Additive Fertigung

Gesucht: Vertrauen in Entwicklungspartner

Mit Rapid Prototyping lassen sich in kürzester Zeit wunderbare Sachen machen, davon ist Dienstleister Andreas Burger überzeugt. Die vielen Vorteile der generativen Technologien können aber nur dann voll ausgenutzt werden, wenn sich Auftraggeber und Kunde wirklich vertrauen. Immer kompliziertere Organisationsstrukturen in den Unternehmen machen diese Möglichkeiten zunehmend zunichte. Die Geschwindigkeit der Prozesse geht im Papierkrieg unter.
Rapid-Prototyping-Verfahren wie die Stereolithographie eröffnen Nutzern die Möglichkeit, schnell sehr detailgetreue Prototypen zur Verfügung zu haben. Voll ausnutzen lässt sich diese Geschwindigkeit jedoch nur, wenn auch die Abläufe in Warenwirtschaftssystemen dem Rapid-Gedanken entsprechen. (Bild: Objet)

„Wir brauchen wieder echte Entwicklungspartner“, fordert Andreas Burger, Prokurist der Modellbau Kurz GmbH & Co. KG, denn Geheimhaltungsfragen und Compliance machen dem Dienstleister das Leben immer schwerer. Das 35-Mann-Unternehmen, das viele Kunden aus der Automobilindustrie hat, bietet vielfältige Rapid-Prototyping-Dienstleistungen wie Stereolithographie, Lasersintern und Anschlussverfahren wie Kunststoffvakuumgießen und das Differenzdruckverfahren an. „Man kann mit den Verfahren wunderbar tolle Sachen machen, aber dazu müssen beide Seiten mitziehen“, berichtet Burger aus seinem Alltag. Seine Erfahrung mit inzwischen fast 50 Prozent aller Auftraggeber lässt ihn daran zweifeln, ob die Kunden die Vorteile der schnellen Produktentwicklungsverfahren überhaupt noch ausnutzen wollen und ob in den Unternehmen die Time-to-market wirklich noch eine Rolle spielt.
„Natürlich muss man im Zeitalter von Compliance, Qualitätssicherung und Zertifizierungen bei der Auftragsvergabe gewisse Reihenfolgen und Standards einhalten“, so Burger. „Das Problem ist, dass zwischen diesen Schritten viel Zeit vergeht.“ Das gilt inzwischen nicht mehr nur für große Unternehmen wie Automobilhersteller, sondern selbst für kleine und mittlere Unternehmen. Sehr schwierig wird es für beide Seiten, wenn ein Kunde aus Geheimhaltungsgründen nur noch Anfragen ohne konkrete Daten schicken darf. „Das ist so, als ob sie von einem Möbelhaus ein Angebot für einen Schreibtisch einholen wollen, dem Verkäufer aber nicht sagen dürfen, ob er aus Glas, Holz, günstig oder exklusiv sein soll. Ein konkretes Angebot ist da unmöglich.“ Natürlich sei das Thema Geheimhaltung wichtig und sensibel – und dürfe nicht unterschätzt werden. Burgers Meinung nach widerspricht es jedoch jeder Logik, keine Informationen zur Verfügung zu stellen. Als Dienstleister kann er es sich gar nicht leisten, Wissen zu veruntreuen.

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Günstigstes Angebot nicht unbedingt das Beste

Bei Aufträgen aus großen Unternehmen kommt erschwerend hinzu, dass immer mehrere Angebote eingeholt werden müssen. Wer den Zuschlag erhält, entscheidet dort inzwischen oft die Einkaufs- oder bei größeren Aufträgen sogar die Controlling-Abteilung – rein auf dem Preis basierend. Der Fachbearbeiter oder Projektleiter, der die Stärken des jeweiligen Lieferanten kennt, wird immer seltener in die Entscheidung mit einbezogen. „Dabei hat in der Prototyping- und Modellbau-Branche fast jedes Unternehmen seine Stärken auf einem ganz spezifischen Gebiet“, so Burger. So führt das günstigste Angebot oft nicht unbedingt zur passenden Ausführung.

Unter dieser Verschiebung der Entscheidungsbefugnis leidet die Qualität und es geht enorm viel Zeit verloren. Zeit, die den Rapid-Gedanken im Rapid Prototyping ad absurdum führt. Die meisten Angebote müssen inzwischen mindestens vier Instanzen durchlaufen. Warenwirtschaftssyteme, die die Daten dem weiterbearbeitenden Mitarbeiter erst am folgenden Tag zur Verfügung stellen oder das Vier-Augen-Prinzip verlangen, verzögern den Ablauf umso mehr.

Mit einer Angebotsrunde ist es jedoch meist nicht getan. „Wenn wir Glück haben, bekommen wir zur Konkretisierung für eine zweite Schleife tatsächlich Daten oder wenigstens einen Screenshot“, berichtet Burger. „Aber da fand schon eine Auswahl statt, obwohl der erste Preis oft gar nicht stimmen kann.“ Mit etwas Glück liege der nur um zehn Prozent daneben.

Arbeit darf offiziell erst nach Eingang des Auftrages beginnen

Erhält der Dienstleister den Auftrag, sind die Schwierigkeiten noch nicht überstanden. Nach DIN-ISO darf er den Auftrag erst dann abarbeiten, wenn tatsächlich die Bestellung eingegangen ist. Mündliche Zusagen gelten nicht mehr. „Wir sind jeden Tag hin und her gerissen, ob wir die Compliance einhalten“, beschreibt Burger sein Dilemma.

Noch bevor eine schriftliche Bestellung eingegangen ist, fragen die Kunden bereits nach dem Liefertermin für ihre dringenden Teile. „Produziere ich aber schon vorher, gilt mein Verhalten als nicht konform und ich werde bei der nächsten Auftragsvergabe vielleicht nicht mehr bedacht. Warte ich mit der Produktion, bis die Bestellung da ist, bekomme ich eventuell keinen Anschlussauftrag mehr, weil ich den Liefertermin nicht halten konnte.“ Selbst, wenn die Ursachen im System zu suchen sind, kann der Einzelne nicht die Verantwortung dafür übernehmen.

Hoffnung setzt Burger in Kampagnen wie den Daimler-Werbeslogan: ‚Das Beste oder Nichts‘. „Wahrscheinlich ist im Organisationschaos die Zuverlässigkeit auf der Strecke geblieben und die Ware war einfach zu schnell hergestellt.“ Der neue Slogan könnte nun jedem Mitarbeiter hundert Mal am Tag gesagt werden, um sie dafür zu sensibilisieren, denn nur viele, miteinander erarbeitete, auftragsbezogene Informationen steigern die Effizienz der Arbeit hinsichtlich Qualität, Zeitaufwand und Kostensenkung. Der Dienstleister könne heute in der täglichen Arbeit nur mit viel Beratung und noch kürzeren Reaktionszeiten in der Verwaltung versuchen, die Qualität hoch zu halten.

Burger bittet eindringlich darum, in Projektplänen zu berücksichtigen, dass nicht nur die Produktion der Modelle Zeit braucht. „Wir bewegen uns schon seit Jahren bei vielen Prozessen an einer physikalischen Grenze. Es geht nicht mehr schneller! Das Harz muss hart werden. Es gibt keine beschleunigenden Kunstgriffe mehr. Ich hoffe, dass sich dieses Umdenken auch auf die Prozesse ausdehnt.“

Natürlich koste das im ersten Schritt mehr Zeit und Geld, aber es werde so sein, dass dies zu weniger Reklamationen, weniger Problemen in der Fertigung, weniger Kosten und zufriedeneren Kunden führen wird. Vielleicht komme dann auch die Vertrauensbasis wieder, die für erfolgreiche, gemeinsame Entwicklungen so wichtig sei.

Monika Corban freie Mitarbeiterin, CAD-CAM REPORT

Modellbau Kurz GmbH & Co. KG, Leonberg Tel. 07152/92880-0, http://www.kurzmodellbau.de

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