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Blockchain-LabErste Prototypen entwickelt

Blockchain

Vor einem Jahr hat das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informations-technik FIT das Blockchain-Lab eröffnet. Die Kunden kommen aus allen Bereichen der Wirtschaft. Sie wollen wissen: Was ist dran an dem Hype um die neue Technologie? Und was bedeutet sie für mein Geschäftsfeld? Die Fraunhofer-Experten klären auf, identifizieren Anwendungsfälle und entwickeln Prototypen.

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InformationsbroschüreWelche Farbe hat der Strom?

Dabei sah alles zunächst so gut aus. Zahlreiche kleine wollten den großen Stromanbietern Kunden abnehmen. Munter purzelten die Preise um bis zu 40 Prozent dank freier Marktwirtschaft. Die Öffnung des Marktes durch Wegnahme der Gebietsmonopole plus freiwillige Selbstkontrolle schien im Handstreich geglückt. Doch die mit der Reform ausgelöste Konzentrationswelle formierte aus vormals acht Verbundunternehmen rasch ein mächtiges Quartett.

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Dienstleistungen (DI): Welche Farbe hat der Strom?

Momentan beherrscht das Oligopol, das auch das deutsche Höchstspannungsnetz kontrolliert, über 90 Prozent des Stromgroßhandels. Die anfangs üppig gewährten Nachlässe sind längst Makulatur. Als hätte die Liberalisierung nie existiert, klettern die Preise ein halbes Jahrzehnt später in luftige Höhen. Inzwischen berappen Gewerbekunden laut Bundesverband der Energie-Abnehmer (www.vea.de) für ihr Lebenselixier ein Drittel mehr als 1998. Neben gestiegenen staatlichen Begehrlichkeiten wie der Ökosteuer, liegt eine der Ursachen in den im Strompreis enthaltenen Netznutzungsentgelten. Diese wuchteten die tonangebenden Konzerne zu Lasten ihrer Konkurrenten, die für das Stromdurchleiten zahlen müssen, auf das in Europa höchste Niveau. Zwar stiegen im ersten Halbjahr 2004 die Nutzungsentgelte kaum, jedoch forcieren drei der vier Giganten die Netzentgelte Anfang 2005 kräftig anzuheben – im zweistelligen Prozentbereich. Soviel Engagement rührt sogar das Bundeskartellamt.

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Brennpunkt ­Nutzungsentgelte

Anders als beim Marktführer im Bereich Telekommunikation, der im Vorfeld für Tarife und Preisanstiege Grünes Licht von der Regulierungsbehörde benötigt, greift die anvisierte Novelle zum Energiewirtschaftsrecht solche Möglichkeiten nicht auf. Im Brennpunkt stehen außer den Tarifen der Stromerzeuger gerade die Zugangspreise zu den Netzen. Auch zum Nachteil der immer durstigen Verbraucher haben hier besonders die noch verbliebenen netzunabhängigen Energielieferanten bislang das Nachsehen, soweit sie nicht schon vom Markt verschwunden sind. Schlicht fehlt es an Wettbewerb als Regulativ für zu hohe Preise.

Bei Netznutzungsentgelten herrschen derzeit deutschlandweit Preisunterschiede von mehr als 100 Prozent. Dies belegt eine aktuelle VEA-Studie anhand von 873 Netzbetreibern, die in ihren jeweiligen Versorgungsgebieten im Windschatten der Stromriesen die Richtung im Mittel- und Niederspannungsbereich vorgeben. Nüchtern obduziert VEA-Geschäftsführer Dr. Volker Stuke die Reformleiche: “Das fatale an der Situation ist, dass die hohen Nutzungsentgelte nicht nur Folge des fehlenden Wettbewerbs sind, sondern auch Ursache dafür. Der Wettbewerb auf dem Strommarkt steht und fällt nämlich mit der Sicherstellung eines frei wählbaren und kostengünstigen Netzzugangs. Dieser wird aber mittels der hohen Entgelte gerade verhindert.” Angesichts gescheiterter freiwilliger Selbstkontrolle rufen Verbände und Unternehmen nach dem Staat wie das Kind nach der schützenden Mutter. So prophezeit Stuke: “Die Kunden müssen sich auf weiter steigende Preise einstellen, wenn nicht sofort der Regulierer für ein Ende der Preistreiberei sorgt.” Retter in höchster Not soll die bereits für den Telekommunikationsmarkt zuständige Behörde in Bonn sein. Bis die Beamten faire Spielregeln festlegen und etwa Preissenkungen erzwingen, kann jedoch noch einige Zeit ins Land gehen. Dazu gehört auch die schwierige Passage der Energiewirtschaftsnovelle durch den Bundesrat.

Vorausschauendes Handeln

Jenseits aller Politik bleibt der zahlende Stromkunde ratlos zurück. Eine vom Frankfurter Stromanbieter Watt Deutschland und dem Magazin Impulse in Auftrag gegebene Umfrage repräsentiert die Skepsis mittelständischer Unternehmen in Sachen Strom. Im April befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa 501 Firmenchefs in ganz Deutschland. Mehr als zwei Drittel der Befragten meint, dass momentan von Wettbewerb auf dem Strommarkt nur eingeschränkt oder überhaupt nicht die Rede sein kann. Trotz des im allgemeinen hohen Zutrauens des Deutschen in seine Institutionen, erhofft nur etwa ein Drittel aller kleinen und mittleren Betriebe von einer neuen Regulierungsbehörde deutliche Anstöße für mehr Konkurrenz. Lediglich ein Fünftel glaubt, dass durch die Arbeit der Behörde die Preise wieder fallen.

„Da die Versorger erwarten, dass der Regulator im kommenden Jahr die Durchleitungspreise par ordre du mufti senkt, werden die Strompreise seit Anfang 2002 sukzessive erhöht”, kommentiert fast zeitgleich Werner Marnette, Chef des Hamburger Kupferproduzenten Norddeutsche Affinerie sowie Vorsitzender des Energieausschusses des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (www.bdi-online.de), im März das vorausschauende Verhalten der Stromgiganten im Handelsblatt. Im Prinzip betreiben sie alleine das deutsche Höchstspannungsnetz und versorgen es mit Energie aus ihren Kraftwerken. “Bis der Regulator seine Arbeit aufgenommen hat, macht der Strompreisanstieg bald 60 Prozentpunkte aus. Und dann nimmt man die Senkung der Durchleitungspreise zähneknirschend hin und weint darüber öffentlich Krokodilstränen. Aber hinter den Türen lacht man sich ins Fäustchen.”

Stromeinkauf ist „Chefsache”

Die andere Seite der Medaille offenbart jahrzehntealte Gewohnheiten. Mit Ausnahme energieintensiver Unternehmen geriet Stromeinkauf nie wirklich zum Thema. Strom war ganz selbstverständlich immer vorhanden und ließ sich zur Not auch einsparen. Mehr als die Hälfte der von Forsa befragten Mittelständler entsagen bis heute dem Vergleich von Preis und Service. Und dies, obschon fast jeder zweite Unternehmer, nachdem er sich erst einmal schlau gemacht hat, den Stromanbieter wechselt. Unterm Strich zählt für ihn vor allem der günstigere Preis.

Erstaunlicherweise fallen in neun von zehn Firmen Entscheidungen zum Stromeinkauf auf höchster Ebene. Inhaber, Eigentümer und Geschäftsführer widmen der Thematik ihre kostbare Zeit. Dies mutet anachronistisch an. Oder sind die Appelle der letzten Jahrzehnte, Aufgaben zu delegieren und Mitarbeitern Entscheidungskompetenzen einzuräumen nur in Sachen Strom einfach verpufft?

Das Abtrennen der Netze beflügelt Wettbewerb

Mit der zweiten Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes werden die Karten neu gemischt. Während die erste Reform mündigen Verbrauchern die freie Lieferantenwahl eingebracht hat, indem sie dieses Monopol der Stromversorger brach, legt das neue Gesetz die Axt an die festgefahrenen Branchenstrukturen. Damit kommt Deutschland einer Vorgabe der EU nach, die hierzulande mehr Kostentransparenz und Wettbewerb fordert.

Der von der Bundesregierung im Juli vorgelegte Entwurf trennt Netzbetrieb konsequent von Stromerzeugung, Vertrieb und Handel. “Unbundling” heißt das Zauberwort der Stunde. Bislang unterliegen alle Stromlieferanten den von den Netzbetreibern gewährten Konditionen. Dies gilt ebenso für die durch das Netz des Oligopols fließenden Stromimporte. Dem bereitet Unbundling ein Ende. Eine markwirtschaftliche Selbstverständlichkeit hält Einzug in die deutsche Stromlandschaft: gleiche Bedingungen und Kostenstrukturen für alle Netznutzer. Eigenständig gewordene Netztöchter genießen so keine Vorteile mehr, traditionelle Quersubventionierungen zwischen Geschäftsbereichen entfallen. Welche Farbe hat der Strom? Grün ist die Hoffnung.

Interview (Kasten)

SCOPE: Was hat Ihr Unternehmen veranlasst, eine Studie zum Thema Mittelstand und Strom in Auftrag zu geben?

Oehler: Unsere Kernzielgruppe sind mittelständische Unternehmen. Deshalb wollten wir genauer wissen, was Mittelständler zum Thema Strom denken. Zum Beispiel, wie hoch die Bereitschaft ist, den Stromanbieter zu wechseln oder wo Mittelständler Hürden sehen.

SCOPE: Weshalb verzichten noch mehr als die Hälfte der Mittelständler auf den Vergleich von Preis und Service?

Oehler: Wahrscheinlich empfindet es mancher Firmenchef als zu umständlich, sich für einen neuen Anbieter zu entscheiden. Ihm fehlen ausreichende Informationen oder er hat keine Lust, sich überhaupt mit dem Thema zu beschäftigen. Dabei ist es ganz einfach. Meistens übernimmt der neue Anbieter alle Formalitäten, die beim Wechsel anfallen. Auch die Angst, die Stromversorgung sei durch einen neuen Anbieter nicht gesichert, ist vollkommen unbegründet.

SCOPE: Was raten Sie wechselbereiten Mittelständlern beim Stromeinkauf?

Oehler: Holen Sie Angebote ein. Vergleichen Sie, was verschiedene Lieferanten Ihnen zu bieten haben. Achten Sie auf versteckte Kosten. Aber denken Sie daran, dass der Strompreis allein nicht alles ist, sondern kompetente Beratung und umfangreicher Service gerade bei Firmenkunden wichtige Rollen spielen. Grundsätzlich hat es der Mittelstand mit gezieltem und strategischem Stromeinkauf in der Hand, langfristig den Wettbewerb zu stärken.

SCOPE: Ohne Freiheit kein Wettbewerb. Warum fordert Ihr Unternehmen eine Regulierungsbehörde in Sachen Gas und Strom?

Oehler: Gerade weil wir für freien Wettbewerb eintreten. Zur Zeit sind Stromanbieter, die für die Belieferung ihrer Kunden fremde Netze nutzen müssen, benachteiligt. Alle Marktteilnehmer brauchen dringend klare und faire Rahmenbedingungen. Niemand soll einseitig bevorzugt oder benachteiligt werden. Diese grundlegenden Voraussetzungen wiederum kann nur eine unabhängige und starke Regulierungsbehörde schaffen. Sollte sich allerdings nichts ändern, kehren wir über kurz oder lang zum Oligopol zurück, der von wenigen Marktteilnehmern dominiert wird.

SCOPE: Sollte eine kommende Regulierungsbehörde bereits im Vorfeld über Tarife und Preiserhöhungen bei Nutzungsentgelten auf Antrag entscheiden?

Oehler: Was die Strompreise betrifft, kann dies nicht die Aufgabe der Behörde sein und widerspricht dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Vielmehr geht es darum, verlässliche Spielregeln vorzugeben und zu kontrollieren, ob sich alle Beteiligten auch daran halten. Die Regulierungsbehörde sollte darauf achten, dass die Netzbetreiber ihre Entgelte transparent und plausibel kalkulieren. Überhöhte Netznutzungsentgelte wären damit passee. Sie sollte auch dafür sorgen, dass die Trennung von Netz und Vertrieb, das sogenannte Unbundling, tatsächlich Wirklichkeit wird. Das ist die Basis für echten Wettbewerb.

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