Digitale Transformation

Andrea Gillhuber,

Mehr Nutzenargumentation, bitte

Wer den Debatten um die Industrie 4.0 und das Internet of Things folgt, der könnte den Eindruck gewinnen, dass der Erfolg dieser Initiativen rein von der eingesetzten Technologie abhängig wäre. Ein gefährlicher Trugschluss, der den Blick auf das Wesentliche verstellt: den Nutzen. Ein Kommentar von Peter Küssner.
© Shutterstock / violetkaipa

Die nutzbringende Arbeit mit Daten gehört zu den Haupttreibern der Industrie 4.0. So schallt es auf allen Kanälen. Business Intelligence ist Sammelbegriff für all die Softwaresysteme, die Unternehmen dabei helfen sollen, ihre Daten und Informationen zu bündeln, neue Erkenntnisse zu erlangen und in entscheidungsfähiger Form allen Mitarbeitern zugänglich zu machen. Und somit ist Business Intelligence eine der Triebfedern dieser wirtschaftlichen Entwicklung. Neu ist das nicht. Denn so die Theorie von Business Intelligence seit den 1960er Jahren.

Doch in Wahrheit profitiert auch mehr als 50 Jahre später nur ein Bruchteil der Mitarbeiter in Unternehmen tatsächlich von datengetriebenen Erkenntnissen in ihrer täglichen Arbeit. Um genau zu sein: Nur 13 Prozent der Belegschaft sind tatsächlich an ein BI-System angebunden. Im Umkehrschluss bedeutet das: 87 Prozent der Mitarbeiter in Unternehmen haben im Mittel heutzutage keinen Zugriff auf Informationsmanagementsysteme wie Business Intelligence (BI) oder Performance Management (PM) [1]. Noch immer trifft jeder fünfte Mitarbeiter ein Viertel seiner geschäftsrelevanten Entscheidung rein aus dem Bauch heraus. Eine datengetriebene Entscheidungskultur sieht definitiv anders aus.

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Warum das so ist, hat verschiedene Gründe. Zum einen sind die Umsetzung von BI-Initiativen und die angebotene BI-Software oft zu teuer, um alle Mitarbeiter eines Unternehmens damit ausrüsten zu können. Zum anderen sind BI-Werkzeuge immer noch zu komplex in der Bedienung, als dass alle Mitarbeiter eines Unternehmens ohne größere Schulungsmaßnahmen intuitiv damit arbeiten könnten. Aufgrund dieser Komplexität fällt es vielen Mitarbeitern schwer, den Nutzen der BI-Anwendung zu verstehen.

Ein weiterer Grund ist scheinbar so banal, dass er oft schlicht vergessen wird: Vielen Unternehmen ist nach wie vor der Nutzen von BI und das Potenzial, das in ihren Daten steckt, nicht klar. Nutzbringend heißt „einen sachlichen Nutzen bringend“. In Unternehmen oftmals gleichzusetzen mit „wertschöpfend“. Denn für heutige Unternehmen sind Daten eine zentrale Voraussetzung, um die Time-to-Market zu verkürzen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch der Diskurs über Business Intelligence ist geprägt von Technologie-Debatten, Feature-Vergleichen und Software-Methodik. Das liegt daran, dass auch BI – wie so vieles – in der Nische begonnen und sich seine eigenen Experten erzogen hat. Da war es auch noch egal, wie komplex die Tools waren, denn die Experten wussten damit umzugehen. Der technologische Fortschritt über die Jahre hat sein Übriges getan: Die Anforderungen stiegen. Die Systeme wurden immer komplexer. Eine ganze Branche konzentrierte sich darauf, die BI-Experten in den Unternehmen mit immer ausgefeilteren Funktionalitäten in ihrer Arbeit zu unterstützen. Expertensysteme für Experten.

Breite statt Tiefe

BI-Systeme sind so in immer tiefere Gefilde vorgestoßen: Advanced Analytics, Data Mining, Big Data. Keine Frage, alles Disziplinen und Herausforderungen von BI. Die Zielgruppe: Experten. Doch wenn der digitale Wandel gelingen soll, dann muss BI auch in der Breite wachsen, alle Mitarbeiter berücksichtigen – horizontal wie vertikal. Doch BI-Tools sind historisch bedingt nicht auf eine breite Zielgruppe ausgerichtet – weder hinsichtlich des Nutzererlebnisses noch des Preis- und Lizenzmodells. Doch wenn BI zum operativen Entscheidungsunterstützer taugen soll, dann muss es seinen Dünkel loswerden. Schnell und einfach in der Handhabung und trotzdem nicht trivial sein. Denn BI ist nicht trivial. Wird es nie sein. Konzepte wie Self-Service BI haben es erleichtert, ein Experte zu werden. Aber ist es sinnvoll, jeden Mitarbeiter zu einem BI-Experten zu machen?

Nutzen kommt von nutzen

Peter Küssner ist Geschäftsführer von Cubeware. © Cubeware

Meine Antwort lautet: Nein. Wir als BI-Anbieter müssen dafür sorgen, dass BI-Systeme von mehr Mitarbeitern genutzt werden können, ohne gleich alle zu Experten machen zu wollen. Und wir müssen allen Mitarbeitern den nutzbringenden Umgang mit Daten an konkreten, für sie fassbaren Beispielen erklären und ihnen den wertschöpfenden Beitrag für ihre tägliche Arbeit aufzeigen. Widerstände der Mitarbeiter gilt es frühzeitig zu erkennen und abzubauen. Dass das nicht über Nacht passiert, sondern es sich vielmehr um einen Change-Prozess handelt, sollten Unternehmen entsprechend berücksichtigen.

Wie das gelingen kann? Durch einen Wandel in der Unternehmenskultur – sowohl auf Anwender- als auch Anbieter- seite. Denn wer schnellere, datengetriebene Entscheidungsprozesse haben möchte, der muss auch dafür sorgen, dass die Arbeit mit Daten und Informationen einen hohen Stellenwert bei allen Mitarbeitern hat. Ein erster wichtiger Schritt ist dabei das Bewusstsein, dass es nicht allein die Technologie richten wird. Nicht nur der Umgang mit Tools, sondern auch die Rezeption von Analysen, Dashboards und Berichten muss geschult werden – vom prozessausführenden Mitarbeiter bis hin zum Management. Um Anwender nicht abzuschrecken, sollten BI-Tools darüber hinaus einfach und intuitiv zu bedienen sein. Dann gelingt es auch, Mitarbeiter zu motivieren, Entscheidungen datenbasiert und nicht aus dem Bauch heraus zu treffen. Das erhöht nicht nur die Agilität und Flexibilität bei der Verarbeitung von Informationen, sondern auch das Bewusstsein der Mitarbeiter über die wertschöpfende Nutzung von Daten. Data Literacy – also die Fähigkeit, mit Daten kompetent umzugehen – ist das Schlagwort der Stunde. Denn vor der smarten Fabrik kommt die smarte Organisation.

Peter Küssner, Geschäftsführer von Cubeware / ag

Literatur:
[1] BARC-Studie „The BI Survey 2012-2018“.

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