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Edelmetalle, Quarzglas, Sensoren, SpeziallichtquellenMit Erfindergeist zum Weltruhm

Es begann vor mehr als 160 Jahren als Platinschmelze im Keller einer kleinen Einhorn-Apotheke im hessischen Hanau. Heute ist Heraeus ein weltweit tätiges Edelmetall- und Technologieunternehmen mit mehr als 13.000 Mitarbeitern. Forschung und Entwicklung sind gestern wie heute die Schlüssel zum Geschäftserfolg.

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Edelmetalle, Quarzglas, Sensoren, Speziallichtquellen: Mit Erfindergeist zum Weltruhm

Der italienische Humanist und Naturforscher Julius Ceasar Scaliger (1484-1558) gehörte zu den ersten Europäern, die sich näher mit dem Element Platin auseinandersetzten. Scaliger beschrieb es als ein mysteriöses weißes Metall, welches sich allen Schmelzversuchen entzöge. Das glänzende Edelmetall faszinierte die Menschen und sollte ihnen doch lange Zeit ein Rätsel bleiben.

Wir schreiben das Jahr 1851: Wilhelm Carl Heraeus übernimmt die Apotheke seines Vaters im hessischen Hanau. Durch langwierige Versuche im Keller des Gebäudes gelingt ihm schließlich 1856 etwas, das vor allem die Goldschmiedezunft bislang vor unlösbare Probleme gestellt hatte: Das Schmelzen von Platin in der Knallgasflamme in industriell verwertbaren Mengen. Die „Erste deutsche Platinschmelze“ ist geboren, und ein Stein ins Rollen gebracht. Schon bald hat das Unternehmen Kunden in aller Welt: Goldschmiedewerkstätten, Schmuckfabriken, Zahnfabriken, chemische Laboratorien und zahlreiche andere Industriezweige. Unterdessen experimentiert Wilhelm Carl Heraeus weiter und findet immer neue Anwendungsgebiete für das Edelmetall, zum Beispiel Platintiegel für das chemische Labor.

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Ende des 19. Jahrhunderts übernehmen die Söhne Wilhelm und Heinrich die Unternehmensführung. Heraeus verarbeitet zu diesem Zeitpunkt bereits 1.000 Kilogramm Platin jährlich. Mit mittlerweile 40 Mitarbeitern droht die Einhorn-Apotheke aus allen Nähten zu platzen. Man zieht in neue Werksräume vor den Toren der Stadt.

Schöpferische Jahre

Die Brüder holen einen alten Schulfreund ins Boot: Dr. Richard Küch. Zwischen 1890 bis 1915 machte er die Forschung und Entwicklung zum festen Bestandteil der Firmenphilosophie. Unter seiner Regie entwickelte Heraeus unter anderem Platin-Thermoelemente und Heizwicklungen für Elektrowärmeöfen, Platinelektroden für die Chloralkali-Elektrolyse zur Produktion von Chlor oder Platindrähte und -netze für die Ammoniakoxidation zur Herstellung von Düngemitteln. Zwischen 1909 und 1915 führt Küch zudem die Geschäfte des Unternehmens und knüpft enge Kontakte mit der wissenschaftlichen Welt jenseits der Werkstore. Seine Erfindungen bilden noch heute den Grundstock für viele Geschäftsfelder des Unternehmens. Im Jahre 1899 gelingt es dem Physiker beispielsweise, Bergkristall im Knallglasgebläse bei 2.000 Grad Celsius so zu schmelzen, dass nahezu blasenfreies Quarzglas von höchster Reinheit entsteht. Das Verfahren gilt als Meilenstein in der Unternehmensgeschichte und als Gewinn für Industrie und Medizin, da der gewonnene Werkstoff sowohl lichtdurchlässig als auch temperatur- und säurestabil ist. In dieser Epoche wächst auch die Platinschmelze zu einem der bedeutendsten Unternehmen seiner Art. Mit der Herstellung von Schwefelsäure nach dem Bleikammerverfahren (Gold-Platin-Kessel zur Aufkonzentrierung der Säure, siehe Bild oben), der Nutzung von Platin-Katalysatoren und dem Aufkommen von keramischen Farben (zum Beispiel Gold- und Platinglanz) werden nämlich vermehrt Platinprodukte für die Herstellung benötigt. Heraeus beliefert die elektrochemische sowie die Kunststoffindustrie. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzt der eigentliche Boom in der Platinverarbeitung ein: Die chemische Industrie benötigt jetzt in großen Mengen Platin-Thermoelemente sowie Platin-Rhodium-Katalysatoren zur Produktion von Salpetersäure. Der erste Weltkrieg, die Inflation und die Weltwirtschaftskrise bringen auch für Heraeus Schwierigkeiten mit sich. Der Preis für Platin ist in diesen Tagen extremen Schwankungen unterworfen. Bei Heraeus richtet man deshalb die Forschungsaktivitäten unter anderem auf Recyclingtechniken aus und versucht zeitgleich, geeignete Werkstoffe und Materialien als Ersatz für die Edelmetalle zu finden. Erstmals gelingt es den Chemikern, metallische Werkstoffe unter Vakuum zu schmelzen. Zwischen 1923 und 1933 erhält das eigens gegründete selbständige Unternehmen Heraeus Vakuumschmelze insgesamt 84 Patente. 1927 tritt die dritte Generation in das Unternehmen ein: Dr. Wilhelm Heinrich Heraeus und sein Vetter Reinhard Heraeus. Beide zeichnen fast vier Jahrzehnte für die technischen und kaufmännischen Belange verantwortlich. Am Vorabend des zweiten Weltkrieges beschäftigt Heraeus rund 1.000 Mitarbeiter und verzeichnet einen Jahresumsatz von 20 Millionen Mark. Das Familienunternehmen hat sich damit endgültig zu einem Multi-Produkt-Konzern entwickelt. Mit Beginn des Krieges nimmt diese Entwicklung zunächst ein jähes Ende. Zahlreiche Mitarbeiter werden zum Militär eingezogen. Die Produktion verlagert sich auf Produkte wie elektrische Kontakte in Edelmetall sparender Bauweise, Katalysatoren sowie Rhodiumspiegel für leistungsstarke Scheinwerfer. Bei Luftangriffen in den Jahren 1944 und 1945 werden die Stadt Hanau und die Betriebsanlagen des Unternehmens nahezu zerstört. In den Nachkriegsjahren kann das Unternehmen auf die Kontakte zurückgreifen, die bereits vor der Jahrhundertwende vom Firmengründer geknüpft wurden. Man gründet erste Vertriebsgesellschaften in Frankreich und Italien und kann den US-amerikanischen Markt für den Absatz von optischem Quarzglas gewinnen. Um nah am Kunden zu sein, werden Gesellschaften in England und Japan eröffnet. In Korea und auf den Philippinen fertigt Heraeus Kontaktierungsdrähte aus hochreinem Gold für Halbleiterbauelemente, so genannte Bonddrähte. Im Jahr 1970 übernimmt der Physiker Helmut Gruber die Leitung der Geschäftsführung und die Verantwortung für das Technik-Ressort. Er fördert die Aktivitäten in den Bereichen Quarzglas, Edelmetallchemie und Sondermetalle sowie den Aufbau von Tochtergesellschaften im Ausland. 1979 übersteigt der Auslandsumsatz erstmals den Inlandsumsatz. Neue Strukturen Nach "Lehrjahren" als Mitglied in der Geschäftsführung übernimmt 1983 schließlich Dr. Jürgen Heraeus in der vierten Generation die Unternehmensleitung. Er strukturiert den Konzern gründlich um, gründet die Heraeus Holding GmbH. Die fünf Kernbereiche Edelmetalle, Dentalwerkstoffe, Quarzglas, Sensoren und Medizintechnik ordnet er in fünf dezentrale, selbständig operierende Führungsgesellschaften ein. Der Konzern expandiert jetzt vor allem im asiatischen Raum. Im Jahr 2000 wechselt Dr. Jürgen Heraeus in den Aufsichtsrat des Unternehmens. Das Ruder übernehmen nun zunächst externe Manager. 2001 feiert der Konzern sein 150-jähriges Jubiläum. Durch gezielte Akquisitionen, aber auch durch den Verkauf einzelner Unternehmensbereiche, baut das Familienunternehmen seine weltweite Führungsposition weiter aus. Noch immer sind die Innovationen der Schlüssel zum Unternehmenserfolg. Im Jahr 2003 lobt Heraeus daher erstmals einen Mitarbeiterpreis für Produkt- und Prozessinnovationen aus. Er wird ab jetzt jährlich vergeben und fördert das ohnehin bereits hohe Innovationspotenzial im Unternehmen. Der stark wachsende und umsatzstärkste Geschäftsbereich W.C Heraeus, in dem die Verarbeitung von Edelmetallen gebündelt ist, wird 2009 in die neuen Geschäftsbereiche Heraeus Precious Metals und Heraeus Materials Technology aufgeteilt. Das Hanauer Großunternehmen verfügt damit über nunmehr sieben Geschäftsbereiche, in denen die Geschäftsfelder Edelmetalle, Materialien, Sensoren, Biomaterialien und Medizinprodukte, Dental und Pharma, Quarzglas und Speziallichtquellen gebündelt sind. Jedes dieser Unternehmen gehört zu den führenden Betrieben weltweit, viele Heraeus-Erzeugnisse sind in Alltagsprodukten wie Laptops, Smartphones, PKW, Backöfen, Solarzellen, Glasfasern oder Zahnprothesen verarbeitet. Im Jahr 2011 erwirtschaftet der Konzern mit mehr als 13.300 Mitarbeitern in mehr als 120 Gesellschaften einen Produktumsatz von 4,8 Milliarden Euro und einen Edelmetallhandelsumsatz von 21,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen zählt mehr als 5.900 Patente, über 400 F&E-Mitarbeiter sorgen in 25 Entwicklungszentren weltweit für innovativen Nachschub. Seit einigen Jahren leiten Dr. Frank Heinricht und Jan Rinnert das Unternehmen. Mit Rinnert, dem Schwiegersohn von Dr. Jürgen Heraeus, ist damit wieder ein Familienmitglied in der Unternehmensleitung aktiv. kf

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