Verbindungstechnik

Andreas Mühlbauer,

Interview: Das Umfeld für Innovationen bereiten

In der Verbindungstechnologie ist schon alles erfunden? Auf gar keinen Fall, widerspricht Georg Stawowy, Vorstand für Technik und Innovation bei Lapp. Der Spezialist für integrierte Kabel- und Verbindungssysteme hat auf der SPS viele zum Teil überraschende Lösungen wie die smarte Kabeltrommel oder die vorausschauende Wartung für Ethernet-Leitungen vorgestellt. Wie das Unternehmen solche Innovationen schafft, erläutert Stawowy im Interview.

Georg Stawowy, Vorstand für Technik und Innovation bei Lapp: "Kreative Leute zu haben allein reicht nicht, man muss auch das Umfeld schaffen, das Kreativität fördert." © Lapp

Die vorausschauende Wartung ist eines der großen Versprechen von Industrie 4.0. Welche Ideen kommen dazu von Lapp?

Leitungen erfüllen essenzielle Funktionen in Fabriken. Wäre die Fabrik ein Organismus, dann wäre die Verkabelung das Kreislauf- und das Nervensystem. Welche Bedeutung sie haben, merkt man spätestens, wenn mal eine Verbindung ausfällt und es zu einem teuren Produktionsstillstand kommt. Deshalb haben unsere Kunden ein großes Interesse an Predictive-Maintenance-Lösungen für die Verkabelung. Dazu wurden schon mehrere Lösungsansätze präsentiert, die aber meist auf zusätzlichen „Opferadern“ in der Leitung basierten.

Wir wollten dagegen eine Lösung, die ohne Änderungen am Kabel auskommt. Das Ergebnis waben wir auf der SPS in unserem FutureLab vorgestellt. Dabei wird unsere Predictive Monitoring Box in die Ethernet-Leitung eingeschleust. Sie hat keinerlei Auswirkungen auf die Datenübertragung, misst aber die Qualität der Signale und errechnet daraus den "Lapp Predictive Indicator". Fällt er unter einen bestimmten Wert, deutet das auf einen drohenden Defekt hin und die Leitung sollte ausgetauscht werden.

Anzeige

Das Predictive-Maintenance-System verwendet einen Deep-Learning-Ansatz auf Basis von Millionen von Messwerten, die wir in unserem Testzentrum gesammelt haben. Da unser System ohne Veränderung am Kabel auskommt, ist auch ein Retrofit in bestehenden Anlagen möglich, ohne dass die Kabel getauscht werden müssen, und es entsteht kein zusätzlicher Anschlussaufwand.

Welche neuen Geschäftsmodelle bietet ihnen die Digitalisierung in Bezug auf Logistik und Lieferfähigkeit?

Ein Problem, das viele unserer Kunden kennen: Der Monteur braucht ein Kabel, aber die Trommel ist leer und niemand hat daran gedacht, rechtzeitig eine neue nachzubestellen. Der händische Ansatz mit Kanban-Karten ist hier schwierig, weil es sich nicht um zählbare Einzelteile handelt und es oft schwierig ist, abzuschätzen wie viele Meter tatsächlich noch auf der Trommel sind. Die Lösung ist die smarte Kabeltrommel, die wir zusammen mit  Schildknecht entwickelt haben. Ein Sensor registriert die Zahl der Umdrehungen und berechnet daraus die abgespulten Meter Kabel und die Restmenge auf der Trommel.

Zusammen mit unseren Kunden entwickeln wir nun Geschäftsmodelle für diese Technologie. Nahe liegt, dass das ERP-System automatisch eine interne Meldung auslöst oder direkt eine neue Trommel bestellt, wenn die Restlänge unter einen bestimmten Wert fällt. Es lassen sich aber auch noch ganz andere Nutzen darstellen: Es ist zum Beispiel kein Problem, einen GPS Empfänger zu integrieren, dann wäre auch eine automatische Diebstahlwarnung leicht zu realisieren – das ist besonders bei Großtrommeln auf Baustellen interessant.

Viele Experten sehen in Gleichstrom die Energieversorgung der Zukunft. Sie auch?

Gleichstrom gehört die Zukunft, ganz klar. Immer mehr elektrische Erzeuger und Verbraucher arbeiten mit Gleichstrom, und man könnte enorme Mengen an Energie sparen, wenn man nicht immer zwischen Gleich- und Wechselstrom hin und her wandeln müsste. Lapp treibt das Thema seit einigen Jahren im Forschungsprojekt DC-Industrie mit voran, beim Nachfolger DC-Industrie2 werden wir auch als geförderter Partner dabei sein. Dann wollen wir uns genauer mit der Langzeitstabilität von Isolationsmaterialien für Kabel und Leitungen beschäftigen.

Wir forschen an dem Thema bereits seit einiger Zeit in Kooperation mit der TU Ilmenau. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein und dieselbe Leitung anders altert, wenn sie mit Gleich- statt mit Wechselstrom betrieben wird. Als erstes Unternehmen der Verbindungsbranche hat Lapp bereits serienmäßig Leitungen eigens für industrielle Gleichstromanwendungen im Programm.

Immer schneller scheint das Motto bei Ethernet-Leitungen zu sein. Braucht man die immer höheren Geschwindigkeiten tatsächlich?

Bei manchen Anwendungen schon, etwa wenn große Datenmengen von hochauflösenden Kameras übertragen werden. Aber die Frage ist berechtigt: Um Sensoren anzuschließen, sind Cat.6 oder Cat.7-Leitungen oft überdimensioniert. Eine interessante Alternative sind Single-Pair-Ethernet-Leitungen. Die erreichbaren Datenraten sind für den Anschluss von Sensoren in den allermeisten Fällen mehr als ausreichend. Statt vier Aderpaaren haben sie nur ein Paar, das spart bis zu 75 Prozent Zeit beim Anschluss der Adern. Bei der Vielzahl an Sensoren, die in der smarten Fabrik gebraucht werden, kommt schnell eine enorme Ersparnis zusammen. Natürlich kostet eine Leitung mit zwei Adern auch weniger als eine mit acht. Außerdem sind diese Leitungen dünner und eignen sie sich für beengte Platzverhältnisse. Lapp hat bereits Single-Pair-Ethernet-Leitungen im Programm, passende Stecker und Geräte, die den neuen Standard nutzen können werden bald verfügbar sein.

Die Industrie verändert sich immer schneller, die Unternehmen müssen ständig innovativer und schneller werden. Was tun Sie, um den Anschluss nicht zu verlieren?

Erst einmal brauchen Sie kompetente und kreative Leute. Aber das allein reicht nicht, man muss auch das Umfeld schaffen, das Kreativität fördert und es ermöglicht, aus guten Ideen echte Innovationen zu machen. Dafür haben wir dieses Jahr einen wichtigen Schritt getan, indem wir mit „Innovation for Future“ einen neuen Innovationsprozess eingeführt haben, der vor allem radikale und disruptive Innovationen erleichtern soll.

Wir haben festgestellt, dass der bewährte Stage-Gate-Prozess, bei dem Ziele vorgegeben und abgearbeitet werden, nicht ideal ist bei Entwicklungsprojekten, wo das Ziel noch vage ist, weil Sie Neuland betreten. Basis bei „Innovation for Future“ ist immer ein Dreiklang: eine technische Lösung, ein Geschäftsmodell sowie Interesse von mindestens einem potenziellen Kunden.

Aber auch die Rolle des Managements ändert sich. Es muss als Enabler wirken – als Motivator, Ideengeber, Unterstützer, Netzwerker, Entscheider und Ressourcenverwalter. Mit Ressourcen meine ich nicht nur Geld, sondern genauso auch zeitliche Freiräume. Die beiden zuvor genannten Beispiele Predictive Maintenance und smarte Kabeltrommel sind auf diesem Wege entstanden. Ziel ist, dass wir pro Jahr eine solche Idee verwirklichen.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige

IT-Sicherheit

Tägliche Angriffe mit Ransomware

Paddy Francis ist CTO von Airbus CyberSecurity. Mit ihm sprach Andreas Mühlbauer über die Bedrohungen von Industrieunternehmen durch Cyber-Angriffe, die Sicherheit von Cloud-Systemen und die Möglichkeiten und Erfolgschancen von Abwehrstrategien.

mehr...