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Kaltenbach im PorträtVom Schlepprechen zur Bandsäge

Im Jahr 1887 eröffnete Julius Kaltenbach eine kleine Schlosserei. Heute ist Kaltenbach ein Systemanbieter für die Stahlbranche, dessen Anlagen überall gefragt sind, wo Profilstahl oder Blech bearbeitet werden. Wie er und seine Nachfahren ein Unternehmen von Weltruf geschaffen haben, hat SCOPE-Redakteurin Evelin Eitelmann im Jubiläumsjahr 2012 beleuchtet.

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Kaltenbach im Porträt: Vom Schlepprechen zur Bandsäge

Junge Waschfrauen stehen in einem Kanal und schwatzen munter, während sie Kleider und Tuch bearbeiten. Neben ihnen führt eine Treppe zu einer Brücke, an der die Schlosserei „Julius Kaltenbach, Haagen (Baden) – Spezialität Werkzeugmaschinen“ steht. Im Jahr 1887 weist das alte Bauerndorf nahe Lörrach gerade mal 1.100 Einwohner auf. Aber, und das ist es wohl, was den Berliner Akkordarbeiter Julius Kaltenbach in seine Heimat zurückgetrieben hat, in dieser Gegend, dem Wiesental, stehen Fabriken, aus deren Kaminen Rauchfahnen wehen – wie das Badnerlied zu berichten weiß. Drehbänke und andere Werkzeugmaschinen werden gebraucht und so wagt der 29-jährige den Sprung in die Selbständigkeit. Für die Fabriken der Umgebung baut er Maschinen zum Drehen, Fräsen oder auch zum Wickeln von Stumpen. Und das mit Erfolg. Gerade mal fünf Jahre später bezieht er einen Neubau in der Güterstraße in Lörrach. „Jul. Kaltenbach. Mech. Werkstätte“ steht auf seiner Fassade. Dort ist reichlich Platz: Für die eigene Familie im zweiten Stock, für Lehrlinge und Gesellen im Speicher. In der Werkstatt selbst sollen zwei Hobelmaschinen, drei Leitspindelbänke, eine Kopfbank, zwei Bohrmaschinen, eine Holzdrehbank und eine Esse stehen. Damit wird auch Raum geschaffen für ein zweites Standbein. Da zu jener Zeit die Landwirtschaft weitestgehend noch Handarbeit ist, bietet Julius Kaltenbach mechanische Hilfen fürs Mähen, Dreschen, Futterschneiden und anderes mehr. Er handelt mit fremden Fabrikaten und entwickelt selbst Geräte wie die Holzbandsäge, Obstpresse oder Obstmühle.

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Glückliche Einfälle

Die größten Stückzahlen erreicht er mit einem Schlepprechen, den er in Vorarlberg entdeckt und in einer verbesserten Version aus Metall produziert. Bis Julius Kaltenbach 1926 seinen Betrieb den beiden Söhnen Julius jun. und Hans übergibt, ist der Geschäftszweig Landmaschinen weitaus stärker gewachsen als die Werkzeugmaschinen. Die Geschichte einer außergewöhnlichen Unternehmerfamilie hat ihren Anfang genommen.

Die Brüder Julius jun. und Hans teilen das Unternehmen auf. Hans übernimmt den Maschinenbau. Er erhält einen Auftrag aus Rüsselsheim. Opel stellt als erster in Deutschland Karosserien mit Tiefziehblech her. Die Schmelzbandsägen, die Hans Kaltenbach liefert, können die Ränder der Tiefziehbleche ohne Deformation abtrennen. Auf Basis der Holzbandsägen gelingt Hans Kaltenbach eine neuartige Konstruktion mit so hoher Schnittgeschwindigkeit, dass das Sägen eine wie mit der Schmirgelscheibe geglättete Kante hinterlässt. Dies ist der Beginn des Baus von Metallsägen. Mit seinen Modellen „Sägmitlust“ betritt das Unternehmen den Markt. Dazu hat Hans Kaltenbach ein Hartkant-Sägeband entwickelt, das nur in der Schneidkante gehärtet wird; es ist günstiger als die bis dahin aus den USA importierte Sägebänder. Hartkant-Sägeband und ein Schleif- und Härte-Automat zur Pflege der Bänder werden patentiert. Beide Neuerungen werden in Serie hergestellt. Auch Unternehmen in Frankreich, Schweden und England bestellen Metallbandsägen aus Lörrach.

Hans Kaltenbach schafft 1938 in Lörrach einen neuen Betriebsstandort, Werk 1, kann sein Unternehmen über den 2. Weltkrieg hinwegretten und hilft in karger Nachkriegszeit den Menschen der Region mit einfachen, aber wirkungsvollen Produkten: Der Leiterwagen, 20.000-fach gefertigt, wird in Notjahren zum wichtigsten Transportmittel in der südbadischen Grenzecke.
Früh in den 1950er-Jahren legen Hans Kaltenbach und sein Sohn Dieter Kaltenbach einen neuen Kurs fest. Das Unternehmen konzentriert sich auf das Entwickeln und Produzieren von Kaltkreissägen. Sogar Schlepprechen und Mostmax-Geräte, Produkte mit langer Tradition, allerdings mit massiv geschwundener Nachfrage, werden schrittweise aus dem Programm genommen.

Die neuartigen Kaltkreissägen überzeugen die Stahlbranche; so spielt der mittelständische Betrieb aus Lörrach beim rasanten Aufbau Deutschlands eine zwar kleine, aber vielbeachtete Rolle. Dieter Kaltenbach entwickelt die Modellreihe weiter, geht nach und nach Partnerschaften mit anderen Herstellern ein und kann seinen Kunden deshalb auch Bohrmaschinen, Bandsägen und mehr bieten. Die Belegschaft in Lörrach wächst von 35 Mitarbeitern – beim Neubeginn 1953 – innerhalb von 20 Jahren auf 350. Und 1987, im Jahr des 100. Jubiläums, beschäftigt das Unternehmen im In- und Ausland 600 Mitarbeiter, der Höchststand in der Firmengeschichte.

Genaues Hinsehen

1985 beginnen zehn Jahre Firmengeschichte, während derer kein Kaltenbach das Familienunternehmen leitet. Zum Ende dieses Jahrzehnts rutscht das Unternehmen mit dem gesamten deutschen Maschinenbau in eine schwere Krise. Albert H. Patt wird als Generalbevollmächtigter und Sanierer gewonnen. Erst 1994 geht es wieder aufwärts; aber der Umsatz ist seit 1992 um mehr als die Hälfte eingebrochen und die Belegschaft in Lörrach von rund 400 auf 280 Mitarbeiter geschrumpft.

1996 übernimmt mit Valentin Kaltenbach, die vierte Generation der Unternehmerfamilie, die Geschäftsführung. Er ändert die Strategie markant: Das Unternehmen wird seinen Kunden nicht nur das Beste fürs Sägen anbieten, sondern Maschinen und Anlagen für die komplette Bearbeitung von Strahlträgern. Auf dem Weg zum Systemanbieter, der für seine Kunden Probleme löst, erwirbt der Hersteller weitere Bearbeitungstechnologien auch durch den Zukauf von in Not geratenen Unternehmen. Dafür wird der vierte Standort in Lörrach, das Werk 2, das Dieter Kaltenbach 1970 schuf, massiv ausgebaut.

Am Stammsitz in Lörrach arbeiten heute 280 Mitarbeiter bei Kaltenbach und insgesamt 500 in der Unternehmensgruppe, zu der zwei weitere Produktionsstätten in Burnhaupt (Frankreich) und Hengelo (Niederlande) sowie neun Service- und Vertriebsgesellschaften gehören. Das Unternehmen liefert jedes Jahr rund 500 Maschinen aus, beginnend bei einer manuellen Tischkreissäge für rund 4.000 Euro. Das Spezialgebiet aber sind komplette Anlagen zur Profil- und Stahlbearbeitung, die individuell auf die Bedürfnisse des Kunden zugeschnitten werden. Etwa drei Viertel des Umsatzes erzielt das Unternehmen heute außerhalb Deutschlands und immer stärker in aufstrebenden Märkten wie Südamerika, Indien und den GUS- Staaten. ee

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