Fertigungstechnik

Dinge einfach besser machen

Es war Anfang der Sechziger Jahre, als der junge Ingenieur Berthold Leibinger bei der damals noch kleinen Firma Trumpf über einer kniffligen Konstruktion brütete. Es galt, ein Gerät zu entwickeln, das Stahlverbindungen auf einfache Art anschrägen und gleichzeitig die Konkurrenz aus Skandinavien übertreffen konnte. Die Lösung, die Leibinger ersann, war ebenso ungewöhnlich wie bezeichnend für ihn: Wenn die Werkstücke zu groß waren, um sich effizient durch die Maschine bewegen zu lassen, so sein Gedanke, dann musste sich eben die Maschine bewegen. Leibingers tragbarer Schweißkantenformer brachte es binnen kurzer Zeit zu weltweitem Erfolg. Die Philosophie aber, Dinge einfach besser zu machen, wurde zum Kennzeichen für die außergewöhnliche Karriere dieses schwäbischen Ingenieurs, der eigentlich gar keiner sein wollte. Berthold Leibinger wurde 1930 in Stuttgart geboren. Eigentlich wäre er gerne Schriftsteller geworden. Man kann es heute noch daran erkennen, dass er in jedem dritten oder vierten Satz einen solchen zitiert. Weil in der harten Nachkriegszeit aber mit schönen Künsten wenig Geld zu verdienen war, begann der junge Leibinger 1950 eine verkürzte Mechanikerlehre bei Trumpf in Stuttgart-Weilimdorf. Dass Leibinger ausgerechnet bei dem kleinen Werkzeugmaschinenbauer landete, war kein Zufall: Leibingers Eltern und das Inhaber-Ehepaar Trumpf waren befreundet. Nach Maschinenbaustudium und ein paar Jahren in den USA kehrte Leibinger als Konstruktionschef zum Unternehmen zurück und entwickelte gegen den Willen des Firmenpatriarchen Christian Trumpf (der das Projekt für völlig aussichtslos hielt) die erste Stanzmaschine mit numerischer Steuerung. Diese Neuerung erwies sich als echter Geniestreich. Fortan musste kein Arbeiter mehr beim Stanzen Hand anlegen, die Bearbeitungszeit verkürzte sich um fast die Hälfte, das Unternehmen machte Furore und Leibinger Karriere. Seine Vision: "Ich wollte außergewöhnlich gute Maschinen bauen. Diese durchaus gut geführte, aber weithin unbekannte Firma, die einfache Produkte herstellte, sollte auf ihrem Sektor zur weltweiten Nummer eins werden." Und dafür sorgte Leibinger - ein nüchterner Pragmatiker, von dem die schwäbische Optimierungsformel "Schaffa, net schwätza" stammen könnte - in erster Linie selbst. Sehr früh lauteten nicht weniger als zehn Grundpatente auf seinen Namen; die Vergütungen nutzte er, um seinem Arbeitgeber Anteile abzukaufen. Von 14,4 Prozent im Jahre 1964 wuchs sein Anteil am Trumpf-Kapital bis auf 100 Prozent. "Es war mit der Zeit einfach billiger, mich zum Gesellschafter zu machen, als weiter Lizenzen auf meine Patente zu zahlen", sagt Leibinger lächelnd. Ende der Siebziger Jahre - und damit weit früher als die meisten anderen Maschinenbauer - erkannte Leibinger das ungeheure Potential, das in der neu entwickelten Lasertechnik steckte. Fortan setzte Leibinger voll auf die Kraft des gebündelten Lichts. "Mit dieser Technik kann man trennen, aber auch verbinden. Es kommt nur auf die Einstellung an", erklärt Leibinger gern. Trumpf ist längst Weltmarktführer bei Werkzeugmaschinen für die Fertigungstechnik und im Bereich der industriellen Lasertechnik. Leibingers Maschinen lasern und nibbeln, schweißen und kanten heute in aller Welt an Sägeblättern und Flugzeugturbinen, Injektionsnadeln und Servergehäusen. Rund 8000 Mitarbeiter in fast 60 Niederlassungen rund um den Globus setzten zuletzt 1,34 Milliarden Euro um - Tendenz stark steigend. Leibinger, sonst ein eher bescheidener Selbstvermarkter, erklärt stolz: "Jeder, der heute auf dieser Welt lebt, arbeitet oder reist, kommt mit Produkten in Berührung, die auf unseren Maschinen gefertigt wurden." Am 18. November 2005 übergab Leibinger den Vorsitz der Gruppe an seine Tochter Nicola Leibinger-Kammmüller. Seitdem steht er dem Unternehmen als Aufsichtsratsvorsitzender zur Verfügung. Und Schriftsteller ist er doch noch geworden: Kurz vor seinem 80. Geburtstag erschien im Murmann-Verlag das Buch "Wer wollte eine andere Zeit als diese". Berthold Leibinger erzählt darin die Geschichte seines Lebens. Er erinnert sich an seine Kindheit in Korntal, an Lehre und Studium, an seine Zeit in Amerika und die Jahre als Unternehmer. Er berichtet über seine Familie, seine Interessen und Überzeugungen und die Erfolgsgeschichte des Unternehmens. "Wenn man sein Leben überdenkt, tun sich manche Fragen auf. Was hat man gut gemacht? Was hat man versäumt? Was hätte auch anders gehen können? Und vor allem - wem oder was schuldet man Dank? Ich habe mich bemüht, in diesem Lebensbericht die Antworten aufzuschreiben. Ich habe es gerne getan", so Leibinger über sein Werk. Mit dem 80. Geburtstags von Berthold Leibinger am 26. November 2010 wurde auch das gefeiert, wofür er steht: unternehmerischer Mut, Erfindergeist, Familien- und Gemeinsinn. Auf diese Säulen gestützt hat Leibinger aus dem kleinen Familienunternehmen Trumpf binnen 50 Jahren einen Weltmarktführer mit etwa 8000 Mitarbeitern geformt. Sein Rezept: Die Dinge besser machen als Andere. hs

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