und verlangt in der Anfangsphase der Planung detaillierte Verrohrungs- und Anschlusspläne mit exakten Maßen und Lage-Angaben der Klemmen im Schaltschrank. Das betrifft auch die Auswahl und Verwendung von Kabeln und Leitungen in Industriemaschinen für die USA. Vorsicht ist geboten, denn wer die anzuwendenden Normen oder lokalen gesetzlichen Zusatzanforderungen nicht kennt oder nicht einhält, läuft Gefahr, dass Maschinen wegen Nicht-Konformitäten nicht an das Netz dürfen. Hohe Zusatzkosten, Regressforderungen und sogar die Bedrohung der Firmenexistenz können die Folgen sein.

Konkret schreibt die neue NFPA 79 Edition 2007 für den Einsatz in Industriemaschinen gelistete Leiter, Kabel und Leitungen vor. „Neu dabei ist, dass die so genannten AWM-Typen — Appliance Wiring Material — nicht mehr erlaubt, beziehungsweise nur unter Beachtung bestimmter Einschränkungen weiterhin akzeptiert werden können“, erklärt Volker Huber, Produktmanager bei Lapp Kabel. Dabei dürfen Leiter, Kabel und Leitungen nicht den Gefahren einer Beschädigung durch mechanische, chemische oder thermische Effekte ausgesetzt sein. Deshalb werden in den USA Kabel und Leitungen zum besseren Schutz üblicherweise in geschlossenen Kabelkanälen, Rohren und Schläuchen verlegt. Kabel auf offenen Kabelpritschen (CT), Kabelwannen oder Gitterrinnen, die an der Gebäudestruktur befestig sind, müssen hierfür extra zugelassen sein (z.B. TC, PLTC). In industriellen Betriebsstätten, wo Wartung und Instandhaltung durch entsprechend qualifiziertes Personal sichergestellt ist, dürfen gelistete Kabel mit -ER (= exposed Run) Zusatz-Approbation auch ohne zusätzlichen mechanischen Schutz, wie beispielsweise durch Schläuche, bis hin zum elektrischen Betriebsmittel verlegt werden.

Hierfür bietet Lapp Kabel ein umfangreiches Programm an Leitungen mit -ER Zusatz. Das sind die Daten- und Steuerleitungen Ölflex Tray II, Ölflex Control TM, Ölflex Control M, Ölflex VFD, Ölflex Auto-X, Ölflex Auto-I sowie die Datenleitung Unitronic 300. Diese Leitungen sind speziell für den nordamerikanischen Raum zertifiziert und müssen nicht in geschlossenen Systemen verlegt werden. Volker Huber: „Die Vorteile für den Anwender sind eine schnellere, unkomplizierte und bis zu 40 Prozent kostengünstigere Verkabelung.“

Bedingt durch die strengen Vorschriften, produziert Lapp auch einen großen Teil der Produkte direkt in den USA. Zurzeit werden über 50 Prozent der für den nordamerikanischen Markt benötigten Leitungen im eigenen Werk in den USA hergestellt. „Wir entwickeln und produzieren speziell für den amerikanischen Markt zugelassene Leitungen und arbeiten dabei eng mit den jeweiligen Zulassungsbehörden zusammen“, erklärt Lapp-Vorstand Siegbert Lapp. Viele Produkte werden – ebenso wie in Europa – extra nach Kundenwunsch entwickelt und im Testlabor geprüft. hs

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