Interview mit Stephan Stammberger

Andrea Gillhuber,

„Produkte ohne Daten lassen sich nicht verkaufen“

Den (Sonder-)Maschinenbauer bei der Entwicklung, Konstruktion und Fertigung zu unterstützen, ist das erklärte Ziel von Misumi – von mechanischen Bauteilen für Werkzeuge bis hin Automatisierungslösungen. SCOPE sprach mit Stephan Stammberger über kleine Stückzahlen, ausgeklügelte Fertigungs- und Logistikkonzepte und die Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten der Digitalisierung.
Stephan Stammberger ist Managing Director, Corporate Officer Sales & Marketing bei Misumi Europa. © Misumi

Beim ersten Kontakt mit Misumi könnte man meinen, es handelt sich dabei um einen klassischen Distributor. Eine Fehleinschätzung. Wie kommt es dazu?

Wir werden oft in die Distributionsecke geschoben, was wahrscheinlich auch an den beiden Katalogen lag: 4.000 Seiten lang und 4 kg schwer. Ein Katalog ist bei vielen gleichbedeutend mit Distributor. Misumi ist aber ein Hersteller mit weltweit 19 Produktionsstätten vorwiegend in Asien, aber auch in Europa und Nordamerika. Das Kerngeschäft in Europa bilden Misumi-Produkte: Angefangen bei Schrauben über Antriebssysteme bis hin zu Automatisierungslösungen haben wir alles im Sortiment, was der Maschinenbauer benötigt. Das Herzstück dabei ist unser Konfigurator, mit dessen Hilfe unsere Kunden über 100.000 Artikel anwendungsspezifisch online konfigurieren können. Am Ende bekommt er ein Angebot ab Losgröße 1 sowie die Lieferzeit angezeigt.

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Welche Konfigurationen können Anwender denn vornehmen, und wie lange dauert es, bis das fertige Bauteil beim Kunden ankommt?

Sie können das komplette Bauteil konfigurieren, angefangen bei der Geometrie über das Material, die Oberfläche, Härtegrad, Gewinde und so weiter. Sie können das Bauteil also so gestalten, wie Sie es benötigen. Nach der Produktion durchläuft jedes einzelne Bauteil einer Qualitätsprüfung. Wir haben eine durchschnittliche Lieferzeit von 7,3 Tagen – von der Bestellung bis zur Ankunft beim Kunden.

Automatisierungstechnik ist ein weites und komplexes Feld. Welche Lösungen bieten Sie neben der schon genannten Antriebstechnik an?

Unser Kerngeschäft sind mechanische Bauelemente. Daher bieten wir alles im Bereich der mechanischen Automatisierungstechnik an. Durch die Distributionsartikel finden sich auch langsam Produkte aus der Elektromechanik wie Steckverbinder, Kabel und Ähnliches in unserem Portfolio. Elektronik an sich oder auch Software und Steuerungen zählt nicht zu unseren Kompetenzen.

Auch die Elektromechanik wird immer mehr mit Intelligenz ausgestattet. Werden Sie so nicht zwangsläufig in Richtung Digitalisierung gedrängt?

Unsere Kompetenz liegt klar im mechanischen Bereich. Stand heute werden wir uns auch nicht aus diesem Bereich wegbewegen. Wir differenzieren uns stark über die schnelle Lieferzeit bei gleichzeitig hoher Qualität – hier sind wir im Markt führend. Außerdem bedienen wir nicht in das Massen- geschäft. Wir bieten „Low Volume, High Mix“: Der Maschinenbauer hat immer neue technische und geometrische Anforderungen, er muss also immer andere Bauteile konstruieren, und das können wir bedienen. Unser Katalog umfasst weltweit fast 20 Millionen Artikel. Egal, was er benötigt, er findet es bei uns. Neben den Standardprodukten kann er sein Bauteil mithilfe des Konfigurators zudem an seine Anforderungen anpassen. Dadurch hat er quasi unendliche Möglichkeiten.

Den Konstruktionsprozess, die Beschaffung und auch die Instandhaltung bei unseren Kunden zu digitalisieren, steht allerdings ganz oben auf unserer Agenda.

Sie arbeiten auch mit Werkzeugbauern zusammen. Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?

Wir sind in gutem Kontakt zu Werkzeugbauern im Bereich der Automobilproduktion. Sie stellen unter anderem Halterungen her, die beispielsweise beim Schweißen von Autositzen oder bei der Qualitätsprüfung von Blechbauteilen angewendet werden. Diese Werkzeuge sind sehr speziell und müssen an jedes Blechteil angepasst werden. Unsere Kunden aus diesem Bereich nutzen den Konfigurator, um ihre Prozesskosten niedrig zu halten. Im Normalfall wären die Bauteile Zeichenteile, sprich:

Ein Konstrukteur müsste diese erst zeichnen. Da aber bis zu 70 Prozent dieses Bauteils aus Misumi-Artikeln besteht, kann er dieses ganz einfach über unseren Konfigurator an seine Anwendung anpassen. So wird aus seinem Konstruktionsteil ein Kaufteil mit niedrigem administrativem Aufwand.

Welche Vorteile ergeben sich dadurch für den Anwender?

Ein großer Vorteil liegt im Bereich der Instandhaltung: Muss ein solches Bauteil nachbestellt werden, gibt der Kunde bei uns einfach den Produktcode des Bauteils ein und wir können es einfach nachfertigen. Innerhalb von sieben Tagen ist es dann vor Ort, weltweit. Bei Zeichenteilen ist der Prozess um einiges zeit- und kostenintensiver. Prozesskosten sind in jedem Unternehmen ein großes Thema, und wir helfen dabei, sie zu minimieren, indem wir ihren Konstruktionsprozess verschlanken.

Dann sind Sie im Prinzip auch Lohnfertiger.

Wir fertigen ein Bauteil nach den Wünschen unserer Kunden, aber nicht nach ihren Zeichnungen. Im Moment konfiguriert der Kunde unsere Standardprodukte und bekommt dann die 3D-Daten in 40 wählbaren Formaten zur Verfügung gestellt. Er erhält neben dem realen Produkt also auch seinen digitalen Zwilling für Simulations- und Planungszwecke. In Zukunft möchten wir auch nach den 3D-Daten unserer Kunden fertigen.

Wenn Sie Ihren Kunden die Zeichnungen zur Verfügung stellen, haben Sie dann keine Angst, dass er diese nimmt und sich sein Bauteil woanders fertigen lässt?

Das Risiko besteht natürlich. Aber ein Konstrukteur kann nicht ohne 3D-Daten arbeiten; sie sind sozusagen die Eintrittskarte zum Spiel. Ich kann Produkte ohne Daten nicht mehr verkaufen. Aber unser gesamtes Fertigungs- und Logistikkonzept ist so ausgefeilt, dass wir hier keine Angst haben, uns dem Wettbewerb zu stellen. Und gerade der Bereich mit kleinen Stückzahlen bis 300 und ständig wechselnden Produkten ist für Lohnfertiger uninteressant.

Geringe Stückzahlen und ständig unterschiedliche Bauteile sind eine Herausforderung für jede Produktion. Wie meistern Sie diese Herausforderung?

Der Automatisierungsgrad in unseren Produktionen ist sehr hoch. Zwar sind wir noch nicht vollautomatisiert, doch experimentieren wir stark mit Industrie 4.0. Vor rund drei Jahren haben wir in Japan einen prestigeträchtigen Preis gewonnen, den „Good Factory Award“. Dieser wird von der Japan Management Association, einer Organisation, die in etwa mit der IHK in Deutschland vergleichbar ist, an Unternehmen vergeben, die sehr gute Produktionsprozesse aufweisen.

Die hohe Diversität der kundenspezifischen Produkte stellt auch hohe Anforderungen an Ihre Produktionsstätten. Können denn alle Produkte an jedem Produktionsstandort gefertigt werden?

In der Regel haben wir für die wichtigsten Produktbereiche redundante Fabriken, sprich: zwei Produktionen, die diese Produkte fertigen können. Jeder Produktbereich erfordert auch spezielle Maschinen und Know-how, zum Beispiel für Werkzeugbau oder auch für Antriebstechnik. Aber auch innerhalb der Produktionsstätten gibt es eine Redundanz bei den Maschinen: Sollte eine ausfallen, übernimmt eine andere deren Aufgaben. So stellen wir die Lieferzeiten sicher, aber auch die Qualität. Ein größeres Los kann so auch auf mehreren Maschinen gefertigt werden. Sollte also ein Fehler auftreten, stellen wir so sicher, dass es nur eine kleine Charge betrifft.

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