Interview mit Michael Loosen

„Die große Herausforderung ist die Überwachung“

Der Einsatz von Akkuwerkzeugen ist heute in den meisten Branchen Standard. Angefangen beim einfachen Akku-Abschaltschrauber bis hin zum dokumentationsfähigen Werkzeug stehen sie den kabelgebundenen Varianten um nichts nach. Noch schwierig, für den Industrie-4.0-Gedanken jedoch entscheidend, ist das Wissen um die Relation zum Werkstück, erklärt Michael Loosen, Produktmanager bei Desoutter.

Michael Loosen ist Produktmanager bei Desoutter.

SCOPE: Welchen Stellenwert hat das Thema Flexibilität heute in der Schraubmontage?

Michael Loosen: Flexibilität ist heute eines der wichtigsten Themen in der Fertigung. Das Akkuwerkzeug ermöglicht die räumliche Flexibilität und die Bewegungsfreiheit des Werkers. Flexibilität kann aber auch bedeuten, dass ein Werkzeug für verschiedene Anwendungen geeignet ist, beispielsweise für viele verschiedene Drehmomente eingesetzt werden kann. Oder dass es Schrauben zählen kann, bis hin zu einer Positionsüberwachung, die eine Ortung des Werkzeugs selbst im Raum erlaubt und einen Einsatz am falschen Ort ausschließt.

SCOPE: Gibt es Branchen, in denen ein kabelloses Montieren besonders wichtig ist?

Loosen: Man würde erst einmal denken, dass Akkuwerkzeuge immer dann interessant sind, wenn der Werker viel laufen muss. Wenn er beispielsweise ums Auto rumgehen muss, einen großen Zug montiert oder eine Baumaschine. Wir sehen aber, dass Akkuwerkzeuge inzwischen durchgängig eingesetzt werden, weil sie die Handhabung und Ergonomie verbessern. Die Automobilindustrie ist in Deutschland in der Regel der Innovationstreiber und hat vermutlich die größte Stückzahl an Akkuwerkzeugen im Einsatz. In der Summe ist die allgemeine Industrie aber inzwischen als Markt vergleichbar. Auch hier wird in allen Bereichen sowohl mit einfachen als auch mit intelligenten Akkuschraubern gearbeitet.

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SCOPE: Nach welchen Kriterien wählt die Industrie heute ihre Schraubwerkzeuge aus?

Loosen: Meiner Meinung nach wird heute sehr viel Wert darauf gelegt, dass der Mitarbeiter, der den Schrauber später stundenlang in der Hand halten muss, zufrieden damit ist. Deshalb hat er vielfach ein Mitspracherecht bei der Werkzeugauswahl – und die meisten Werker lieben Akkuwerkzeuge. Wichtige Entscheidungskriterien sind Ergonomie, Gewicht und Handhabung; außerdem die Geräuschentwicklung und das Abschaltverhalten. Darüber hinaus wird die Wartungsfreundlichkeit geprüft, ob die Werkzeuge selbst repariert werden können und wie teuer die Ersatzteile sind.

SCOPE: Welche Rolle spielt der Akku bei der Werkzeugauswahl?

Loosen: Die Lithium-Ionen-Technologie ist heute Standard. Etwas anderes gibt es eigentlich gar nicht mehr. Aber die laufenden Kosten, das heißt, wie lange ich mit einem Akku arbeiten kann, bevor ich ihn ausmustern muss, können unterschiedlich sein, und die beobachtet der Kunde sehr genau. Viele Kunden fordern zudem, dass die Akkuladung von einer Pause bis zur nächsten reichen sollte, da man den Akku nicht im laufenden Betrieb wechseln möchte. Dieser Anspruch wird heute von den meisten Werkzeugen erfüllt. Ein Trend, den wir beobachten, ist der Einsatz von intelligenter Ladetechnik. Denn durch ein optimiertes Be- und Entladen kann ich die Lebensdauer des Akkus voll ausnutzen.

SCOPE: Was leisten Akkuwerkzeuge heute in puncto Vernetzung und Dokumentation?

Loosen: Was die Einbindung in die Prozesssteuerung angeht, kann ich Akkuwerkzeuge heute so behandeln wie ein kabelgebundenes Werkzeug. Die intelligenten Akkuschrauber stehen den kabelgebundenen Varianten um nichts nach und eignen sich für alle Schraubfallklassen. Einschränkungen kann es höchstens bezüglich der Funktechnologie geben. Die meisten Kunden setzen auf WLAN oder Bluetooth, aber es gibt keinen einheitlichen Standard, so dass wir als Hersteller bezüglich der Kundenwünsche flexibel sein müssen – und das mit gewissen Auflagen bis hin zu Zertifizierungen. Das ist aufwendig, gibt dem Anwender aber die Sicherheit, dass der Akkuschrauber später die anderen Prozesse nicht stört.

SCOPE: Lässt sich mit den heutigen Akkuschraubern auch eine Werkerführung realisieren?

Loosen: Bei sicherheitskritischen Schraubfällen muss man natürlich dokumentieren, dass der Werker eine bestimmte Anzahl an Verschraubungen an einem bestimmten Werkstück durchführt. Ein kabelgebundener Schrauber begrenzt beispielsweise bei der Bandmontage in der Automobilindustrie automatisch den Einsatzradius über die Kabellänge und gibt so die Sicherheit, dass der Werker tatsächlich am richtigen Werkstück arbeitet. Diese Begrenzung bieten Akkuschrauber nicht. Deshalb werden sie von Kunden, die viel Aufwand betreiben, damit der Werker nicht aus seinem Arbeitsradius herausläuft, für kritische Verschraubungen nicht eingesetzt.

Es gibt hier bereits Lösungen, die aber noch sehr aufwendig in puncto Kosten und Wartung sind. Man kann sich das wie ein In-House-GPS-System vorstellen, das heißt, der Akkuschrauber besitzt einen Sender und im Werk sind Antennen installiert, die jederzeit wissen, wo sich das Werkzeug befindet. Die geografischen Signale können natürlich auch dazu verwendet werden, das Werkzeug außerhalb eines erlaubten Einsatzbereiches, etwa einer bestimmten Station, zu sperren.

Die große Herausforderung für die Zukunft ist die Überwachung und Lokalisierung der Akkuwerkzeuge im Werk. Wenn man es mit einem technisch überschaubaren Aufwand schafft, das Werkzeug in Relation zum Werkstück auf einige Zentimeter bis Dezimeter genau zu lokalisieren, dann wird es noch einmal einen großen Schub für die Akzeptanz von Batteriewerkzeugen geben.

SCOPE: Welche Rolle spielen Akkuwerkzeuge in der In-dustrie 4.0?

Loosen: In der Vision einer Industrie 4.0 würde das Werkzeug den Werker selbstständig ohne den Umweg über die Steuerung leiten. Das könnte über ein Display am Werkzeug passieren oder beispielweise auch über die Uhr des Werkers. Man würde dann die feste Verkettung mit dem Arbeitsplatz und der Steuerung aufbrechen und hätte volle Flexibilität. Das ist der Industrie-4.0-Gedanke. Das Werkstück weiß, was es braucht, und teilt dies der Umgebung mit. Und die Umgebung empfängt die Anforderungen und sucht einen passenden Operator aus, der den Arbeitsschritt durchführt. Hierfür sind Akkuwerkzeuge absolute Voraussetzung, aber ich brauche dann natürlich die Lokalisierung, denn ich muss wissen, wo sich mein Bauteil und mein Schrauber befinden. cs

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