Anschluss- und Steuerleitungen

Reinigung in Rekordhöhe

Fassadenreinigung ist nichts für Feiglinge. Auch wenn die Fassadenbefahrsysteme sicher sind, müssen die Arbeiter absolut schwindelfrei sein. Dafür, dass tatsächlich nichts passiert, sorgen Anschluss- und Steuerleitungen des Stuttgarter Herstellers Lapp.

Umrahmt von Wiesen und Wäldern, rund 35 Kilometer westlich von München, befindet die Gemeinde Mammendorf mit rund 4.600 Einwohnern. Ein Dorf mit Weltruf, denn hier hat die Firma Manntech ihren Firmensitz. Sie ist weltweit einer der führenden Hersteller von innovativen Fassadenbefahrsystemen. Und immer wenn es besonders kompliziert wird, ist das Unternehmen gefragt. So konstruierten die Bayern mit ihren rund 200 Mitarbeitern spezielle Fassadenbefahrsysteme für den 269 Meter hohen Bitexco Financial Tower in Ho Chi Minh-Stadt in Vietnam, für einen über 440 Meter hohen Wolkenkratzer im chinesischen Shenzhen, für das 346 Meter hohe Standard Oil Building in Chicago oder für den 452 Meter hohen Petronas Tower in Kuala Lumpur (Malaysia).

Ganz aktuell baut das Unternehmen, das einst zum Mannesmann Konzern gehörte, für zwei Wolkenkratzer in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Emirate, Fassadenbefahrsysteme für den 381 Meter hohen Domain Tower und den 278 Meter hohen Trust Tower. Sie sollen dank ihrer architektonischen Gestaltung durch den britischen Stararchitekten Norman Forster die neuen Wahrzeichen von Abu Dhabi werden. Die Fassaden verlaufen in Schlangenlinien und das gläserne Dach ist in einem Winkel von 51 Grad schräg aufgesetzt und erinnert an einen erhobenen Zeigefinger mit dem Fingernagel an der Spitze. Auf Grund der besonderen Konstruktion des Gebäudes musste Manntech ein komplett neues Fassadenbefahrsystem zur Reinigung, Wartung und Reparatur der Fassade entwickeln. Die dafür benötigten Anschluss- und Steuerleitungen kommen von Lapp.

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Vorgabe der Investoren (Aldar Properties PJSC) war, dass die Fassadenbefahrsysteme von innen nicht sichtbar sind. Der Grund: Ganz oben befinden sich Luxuswohnungen mit Pool und der freie Blick auf den Persischen Golf sollte durch nichts gestört werden. Erich Dinkler, Geschäftsführer von Manntech: „Das war eine ganz besondere Herausforderung. Eine derartige Befahranlage ist noch nie gebaut worden und ist weltweit einzigartig. Anhand von Simulationen haben wir zunächst ermittelt, welche Kräfte auf unsere Anlagen und auf das Gebäude wirken. Wir mussten weiterhin geeignete Systeme auswählen (z.B. ein Zahnradsystem), die dann in unserem Werk auf Prüfständen getestet wurden. Ein ganz großes Problem war der geringe Platz, der uns zur Verfügung gestellt wurde.“ Beide Gebäude sind jeweils mit zwei Befahranlagen ausgestattet, die rechts bzw. links die Dachschräge hochklettern. Muss gerade nichts geputzt oder gewartet werden, parken die beiden Anlagen versteckt in einer „Garage“ in der „Fingerkuppe“. Wenn sie zum Einsatz kommen, lassen sie sich jeweils für die linke und rechte Seite aus der Garage nach draußen fahren, und auf die Schienenanlage, die entlang der schlangenförmigen Außenkontur der Dachschräge verläuft, übergeben. Das höhere Gebäude, der Domain Tower, hat noch Weichen, mit der die Befahranlage im unteren Drittel des Dachs entweder in die Garage oder weiter nach unten fahren kann. Dabei wird die zwölf Tonnen schwere Befahranlage in rund 360 Metern Höhe auf dieser Weiche gedreht. Alles funktioniert wie beim Rangieren einer Eisenbahn, nur eben auf einer schiefen Ebene.

SICHERHEITSVORGABEN ERFÜLLEN

Obwohl sich der Kran um 360 Grad drehen kann und sich der Ausleger dabei hebt und senkt, bleibt die Arbeitsgondel, in der die Reinigungs- oder Servicekräfte befördert werden, immer horizontal und bewegt sich exakt entlang der Fassade nach unten. In solch schwindelnden Höhen muss alles zuverlässig funktionieren. Deshalb verwenden die Spezialisten aus Bayern seit weit über zehn Jahren fast ausschließlich Markenprodukte von Lapp und nutzt auch regelmäßig die Unterstützung des zuständigen Vertriebsingenieurs Hermann Robl vor Ort. „Unsere Kunden erwarten von uns Spitzenqualität, das muss dann auch bei den Verbindungslösungen gewährleistet sein“, erklärt Markus Greppmayr, verantwortlich für die Elektrokonstruktion bei Manntech.

Vor allem für die Zuleitung des Stroms für die elektrisch betriebenen „Schienenkräne“ und die Signalleitungsführung verwendete man halogenfreie Ölflex Classic 130 H Anschluss- und Steuerleitungen. „Hierfür hatten wir besondere Sicherheitsvorgaben des Auftraggebers“, berichtet Markus Greppmayr. Diese Leitungen sind flammwidrig nach IEC 603323-1-2 und verhindern auch die Brandfortleitung nach IEC 60332-3-34. Sie kommen speziell dort zum Einsatz, wo im Brandfall sowohl Menschen, Tiere als auch hohe Sachwerte durch Brandfolgen in hohem Maße gefährdet sind, etwa auf Bahnhöfen, Flughäfen oder in öffentlichen Gebäuden.

Beim Projekt in Abu Dhabi wurden pro Maschine insgesamt neun Motoren benötigt: für das Fahren auf den Schienen, für die Neige- und Drehtechnik und die Steuerung am Kopf. Hierfür hat Manntech die Ölflex Servo FD 796 CP-Motorenleitung eingesetzt. Sie ist halogenfrei und flammwidrig. Bei Bedarf gibt es die Servomotorleitung auch mit zusätzlich abgeschirmten Signalstromkreisen zum Zweck der Temperaturüberwachung der Motorwicklung und/oder einer optional einsetzbaren elektromagnetischen Bremse. „Besonders wichtig war uns auch, dass diese Motorenleitung dank internationaler Zertifizierungen weltweit einsetzbar ist“, berichtet Markus Greppmayr. So verfügt die Motorenleitung über alle wichtigen Approbationen wie UL AWM, CSA AWM und VDE. Besonders beliebt ist die Premiumleitung der Stuttgarter in der Industrie für den Einsatz in Energieführungsketten, wenn schnelle Vielfach-Positionswechsel gefragt sind. Hier wirkt sich das Beschleunigungsvermögen von bis zu 50m/s², bei Geschwindigkeiten bis zu 5m/s und Verfahr- Weglängen bis zu 100 Metern positiv aus. Zudem können die anteiligen Hochlauf- und Bremszeiten um bis zu 96% reduziert werden. Kurzum, die neue Premiumleitung spart Zeit und erhöht die Produktivität, bei höchster Lebensdauer. Dank einer kapazitätsarmen Polyolefin-Isolierung punktet sie durch geringere EM-wirksame Ableitströme bei hoher Durchschlags- und Spannungsfestigkeit.

Als weitere „Standardleitung“ wird am Trust Tower die Ölflex Classic 400 P und die geschirmte Variante 400 CP eingesetzt. Sie dient als Geber- und Motorenleitung und verbindet einfache Positionsschalter, dient aber auch als Multicore-Leitung für die Steuerung des Krankopfes. „Wir verwenden sie im Prinzip für alle Anwendungsarten in der Peripherie, wo eine leichte Bewegung stattfindet“, sagt Markus Greppmayr. Der Grund: Diese Leitungen sind nicht nur schlank und leicht, sondern haben auch eine hohe mechanische Festigkeit.

Beim Fassadenbefahrsystem im Trust Tower sind die Steuerstellen für die Kransteuerung zusätzlich abnehmbar, so dass man den Kran komplett von Hand vom Schienenweg aus oder von der Arbeitsgondel bedienen kann. Der zentrale Schaltkasten, der mit H07V-K Einzeladern verdrahtet ist, steuert nur die Inbetriebnahme und die Ausfahrt aus der „Garage“. Die hochflexiblen Datenleitungen Unitronic FD CP plus verbinden die Drehimpulsgeber, auch Inkrementalgeber genannt. Dabei handelt es sich um Sensoren zur Erfassung der Fahrwege, die Richtung und die Positionierung der Gondel.

Zur Sicherheit funktioniert die Steuerung nach dem „Totmann-Prinzip“, das heißt, wenn der Steuerknebel losgelassen wird, führt dies sofort zum Stillstand. Die Arbeitsgondel selbst hängt an zwei Stahlseilen mit innenliegenden Steueradern, die Nutzlasten von bis zu 1.200 Kilo tragen können. Da die freie Abfahrlänge für eine Arbeitsgondel auf maximal 40 m begrenzt ist, sind entlang der Fassade alle 40 m Anker angebracht, an denen man die Arbeitsgondel an der Fassade einhaken kann. Die Entwicklung, Konstruktion, Fertigung und Montage des Fassadenbefahrsystems wurde am bayerischen Firmenstammsitz vorgenommen. Lediglich die großen Stahlschweißteile werden zugeliefert. Für die Fassadenreinigung des Trust Tower benötigt man insgesamt rund vier bis sechs Wochen. Und die Arbeiter müssen garantiert schwindelfrei sein. „Wenn man das erste Mal in rund 200 Metern Höhe in so einer Arbeitsgondel steht und drunter ist einfach nur nichts, dann ist das schon ein sehr extremes Gefühl“, erzählt Markus Greppmayr.

Und den nächsten Großauftrag hat Manntech auch schon in der Tasche. Sie bauen ein Fassadenbefahrsystem für den 632 Meter hohen Shanghai Tower, dem zweithöchsten Gebäude der Erde. jg

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