ERP, FräsmaschinenWolkige Organisation
Mit 5,6 Millionen Visits im Monat ist http://Radio.de die größte Radio-Website in Deutschland. Mehr als 5.000 deutsche und internationale Sender, Webradios und Podcasts sind mit http://Radio.de über Computer, iPad oder Smartphone-Apps überall hörbar. Das Hamburger Unternehmen ist eines der erfolgreichsten Internet-Start-Ups in Deutschland. Doch Ende 2010 stand die Existenz der Firma beinahe auf der Kippe: Kein Mitarbeiter konnte mehr auf ein internes Dokument zugreifen, der E-Mail-Verkehr brach zusammen, 48 Stunden lang war das Unternehmen ohne Daten und Büro-Software. Der Grund für den Totalausfall war ein Fehler im Bezahlsystem von Google, woraufhin der amerikanische Dienstleister kurzerhand ohne Vorwarnung den Zugang zu den Servern mit der Büro-Software und den zugehörigen Unterlagen von http://Radio.de sperrte. Bis sich der Irrtum klären ließ, vergingen zwei Tage. Denn telefonischer Kontakt mit der Google-Niederlassung in Dublin, die für mittelständische europäische Kunden zuständig ist, ist nicht möglich, und E-Mails blieben zunächst unbeantwortet.
Mit rund 350 Maschinen und einem Umsatz von 25 Millionen Euro pro Jahr, der mit rund 100 Mitarbeitern erzielt wird, ist die Kunzmann Maschinenbau GmbH im badischen Remchingen Marktführer im Bereich konventioneller Fräsmaschinen. Auch Kunzmann betreibt seine komplette betriebswirtschaftliche Software, eine ERP-Lösung von Abas, nicht im eigenen Haus. Seit Einführung der Lösung im Jahr 2001 läuft sie auf den Servern der Pforzheimer Niederlassung des Dienstleisters Computer Komplett, der auch Service und Wartung von Soft- und Hardware sowie die Schulungen der Mitarbeiter übernimmt. Andreas Kachel, Geschäftsführer des Maschinenbauers: „Die Outsourcing-Lösung funktioniert seit über zehn Jahren hervorragend. Und bei Fragen bekommen wir sofort Unterstützung von unserem Dienstleistungspartner.“
Was Kunzmann als einer der Vorreiter bereits seit Jahren erfolgreich betreibt, entwickelt sich derzeit zu einem enormen Trend: die «IT aus der Internet-Wolke», bei der Daten, Programme und sogar Rechenleistung direkt aus dem Netz bereitgestellt werden. Spätestens seit der diesjährigen Cebit ist endgültig klar, dass die Wolke wächst. Denn: Nicht nur immer mehr Unternehmen, sondern auch private Verbraucher setzen zunehmend auf Cloud-Lösungen. Ob Mails, Bilder, Videos, Musik oder Unterlagen – warum sich noch mit einem PC herumquälen, wenn Tablet-Computer oder das Handy ohnehin überall dabei sind und die Daten in der „Cloud“ gespeichert sind? Martin Dirlewanger, Bereichsleiter IT-Service und RZ bei Computer Komplett, bestätigt: „Insgesamt sind momentan alle Formen des Cloud-Computing stark im Trend. Moderne Software-Lösungen sind bereits heute optimal auf die Cloud-Anforderungen abgestimmt.“
Zweistelliger Wachstum
Auch der Branchenverband Bitcom prognostiziert, dass der Umsatz mit Cloud-Computing in Deutschland in diesem Jahr auf 5,3 Milliarden Euro wachsen wird. Das wäre ein Plus von 47 Prozent, wie aus einer Studie des Verbands hervorgeht. Und in den kommenden Jahren dürfte es dem Verband zufolge weiter zweistellige Wachstumsraten geben. Bis 2016 soll der Markt demnach auf rund 17 Milliarden Euro wachsen. Denn die Vorteile der gemieteten IT-Lösung sind erheblich:
· Schnelle Verfügbarkeit
· Keine Anfangsinvestitionen (teilweise ist sogar eine gebührenfreie Testphase möglich)
· Keine Betriebsverantwortung
· Skalierbar
· Omnipräsent
· Deutlich geringere Kosten
· In der Regel sicherer
Doch gerade beim letzten Punkt herrschen bei den Anwendern die größten Zweifel. Zwar wird die Sicherheit in den Rechenzentren eines spezialisierten Dienstleisters im Allgemeinen um ein Vielfaches höher sein als alles, was ein kleines oder mittelständisches Fertigungsunternehmen selbst in seinem Datenkeller leisten kann.
Dennoch haben viele Firmen größte Bedenken, ihre wertvollen Daten aus dem Haus zu geben. Dabei spielen vor allem, neben Beispielen wie dem eingangs geschilderten, Hackerangriffe, Serverausfälle und Sicherheitslücken, die Unsicherheit der Rechtslage insbesondere bei US-amerikanischen Cloud-Betreibern wie Amazon, Google, IBM oder Salesforce eine große Rolle. Deren Angebote sind zwar kostenseitig oft sehr attraktiv. Doch Cloud-Anbieter mit Hauptsitz in den USA müssen den US-Strafverfolgungsbehörden nach amerikanischem Recht Zugriff auf die in der Cloud gespeicherten Daten gewähren. Nach dem US-„Patriot Act“ dürfen die Strafverfolgungsbehörden weitreichend auf Daten zugreifen. Zugriff muss dabei auch auf die Daten gewährt werden, die in europäischen Rechenzentren liegen. Deutsche Behörden dürfen deshalb zum Beispiel keine Clouds in den USA nutzen. Daher werben deutsche Anbieter, wie die Telekom-Tochter T-Systems, mit dem Standort ihrer Rechenzentren hierzulande als Vorteil.
Unabhängig vom Server-Standort kommt bei den Angeboten der großen Dienstleister oft ein weiteres Unbehagen auf Seiten der KMUs hinzu: Die Befürchtung, nicht auf Augenhöhe als guter Kunde behandelt zu werden, sondern im Servicefall als Bittsteller in einer unpersönlichen Hotline zu landen, wo der gerade diensttuende Berater am anderen Ende der Leitung weder das Unternehmen, geschweige denn die spezielle IT-Konstellation genauer kennt.
Der Weg, den Kunzmann beim Auslagern seiner ERP-Lösung eingeschlagen hat, dürfte daher für mittelständische Fertigungsunternehmen, die Angst um die Sicherheit ihrer Daten haben, eine nahezu ideale Lösung darstellen: Kunzmann kann die genannten Vorteile nutzen sowie spezielle IT-Mitarbeiter sparen, hat aber in seinem Dienstleister Computer Komplett einen verlässlichen und greifbaren Partner, der auf die Daten, auch wenn sie auf Servern im Keller des Kunzmannschen Bürogebaudes in Remchingen laufen würden, sowieso Zugriff hätte. Andreas Kachel: „Zudem haben wir einen festen Ansprechpartner bei Computer Komplett, der kommt zweimal im Monat ins Haus und kennt uns und unsere Anforderungen genau.“
Das 1907 gegründete Maschinenbauunternehmen produziert am Standort Remchingen rein konventionelle sowie „hybride“ konventionell- und CNC-bedienbare Werkzeugmaschinen, die beispielsweise im Schulungs- und Ausbildungsbereich, im Werkzeug- und Formenbau oder in der Reparatur/Instandhaltung europaweit eingesetzt werden. Zur Unterstützung der Betriebsabläufe setzt Kunzmann die betriebswirtschaftliche Software Abas ERP in der Version 2009 R4 N09 ein. 46 Anwender arbeiten in den Bereichen Controlling, Disposition, Einkauf, Fertigung, Finanzbuchhaltung, Stücklistenverwaltung und Verkauf mit der Lösung des Karlsruher Softwarehauses.
Bis zu 25 Prozent Ersparnis
„Mit der Entscheidung für die Einführung einer ERP-Lösung war es damals unser erklärtes Ziel, dies in einer Outsourcing-Lösung zu realisieren“, erinnert sich Andreas Kachel. „Wir versprachen uns davon zum einen Kostenvorteile, zum Beispiel bei der Hardware, und zum anderen wollten wir auch kein IT-Personal dafür aufbauen. In unserer Größe hätten wir dafür zwei Personen benötigt, denn wenn einer ausfällt, ist das Unternehmen am Rudern. Das war ein wichtiger Grund für uns, bereits damals auf Outsourcing zu setzen.“ Und Klaus-Peter Bischof, Kaufmännischer Leiter bei Kunzmann ergänzt: „Zudem wurden damals die laufenden Kosten des Rechenzentrums den Aufwendungen für Hard- und Softwarekauf und Personalkosten gegenüber gestellt - und das Ergebnis sprach eindeutig für das Outsourcing.“ Martin Dirlewanger bestätigt: „Die IT-Kosten liegen bei unseren Kunden im Schnitt 15 bis 25 Prozent unter denen einer eigenen In-House-Lösung.“
Zurück zum Standard
Für die ERP-Software von Abas entschied sich Kunzmann wegen der Funktionalität der Lösung. Auch die räumliche Nähe zum Abas-Partner und IT-Dienstleister Computer Komplett, der seinen Hauptsitz in Rottweil und eine Niederlassung in Pforzheim hat, war von Vorteil. Klaus-Peter Bischof: „Ausschlaggebend waren auch die positiven Erfahrungen von ähnlich strukturierten Firmen im Maschinenbau-Bereich, die ebenfalls Abas einsetzten und die wir besucht hatten.“
Während die ERP-Lösung anfangs in einigen Punkten an die Anforderungen der Kunzmann-Anwender, teilweise auch durch selbstentwickelte Zusatzprogramme, angepasst wurde, ist man heute wieder auf dem Weg zurück in den Standard. Bischof: „Wir wollen zurück zum Standard, der sich im Lauf der Jahre ja auch weiterentwickelt hat. Das ist im Moment eine recht herausfordernde Aufgabe, aber wir kommen gut voran. Damit tun wir uns wesentlich einfacher mit den Updates und müssen die Anpassungen und Eigenentwicklungen nicht ständig nachpflegen.“
So wird seit kurzem etwa im Logistik-Bereich die Standardfunktionalität genutzt, um die Verwaltung von Bauteilen zu vereinfachen, die vorübergehend bei Kooperationspartner zur Weiterbearbeitung sind. „Einige Systembrüche müssen wir noch beseitigen“, erläutert Klaus-Peter Bischof. „Wir verlassen manchmal das System, um etwa in Excel, Word oder Outlook Daten anzulegen, die man eigentlich direkt im Abas anlegen kann. Wenn zum Beispiel unser Service derzeit einen Auftrag telefonisch erhält, dann notiert der Mitarbeiter das nicht direkt in der ERP-Lösung, sondern in einer E-Mail - und ein anderer Mitarbeiter trägt das in Abas ein. Solche Systembrüche aufzudecken und zu korrigieren ist aufwändig, reduziert aber auf Dauer gesehen Kosten, Aufwand und Fehler.“
Mit dem Abas-Service-Modul, das mit dem nächsten Update installiert werden soll, wird dieser Systembruch bei Kunzmann dann überwunden sein. Klaus-Peter Bischof: „Der Serviceauftrag wird im Abas hier im Haus angelegt und der Service-Techniker hat den Auftrag dann direkt auf seinem Laptop, kann das noch mal präsentieren und auch direkt digital unterschreiben lassen. Damit sind wir dann einen großen Schritt weiter.“
Bei der Datenübertragung zwischen Kunzmann und dem Pforzheimer Rechenzentrum wurde gemeinsam mit Computer Komplett eine zweigleisige Lösung gefunden. Für die Verbindung stehen sowohl eine Internet-Standleitung der Telekom wie auch eine von der Sparkasse Pforzheim Calw betriebene Glasfaserleitung von jeweils 10-Megabit/s zur Verfügung. „Die Bank bietet das als Dienstleistung hier in der Region an“, erläutert Klaus-Peter Bischof, „und damit sind Geschwindigkeitsprobleme Vergangenheit. Kommt es bei einer Leitung zu Störungen können wir problemlos auf die Alternativverbindung umsteigen.“
Kunzmann nutzt die schnelle Verbindung nun ebenfalls, um auch andere Daten, zum Beispiel Konstruktions- und Finanzdaten, über Nacht auf einem Server bei Computer Komplett zu spiegeln. „Damit haben wir für den Fall der Fälle die Sicherheit“, so Geschäftsführer Andreas Kachel, „dass die gesamten unternehmensrelevanten Daten außerhalb der Firma an einem sicheren Ort gespeichert sind.“
