Damian Göppert im Interview

„Denken ohne Grenzen“

Sandvik Coromant hat sich weltweit neu aufgestellt. Damian Göppert, President Sales Area Central Europe, erläutert Chefredakteur Hajo Stotz die Gründe und erklärt, wo der Werkzeughersteller zukünftig seine Themen setzen wird.

Damian Göppert ist President Sales Area Central Europe bei Sandvik Coromant.

SCOPE: Herr Göppert, Sie haben die neue Position des President Sales Area Central Europe von Sandvik Coromant inne. Warum wurde diese Position geschaffen?

Damian Göppert:
Sandvik Coromant hat die bisherigen Market Areas Americas, Asia-Pacific und EMEA zum 1. Januar 2016 in eine Global-Sales-Organisation transformiert. Die neu geschaffene Organisationsform umfasst sechs einheitlich strukturierte Sales Areas: Americas, North Asia und South East Asia, North und South Europe sowie die von mir geführte Area Central Europe.

Hat auch der Kunde etwas von dieser Umorganisation?

Damian Göppert: Selbstverständlich fokussieren wir uns mit der Weiterentwicklung unserer Organisation ganz klar auf den Nutzen unserer Kunden: Dazu bündeln wir unsere globalen Kompetenzen und können dank identischer Strukturen auf der ganzen Welt Prozesse überall und damit auch jederzeit optimal unterstützen. So profitieren unsere Kunden in Amerika, Asien und hier in Europa von kompletten Bearbeitungsprozessen und weitreichenden Serviceleistungen, die beim jetzigen Stand der Dinge nur Sandvik Coromant als breit aufgestellter Partner mit enormer Know-how-Tiefe weltweit liefern kann.

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Das Dienstleistungs- und Serviceangebot wird bei Werkzeugherstellern immer mehr zum Unterscheidungsmerkmal. Was bietet Sandvik Coromant im Service-Bereich, was andere nicht haben?

Damian Göppert: Eine Menge – weil wir einerseits unser umfangreiches Anwendungswissen für den Kunden nutzbar machen, andererseits technologisch die gesamte Prozesskette von der Rohstoffgewinnung über die Pulverherstellung bis hin zur Werkzeugproduktion beherrschen. Zwei Beispiele: Unser Recyclingprogramm ermöglicht den Kunden wirtschaftliches und nachhaltiges Produzieren, weil wir gebrauchte Werkzeuge zurücknehmen und daraus neue Werkzeuge ohne jegliche Qualitätseinbußen herstellen können. Unser Productivity Improvement Program dagegen ist eine lupenreine Dienstleistung: Experten beraten auf Basis der aktuellen Situation beim Kunden zum Thema Bearbeitungsmethoden und -strategien sowie zu Werkzeuglösungen. Und begleiten dann auch den Umsetzungsplan, bis sich die Erfolge wirklich einstellen.

Auch die Materialien haben sich die letzten 10 Jahre erheblich weiterentwickelt, zum Beispiel Verbundwerkstoffe und hier ganz neu das Thema Graphen, mit dem sich auch Sandvik Coromant intensiv beschäftigt. Ist es zukünftig denkbar, Fräswerkzeuge aus Verbundwerkstoffen herzustellen?

Damian Göppert: Wir denken da ohne Grenzen. Neben neuen Materialien sind es natürlich auch Herstellungstechnologien wie 3D-Druck, die uns phänomenale neue Möglichkeiten bieten. Generell gilt aber, dass wir Kundenvorteile realisieren und nicht nur Technologie-Demonstratoren bauen wollen. Dort, wo Standzeit und Spankontrolle dank deutlich zielgerichteter Kühlschmierstoffzuführung verbessert werden, können 3D-gedruckte Fräswerkzeuge schon bald verfügbar sein. Und CFK ist ein idealer Werkstoff, wenn sehr hohe Drehzahlen erreicht, große und schwere Werkzeuge gerüstet oder thermische Dehnungen unbedingt vermieden werden müssen.

Auf dem Markt sind inzwischen auch die ersten Werkzeuge aus dem 3D-Drucker, wie etwa Bohrer von Mapal mit schneidkonturfolgender Innenkühlung. Wann wird Sandvik Coromant die ersten Bohrer, Meisel oder Fräser additiv in Serie fertigen?

Damian Göppert: Nun, ich kann leider nicht alles verraten, da spielen ja auch immer Patente eine wichtige Rolle. Aber dass wir im ersten Quartal innerhalb von Sandvik Coromant unser Additive Manufacturing Center eröffnet haben, zeigt deutlich, dass es hier nicht mehr nur um Grundlagenforschung geht, sondern dass wir aktiv konkrete Herausforderungen im Bereich Zerspanwerkzeuge angehen und Lösungen entwickeln.

Bisher hat das Thema Industrie 4.0 die Hersteller und Kunden von Präzisionswerkzeugen nicht sehr stark tangiert, so mein Eindruck. Sandvik Coromant hat nun Anfang des Jahres den Fertigungssoftwarehersteller Prometec übernommen. Ist das der Einstieg in Ihr Smart-Factory-Engagement?

Damian Göppert: Ich hoffe, Ihren Eindruck ein wenig widerlegen zu können. In der Tat bieten wir bereits viele Services, die unseren Kunden helfen, manuelle Vorgänge oder Wiederholtätigkeiten digital, fehlerfrei und mit geringstem Aufwand zu erledigen. Und mit Angeboten wie der Online-Plattform CoroGuide kann jeder für seine Anwendung und Maschine gezielt Werkzeuge und produktive Schnittdaten finden und dann mit ein paar Klicks Lagerbestände in Echtzeit abrufen oder eine Bestellung auslösen – sei es am PC, im Büro oder mobil mit dem Smartphone. Integrierte Angebote, die unseren Kunden Zeit und damit Geld sparen, sind also Realität. Richtig ist aber auch, dass wir mit Prometec nun einen gehörigen Schritt weitergehen. Denn wer genaue Daten über den Zustand von Prozess, Werkzeug und Maschine hat, kann sicher fertigen, gezielt optimieren und damit finanziell profitieren.

Sandvik Coromant deckt alle Zerspanungsbereiche mit Werkzeugen ab: Drehen, Fräsen, Abstechen, Bohren. Welches sind ihre umsatzstärksten Bereiche und welche wachsen derzeit am stärksten?

Damian Göppert: Stark sind alle Bereiche, in denen wir seit vielen Jahren überaus erfolgreich engagiert sind. Da ist an erster Stelle sicherlich das Drehen zu nennen. Starkes Wachstum sehen wir aber vor allem dort, wo wir in den letzten Jahren unser Angebot begründet oder deutlich stärker fokussiert haben. Unsere neuen Lösungen zur Zahnradfertigung wachsen immens, ebenso wie Produktangebote spezifisch für den Flugzeugbau oder Vollhartmetallwerkzeuge.

In welcher Höhe liegt der Anteil an Sonderwerkzeugen bei Sandvik Coromant? Und wo werden die produziert?

Damian Göppert: Sonderwerkzeuge machen ungefähr 20 Prozent aus, wobei der Sonderbereich im Vergleich zu Standardwerkzeugen schneller wächst. Doch die Antwort ist aufgrund einer schwierigen Abgrenzung nicht einfach. Nehmen wir ein typisches Sonderwerkzeug, wie einen CoroDrill 870, der zusätzlich zur Bohrung eine Fase oder Planfläche herstellt, so wie sie der Kunde in seinem Bauteil benötigt. Dann stehen am Ende viele verkaufte Bohrköpfe und viele Schneidplatten, die allesamt Standard sind, aber ohne das Sonderwerkzeug nie verkauft worden wären. Dass wir aber erstens in Wernshausen in Thüringen ein großes Werk für Sonderwerkzeuge haben, dort zweitens auch Methoden entwickeln und konstruieren, und drittens unsere Engineering Teams in Deutschland sitzen, zeigt, wie ernst wir unseren Auftrag nehmen, die Kunden durch maßgeschneiderte Lösungen schnell, kompetent und vor Ort zu unterstützen.

Sie haben früher den Direktvertrieb selbst geleitet. Wie ist heute das Verhältnis direkter zu indirekter Vertrieb und wie entwickeln sich die beiden Vertriebswege?

Damian Göppert: Der indirekte Vertrieb macht circa 35 Prozent vom Gesamtvertrieb aus. Da die Endkunden aus gleichen Segmenten kommen, entwickeln sich die beiden Vertriebskanäle gleichmäßig, wobei der indirekte Vertrieb insbesondere auf Kleinkunden und mittelgroße Kunden fokussiert ist.

Welche Rolle spielt dabei für Sie das Thema Online?

Damian Göppert: Eine ganz wichtige. Unsere Kunden möchten schließlich finden und nicht suchen. Und hier bieten Online-Medien ideale Möglichkeiten. Kunden erleben heute, dass sie einfacher passende Werkzeuge für ihre Anforderungen finden, diese gleich mit Schnittdaten und Einsatzempfehlungen ausgeliefert werden, Programmiermodelle und Zeichnungen zum Download bereitstehen, Verfügbarkeiten und Preise sichtbar sind sowie Bestellmöglichkeiten existieren. Und häufig gibt es noch Anwendungsberichte oder Schulungsvideos, wie ein Werkzeug einzusetzen ist. Das alles vereinfacht unsere gemeinsamen Prozesse ungemein und führt dazu, dass Kunden ihre Investitionen schneller produktiv nutzen können.

Nach dem Thema Windpower wurde die letzten Jahre von Sandvik Coromant das Verzahnungsfräsen sehr stark gepusht. Was wird Ihr nächstes strategisches Thema?

Damian Göppert: Wir haben bereits über Prometec und die Smart Factory gesprochen. Sicherlich werden wir hier noch viel Neues sehen. Das Zusammenspiel von Know-how aus der Prozess- und Zustandsüberwachung mit unserer Kernkompetenz, dem Anwendungswissen in der Zerspanung, bietet aufregende Mehrwerte. Derzeit arbeiten wir intensiv daran, diesen Nutzen unseren Kunden einfach und direkt verfügbar zu machen. Und diejenigen, die unsere Lösung InvoMilling bereits nutzen, haben sicherlich erlebt, wie einfach bisher komplexe Dinge durch die intelligente Kombination von Produkt und Software werden können.

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